Liebe Marie, sieh es mir bitte nach, dass ich dich mal wieder zitiere, aber du schneidest hiermit einen ganz wichtigen Punkt an, der irgendwie nicht im Kollektivbewusstsein verankert zu sein schein: Crossdressing darf auch Spass machen, es soll sogar Spass machen!!EmmiMarie! hat geschrieben: Mo 9. Nov 2020, 12:50 Da gebe ich dir Recht, aus Spass outet man sich nicht. Aber trotzdem glaube ich, das es für mache hier genau das auch ist,
Spass haben am tragen weiblich konotierter Kleidung, oder eben der Wohlfühlfaktor.
In der Grundschule versuchte mir ein Sportlehrer "vom alten Schlag", Jahrgang um 1920, natürlich gedient (sogar doppelt, bis '45 und nach`55) die "gute alte" preußische Tugend "lerne leiden ohne zu klagen" näher zu bringen. Heulende Jungs waren ihm ein Greuel, auch wenn er mit seiner aufbrausenden Art und der gelegentlich ausrutschenden Hand an solchen Gefühlsausbrüchen nicht ganz unbeteiligt war.
Wir sind uns sicherlich einig, dass eine solche Geisteshaltung letzlich nur in ein frühes Grab führen kann. Soweit ich mich erinnere zeigte mir meine Mutter seine Todesanzeige irgendwann Anfang der 1980er Jahre. Ich kann mich leider nicht erinnern oder habe es nie erfahren welches Leiden er klaglos ertragen hat.
Der Begriff "Leidensdruck" dürfte in diesem Forum im Ranking der meistbenutzten Wörter wohl mit unter die Top 10 fallen. Vom "Leiden" wissen wir vermutlich mehr als mancher Schmerztherapeut.
Die besondere Neigung oder Variation (von Störung müssen wir zu Glück nicht mehr sprechen), aus der sich die Gruppenkohäsion unseres Forums nährt, ist geeignet schweres psychiches Leid, in Extremfällen bis hin zur Suizidalität auszulösen. Es gibt wohl kaum ein Forumsmitglied, das nicht irgendwann über einen gewissen Zeitraum zu leiden hatte. Wenn mensch bedenkt, dass 30 Jahre hierbei keine Seltenheit sind, nimmt dieses Leiden Ausmaße an, die sich Außenstehende kaum vorstellen können.
Da mir nicht die Begriffshoheit obliegt bin ich nicht sicher, ob ich hier von "Geschlechtsinkongruenz" oder gar "Geschlechtsdysphorie" schreiben darf, ich glaube allerdings nicht, dass sich die Grundlage zwischen Crossdressern oder Transsexuellen wesentlich unterscheidet außer vielleicht in ihrer Intensität.
Hinzu kommt sicherlich, dass die meisten Betroffenen auf eine lange Phase des Schämens, vor anderen und insbesondere vor sich selbst zurückblicken. Diese Selbstscham, entstanden aus einer konservativ- rückständigen Erziehung, führt mutmaßlich dazu, dass einige sich unterbewusst durch zusätzliches Leiden selbst dafür bestrafen so ein "perverser, entarteter Mensch" zu sein.
Aber kann diese besondere Neigung oder Variation auch etwas anderes auslösen als Leiden?
Ja, das kann sie! Mensch kann den Spieß auch umdrehen. Richtig eingesetzt ist diese besondere Neigung oder Variation in der Lage genau das Gegenteil auszulösen, nämlich Spaß, Freude, Glück, Wohlgefühl etc. Wenn mensch aufhört mit sich selbst zu hadern können hieraus Erlebnisse, Erfahrungen, Empfindungen, etc. entstehen, die keinem cis- Mann vergönnt sind.
Um auf den oben zitierten Thread zurück zu kommen kann ich jeder/m die/ der nicht weiter weiß raten, sich eben diese positiven Gefühle zu verschaffen. Wie dies zu bewerkstelligen ist, ist individuell sicherlich unterschiedlich und schlussendlich eine Sache des Ausprobierens. Ob es stundenlanges Powershopping, ausgedehnte Spaziergänge an reizvollen Orten, ergiebige Fotoshootings, Cosplay, der Besuch eines Theaters oder Konzertes im rascheligen Abendkleid, ein Auftritt als Dragqueen, ein Kurzurlaub en femme, lustvoller Sex, Online- Computerspiele oder... ist, spielt keine Rolle. Das Forum hält reichlich Beispiele parat. Wichtig ist den körpereigenen Drogendealer an die Arbeit zu bringen und den Ausstoß von Dopamin, Serotonin oder was auch immer gerade als Glückshormon gehandelt wird in Gang zu bringen und auf diese Weise auch die im Kopf vorhandene Verknüpfung "nicht-Crossdressing=Leidensdruck" zu lösen und stattdessen die Verknüpfung "Crossdressing=Spaß" herzustellen. Es scheint auf den ersten Blick auf das Gleiche heraus zu kommen, ist aber wie mit dem halbvollen oder halbleeren Glas. Durch entsprechende Konditionierung kann mensch dahin kommen in den MM- Phasen nicht darunter zu leiden kein Kleid tragen zu können, sondern vielmehr Vorfreude auf das nächste Crossdressing- Erlebnis zu empfinden. Schöne Erlebnisse halten sehr lange nach und helfen auch einen Corona- Winter zu überstehen ohne adäquat gekleidet zu sein.
Wichtig ist dabei sich nicht selbst noch Leiden zuzufügen. Bitte nichts wegwerfen! Fehlende Ausstattung führt zu Leidensdruck. Mensch sollte immer das Gefühl haben "ich kann wenn ich will". Schön ist, wenn dann das Umfeld auch noch mitspielt und die Crossdressing- Erlebnisse ohne Zeitdruck und insbesondere ohne schlechtes Gewissen genossen werden können. Also versucht entsprechende Arrangements zu treffen.
Abschließend noch ein persönliches Statement: Mir hat das Crossdressing in den zwei Jahren, in denen ich es wirklich aktiv betreibe soviel zusätzliche Lebensqualität aber auch soviel Positives für mich als Persönlichkeit (auch im MM) gebracht, dass ich keinesfalls mehr auf meine Neigung verzichten möchte. Und käme jemand, der eine Pille erfunden hätte, die mich zum cis- Mann macht, ich würde entrüstet ablehnen.
Liebe Grüße
Helga