gerda joanna hat geschrieben: So 18. Jul 2021, 22:24
Na ja - philosophieren kann man bei dem Thema immer.....
Dann mach ich das mal
Die vordergründige Frage scheint zu sein, was Frau (noch) tragen kann. Das betrifft uns in ähnlicher Weise wie Cisfrauen auch.
Der darunter liegende Gedanke ist, warum gestatten wir uns nicht, uns so zu zeigen, wie wir es gerade möchten? Welche von der Gesellschaft (nur scheinbar?) vorgegeben Grenzen akzeptieren wir, und wo liegen diese? Wie verschieben Sie sich mit dem Älterwerden, sowohl was unsere eigene Einstellung als auch die gesellschaftlichen Konventionen betrifft? Und wieso ist uns das überhaupt noch wichtig, obwohl wir bereits über unseren eigenen Schatten gesprungen sind und draußen in Damenkleidung unterwegs sind, was diese Konventionen eh schon sprengt?
Für mich bedeutet die Auswahl meiner Kleidung jedes Mal eine große Herausforderung. Vielleicht fehlt mir auch die Übung...
Die Hauptschwierigkeit ist es, einen Kompromiss zu finden zwischen dem, was ich gerne möchte, dem, was zu meiner Figur passt und dem, was ich als zum Anlass passend empfinde. Mein Alter berücksichtige ich dabei eher nicht. Ich weiß nicht mal genau, warum das so ist, aber es erscheint mir nicht wichtig zu sein. Vielleicht weil ich mir mehr Freiheit wünsche und mich über jede schön gekleidete Frau freue, die sich ihre Jugendlichkeit bei der Wahl ihres Outfits bewahrt hat. Tina Turner hat auch mit 60+ noch sehr schöne Teile getragen. Klar war das Teil ihres Bühnenoutfits, aber was solls?
Da ich keine Bühne habe, sind meine Auftritte da draußen im Alltag. Und die möchte ich genießen.
Wo wären wir heute, wenn nicht in den letzten Jahrzehnten die Grenzen des Tragbaren insbesondere für ältere Menschen immer weiter aufgeweicht worden wären? Das ist passiert, weil es mutige Menschen gab, die Sachen getragen haben, welche ursprünglich nicht für sie "vorgesehen" waren. Nur so ist Entwicklung möglich, und manchmal möchte ich ein kleiner Teil davon sein.
Andererseits fällt das auch schwer, ist es anstrengend, sich gegen den Strom zu stemmen, aufzufallen, ja, auch mal anzuecken. Nicht immer habe ich dazu die Kraft. Manchmal möchte ich einfach meine Ruhe haben und begebe mich wieder zurück in den vermeintlich sicheren Rahmen der Konventionen.
Schöner ist es aber für mich, wenn dieser Rahmen mich nicht einengt, ich mir keine Gedanken über die Länge meines Rocks, die Farbe meines Tops oder die Höhe meiner Absätze machen muss. Weil ich dann so sein kann, wie ich bin.
Darauf habe ich lange genug gewartet, so dass ich nur selten Aufschub dulde. Auch und gerade, weil die Zeit läuft und hinsichtlich meines Äußeren keine Hoffnung mehr auf Besserung besteht. Im Gegenteil.
Also ja, ich habe auch den Eindruck, dass die Zeit davonläuft. Ich versuche, gelassen darüber hinweg zu sehen und mich manchmal auch kleidungsmäßig darüber hinweg zu setzen.
LGL
Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt.
Blaise Pascal