Ich habe als Kind weder den Vater noch die Mutter (und selbstverständlich auch sonst niemanden) jemals nackt gesehen. Als Vierjähriger habe ich mal großes Gelächter bei den Erwachsenen ausgelöst, als ich unser Dienstmädchen (meine Mutter zog es vor, in der Praxis meines Vaters zu arbeiten und dafür privat ein Dienstmädchen einzustellen) - als die gerade von der Toilette zurückkam - ganz unschuldig fragte: "Hast Bisi gmacht mit deinem Zipferl?" Ich wußte halt aus Eigenanschauung, dass ich selber ein "Zipferl" hatte; und da ich nie jemand Anderen nackt gesehen hatte, nahm ich selbstverständlich an, alle Menschen seien da so wie ich... Man lachte darüber - aber niemand hielt es für nötig, mich über den Grund des Gelächters aufzuklären
Ab Beginn der Pubertät stürzte mich diese übergestülpte, enge Sexualmoral in unsägliche Konflikte: ich kämpfte, beichtete, kämpfte und verlor den aussichtslosen Kampf gegen mich selber wieder und wieder. Später (als 19-Jähriger) habe ich dann Abstand von Glauben und Kirche genommen: nicht als Revolte, sondern weil ich es rational nicht mehr mit der mir geboten erscheinenden Toleranz vereinbaren konnte: ich glaubte ja allein deshalb an den "dreifaltigen" Gott, weil ich zufällig in Mitteleuropa aufgewachsen war. Mit welchem Recht also hielt ich diesen Glauben für richtiger oder besser als den - genauso irrationalen - Glauben eines Moslems, Hindus oder Buddhisten? Es lag und liegt mir fern, irgendwelche Religiosität als solche grundsätzlich zu verurteilen; mir selber sagt das halt schon lange nix mehr. Nur wo (egal welche) Religion sich als intolerant erweist, kämpfe ich dagegen.
Was ich speziell den christlichen Kirchen bis heute wirklich übelnehme und vorwerfe, ist der Schuldkomplex, den sie schon wehrlosen, kleinen Kindern einimpfen: "Wegen DEINER Sünden hat unser Heiland so grausam bis in den Tod am Kreuz gelitten!" Wenn man sich das mal aus Sicht der Entwicklungspsychologie anguckt, kann man sich nur noch schütteln: das ist systematische Kindesmisshandlung
Lange Zeit führte mich die katholische Prüderie meiner Kindheit auch bezüglich meiner transsexuellen Veranlagung in die Irre: ich glaubte viele Jahre lang, meine Probleme mit meiner Männlichkeit und meiner Rolle gegenüber Frauen seien durch eben diese Prüderie verursacht; mit dem Wunsch, diese tiefsitzenden Hemmungen endlich zu überwinden und so doch noch ein "normaler" Mann zu werden, begab ich mich dann ja auch in die Psychotherapie. Aber da habe ich der Kirche und meinen Eltern wohl Unrecht getan: mein Anderssein gründete viel tiefer. Es war nicht anerzogen und konnte folglich auch nicht durch eine Therapie "geheilt" werden.
Andererseits verdanke ich der Kirche mein erstes, gelungenes "Crossdressing" in der Öffentlichkeit: als Ministrant, im Ministranten-"Rock". Das unbeschreiblich euphorische, prickelnde Gefühl, als ich zum ersten Mal "im Rock" vor die versammelte Kirchengemeinde treten durfte, ist mir mein ganzes Leben lang unvergesslich geblieben: gerade deshalb, weil ich es damals ganz unschuldig naiv meiner - damals echten und tiefen - Religiosität zuschrieb. Dass das - obwohl so völlig anders als die Schwanz-zentrierten "Schweinkram"-Gefühle - ebenfalls eine sexuelle Regung war, wurde mir erst Jahrzehnte später klar.
Herzliche Grüße
Wally