Der Arzt werkelte an ihr herum, "wir müssen etwas nähen, aber das tut nicht weh". Das Bett war nass und unansehnlich - wie ein Schlachtfeld.

Zirola bekam das Kind an die Brust gelegt.

Fast hätte ich es vergessen - schnell nahm ich den Fotoapparat und machte ein paar Aufnahmen.

Zirola wollte ein paar Stunden in der Klinik bleiben. Ich sollte sie und unser Kind am nächsten Tag nach Hause holen. Der Arzt bestätigte noch einmal, dass Mutter und Kind wohlauf waren. "Sie haben eine gesunde Tochter - und Ihre Frau wird sich rasch erholen", sagte der Arzt, "wie soll sie denn heißen?"

"Anna", rief Zirola aus ihrer Ecke, "nach meiner Oma". "Ja", sagte ich, "Anna".

Ich verabschiedete mich von Zirola und unserer kleinen Tochter und machte mich auf den Weg. Ich sollte noch bei Zirolas und meinen Eltern vorbeifahren und alles erzählen - und ich wollte noch die Fotos entwickeln.

Als ich endlich wieder zuhause eintraf, klingelte das Telefon - und blieb bei. Die Freunde von unserer Motorradrunde hatte und so schnell davonfahren gesehen und waren nun neugierig. Ich erzählte alles. "Dann musst Du gleich in die Blechbüchse kommen und kräftig einen ausgeben", sagte Jens, "das ist doch wohl Ehrensache".

Fast war ich schon versucht, der Verlockung nachzugeben, aber irgendetwas hielt mich zurück. "Das holen wir die nächsten Tage nach", sagte ich, "heute bitte nicht!" Mein Kumpel war zwar etwas enttäuscht, aber sah es dann doch ein, dass ich keine Lust hatte.

Ich war etwas unruhig. Schlafen konnte ich nicht richtig. Ich war wie aufgeputscht, voller Glück, aber auch voller Fragen, sehr bewegt. Irgendwann muss ich doch eingeschlafen sein.

Mitten in der Nacht wurde ich vom Telefon geweckt. Jemand vom Krankenhaus war dran. Wie von Ferne drang es an mein Ohr: "Komplikationen wegen einer Verletzung ...lebensbedrohlicher Zustand - sofort kommen!". Ich zog mich flüchtig an, dann saß ich schon im Auto und raste los. Der Motor jaulte gequält in hohen Drehzahlen. In Rekordzeit hatte ich das Krankenhaus erreicht. Im Laufschritt rannte ich nach oben auf die Station. Ich brauchte nicht zu klingeln; eine Schwester war durch die Glastür zu sehen und kam sofort auf mich zu.

Sie bat mich in das Besprechungszimmer der Ärzte. Der Arzt, den ich schon bei der Geburt zu Gesicht bekommen hatte, blickte mich mit ernster Miene an, stand dann auf und gab mir die Hand. "Es tut mir leid, wir konnten nichts mehr für sie tun, ich muss Ihnen das leider so mitteilen".

Mir wurde ganz anders, "was denn, unser Kind ist tot?". Und wie geht es meiner Frau, weiß sie es schon?

"Nein", antwortete der Arzt, "nicht Ihr Kind, Ihre Frau ist verstorben. Es tut mir aufrichtig leid. Während der Geburt ist eine alte Verletzung aufgebrochen, das war für uns nicht feststellbar. Wir haben alles versucht, aber..." Die restlichen Worte verschluckte er, musste selbst mit seinen Emotionen kämpfen.

Es war, als hätte mir jemand den Boden unter den Füßen weggezogen und mir gleichzeitig die Faust in den Magen geschlagen. Mir war schlecht, mir war ganz schummrig, ich war wütend, ich war unendlich traurig, als ich es in Milimeterschritten realisierte. "...aber das kann doch gar nicht sein!", hörte ich mich selbst sagen, - nein, es ist nicht wahr!"

Die grausame Wahrheit war: es war doch wahr und unumstößliche Tatsache. War ich noch Stunden zuvor auf dem Gipfelpunkt der Glückseligkeit gewesen, stürzte ich hernieder in eine schreckliche Wirklichkeit. Ich war alleine mit einem kleinen Kind.

"Sollen wir noch jemanden benachrichtigen?" Die Stimme der Schwester kam von weit her. "Nein, das mache ich, wann kann ich das Kind nach Hause holen?"

Wenn die Versorgung des Kindes gewährleistet ist, können Sie es morgen nach der Abschlussuntersuchung holen. Wir machen aber dem Jugendamt Meldung; sicherlich müssen Sie recht bald dort vorsprechen, wie es mit dem Sorgerecht sein wird".

"Wenn Sie ihre Frau noch einmal sehen wollen...", die Schwester packte mich wie einen Boxer kurz nach einem KO am Arm und führte mich in einen Behandlungsraum. Da lag sie, als würde sie schlafen. Tränen liefen mir über das Gesicht. Der Raum verschwamm zu einem undeutlichen Gebilde. Zirola lag da, als würde sie lächeln.

Ich musste raus, musste meinen Schmerz hinausschreien.

Taumelnd erreichte ich den Parkplatz und setze mich ins Auto.

Ich steuerte unseren Wagen zum Küstenweg, hielt direkt am Wasser an. Keine Menschenseele, kein Haus, kein Auto in der Nähe. Drüben auf der anderen Seite der Förde ein paar Lichter - weit weg.

Ein Stück entfernt führte ein Weg eine Klippe hinauf. Dort war ich mal mit dem Motorrad gewesen. Als Abschluss des Weges befand sich dort ein kleiner Parkplatz, schließlich eine Bank mit wunderschöner Aussicht auf das Wasser und ein etwas hinfälliger Zaun, versehen mit einem Schild, das vor der Gefahr eines Absturzes warnte. Ich überlegte, welche Geschwindigkeit ich bis oben erreichen würde, wenn ich das Auto voll beschleunigen würde. Da könnte ich doch, wenn ich genügend schnell war - und dann wäre ich bei Zirola.

"Nein", schrie ich in einer Lautstärke, über die ich selbst erschrak.

Da hörte ich in der Nähe schlurfende Schritte - und ein blechernes Gepolter. Ein Angler, den ich vorher nicht gesehen hatte, kam und stellte seinen Eimer, den er wohl für die Fische, die er zu fangen gedachte, bereitgehalten hatte auf den Boden. "Ich hoffe, das hat Dir gut getan", sagte er grummelnd, "dann war mein Schreck nicht umsonst". Dann stapfte er davon, ohne dass ich noch etwas sagen konnte.

Ich fühlte mich etwas freier.

Es war früh am Morgen. Es fiel mir schwer, aber ich war nun halbwegs bereit, zu Zirolas Eltern zu fahren. Das Zusammentreffen war natürlich erschütternd, obwohl sie als sehr praktische Menschen in erster Linie daran dachten, was aus dem Kind werden würde. Sie boten mir jegliche Hilfe an - und das waren sicherlich keine leeren Worte.

Am späten Vormittag musste ich zum Standesamt fahren und das Kind ordnungsgemäß anmelden, das hatten mir Hebamme und Arzt eingeschärft.

"Herzlichen Glückwunsch", empfing mich die Sachbearbeiterin und nahm mir die Papiere ab, die mir die Hebamme mitgegeben hatte. Wie in Trance ließ ich die ganze Zeremonie über mich ergehen. "Name?" Ich nannte meinen Namen. "Nein, nicht Sie, das Kind".

"Anna!". "Weitere Vornamen?"

Ich schluckte einen Moment, dann "Zi- nein, Carola".

"Gut", sagte die Standesbeamtin, "sehe ich das richtig, der Vorname lautet Anna Carola?"

"Ja", sagte ich, "das ist richtig". Ich musste unterschreiben und 5 Mark bezahlen, dann erhielt ich die Geburtsurkunde in mehrfacher Ausführung. Ich wurde belehrt: "... die eine ist für die Taufe".

Ich fuhr ins Krankenhaus, um Anna abzuholen. Die Hebamme half mir, sie in den tragbaren Babysitz zu legen, den ich später im Auto auf der Rückbank anschnallte. "Sie müssen sich unbedingt beim Jugendamt anmelden", gab sie mir mit auf den Weg, "und morgen komme ich um 10 Uhr zur geburtlichen Nachsorge".

Ich fuhr mit meiner Tochter heim. Sie schlief. Die Hebamme hatte mir noch eine Packung Babynahrung fürs Fläschchen mitgegeben und mir den Gebrauch erklärt. Sie schärfte mir ein, dass ich mich dringend an die Dosierung halten sollte, nicht zu heiß füttern (Wangenprobe) und dass es das Produkt in jeder Apotheke geben würde.

Kaum zuhause angekommen, klingelte schon das Telefon - und das blieb den ganzen Tag so. Das konnte ich nicht aushalten. Ich reaktivierte meinen alten Anrufbeantworter, den ich eigentlich nicht mehr benutzen wollte und sprach lediglich darauf, dass wir nicht erreichbar wären. Als ich die dritte Nachricht lautstark mithörte, dass jemand "alles Gute für Mutter, Vater und Kind" wünschte, schaltete ich die Aufzeichnungsfunktion aus. Also keine "Nachricht nach den Piep".

Anna wurde wach. Es dauerte nicht lange und sie begann zu schreien, erst leise und etwas kläglich, dann immer lauter. Es wurde Zeit für die erste Fütterung. Ich bereitete die Flasche, wie die Hebamme es mir eingeschärft hatte. Wangenprobe: "noch zu heiß!"

Kaltes Wasser laufen lassen, Flasche darunterhalten. Wangenprobe: "schon besser". Flasche schütteln, nochmals Wangenprobe: "doch noch etwas zu heiß". Anna schrie, übertönte den lauten Wasserhahn beträchtlich. Erneute Wangenprobe: "stimmt, alles ok". Ich suchte mir einen festen Stuhl und nahm Anna in den Arm, wie ich es gelernt hatte. Erst wollte sie nicht trinken, aber als ich einen Tropfen herauslaufen ließ und sie schmeckte, begann sie doch zu saugen und trank. Sie trank eine gute Portion - das entsprach sogar der Menge, die mir als "normal" genannt worden war.

Ich legte Anna an und streichelte sanft ihren Rücken, bis das berühmte "Bäuerchen" kam. Ich war richtig stolz.

Kurz darauf begann Anna wieder zu schreien. Das konnte eigentlich nur bedeuten, dass nun die Windel gewechselt werden sollte. Wir hatten uns vorgenommen, Baumwollwindeln mit einer Einlage zu verwenden. Ich öffnete die Einwegwindel, die sie noch vom Krankenhaus hatte. "Voll bis obenhin".

Wie war das nochmal mit dem Knoten der Baumwollwindel? Das wollte ich dann doch lieber erst einmal in Ruhe lernen und nahm nach der Säuberung mit Öl und einem weichen Papiertuch eine der 3 Einwegwindeln, die das Krankenhaus mir als Probe mitgegeben hatte. Da ich oft zum Vorbereitungskurs mitgewesen war, "saßen" die Handgriffe, nur dass ein richtiges Kind etwas beweglicher ist als die Puppe, die ich bisher gewickelt hatte.

Da der Strampler auch nass war, so musste ich alles neu anziehen. Wie gut, dass in der Wickelkommode alles vorhanden war. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich fertig war. Wie praktisch, dass sich über der Wickelkommode eine Wärmelampe befand, so musste ich keine Sorge haben, dass es für Anna zu kalt werden würde.

Auch als ich sie endlich fertig angezogen hatte, war sie immer noch unruhig. Ich legte mich aufs Bett und Anna auf meine Brust. Weil ich einen etwas kratzigen Pullover trug, brauchte ich etwa weiches. Da entdeckte ich Zirolas Nachthemd, das sie in den letzten Tagen getragen hatte. Es war weich, weit geschnitten und mit kleinen Stickereien versehen. Das nahm ich als Unterlage. Anna schien es sehr zu gefallen. Sie schlief ein. Ich traute kaum, mich zu bewegen. Wie ich da so regungslos lag, schlief auch ich bald ein.

Wach wurde ich, als Zirolas Mutter kam. Sie wollte gucken, wie es ging und brachte etwas zu Essen für mich mit. Das war nett, aber ich hatte wenig Hunger. Ich sprach mit ihr erst einmal über die praktischen Dinge; es ist ja auch viel leichter, darüber zu reden als über Trauer und andere Gefühle. "Das mit den Baumwollwindeln würde ich mir nicht antun", meinte sie, als sie einen Blick in die Wickelkommode warf "ich fahre nachher in den Drogeriemarkt und bringe Dir eine Großpackung Einwegwindeln vorbei, brauchst Du noch mehr?"

Ja, Flaschennahrung konnte ich gebrauchen aus der Apotheke. Auch die wollte sie besorgen - und vielleicht einen Beruhigungsnuckel. Sie verschwand und war eine halbe Stunde später mit den Sachen wieder da. Sie hatte mir sogar eine Zeitung mitgebracht und gab sie mir mit den Worten "ich weiß nicht, ob Du dazu kommst..."

Inzwischen war Anna wieder wach geworden, hatte Hunger und schrie. Das zweite Fläschchen war schnell fertig und abgekühlt. "Darf ich?" Natürlich durfte sie. Liebevoll hielt sie Anna im Arm und fütterte sie mit der Flasche. Dabei sang sie ein Lied, das sie wohl auch schon Zirola vorgesungen hatte. Es war irgendwie ein bewegender Moment und ich holte die Kamera, um ein Foto ohne Blitz zu machen, um diesen Augenblick festzuhalten.

Danach wurde wieder die Windel gewechselt. "Ich sehe schon, das kannst Du ganz gut", sagte sie fast mit einem Lächeln, "schön, dass das heutzutage auch Männer machen, meiner hätte das damals bestimmt nie gemacht".

Sie musste los. Ich war wieder allein mit Anna. Es war ein Gefühl von Verlassenheit und Schmerz, fühlte ich mich nun in den tiefsten Niederungen des menschlichen Lebens. Ich hatte immer gedacht, dass nicht passieren wird, was einfach nicht passieren darf.

Es klingelte. Es war die Hebamme. Sie machte einen geschäftigen Eindruck. Da Anna schlief, machte sie erst einmal einen Gang ins Kinderzimmer. Sie schien aber alles in Ordnung zu finden - ich hörte keinen Kritikpunkt.

"Na, wie heißt Du noch mal?", sagte sie und wandte ich dem Kind zu. "Anna", sagte ich, "Anna Carola".

Die Hebamme machte allerlei Untersuchungen, deren Sinn ich nicht vollständig verstand. Sie versuchte aber, mir alles so gut wie möglich zu erklären. Als sie Anna in den Fuß piekte, um Blut abzunehmen, litt ich mit, so jämmerlich, wie Anna weinte.

Die Hebamme trug eine Reihe von Messwerten in das Vorsorgebuch ein. Es war alles zufriedenstellend - ja nicht nur besser als zufriedenstellend, sondern richtig gut. "Sie können froh sein, alles wie es sein soll", sagte sie.

"Eigentlich ist jetzt noch etwas Zeit für die Mutter vorgesehen", sagte sie etwas verlegen, flüsterte sie fast, "was machen wir nun?"

"Wir können einen Tee trinken", antwortete ich, "und den Rest der Zeit heben Sie bitte auf; vielleicht brauchen wir in den nächsten Tagen für Anna etwas länger". Sie war damit einverstanden. Unseren Tee tranken wir fast schweigend.

Zirola - Teil V