Zirola

"Sie müssen unbedingt recht bald beim Jugendamt vorsprechen", empfahl sie mir noch. Das hatte ich mir auch schon für die nächste Woche vorgenommen.

Die Nacht wurde unruhig. Anna wurde mehrmals wach. Ich musste natürlich immer aufstehen, um zu sehen, was ihr fehlte. Das wurde mir dann doch ein wenig zu kalt. Und weil ich selbst nicht einen Schlafanzug besaß, zog ich Zirolas Nachthemd an, das noch auf dem Bett lag. Das hatte auch den Vorteil, dass Anna sich immer recht schnell beruhigte, wenn sie den weichen Stoff spürte und wohl auch, wenn sie den Geruch wahrnahm.

Irgendwie haben wir die Nacht überstanden. Ganz gerädert wachte ich erst vormittags auf, als es klingelte. Anna schlief zwar noch, wurde aber durch das Klingeln und mein Aufstehen wach. Zum Überfluss wurde nun auch noch an die Haustür geklopft. Es schien recht eilig zu sein, also huschte ich so, wie ich war, an die Tür.

Draußen wartete die Hebamme, die bereits so früh gekommen war. An ihrer Seite stand eine Frau, deren Alter ich schlecht schätzen konnte. Sie trug ein mausgraues Kostüm und machte einen etwas verkniffenen Eindruck. Noch bevor sie sich vorstellte, blickte sie mich von oben bis unten an und zog die Augenbrauen hoch - und das so kräftig, als wollte sie mit jeder Faser ihres sich verziehenden Gesichtes ihr Missfallen ausdrücken. Ich stand einen Moment recht unbeweglich da, diesen Hauch dieser offensichtlichen Missbilligung musste ich erst einmal verdauen. Ich schauderte. Es zog - von unten. Erst da fiel mir auf, dass ich ja noch das Nachthemd anhatte. Daher...

Anna schrie noch immer.

"Obermaier, Jugendamt", stellte sie sich nun doch vor. "Aus dem Krankenhaus wurde mir gemeldet, dass hier ein mutterloses Kind aufwächst. Da muss ich nach dem Rechten sehen. Und ich sehe, ich komme gerade recht, das Kind schreit, sie haben die Sache wohl nicht im Griff".

Die Hebamme schluckte und machte hinter dem Rücken der Frau Obermaier Fratzen und brachte zum Ausdruck, was sie von der Äußerung hielt.

Ich nahm Anna auf den Arm. Sie beruhigte sich schnell. Da sie sicherlich Hunger hatte, ging ich mit ihr in die Küche, um das Fläschchen vorzubereiten. Die Hebamme packte ihre Sachen aus, die sie benötigte. Frau Obermaier stapfte ungefragt mit ihren dreckigen Stiefeln durch das gesamte Haus. An einigen Stellen rümpfte sie die Nase, was sie ungefähr so gut konnte wie das Hochziehen der Augenbrauen. Sie machte sich Notizen in einer Kladde. Plötzlich blickte sie auf die Uhr "Ich muss gleich los" und an die Hebamme gewandt: "das Kind stellen Sie mir bitte noch vor!"

Die Hebamme legte Anna auf die Wickelkommode. Sie zitierte aus ihrem Untersuchungsheft und bemerkte, es wäre alles in Ordnung. Das Kind wäre gesund und würde sich gut entwickeln. Sie hätte auch den Eindruck, Anna wäre bei mir gut aufgehoben und ich würde es sicherlich schaffen, sie großzuziehen.

Die Dame vom Jugendamt wurde ungeduldig. Bevor sie ging, wollte sie auf die Toilette. Sie ging nicht auf das Gäste-WC, sondern ungefragt auf "unsere" Toilette. Ich wollte ihr gerade noch hinterherrufen "bitte nicht in Straßenschuhen", da hörte ich aus dem Bad einen spitzen Schrei: "was ist denn das, das ist ja ekelhaft!".

Da die Badtür noch offen war, eilte ich zum Ort des Geschehens. Was konnte es sein? WC verstopft und übergelaufen? Eine Windel liegen gelassen? Etwa eine Maus?

Nein, sie stand ganz entrüstet vor der Wand und zeigte auf unsere Fotos von der Verkleidungsaktion. Sie rief noch einmal: "das ist ja ekelhaft, ich kann mir nicht vorstellen, dass SIE der richtige Umgang für ein Kind sind" und zeigte mit ihren Fingern auf mich. Dann drängte sie mich hinaus, schloss ab und entleerte ihren Darm unter heftigsten Geräuschen. Ich ging zurück zu Anna, die gerade von der Hebamme gewickelt und umgezogen wurde.

Die Dame vom Jugendamt war noch ganz aufgeregt, hatte richtig Flecken im Gesicht. "Wir sehen uns noch, auf dem Amt", gab sie mir zum Abschied mit auf den Weg, wobei sie das Wort "Amt" dermaßen betonte, als wäre es der Ort einer fälligen Hinrichtung.

"Die sind wir los", stöhnte die Hebamme, als die Tür ins Schloss fiel. Ich brachte die Flasche auf die richtige Temperatur und fütterte Anna. "Was hat sie so erbost?"

"Gehen Sie selbst gucken", meinte ich, "aber bekommen sie keinen Schreck, sie meinte die großen Fotos im Bad".

Mit Wohlwollen sah ich, dass die Hebamme die Straßenschuhe auszog, als sie in den hinteren Bereich ging. Schnarrend öffnete sie die Badezimmertür.

Nach einer Weile kam sie zurück. "Ist doch flott", sagte sie, "ich würde mir wünschen, mein Freund würde auch mal etwas ausprobieren, so in der Richtung, aber dafür hat er viel zuviel Angst. Wir haben mal darüber gesprochen, als wir etwas über Männer in Röcken gelesen haben, aber er meint, das hat etwas mit Schwulsein zu tun".

Ich sagte ihr, dass es bei mir nicht so wäre, dass der Anfang lackierte Zehennägel und ein Verkleidungsnachmittag waren und dass ich im Laufe meines Zusammenseins mit Zirola bemerkte, dass ich gerne mal Frauenkleider anziehe - und dass ich mir gern und regelmäßig die Finger- und Fußnägel lackiere. "Sieht doch gut aus", sagte sie, "die Farbe mag ich auch gern, aber nun haben wir Wichtigeres zu tun".

Außerdem - Hauptsache, Sie gehen gut mit Anna um, dann ist es doch egal, wie sie angezogen sind oder ob Sie sich die Fingernägel anmalen.

In den nächsten Tagen entwickelte sich so etwas wie Routine. Es klappte immer besser mit einem Rhythmus von Schlafen, Windeln wechseln, Füttern.

Grausam war der Tag der Beerdigung. Am liebsten hätte ich den Tag unter Vollnarkose verbracht. Ich konnte von Zirola nicht richtig Abschied nehmen.
Bei "So nimm denn meine Hände und führe mich..." musste ich mich sehr zusammennehmen, um nicht laut zu schluchzen.
Anschließend vor der Kirche - viel zu viele Leute standen um mich herum und ich hörte ihr Tuscheln "armes Kind" und spürte die mitleidigen Blicke. Irgendwie überstand ich es trotzdem. Die anschließende Kaffeetafel schwänzte ich. Meine und Zirolas Eltern waren aber anwesend.

Danach lebte ich mit Anna wie im Schneckenhaus. Die Hebamme kam nicht mehr. Die Regelnachbetreuung war vorbei. Ich erhielt noch das gelbe Heft von ihr, in dem die Untersuchungsergebnisse standen. Weiterhin waren die folgenden Untersuchungen aufgeführt, die allerdings ein Kinderarzt vornehmen sollte. Die nächste Untersuchung sollte erst in einigen Wochen sein.

Nach ein paar Tagen wurde mir unser Schneckenhaus zu eng. Schönes Wetter lockte uns nach draußen. Ich legte Anna in den Kinderwagen und fuhr mit ihr spazieren. Das mochte sie gern, denn sie war jedesmal sehr entspannt und schien Sonne und frische Luft zu genießen.

Unsere Freunde hatten sich rar gemacht. Kaum jemand kam mal vorbei - bis auf die Großeltern, die ihr Enkelkind besuchen wollten.

Eine paar Tage vermisste ich keinen, denn was sagt man in solchen Situationen als Betroffener? Aber wenn ein Motorrad an unserem Haus vorbeifuhr, kurz vorher langsamer wurde und abzubremsen schien, überlegte ich öfter, wer das sein konnte - und ob endlich Besuch kam. Aber immer wieder wurde der Gashahn aufgerissen und das zuvor noch langsame Motorrad entfernte sich ab Ortsschild mit schnell wachsender Geschwindigkeit.

Warum kam keiner uns besuchen?

Es war Samstag. Ich war wieder mit Anna unterwegs. Diese Ausflüge befreiten mich. So musste ich nicht im Haus sitzen. Da erinnerte mich so vieles an Zirola und die Trauer überfiel mich so, dass ich fast regungslos wurde.

Ich hatte zunächst alles in der Wohnung so belassen, wie es war. Vieles erinnerte mich an die schöne Zeit und es machte mich traurig, dass nun alles anders war. Andererseits war ich dankbar und froh, dass wir so eine schöne Zeit gehabt hatten.

Wie ich so in Gedanken versunken meinen Kinderwagen dahinschob, der leider entsetzlich quietschte also nach einer Ölkanne schrie, wie man so schön sagt, merkte ich, dass ich in Richtung Blechtrommel unterwegs war. Erst wollte ich abdrehen, aber dann dachte ich mir "warum nicht, heute werden viele meiner Freunde da sein".

Ich kam an einem großen Lastzug vorbei, dessen Fahrer wohl eine Pause brauchte, denn der Motor war abgestellt, die Fenster geöffnet. Ein Blick nach oben zeigte, dass der Fahrer die Füße hochgelegt hatte. Ich war schon fast vorbei, da rief er aus seinem Fenster: "Mann, eh, Dein Wagen quietscht, das nervt!"

"Pass mal auf, Meister", sagte ich, "wenn Du davon so genervt bist, dann öl doch den Wagen selber!"

Darauf entwickelte sich hektische Betriebsamkeit im Führerhaus. Die Tür wurde geöffnet und der Fahrer sprang heraus.

Ich war auf eine wütende Antwort gefasst und sogar noch Schlimmeres. Der Fahrer hatte jedoch eine Sprühflasche mit Schmiermittel in seiner Hand, ging in die Hocke und gab jedem der 4 Kinderwagenräderlager einen kleinen Stoß aus der Sprühflasche. Dann schob er den Wagen kurz hin und her - "so ist das doch viel besser!"

Ich bedankte mich artig.

Wir erreichten die Blechbüchse ohne die schreckliche Quietscherei, der Wagen ließ sich auch viel leichter schieben - und tatsächlich standen die ganzen Motorräder auf dem Platz bereit. Sicherlich war noch eine gemeinsame Ausfahrt geplant.

"Da kommt ja die junge Mutter" rief Karl. Und dann sah er mich an, bemerkte meine Sandalen und reimte: "Farbe anne Hände, Farbe anne Füße, was bist Du denn für eine Süße" und warf mir eine Kusshand zu.

"Halts Maul, Karl", riefen die anderen, bufften ihn und redeten wütend auf ihn ein. Er sah ein, dass er wohl Mist gebaut hatte. Da seine Freundin ihn wegen eines anderen Mannes verlassen hatte, war er nicht so gut drauf. Er hatte schon einige Wochen kaum ein gutes Wort für andere Menschen übrig.

Jahre später sah ich in Berlin in einem kleinen Theater ein Stück mit dem Namen "Halts Maul Karl". Da musste ich an unseren Motorrad-Karl denken.

"Erzähl mal", sagte Paul. Naja, ich erzählte, dass es ganz gut ging mit Anna, dass ich Zirola vermisste und dass ich von der Arbeit zunächst noch beurlaubt wäre. Die Jungs hatten auch etwas zu erzählen. Erwin hatte sich doch tatsächlich eine Ducati gekauft. Zwar musste er lange mit seiner Frau ringen, die lieber von dem Geld das Haus renoviert hätte, aber schließlich konnte er sich durchsetzen. "Ich weiß gar nicht, was Du an dem Ding findest", sagte sie immer wieder, "ich sitze hinten drauf wie ein Affe auf einer Kneifzange, so macht mir das Mitfahren keinen Spaß". "Ja eben" , grinste Erwin, "dann muss ich wohl allein fahren, oder Du machst auch endlich den Führerschein". Den machte sie, und zwar nahm sie heimlich Fahrstunden. Das ging ganz gut, denn Erwin war Fernfahrer und oft eine ganze Woche unterwegs. Der hat vielleicht gestaunt, als sie ihn eines Tages nach bestandener Prüfung mit dem Motorrad von der Spedition abholte!

Es wurde ein schöner Nachmittag. Als die anderen zur Tour aufbrachen, wurde Anna wach. Es wurde Zeit für das nächste Fläschchen.

Ein Motor nach dem anderen wurde gestartet. Es schien Anna nicht zu stören, im Gegenteil.

"Bald bist Du auch wieder dabei". Eddi riss mich aus meinen Gedanken. "Ja, sicher".

Den Sonntag verbrachte ich bei meinen Schwiegereltern. Anna fühlte sich bei Ihnen immer sehr wohl. Zirolas Vater ging es jedoch nicht gut. Er hatte schon seit langem mit dem Herzen zu tun. Der Verlust seiner Tochter hatte ihn dazu in eine depressive Phase gestürzt, aus der er schlecht wieder raus kam. Er zog sich schon nach dem Mittag zurück und tauchte auch nur noch kurz wieder auf. Ich machte ihm den Vorschlag, Zirolas Motorrad zu übernehmen, aber er winkte nur ab. "Verkauf es, mein Junge, ich bin zu alt".

Montag sollte ich in den Kindergarten kommen. Natürlich freute ich mich darauf. Ich packte Windeln ein und alles, was Anna sonst so brauchte, denn ich wollte ein paar Stunden bleiben.

Ich trug meine Lieblings-Sandalen. Die Kinder riefen mir schon von Weitem entgegen. Sie schienen mich nicht vergessen zu haben. Sie folgten mir alle, als ich den Kinderwagen ins Haus schob. Dann sollte ich "das neue Baby" mal zeigen. Naja, so "neu" war Anna ja gar nicht mehr. Sie wurde wach und schrie. Sie hatte wohl Durst und ich gab ihr aus der kleinen Flasche etwas Tee. Die Kinder sahen mich an, wie ich sie auf dem Arm hatte. Caroline, die neu in die Gruppe gekommen war, sah auf meine Füße und Hände, wollte etwas fragen, stockte, begann noch einmal "bist Du nun eine Frau, eine Mutter geworden, wo die richtige Mutter von dem Kind tot ist?"

Ich erklärte es ihr. Sie schien zufrieden. Wir verbrachten einen schönen Vormittag. Die Kinder spielten mit Anna und ich konnte mit meinen Kolleginnen plaudern. Ich durfte noch am Mittagessen teilnehmen, dann wollte ich gehen. Die Leiterin sagte mir noch, dass die Gemeinde meine Freistellung bei Reduzierung der Bezüge noch für ein weiteres halbes Jahr genehmigt hatte. Ich sollte aber rechtzeitig eine Lösung für Anna finden, wenn ich die Arbeit wieder aufnehmen musste.

Mit einem guten Gefühl gingen wir heim.

Ein paar Wochen später, als ich Anna gerade auf ihr Bettchen gelegt hatte, klingelte der Postbote. Er brachte ein amtliches Schreiben - im wahrsten Sinne des Wortes, es kam vom Amt. Es war eine Vorladung. Ich hätte mich dort einzufinden, Mutterpass und Untersuchungsheft mitzubringen. Termin und Uhrzeit war angegeben und doppelt unterstrichen

Naja, noch hatte ich ein paar Tage Zeit. Eigentlich war nichts zu befürchten. Anna entwickelte sich prächtig, mir ging es auch etwas besser und ich hatte mich mit meiner Situation abgefunden, sogar ganz gut eingerichtet. Ich wollte das Beste daraus machen.

Der Tag kam. Schon ganz früh machte ich mich fertig, zog mich sittsam an - mit Schuhen und Strümpfen, obwohl es sehr warm war. Ich entlackte meine Fingernägel - ich hatte jedoch nicht vor, ihr meine Füße zu zeigen, deshalb konnte dort die Farbe bleiben - und zog Anna einen fast neuen Strampler und eine leichte Sommerjacke an.

Ich machte mich rechtzeitig auf den Weg. Fast ein wenig zu rechtzeitig. Der Weg führte mich an meinem Kindergarten vorbei. Ich hatte doch eigentlich noch Zeit? Ja, ich hatte noch Zeit für einen kleinen Besuch.

Die Köchin hatte gerade nach Jahren eine Lohnerhöhung bekommen und drüben im kleinen Laden eine Flasche Sekt geholt. Die Kolleginnen hielten schon alle ein Glas in der Hand. "Gib dem Peter auch ein Glas", sagte die Leiterin, "der kann es sicher gebrauchen". Wir stießen an: "auf die Zukunft!"

"Auf die Zukunft".

Jemand, der über meine und Annas Zukunft mitzubestimmen hatte, saß mir eine halbe Stunde später gegenüber: Frau Obermaier vom Jungendamt. Sie hatte das selbe mausgraue Kostüm an, wie sie es schon beim Hausbesuch getragen hatte. Ihre Frisur sah noch zackiger aus, fast "Bürstenschnitt". Sie wirkte aber freundlicher, trat an den Kinderwagen heran, ließ sich Anna zeigen, warf einen kleinen Blick in die mitgebrachten Hefte - und sprach recht freundlich mit mir. Sie versuchte, unauffällig zu sein, als sie auf meine Füße blickte und guckte anerkennend, als sie tadellos geputzte Schuhe erkannte. Sie guckte auch prüfend auf meine Hände und war wohl auch mit ihnen zufrieden.

Wir waren soweit fertig und schon fast beim Verabschieden, da sollte ich ihr im Untersuchungsheft noch etwas erklären. Ich trat dichter heran, weil sie etwas nicht entziffern konnte. Wie ich so dicht bei ihr stand, kräuselte sich ihre Nase, sie zog die Augenbrauen hoch, sagte aber nichts.

Schließlich: "gut, ich werde die Hebamme mal anrufen, die hat das ja schließlich eingetragen".

Wir waren fertig.

Froh und erleichtert stand ich wieder unten. Ich war gerade dabei, Anna eine Mütze aufzusetzen, da raste ein Fahrradfahrer auf dem Fußweg so dicht an uns vorbei um die Ecke, dass ich fast in den Kinderwagen gefallen wäre. Anna erschrak und fing an zu schreien. Der Fahrradfahrer kümmerte sich nicht um uns. Als ich mich berappelt hatte, war er noch nicht allzuweit weg. Er musste mich noch hören. Ich schrie ihm eine lange Liste von Schimpfwörtern hinterher und drohte mit der Faust. Und weil er wie ein Türke aussah, war das letzte Wort, das ich rief, "Kümmeltürke".

"Auf Wiedersehen!" Frau Obermaier hatte oben am offenen Fenster gestanden und alles mit angehört. Sie winkte uns nachdenklich nach.

Aber es ging wohl alles gut, obwohl ich noch eine Reaktion erwartete. Auch die nächsten Tage und Wochen passierte nichts Nachteiliges. Ich bekam aber auch keinen Bescheid vom Amt.

Es wurde fast jeden Tag schön warm. Anna wurde immer kräftiger. Viele Tage verbrachten wir im Garten. Der Kontakt zu meinen Motorradfreunden hatte sich wieder verstärkt. Fast täglich hatten wir nun Besuch.

Nach den Sommerferien ging ich oft mit Anna in den Kindergarten. Ich wollte eines Tages wieder anfangen. Es gab eine Neuigkeit, es sollte auf Familiengruppen umgestellt werden. Auch Kinder, die noch nicht drei Jahre alt waren, konnten aufgenommen werden. Anna würde also nicht das einzige so junge Kind sein, wenn ich sie mitnehmen würde. Die Kolleginnen wollten mich für die erste Familiengruppe vorschlagen. Ich sollte zusammen mit einer Kinderschwester die 15 Kinder im Alter von 6 Monaten bis 6 Jahren betreuen. Im Gemeindeblatt stand schon der neue Slogan in der Rubrik "Neues aus dem Kindergarten: ...von 6 bis 6".

Die Zeit verging wie im Fluge.

Ich nahm mit Anna am Laternenumzug teil. Eine kleine Laterne befestigte ich so am Wagen, dass Anna sie gut sehen konnte. Nach dem Umzug gab es im Kindergarten Früchtetee und selbstgebackenes Brot. Die Eltern freuten sich, als sie hörten, dass ich wieder so oft in den Kindergarten kam.

Eine Zeit lang wurden meine Eingewöhnungsversuche unterbrochen. Anna machte mir Sorgen. Hatte sie vor einiger Zeit noch durchgeschlafen und war ein freundliches und "pflegeleichtes" Kind, so wurde sie nachts oft wacht und ließ sich durch fast nichts beruhigen, kein Nuckel, kein Tee, keine frische Windel.

Ich ging mit ihr zum Kinderarzt, obwohl die nächste Untersuchung noch nicht fällig war. Der Arzt machte erst ein sorgenvolles Gesicht, als ich mit meinen Schilderungen zuende war. Dann untersuchte er Anna - und seine Miene hellte sich auf: "sie bekommt Zähne", sagte er, "die nächste Zeit wird bestimmt noch ganz schön anstrengend".

Er gab mir ein Rezept mit und erzählte mir, wie man einem zahnenden Kind Linderung verschaffen kann.

Die nächsten Nächte wurden trotzdem schrecklich. Wie gerädert wurde ich ein paar Tage später schon um 7 Uhr durch Klingeln und lautes Klopfen geweckt, als ich gerade für einen Moment eingeschlafen war. Anna wurde auch wach, fing sofort an, zu schreien.

Wütend ging ich in den Flur und riss die Haustür auf.

Verdutzt sah ich Frau Obermaier vom Jugendamt und zwei Polizisten. Sie sagten, sie würden einem Verdacht einer Misshandlung nachgehen und ich sollte Anna und mich anziehen und mitkommen. Auf meine Frage, wohin, wurde mir nur kurz gesagt: "aufs Amt!".

Ungebeten traten die drei Leute in die Wohnung.

Ich hatte mir nichts vorzuwerfen, wurde aber trotzdem etwas panisch. Was sollte ich tun? Mir fiel ein, dass einer der Väter im Kindergarten Anwalt war. Ich kannte ihn zwar nicht, weil er sein Kind noch nie gebracht oder abgeholt hatte, aber ich kannte seine Frau gut, die bei ihm mit in der Kanzlei arbeitete. Zu ihr hatte ich Vertrauen und rief sie an. Sie war schon wach. Ich schilderte ihr, was passiert war. Sie versprach sofort, mir zu helfen.

Die beiden Polizisten und Frau Obermaier drängelten, aber ohne vollständige Ausrüstung wollte ich nicht gehen, also ging es erst los, als Windeln und Teeflasche bereit waren. Außerdem musste ich Anna warm anziehen; denn seit Tagen fegte ein eisiger Wind über das Land. Frau Obermaier stapfte unterdessen mit ihren Dreckstiefeln durch die ganze Wohnung. Sie blieb missmutig und unzufrieden, konnte aber nichts Negatives zu finden. Das schien ihre Laune aber nicht zu beeinflussen und schon gar nicht zu verbessern. Das Bad suchte sie diesmal nicht auf.

Ich musste mit Anna im VW-Bus der Polizei Platz nehmen. Anschnallgurte gab es nicht. Mein Hinweis darauf wurde von den Polizisten abgetan, es wäre schließlich kein Luxustransport. Aber immerhin war genug Platz für den Kinderwagen.

Wir erreichten das Amt. Die Polizisten drängten mich in einen Raum, an dessen Tür ein Schild befestigt war: "Öffentliche Sitzungen". Was sollte das nun? Vorne im Raum saßen 3 Leute, die sich dem Jugendamt zugehörig vorstellten. Sie sagten, es müsse eine Entscheidung zum Wohle des Kindes getroffen werden, da ich offensichtlich nicht in der Lage wäre, das Kind angemessen aufzuziehen. Die Entscheidung wäre eilbedürftig, weil Gefahr im Verzuge wäre.

Mir zog es fast den Boden unter den Füßen weg; ich musste mich setzen. Anna fing an zu weinen. Ich versuchte, sie zu beruhigen. Es war kaum zu verstehen, aber der eine Amtsmitarbeiter las mit einer leiernden, unbeteiligten Stimme vor, was sie mir zur Last legten.

So sollte ich befremdliche sexuelle Neigungen haben, vor denen man das Kind schützen sollte. "sexuelle" traute der Mann sich kaum vorzulesen. Ich sollte nicht fähig sein, dem Kind später eine eindeutige Geschlechteridentifikation zu vermitteln.

Weiterhin wäre ich angetrunken zu einem Gespräch ins Amt gekommen und hätte einen Ausländer beschimpft und beleidigt.

Weiterhin wurde mir zur Last gelegt, ich würde mein Kind vermutlich misshandeln, Nachbarn hätten sich darüber beschwert, dass es in der letzten Zeit sehr viel geschrien hätte. Ob ich mit dem Tod meiner Frau etwas zu tun hätte, sollte man sich auch mal "anschauen" sprach der andere Mitarbeiter.

Das war mir nun ein wenig viel, ich konnte es einfach nicht fassen, ich war sprachlos, enttäuscht und dann wütend. Ich wollte mein Kind nehmen und einfach gehen. Die Polizisten, die weiterhin anwesend waren, packten mich am Arm und hielten mich zurück. Der dritte Mann, als Träger eines etwas besseren Anzuges als Amtsleiter zu erkennen, sagte: "die Vorwürfe wiegen schwer. Wir werden prüfen, ob das Kind weiterhin bei Ihnen bleiben kann oder ob eine Pflegefamilie oder Heim den Interessen des Kindes besser gerecht wird".

Ich nahm kaum wahr, dass es klopfte. Es kam ein weiterer Mann, der sich als Rechtsanwalt vorstellte. Am Namen erkannte ich, dass es der Kindergartenvater war, den ich noch nie zuvor gesehen hatte. Seine Frau hatte es sehr dringend gemacht und ihn gleich ins Jugendamt geschickt.

Er ließ sich von den Amtsleuten die Vorwürfe erklären. Dann bat er um eine kurze Beratungspause. Wir durften uns in eines der weiteren Besprechungszimmer zurückziehen. Ich sollte meine Sicht der Dinge schildern. Der Anwalt hörte zu, ohne etwas zu sagen, machte sich nur verschiedene Notizen. Dann fragte er mich mit ernstem Gesichtsausdruck: "und das stimmt auch so?" "Ja", meine klare Antwort.

"Zeugen?"

"Hebamme, Kinderarzt, Kolleginnen, Freunde, Schwiegereltern, Eltern".

"Ist gut, wann waren Sie zuletzt mit dem Kind beim Arzt?" "Vor ein paar Tagen".

"Telefon-Nummer?" Ich nannte sie ihm.

Der Anwalt verschwand kurz und wollte telefonieren. Damals gab es noch nicht diese tragbaren Telefone, die heutzutage jeder mit sich führt. Ich blickte hinaus. Es schneite. Dichte Schneeflocken fielen auf die Erde, hatten im Nu alles weiß gefärbt und draußen ein Verkehrschaos angerichtet. Die Flocken fielen stetig weiter. Ich entdeckte, dass sie das Fenster langsam zuschneite. Die Flocken, die genau auf das Fenster geflogen kamen, schienen mich zu hypnotisieren. Mir wurde ganz schwindlig, wenn ich in die Bewegung blickte. Ich fühlte mich einsam und verlassen, hatte Sehnsucht nach Zirola. Ich wünschte mir, es könnte ewig so weiterschneien, es könnte so lange schneien, bis die Welt gezwungen wäre, ein paar Tage Pause zu machen, schlafend unter einer weißen Decke aus Schnee. Oder Zirola könnte zu mir geschneit kommen - und alles wäre alles wie früher. Es wurde auf einmal stille, aber nur in einer entfernteren Ebene; die Geräusche draußen vor dem Gebäude konnte ich gedämpft wahrnehmen. Tränen stiegen in mir auf und kullerten die Wangen herunter.

Die quietschende Tür riss mich aus meinen Gedanken. Schnell wischte ich mit den Handflächen über meine Wangen. Der Anwalt grinste zufrieden, als er eintrat. "Alles wird gut", sagte er.

Dann ließ er mich im Flur warten und ging alleine in den Verhandlungsraum. Was dort gesprochen wurde, konnte ich nicht genau verstehen, aber es wurde sehr laut.

Nach einer guten Weile trat Frau Obermaier vor die Türe: "Sie können erst einmal gehn". "Und Anna?"

"Das Kind bleibt bei Ihnen" sagte sie unbeteiligt und fügte dann leise hinzu: "vorerst". Durch die halb offenstehende Tür konnte ich sehen, der Anwalt verzog sein Gesicht und holte lautstark Luft.

Ich war froh, so froh! Ich holte den Kinderwagen mit Anna und erlebte, dass der Anwalt immer noch sehr erregt mit den Amtsleuten sprach, und dann zu mir: "kommen Sie bitte nachmittags zu mir in die Kanzlei wegen der Vollmacht".

Dankbar und völlig aufgekratzt konnte ich das Gebäude verlassen. Es war noch früh am Morgen. Bei einem nahen Bäcker nahm ich mir ein paar Brötchen mit, unser "Sieg" musste gefeiert werden. Schnee klebte an den Rädern des Kinderwagens. Das Schieben wurde sehr schwer, aber das machte mir nichts mehr aus. Überall waren die schabenden Geräusche der Schneeschieber zu hören. Autos quälten sich über rutschige Straßen. Vereinzelt waren Kinder unterwegs, die wohl schulfrei hatten. Schneebälle flogen durch die Luft. In einigen Parks und Vorgärten wurden Schneemänner gerollt.

Ganz außer Atem erreichte ich unser Haus.

Ich stellte den Wagen in den Flur und machte Frühstück. Als ich nach einer Weile etwas aus dem Wagen holen wollte, stand er in einer großen Pfütze. Der Schnee war von den Rädern abgefallen und geschmolzen. Auch in mir war eine Last abgefallen. Eine schmutzige Spur vom dunklen Streumaterial bildete zusammen mit der Feuchtigkeit ein eigenartiges Muster.

Nachmittags besuchte ich den Anwalt in seiner Kanzlei. Es fiel mir nicht schwer, meine Dankbarkeit auszudrücken. Der Anwalt schien jetzt aber unbeteiligt, hatte wohl schon intensiv mit einem neuen Fall zutun. Geschäftsmäßig reichte er mir ein paar Formulare zum Unterschreiben - und dann wurde ich auch schon verabschiedet.

Am nächsten Tag traf ich dann seine Frau im Kindergarten. Sie erzählte mir in Ansatzpunkten, wie er argumentiert hatte. Weiterhin sagte sie mir, dass er sich beim Kinderarzt erkundigte - und der hatte sehr positiv über Annas Zustand gesprochen - und dass ich wohl alles sehr gut im Griff hätte.

Das waren bewegte Zeiten.

Annas Probleme mit den Zähnen waren nach einigen Wochen erst einmal überstanden. Ich konnte wieder besser schlafen und unsere ganze Lebenssituation beruhigte sich etwas. Mir blieb etwas Zeit, da ich nicht den ganzen Tag in den Kindergarten gehen musste.

Ich meldete Anna und mich zu einem Mutter-Kind-Kreis an. Es bedurfte einiger Überzeugungsarbeit, bis die Leiterin der Einrichtung uns in die Teilnehmerliste aufnahm. Sie machte unsere Teilnahme aber trotzdem vom Einverständnis der schon früher angemeldeten Mütter abhängig. Als sie mir das erklärte, machte sie ein Gesicht, als würde sie Männern immer unlautere Absichten zutrauen. Schon drei Tage später war die erste Zusammenkunft mit der Gruppe. Ich musste erst die Teilnehmergebühr bezahlen. Die Leiterin hatte wohl gehofft, ich hätte kein Geld mitgenommen, aber sie hatte Pech gehabt. Ich konnte das Geld sofort und in bar entrichten. Die Runde erwartete mich schon gespannt. Einige der Frauen hatten einen etwas misstrauischen Blick, schon als ich in den Umkleideraum kam, aber eine begrüßte mich freundlich; "Hallo, ich bin Corinna, willkommen bei uns!"

Ihr strahlendes Lachen zeigte, dass es ehrlich gemeint war. Nach und nach begrüßten uns auch die anderen Frauen. Einige sahen etwas müde und übernächtigt aus. Wir konnten uns nicht lange mit Begrüßungsfloskeln aufhalten, unsere Gruppenleiterin rief uns in den Raum, der für uns Gruppe vorgesehen war.

Zuerst sollten wir uns in die Runde setzen, einen Kreis bilden und die Kinder zwischen unsere Beine setzen - an uns gelehnt. Das war natürlich nicht ganz einfach. Einige Kinder quengelten, einige wollten krabbeln und sich bewegen - und nur die wenigsten blieben bei ihren Müttern. Die Anleiterin blickte mich etwas streng an und zeigte auf meine Füße. Dann erhob sie die Stimme und sagte: "es haben wohl noch nicht alle hier mitbekommen, wir laufen hier barfuß. Auf Strümpfen ist es zu gefährlich - und Schuhe wollen wir hier wegen der Verletzungsgefahr nicht haben". Schnell zog ich meine Strümpfe aus und steckte sie einfach in die Hosentaschen, um nicht noch einmal rausgehen zu müssen. Die Runde schmunzelte etwas, hatte ich doch vor wenigen Tagen meine Fußnägel wieder blau lackiert - in der Lieblingsfarbe von Zirola. Dann fing es endlich an mit einem Lied, bevor jeder in der Runde erzählen sollte, wie es ihm und dem Kind gerade ging. Ich war froh, dass ich nicht als erster, sondern ungefähr in der Mitte dran war. So konnte ich erst einmal hören, was denn so als Äußerung üblich war. Ich machte es aber trotzdem anders; ich stellte Anna und mich etwas ausführlicher vor.

Danach holten wir aus einem Geräteraum Matten und große Gymnastikbälle. Wir sollten die Kinder auf die Bälle legen, an den Füßen anfassen und sie behutsam hin- und herrollen. Danach machten wir noch einige Übungen auf den Matten. Immer wieder wurde die Runde unterbrochen, weil jemand raus musste, um die Windel zu wechseln oder wenn es ein anderes Problem gab.

Die Stunde neigte sich dem Ende zu. "Und denkt daran, nächste Woche ist Schwimmen". Unsere Anleiterin verabschiedete uns. Wir mussten den Raum verlassen, weil nun die Herz-Rehagruppe kam - überwiegend Männer im reiferen Alter.

Als wir uns umzogen, fragte Corinna mich, ob ich noch Lust hätte, mit ihr und einer anderen Mutter einen Kaffee zu trinken. Sie trafen sich wohl jedesmal nach der Gruppe noch für ein Stündchen. Ich hatte Zeit und nichts dagegen einzuwenden. Wir trafen uns im "Rosa(s) Frauenkaffee". Eigentlich wollte man mich nicht reinlassen, aber nachdem meine beiden Begleiterinnen sich lautstark für mich einsetzen, durfte ich dann doch eintreten. Wir plauderten munter drauflos. Corinna war alleinerziehend, die andere, Birgit, lebte mit einem Handwerker zusammen und war verheiratet. Ich musste natürlich auch von mir erzählen. Als ich ihnen sagte, dass ich eigentlich in einem Kindergarten arbeiten würde, waren sie ganz begeistert und meinten: "dann wissen wir ja, wo wir unsere Kinder später anmelden können".

Wir blieben noch eine ganze Weile und tauten immer mehr auf. Als ich das Café verließ, hatte ich das Gefühl, zwei Freundinnen gefunden zu haben. Ich konnte unseren nächsten Gruppentermin kaum abwarten.

Endlich war es soweit. Vorher musste ich noch ins Kaufhaus fahren, um mir eine Badehose zu kaufen; denn sosehr ich suchte und den ganzen Kleiderschrank durchwühlte - ich hatte wohl keine Badehose mehr. Obwohl doch Badesaison war, so hielt sich die Auswahl in Grenzen und somit für mich die Qual der Wahl.

In dem kleinen Schwimmbad war ich noch nie gewesen. Es hatte für die Öffentlichkeit auch nur sehr beschränkte Nutzungszeiten; die meisten Termine waren für Schulen, für die Feuerwehr und andere Gruppen reserviert - und natürlich für unsere Gruppe. Ich fragte an der Kasse "wo muss ich hin zum Kleinkinderschwimmen?" Die Dame an der Kasse guckte mich von oben bis unten an und bemerkte dann erst Anna in ihrem Wagen. "Hinten, Raum 03". Ich warf einen Blick in den Gang, nahm den typischen Schwimmbadgeruch wahr, etwas Chlor, etwas Schweiss...

"Da ist aber ein Frauenzeichen", wagte ich zu entgegnen. "Beim Kleinkinderschwimmen ist das egal", sagte die Dame daraufhin, "in dem einen Männer-Raum sind die Feuerwehrleute und im anderen die Lernbehinderten. Sind Sie Lernbehinderter oder Feuerwehrmann?"

"Nein".

"Na alos - deshalb gehen Sie bitte nach hinten zu Ihrer Gruppe".

Sie wandte sich ab von mir und beschäftigte sich wieder mit der Liste, die sie gerade bearbeitete. Damit wollte sie bestimmt ausdrücken, dass die Diskussion beendet war. Trotzdem sagte sie mir noch "die Kinderwagen bleiben hier im Vorflur" und blickte dabei nur kurz über den Rand ihrer Brille.

Gut, ich nahm Anna auf den Arm, zog unsere Badetasche aus dem Netz und ging nach hinten in den Gruppenraum. Die meisten anderen waren schon da, aber Corinna hatte sich wohl verspätet. Wir zogen uns um; fast alle blieben in der Gruppenumkleide, nur eine Mutter zog sich mit ihrem Kind in einen kleinen separaten Raum zurück; an dessen Tür stand "Betreuer". Das gemeinsame Umziehen hatte einen großen Vorteil, konnten wir doch die Kinder gemeinsam im Blick haben und uns gegenseitig helfen. Einige der Frauen trugen ihren Badeanzug schon unter ihrer Kleidung.

Endlich ging die Tür auf und Corinna kam. Sie hatte ihre Tochter auf dem Arm und gab sie mir gleich: "nimmst Du sie mal bitte, dann kann ich mich schon einmal ausziehen". Ich brauchte nichts darauf zu antworten, da hatte ich schon das Kind auf dem Arm. Corinna zog sich ganz aus, ohne gleich den Badeanzug anzuziehen und nahm dann ihre Tochter wieder, um auch die umzuziehen. Ich bewunderte ihre großen Brüste, die lebhaft bei jeder Bewegung hin- und herschaukelten und konnte kaum meinen Blick abwenden. Endlich wurden auch wir fertig und gingen unter die Dusche. Corinna trug ihren Badeanzug in der Hand und zog ihn erst nach dem Duschen an. Die meisten anderen Frauen duschten im Badeanzug. Ob das an mir lag, konnte ich nicht sagen. Wir gingen in das Kleinkinderbecken, wo eine angenehme Temperatur herrschte. Trotzdem war ich überrascht, wie gerne unsere Kinder im Wasser planschten und keine Angst zu haben schienen. Viel zu schnell war die Stunde vorbei. Heute hatte Corinna keine Zeit, um noch ins Café zu gehen. Sie zog sich schnell an und war wohl sehr in Eile; sie verabschiedete sich mit einem fröhlichen "tschüss bis nächste Woche", dann war sie auch schon draußen. Sie kam aber noch einmal zurück und gab mir einen kleinen Zettel. "Meine Telefonnummer, falls mal etwas ist". Ich wollte ihr auch meine Nummer geben, aber da war sie schon verschwunden. Auch gut. Birgit wollte heute auch nicht Kaffee trinken, aber meinte "heute ist Nachmittagsmarkt, ich will noch etwas Gemüse kaufen, komm doch mit!"

Das war eine gute Idee. Wir schlenderten über den Markt und kauften sicherlich mehr, als wir eigentlich benötigten, aber das Gemüse bei den türkischen Händlern sah einfach zu gut aus. Danach mussten wir noch in die Bücherei, weil sie ein paar Bücher zurückgeben wollte. Das war für mich eine gute Gelegenheit, mich auch dort einzutragen und gleich einige Bücher auszuleihen.

Es war Zeit, nach Hause zu gehen. Anna war bestimmt schon ganz nass. Ich gab Birgit meine Telefonnummer und erhielt ihre. Wir versprachen, uns gegenseitig zu helfen, wenn mal etwas mit den Kindern sein sollte.

Am nächsten Tag rief dann nicht Birgit an, sondern Corinna. "Ich habe Deine Nummer von Birgit", sagte sie, "kommst Du am Wochenende mit auf eine Fete?" "Nein", meinte ich, "wie soll das gehen?" und dachte schon, sie würde mich nun als Babysitter anheuern wollen, aber es war anders. "Die Fete ist bei Jim und Nina", entgegnete sie, "die haben selbst ein kleines Kind. Kinder dürfen mitkommen. Die haben so viel Platz, dass die Kinder in einem ruhigen Raum schlafen können, und wir haben unseren Spaß - und gucken abwechselnd nach den Kindern". Ich sagte zu und freute mich. Ich war schon lange nicht mehr auf einer Fete gewesen.

Den Samstag konnte ich kaum erwarten. Meine gesamte Ausrüstung wurde unten im Kinderwagen gut verstaut, dann machte ich mich auf den Weg zu Corinna, die schon auf uns gewartet hatte. Gemeinsam machten wir uns auf den Weg. Die Altbauwohnung unserer Gastgeber war tatsächlich groß und geräumig, hatte viele Zimmer. Es waren viele Leute mit Kindern da; es dauerte lange, bis ich so ungefähr begriff, wer zu wem gehörte, aber Anne erklärte es mir geduldig. Es war eine lockere Zusammenkunft. In jedem Raum spielte sich etwas ab. Längere Zeit hielt ich mich in der Küche auf, wo gerade die Probleme beim Zahnen diskutiert wurden. Hier hatte ich natürlich einen Ansatzpunkt und konnte mitdiskutieren!

Anna wurde müde. Ich legte sie in das Zimmer, das als Schlafraum für die Kinder vorgesehen war. Drei weitere Kinder schliefen bereits dort. Ich ging zu den anderen zurück ins große Wohnzimmer. Derjenige, der den Plattenspieler bediente, hatte einen guten Geschmack, denn die Tanzfläche war stets gut gefüllt. Ich wollte mich gerade auf das Sofa niederlassen und hatte ein Glas Wein in der Hand, da kam Corinna und zog mich gleich wieder hoch: "komm tanzen". Ich stellte mein Glas ab und folgte ihr. Meine ersten Schritte waren noch etwas unbeholfen, aber ich kam immer besser in Schwung. Dann ein langsames Stück. Corinna schmiegte sich an mich. Sie roch gut, sehr gut. Es fiel mir noch schwer, jemanden so anzufassen, wie ich es bei Zirola gemacht hatte. Irgendwie war ich froh, als das langsame Stück zuende war und etwas Härteres aufgelegt wurde. Corinna verließ die Tanzfläche; ich blieb noch und ließ mich von durchdringenden Bässen durchschütteln. Ich dachte an Zirola und fühlte mich auf einmal ganz allein, wollte schon die Fete verlassen und nach Hause gehen. Als ich aber nach Anna sah und sie fest schlief, wusste ich, dass ich das nicht machen konnte. Ich ging in die Küche zurück. Ein paar Leute waren immer noch am Diskutieren. Es ging aber nicht mehr um zahnende Kinder, sondern um berufliche Schwierigkeiten, die eine der Anwesenden hatte. Es wurde heftig und erregt gesprochen, es schien sich um ein sehr schwieriges Problem zu handeln. Ich ging wieder in den anderen Raum, nahm mein Glas, das noch da stand und nahm einen großen Schluck, schenkte gleich nach, trank mehr von dem Wein - und dann noch ein Glas. Corinna kam und setzte sich zu mir. Sie hatte zwei volle Sektgläser in der Hand. "Wir müssen noch auf unsere Freundschaft anstoßen". Wir prosteten uns zu. Sie gab mir einen Kuss, den ich nur oberflächlich erwiderte. Dann saßen wir eine ganze Weile nebeneinander, nippten am Sekt und hörten einfach der Musik zu. Sie holte mehr Sekt. Unsere Beine berührten sich, als sie sich wieder setzte. Ihr Kleid rutschte hoch. Mich elektrisierten ihre Strümpfe oder Strumpfhosen, die sie anhatte. Sie griff meine Hand und legte sie auf ihr Bein, noch auf dem Stoff des Kleides. Vorsichtig rutschte ich mit der Hand etwas weiter herunter, sodass ich den Strumpf fühlen konnte - ein lange vermisstes Gefühl. Meine Hand folgte ihrem Bein unter das Kleid; sie küsste mich wieder. Meine Hand wurde mutiger. Etwas enttäuscht stellte ich fest, dass sie keine halterlosen Strümpfe trug, sondern eine Strumpfhose. Sie stand schon wieder auf, um Sekt zu holen. Mein Glas war noch halb voll. Sie hatte leichte Koordinierungsschwierigkeiten beim Hinsetzen. Sie ließ sich fast fallen - und ein Teil schwabbte aus dem Glas auf ihr Kleid und auf das Sofa. Mit einem Taschentuch tupften wir es trocken. Nun ergriff sie mein Bein, zwickte mich und flüsterte mir ins Ohr, "komm, wir gehen in das Gästezimmer". Nicht nur für die Kinder war ein Zimmer bereit, sondern auch für die Erwachsenen, die bleiben wollten. Sie zog mich hinter sich her, hatte aber Mühe, sich auf den Beinen zu halten. Ich stützte sie. Vorsichtig öffneten wir die Tür des Gästezimmers. Im Halbdunkel konnte wir sehen, dass es sich schon ein Pärchen auf den Matratzen, die fast das ganze Zimmer ausfüllten, gemütlich gemacht hatte. Die beiden schienen aber schon zu schlafen. Corinna war zu nichts mehr fähig, legte sich gleich hin, das heißt, sie fiel mehr, als sich zu legen.. Ich wollte noch einmal nach Anna sehen. Es waren nur noch wenige Kinder im Kinderzimmer. Anna schlief ganz ruhig. Ich legte mich einfach dazu. Als ich morgens wach wurde, robbte Anna schon über die Matratze und kam zu mir. Ich stand auf, machte ihr eine frische Windel und eine kleine Flasche zum Frühstück. Unsere Gastgeber waren schon in der Küche und boten mir Kaffee an. Sie sagten mir, dass Corinna schon sehr früh aufgebrochen war. Sie hatte zwar nach mir gefragt, war aber dann schnell aufgebrochen.

Als ich wieder zuhause war, musste ich an das Gefühl denken, das ich bei Berührung der Strümpfe gespürt hatte. Als Anna Mittagspause machte, durchsuchte ich den Kleiderschrank. Da mussten doch noch unsere Strümpfe und Strumpfhosen sein? Ich fand sie bald, war aber enttäuscht; denn sie waren kaputt. Ich beschloss, gleich am Montag in den Laden zu gehen, um neue zu kaufen. Es würde uns bestimmt gut tun, einen kleinen Stadtbummel zu machen. Ich hatte sowieso vorgehabt, in den folgenden Tagen bei "Baby's Second Hand" vorbeischauen, ob es nicht für Anna ein paar neue Sachen gab.

Ich fand ein paar wirklich schöne Sachen. Dann gingen wir noch kurz ins Kaufhaus in die Strumpfabteilung. Anna war nicht mehr so guter Laune und fing an, unruhig zu werden. "Na, ein paar neue Strümpfe und eine Strumpfhosen für die Mutti? Heben Sie den Bon auf, falls es doch nicht die richtige Größe ist, Männer verschätzen sich oft". Die Verkäuferin steckte alles in eine Tüte, "schönen Dank für Ihren Einkauf".

Zirola - Teil IV

Zirola - Teil VI