Zirola
Zuhause angekommen, konnte ich es kaum erwarten, die neuerworbenen Strümpfe auszuprobieren. Als Anna abends im Bett war und schlief, gönnte ich mir zuerst ein kleines Badefest. Ich stellte einige Kerzen auf den Badewannenrand und nahm ein Glas Sekt mit in die Wanne. Die Musik in dem kleinen Badradio traf fast genau meinen Geschmack. Feiner, wohlriechender Schaum hüllte mich ein. Es wäre schön gewesen, nicht allein zu baden. Ich dachte an Corinna - und dann wieder an Zirola.
Das Wasser kühlte sich ab. Ich ließ heißes Wasser dazulaufen. Durch die platzenden Schaumwolken hindurch betrachtete ich meine Beine. Die feinen Haare bewegten sich schwebend wie Unterwasserpflanzen. Zirola hätte mir sicherlich zu einer Rasur geraten. Warum nicht? Ich hatte zwar nur noch einige Einwegrasierer, aber zur Not sollte das damit auch gehen. Da ich keinen Rasierschaum hatte, nahm ich Haarwaschmittel, um Schaum zu erzeugen. Es ging überraschend gut, mit wenigen Bewegungen hatte ich mit dem Einwegrasierer schön glatte Beine gezaubert. Zirola wäre stolz auf mich gewesen. Nach dem Abtrocknen und Eincremen zog ich den Bademantel über und setze mich in die Küche; ich schenkte nach, der Sekt war noch kalt.
Im Schlafzimmer riss ich ungeduldig die Strumpfpackung auf und nahm die neuen Strümpfe in die Hand. Ich rollte sie auf, wie ich es von Zirola gelernt hatte. Dabei merkte ich, dass meine Hände wiederum rauer waren als meine Beine. Es war, als würden sich wieder die feinen Maschen an meinen rauen Händen verhaken. Es gelang mir aber, die Strümpfe anzuziehen, ohne dass ich sie beschädigte. Ich stellte mich vor den großen Spiegel. Es gefiel mir, was ich sah. Doch dann musste ich plötzlich wieder an Frau Obermaier denken. Panisch blickte ich zu den Fenstern, aber Gardinen und Vorhänge waren akkurat vorgezogen. Von draußen würde man nichts sehen können. Trotzdem machte es mich wütend, dass ich meinen Gefühlen gefolgt war. Schnell zog ich die Strümpfe wieder aus. Und um nicht in die Gefahr zur geraten, sie wieder anzuziehen, riss ich sie in Stücke und steckte sie in den Mülleimer. Schließlich kippte ich noch den vollen Kaffeefilter darauf und den Rest vom Kartoffelbrei, den wir mittags nicht aufgegessen hatte.
Die Strumpfhose, die noch vollständig eingepackt war, versteckte ich in der hintersten Ecke des großen Kleiderschranks.
Dann bezog ich das Bett neu und legte mich unzufrieden hin. Diese Attacke hatte ich überstanden: die Strümpfe lagen zerrissen und dreckig im Mülleimer.
Kurze Zeit später dachte ich jedoch wieder an das angenehme Gefühl, das mir solche Strümpfe und Frauenkleidung überhaupt früher verschafft hatten. Zärtlich strich ich über meine frisch rasierten und duftend eingecremten Beine. In meinem Kopf entwickelte sich eine Diskussion. Ich hatte gute Gründe, das zu tun, was eigentlich mein brennender Wunsch war, andererseits musste ich alles vermeiden, was das Jugendamt auf den Plan rufen konnte. Anna wollte ich auch nicht verletzen oder durcheinanderbringen.
So ging ich mit mir selbst einen Kompromiss ein. Ich wollte zunächst auf Strümpfe und Röcke verzichten und später, falls ich immer noch den Wunsch verspüren sollte, gelegentlich mit dieser Praxis fortsetzen. Mit diesem gefundenen Schlusspunkt in meiner Diskussion konnte ich gut leben und einschlafen.
Schließlich gab es auch noch anderes zu regeln und zu bedenken.
Die Kirchengemeinde hatte mir geschrieben, dass sie Verständnis für meine Situation hätte, ich aber nun "so langsam wieder voll in den Arbeitsprozess einsteigen sollte".
So begann ich meine reguläre Arbeit in der Familiengruppe und durfte Anna mitnehmen. Es gab 3 Kinder in ihrem Alter, die anderen waren so alt wie die Kinder, die ich bisher betreut hatte.
Es lief gut; die Zusammenarbeit mit der Kinderpflegerin machte Spaß und brachte uns beiden etwas - und hoffentlich auch den Kindern.
Weiterhin hielt ich Kontakt zur Müttergruppe und unternahm besonders mit Corinna und ihrem Kind eine ganze Menge. Obwohl wir uns sehr mochten und ich sie auch körperlich sehr anziehend fand, kamen wir uns nie völlig nahe. Ich war wohl noch etwas unbeholfen - oder begriff die Zeichen nicht, die doch eigentlich so deutlich waren?
Einmal war ich mit Corinna auf einer Konzertveranstaltung und anschließend noch in einer Kneipe, weil wir Hunger und Durst hatten. Unsere Kinder waren bis zum nächsten Vormittag zuverlässig untergebracht. Anna war bei ihrer Oma und Corina's Kind war bei einer guten Freundin. Nach dem Essen redeten wir - und rauchten. Ein - zwei Bier - eine angenehme Schwere, die uns vor den Alltagssorgen abpolsterte, gleichzeitig eine Leichtigkeit, die die Worte aus uns fließen ließ - und uns empfänglich für Zärtlichkeiten werden ließ. Corinna wurde mir immer sympathischer. Ich roch an ihren Haaren, sie schmiegte sich an mich. Ich legte meine Hand auf ihre Beine und bedauerte, dass sie Jeans trug. Gern hätte ich ihre nackten Beine oder Strümpfe gefühlt. Es wurde Zeit. Wir fuhren mit dem letzen Bus zurück. Ich brachte sie noch nach Hause. Sie: "willst Du noch mit reinkommen?"
Ich: "nein, ich muss langsam nach Hause, ich muss morgen früh Anna abholen", schwindelte ich.
Corinna schien enttäuscht, ich auch - über meine eigene Reaktion. Warum eigentlich nicht? Doch es war zu spät. "Gute Nacht". Sie hauchte mir noch einen Kuss auf die Wange, dann war sie schon an der Haustür und schloss auf. Sie winkte noch einmal; dann war sie schon im Treppenhaus verschwunden. Donnernd fiel die Haustür ins Schloss - und rief mich in die Wirklichkeit zurück. Was war ich nur für ein Blödmann!
Der Lauf nach Hause in schnellem Tempo machte meine Gedanken wieder freier. Ich legte mich ins Bett und schlief, bis Anna morgens von ihrer Oma gebracht wurde.
Weihnachten stand bevor. Wir feierten bei meinen Eltern und bei den Schwiegereltern. Silvester - alleine mit Anna. Mein Geburtstag, ein paar Tage später sollte richtig gefeiert werden. Warum nicht eine Fete in unserem Haus? Jeder sollte etwas mitbringen. Die Gäste, eine bunte Mischung: Eltern aus dem Kindergarten, einige aus der Müttergruppe, Motorradfreunde...
Ich war ein wenig stolz. Alle, die ich eingeladen hatte, waren gekommen. Es war eine angenehme Fete - und wir hatten viel Spaß. Jeder hatte etwas mitgebracht. Es gab mehr als genug zu essen und zu trinken.
Eine Mutter aus meinem Kindergarten ging allerdings recht früh; denn sie war hochschwanger und schon nach kurzer Zeit müde. Ihr Mann, Otto, blieb noch und schien sich bestens zu amüsieren. Zwar hatte er an meiner Musikanlage etwas zu kritisieren, seine war "wesentlich besser, ein Referenzmodell, das in der letzten Stereozeitschrift eine Auszeichnung bekommen hatte" (wie er dozierte), aber insgesamt gefiel es ihm so gut, dass er fast bis zum Schluss blieb.
Die Runde der letzten Acht. Wir hatten reichlich dem Wein zugesprochen, aber nicht zu reichlich. Irgendwie hatte ich insgeheim gehofft, Corinna würde über Nacht bei mir bleiben, aber Otto sagte zu meiner Überraschung: "Corinna und ich fahren noch zu Karin, die heute Geburtstag hat, schließlich ist es ja schon weit nach Mitternacht - und Dein Geburtstag ist eigentlich vorbei; war schön hier". Schon hatten sich beide angezogen und waren verschwunden. Sie wollten also noch zu Karin. Sie war eine Mitarbeiterin, die beide Kreise recht gut kannten. Sie leitete im Mütterkreis einen Entspannungskursus - und hatte auch ein kleines Motorrad. Motorrad war schon fast geschmeichelt; denn eine Honda Dax war sehr klein. "Dein Nummerschild ist größer als der gesamte Rest der Maschine", zogen wir sie oftmals auf.
Meine letzten Gäste verließen mich. Ich räumte noch etwas auf und legte mich dann schlafen, leider allein. Meine Hoffnung hatte sich nicht erfüllt. Sonntag war ein guter Tag zum Ausruhen. Es regnete den ganzen Tag, sodass ich kein schlechtes Gewissen haben musste, dass wir im Hause blieben. Montag wachte ich mit dem Gefühl auf, als würde mir etwas fehlen, ein Tag, ein paar Stunden? Ein unbestimmtes Gefühl der Unzufriedenheit. Trotzdem raffte ich mich einigermaßen auf. Wenn man den Kindergarten betrat, war gleich links die Küche. Ich begrüßte unsere Köchin, die in ihrem weißen Kittel schon fleißig Gemüse schnippelte und nahm mir einen großen Topf Kaffee mit, als ich in meine Gruppe ging.
"Na, schönes Wochenende gehabt?" fragte die Köchin - und setzte fort, ohne eine Antwort abzuwarten: "Du bist mal wieder dran mit Kaffegeld!"
"Ja, ich habe dran gedacht", murmelte ich nur, "ich komme nachher noch einmal".
Ich musste meine Kinder rufen, die in der Frühdienstgruppe gewesen waren. Auch sie schienen ein Montagsgefühl zu haben - es dauerte lange, bis endlich alle bei uns in der Gruppe eingetroffen waren. Die Kinder beschäftigten sich halbwegs ruhig, sodass ich mir den Morgenkaffee gönnen konnte. Meine Gedanken waren noch beim Wochenende. Auf einmal stürmte Otto in den Raum. Schon an der Tür begann er zu rufen "Du bist schuld, Du bist schuld!".
Das konnte ich überhaupt nicht einordnen. Ich schuld? Woran? Er setzte sich zu mir an den Tisch und seine aufgesetzt selbstbewusste Art zerfiel. Er erzählte mir, dass er und Corinna sich nach meiner Fete und beim Besuch bei Karin sehr nahe gekommen waren, so nahe. dass sie anschließend Corinna im Bett gelandet waren.
"Und Deine Frau?" fragte ich. "Die sitzt zuhause und heult", entgegnete er, "es ist aus. Ich wollte das Kind nicht. Sie hat die Pille abgesetzt, ohne es mir zu sagen. Dabei hatte ich ihr ausführlich dargestellt, dass ich mich um meinen Beruf kümmern will, schließlich bin ich 4 Jahre wegen unseres Sohnes zuhause gewesen, als meine Frau sich um Ausbildung um Karriere kümmern konnte".
Darüber konnte und wollte ich nicht richten, dazu konnte ich nicht viel sagen. Irgendwie fand ich schon immer beide recht sympatisch.
Außer meinem Mitgefühl seiner Frau gegenüber spürte ich meine Enttäuschung darüber, dass Corinna nicht bei mir geblieben war.
Endlich ging Otto und ich konnte zur Tagesordnung übergehen. Den Vormittag überstand ich ganz gut. Ich war froh, dass ich mit einer Kollegin zusammenarbeitete, mit der ich mich fast wortlos ergänzte. Mal war sie die leitende Person in unserer Gruppe und mal ich. Auch mit den jüngsten Kindern und deren Pflege wechselten wir uns hervorragend ab.
Das wohlschmeckende Mittagessen war eine angenehme Abwechslung an diesem schrecklichen Tag. Danach durfte ich in den Schlafraum gehen und den Mittagsschlaf der Kinder beaufsichtigen. Meine inzwischen gewonnene Erfahrung kam mir zugute. Ich konnte den Kindern gut Geschichten erzählen, sodass die meisten danach tatsächlich einschliefen oder zumindest ruhig waren - Gelegenheit für mich, auch ein wenig wegzudämmern - kein Vergleich mit der Praktikantenzeit, in der der Schlafdienst in meinem ersten Kindergarten immer sehr stressig war.
Nach dem Ausruhen gab es immer eine "Kaffeetrinken-Runde". Es gab Milch und Kakao, Obst und die übriggebliebenen Brote vom Frühstück. Danach wurden die meisten Nachmittagskinder abgeholt. Nur ganz wenige blieben bis zum Schluss.
Ottos Sohn war noch da. Das war ungewöhnlich; denn meistens wurde er jeden Tag bis 3 Uhr abgeholt. Ich wartete auf Otto, wollte ihn noch etwas fragen, aber er kam nicht, sondern seine Frau. Ihrem Gesicht sah man schon von weitem an, dass sie viel geweint hatte. Ich brauchte sie gar nicht anzusprechen, schon als sie mich sah, ging es wieder los. Sie schluchzte - und Tränen liefen ihr über das Gesicht. Obwohl es natürlich keine Lösung für die Probleme gab, habe ich behutsam mir ihr gesprochen. Sie stabilisierte sich im Laufe der nächsten Tage und Wochen. Otto zog bei ihr aus und sie konnte ihren Alltag neu organisieren.
Als Anna 3 Jahre alte wurde, wechselte sie in einen Nachbarkindergarten. Das war auch ganz gut, um ihr eine eigenständige Entwicklung zu ermöglichen. Erst tat sie sich etwas schwer, schließlich waren wir bis zu dem Zeitpunkt fast Tag und Nacht zusammen gewesen. Bald darauf fand sie eine Freundin im gleichen Alter. Die beiden verabredeten sich häufig und sind sogar heute noch oft zusammen.
Mein Schwiegervater wurde immer hinfälliger und ist gestorben, noch bevor Anna eingeschult wurde.
Anna und ich guckten uns oft die alten Fotos an. Die "speziellen" Fotos habe ich natürlich gesondert aufgehoben. Seit der Sache mit dem Jugendamt habe ich mich jahrelang ziemlich zurückgehalten mit dem Tragen weiblicher Kleidung. Obwohl es mich oft gereizt hat, mal wieder die Sachen anzuziehen, habe ich es mir meistens verkniffen. Als Anna eine Übernachtung in ihrem Kindergarten hatte, machte ich mal wieder einen Verkleidungsabend, ganz für mich. Dabei hatte ich gleich wieder ein gutes Gefühl, alles passte noch, als hätte ich es erst gestern angehabt. Ich zog einen Rock an; damit hatte es angefangen. Die halterlosen Strümpfe, die ich vor Jahren mal nachkaufte, weil ich die anderen fast unbenutzt in die Mülltonne geworden hatten, waren leider inzwischen kaputt. Ich setzte mich in die Küche und zündete ganz viele Kerzen an. Das Licht flackerte und zeichnete einen bewegten Schatten an die Wand. Ich stellte den CD-Player an; Platten hatte ich fast keine mehr. So hatte ich auch mit Zirola hier gesessen, als ich das erste Mal einen Rock anzog.
Ich öffnete das Fenster und zündete mir eine Zigarette an. Der Rauch stieg auf und bewegte sich auf das Fenster zu, um dann draußen in der Dunkelheit zu verschwinden. Ich sah ihm lange nach. Dabei trank ich ein Gläschen Wein und dachte an Zirola.
In regelmäßigen Abständen gingen Anna und ich auf den Friedhof "Mama-Mama besuchen", wie Anna sagte. Und mich hielt sie lange Zeit für einen "Mamavater", weil ich doch beides für sie war. Als sie schreiben konnte, fing sie an, an ihre Mutter Briefe zu schreiben. Diese legte sie bei Vollmond auf die Fensterbank. "Dann hat Mama Licht zum Lesen".
Viel zu schnell durchlief sie die Kindergartenzeit und wurde eingeschult. Beim Schultütenbasteln war ich der einzige Mann, ansonsten waren nur Frauen da. Mit einer alleinerziehenden Mutter befreundete ich mich etwas und wir unternahmen häufig etwas mit den beiden Kindern.
Auch die Grundschulzeit verlief wie im Fluge.
Eines Tages fand Anna die ganzen Anziehsachen von Zirola. Die meisten passten ihr natürlich nicht. Sie wollte aber trotzdem mit mir verkleiden spielen. So musste ich die Sachen anziehen, die Anna zu groß waren. Sie konnte lediglich etwas Schmuck und eine Handtasche gebrauchen.
Sie fand auch einige Flaschen Nagellack, aber die waren eingetrocknet. Ich musste ihr jedoch versprechen, neuen zu kaufen. Das machten wir am nächsten Wochenende. Wir probierten verschiedene Farben aus. Als ich am Sonntagabend alles wieder entfernen wollte, meinte sie, "lass doch, auch Männer können das haben". So fing ich wieder regelmäßig damit an.
Vor ein paar Jahren wurden wir eine Wohngemeinschaft. Meiner Schwiegermutter wurde es in ihrem Haus zu einsam. Sie wollte es verkaufen, aber es dauerte lange, bis sie endlich einen geeigneten Käufer fand. Ein Teil des Geldes wurde verwendet, um unser kleines Haus ein wenig umzubauen und zu renovieren. Dann zog sie eines Tages bei uns ein.
Mir war es recht. Sie ist verträglich, verstand und versteht sich gut mit Anna - und wir hatten keine Längeweile. Ich konnte mich beruflich mehr engagieren; denn für Anna war immer jemand im Hause.
Jahre vergangen - Anna besucht nun die Abschlussklasse der Realschule und hatte ein sehr gutes Zwischenzeugnis. Sie wird auch einen guten Abschluss machen. Sie hat die Motorenbegeisterung und noch vieles mehr von ihrer Mutter geerbt. Gleich mit 15 machte sie den Mofa-Schein und ist häufig mit ihrem Freund unterwegs. Wir verstehen und immer noch sehr gut.
Ich habe mir wieder ein Motorrad gekauft. Inzwischen male ich mir die Fuß und Fingernägel wieder regelmäßig an und trage gern Frauenkleidung. Anna teilt diese Leidenschaft. Freunde und Bekannte haben sich daran gewöhnt. Inzwischen entferne ich den Lack nur noch zu ganz ernsten Anlässen.
Zirolas Sachen haben wir weggegeben. Anna hat sich ein paar Erinnerungsstücke aufgehoben. Die Wiege haben wir auch noch - falls Anna sie mal braucht.
Als der ganze große Kleiderschrank so leer wurde, hatte ich viel Platz für mich. Meine wenigen Anziehsachen belegten nur einen kleinen Teil. So kaufte ich mir hin und wieder etwas für die andere Seite, etwas, das Zirola auch gefallen hätte. Nach vielen Jahren im Kindergarten nahm ich meinen Abschied und konnte mich selbständig machen. Meine Fotoleidenschaft konnte ich mit fotografischen Dienstleistungen zu meinem Beruf machen. Ich gründete eine kleine Fotoagentur.
Die Außentermine erfordern eine lange Vor- und Nachbereitungszeit, die ich im Labor hier im Hause verbringe oder am Computer. So kann ich mich im Großen und Ganzen geben so wie ich bin - teils Mann teils Frau.
Anna habe ich es natürlich erzählt; denn sie kommt manchmal unverhofft früher nach Hause, weil in der Schule etwas ausgefallen ist. Sie akzeptiert das. Wir haben uns schon immer viel ausgetauscht und über Wünsche und Empfindungen gesprochen. Deshalb ist es mir auch nicht schwer gefallen, ihr das zu erzählen. Weil ich das nun auch nicht mehr verbergen muss, gehe ich recht offen damit um. Frau Obermaier ist inzwischen auf Rente. Den Nachfolger lernte ich als offenen Menschen kennen, der mich zu meiner Tochter beglückwünschte. Er trägt Jeans, hat die Haare gefärbt und hat einen Ohrring. "Cool", sagt Anna dazu. Die Zeiten haben sich wohl auch im Jugendamt geändert.
Ich trage nicht nur drinnen einen Rock, sondern reglmäßig auch draußen. Nachbarn und Feunde haben sich daran gewöhnt, höre ich doch nie direkt irgendwelche negativen Äußerungen. Sicherlich haben sie sich darüber unterhalten, wenn ich nicht dabei war, aber es wird über Jede und Jeden geredet. Das ist einerseits sehr ungut, weil nur Klatsch und Tratsch. Andererseits falle ich zwischen den ganzen Unzulänglichkeiten der anderen nicht besonders auf.
Eines Tages kam schon vormittags jemand aus der Motorradgruppe. Jan war erst relativ spät in die Gruppe, die nun schon fast 20 Jahre bestand, dazugekommen. Wir hatten uns ein paar Mal unterhalten; er machte einen netten Eindruck. Wir hatten sogar ein weiteres gemeinsames Hobby, das Elektronikbasteln und Funken.
Etwas umständlich stellte Jan sein Motorrad ab, übertrieben lange brauchte er zum Absetzen des Helmes - und klingelte dann. Ich hatte ihn schon gesehen, weil ich von meinem Schreibtisch einen guten Blick nach außen habe und meistens entdecke, wenn jemand kommt. Ich ging eilig hin und öffnete sofort nach seinem Klingelzeichen die Tür, was ihn etwas erstaunte.
"Können wir zusammen einen Kaffee trinken?" fragte er. "Na klar".
Er zog seine Schuhe aus und kam ins Haus. Er guckte auf meinen Rock, sagte aber nichts dazu. Dann: "meine Firma hat dichtgemacht, alle wurden entlassen!"
"Mist", entgegnete ich, "warst Du schon beim Arbeitsamt?"
Dort war er schon gewesen. Die wollten sich in einigen Tagen wieder bei ihm melden. "Und was kann ich für Dich tun?" Der Kaffee war inzwischen fertig.
Er brauchte etwas länger für die Antwort und druckste etwas herum.
Bisher hatte er sich an der Hausarbeit recht wenig beteiligt. Nun hatte man aber die Stelle seiner Frau aufgestockt und sie war den ganzen Tag außer Haus. "und nun bist Du dran", hatte sie ihm morgens gesagt, "heute zum Beispiel mit der Wäsche. Es ist schönes Wetter, dann kannst Du alles draußen zum Trocknen aufhängen - aber vorher die Wäscheleine saubermachen!". "Das kann ich nicht", hatte Jan seiner Frau noch gesagt, aber die meinte nur "dann lernst Du es eben!"
- und war zur Arbeit gegangen.
"Das ist nicht so schwer zu lernen", sagte ich zu Jan. Er wollte es sich aber trotzdem gerne zeigen lassen. "Könntest Du bitte?"
Nun gut, ich hatte an dem Vormittag nichts besonderes vor. Meine eigene Wäsche war schon in der Maschine und tobte sich in den mit Waschmittel gesättigten Fluten aus.
Ich zog mich an und wir fuhren mit unseren Motorrädern zu seinem Haus. In seinem Wäschekeller hatte er einen riesigen Haufen Wäsche errichtet. "Erst einmal sortieren", sagte ich, "die hellen Sachen extra, die dunklen, z.B. Jeans auch extra - und dann noch die Besonderheiten. Mit spitzen Fingern hielt ich ein sehr geschmackvolles, weißes BH-Hemd seiner Frau in die Höhe. Wenn das verfärbt, bekommst Du bestimmt Schwierigkeiten".
Das meiste war jedoch ganz normale Buntwäsche. Ich zeigte ihm, wie die Maschine zu beladen war, füllte Waschmittel hinein und etwas Weichspüler, der neben der Maschine stand und startete das Waschprogramm. Die richtigen Einstellungen waren auf der Innenseite der Waschmittelschublade abgebildet - so konnte auch bei seinen eigenen Versuchen eigentlich nichts schiefgehen. Ich zeigte ihm noch, dass bei den meisten Wäschestücken eine Waschanleitung auf einem kleinen aufgenähten Etikett steht. Und falls seine Frau die entfernt hätte, weil die manchmal kratzen, so sollte sie ihm sagen, welche Temperatur er wählen sollte.
Da er vorher tatsächlich noch nie Wäsche gewaschen hatte, war er froh, dass ich es ihm zeigte. So musste er sich nicht blamieren und bei seiner Mutter anrufen. Während die Maschine arbeitete, machte Jan Kaffee. Wir setzten uns in den Garten; es war angenehm warm. "Hat nicht nur Nachteile, wenn man tagsüber zuhause ist", meinte er.
Wir unterhielten uns noch ein wenig und das Gespräch plätscherte zunächst so dahin. Unvermittelt fragte er mich: "wie ist das mit den Röcken?"
Ich: "was?"
"Na, wie ist das, wenn man einen Rock anzieht, bist Du andersrum?"
Ich lachte und sagte ihm, das es sicherlich viele Gründe gibt, einen Rock zu tragen und dass es meiner Meinung nach nichts mit einer sexuellen Ausrichtung zu tun hat.
Das schien ihn zu beruhigen, aber ich konnte zunächst nicht erkennen, auf was er hinauswollte.
Das stellte sich dann doch noch heraus. Er hatte neulich etwas über Transvestiten in New York gelesen. Erst hatte der Artikel ihn nicht angesprochen und er wollte die Zeitschrift schon beiseitelegen, aber da die Wartezeit beim Zahnarzt ewig dauerte, las er den Artikel doch von Anfang bis Ende.
Er war ein wenig erschrocken darüber, dass er die Beweggründe der beschriebenen Leute gut nachvollziehen konnte. Er betrachtete die Fotos und fühlte sogar etwas wie Erregung in sich aufsteigen, als er sich ausmalte, wie es wäre, auch einmal Frauensachen anzuziehen. Als die Sprechstundenhilfe ihn in das Behandlungszimmer holte, guckte er ihr nicht - wie schon so oft - in den Ausschnitt, sondern war in Gedanken noch ganz bei den Fotos und Berichten.
Als er an diesem Morgen im Wäschekeller stand und den riesigen Wäschehaufen errichtete, bekam er zwangsläufig Anziehsachen seiner Frau in die Hand. Da keiner im Hause war und die Haustür von innen verschlossen, mit dem Eintreffen seiner Frau vor dem Abend nicht zu rechnen, zog er seine Sachen aus und einen Slip und ein Unterhemd seiner Frau an, was ihn sehr erregte. Er ging dann, nur in dieser Unterwäsche bekleidet nach oben und nahm sich aus dem Kleiderschrank seiner Frau ein Kleid und streifte es über. Nachdenklich betrachtete er sich im großen Spiegel des Kleiderschrankes. Er fand sich gut so, ihn stört nur die offensichtliche Beule in der Unterhose. Als er sich ein wenig beruhigt hatte und die Beule verschwand, gefiel er sich noch besser.
Trotzdem hängte er das Kleid gleich wieder in den Schrank und ging in den Keller, um sich wieder seine Anziehsachen anzuziehen.
In seinem Gefühlsdurcheinander wollte er mit jemanden reden, und da kam sein Gedanke auf mich, einerseits aus praktischen Erwägungen wegen der Wäsche, andererseits wegen seines Erlebnisses.
Er wollte von mir einen Rat: "was soll ich nun machen, ich glaube, ich möchte öfter Frauenkleidung anziehen?"
So grundsätzlich konnte ich ihm die Frage nicht beantworten. Ich riet ihm, behutsam mit seiner Frau zu reden; bisher hatte sie auf mich immer einen sehr offenen Eindruck gemacht. Ich riet ihm ab, heimlich die Anziehsachen seiner Frau anzuziehen: "das merkt die Partnerin sicher sehr schnell und ist dann erschrocken und enttäuscht".
Das Getöse im Keller bedeutete, dass die Maschine fast fertig und im letzten Schleudergang war. Er meinte, das Aufhängen würde er alleine schaffen. So setzte ich mich auf mein Motorrad und fuhr zurück.
Ich erledigte meine eigene Hausarbeit.
Ein paar Tage hörte ich nichts von Jan.
Da es sehr heiß wurde, fuhr ich mehrmals an den Strand. Das Anziehen der Motorradklamotten war bei der Hitze äußerst lästig. Deshalb fuhr ich nur den ersten Tag mit dem Motorrad und die anderen Tage mit dem Auto. Das hatte auch den Vorteil, dass ich mehr Platz für die Badesachen hatte. Ich nahm auch einen Picknickkorb mit, da Anna mit ihrem Freund nach der Schule vorbeikommen wollte.
Ich zog einen luftigen Hosenrock über und ein T-Shirt. Im Auto war es trotzdem sehr heiß und auch das geöffnete Schiebedach nutzte nur wenig. So war ich froh, dass es bis zum FKK-Strand nicht weit war.
Ich lag fast immer an der selben Stelle. Die Leute, die regelmäßig kamen, schienen das ähnlich zu handhaben. So gab es fast jeden Tag das gleiche Bild: das ältere Ehepaar, das schon vormittags mit einem Glas Sekt anstieß in dem einzigen Strandkorb, die große Gruppe Volleyballer am Netz, die Familie aus Dortmund ganz am Wasser.
Es war aber noch jemand hinzugekommen, nicht weit von meiner Liegestelle entfernt. Zuerst fielen mir die kurzen, leicht rötlich gefärbten Haare auf; der Rest war größtenteils unter einem großen Handtuch verborgen; bestimmt jemand, der sich vor der Sonne schützen musste.
Behaglich streckte ich mich aus, nachdem ich mich vollkommen ausgezogen hatte. Ich freute mich, dass ich am Vorabend die Fußnägel neu lackiert hatte; denn nun glänzten sie schön in der Sonne.
Ich goss mir einen Kaffee ein. Ich ließ meinen Blick nach rechts schweifen, sah die ältere Dame, die ihre Arme auf dem Rücken verschränkt hatte und am Flutsaum entlang ging. Sie nickte mir zu; wir hatten uns schon oft gesehen.
Ich blickte aufs Meer. Die Unentwegten waren gleich ins Wasser gesprungen und warfen sich einen Wasserball zu. Ein Junge machte Tauchversuche. Weil die Eltern ihm aber eine Schwimmhilfe umgeschnallt hatten, klappte das nicht so richtig. Ich musste leise lachen.
Ich drehte meinen Kopf nach links. Das Mädchen, das mit seinen Eltern hinter einem Windschutz lag und las, wollte ein Eis und Pommes. "Entscheide Dich", sagte die Mutter. "Immer muss man sich entscheiden", dachte ich so für mich, "warum kann man nicht alles haben?"
Ich vollendete die Drehung nach links. Mein Blick blieb bei kurzen, rötlichen Haaren hängen. Von der Farbe abgesehen fast eine typische Männerfrisur. Inzwischen regte sich die Gestalt. Nein, es war kein Mann, wie ich unschwer erkennen konnte, als sie aufstand.
Bestimmt hatte sie gesehen, dass ich zu ihr rüberblickte, das hatte meine Sonnenbrille bestimmt nicht verborgen. Sie nickte mir kurz zu, wühlte dann lange in ihrer Badetasche. Zum Vorschein kam eine Flasche mit Sonnenmilch - und sie begann, sich einzucremen. Schade, sie benötigte keine Hilfe.
Ich schenkte Kaffee nach und griff nach meiner Zeitung. Auf einmal spürte ich die Nähe eines anderen Menschen. Ich dachte schon an Anna, aber sie konnte es eigentlich noch nicht sein.
Es roch nach Sonnenmilch.
"Könntest Du mir bitte...", sie hielt mir einen Becher hin, ...etwas von dem Kaffee abgeben? Ich habe dummerweise meine Kanne zuhause vergessen".
Natürlich konnte ich. Wie sie sich so zu mir herunterbeugte, streckte sie mir ihre Brüste richtig entgegen, ob ich wollte oder nicht, da musste ich zwangsläufig hinsehen.
Ich schenkte ihr Kaffee ein. "Danke". Wir sprachen noch etwas beiläufig über das Woher und Wohin. Sie stand etwas unschlüssig neben meinem Handtuch. Sie erzählte, dass sie ganz in der Nähe wohnte. Komisch, ich hatte sie noch nie beim Einkaufen gesehen.
Sie gab sich einen Ruck und ging wieder hinüber auf das eigene Handtuch.
Ich las die Zeitung zuende, obwohl es bei dem Wind nicht so einfach war. Endlich kam Anna mit ihrem Freund. Die beiden waren kaum ausgezogen, da waren sie auch schon im Wasser.
Meine rothaarige Nachbarin packte die Sachen zusammen. "Ich muss heute leider noch arbeiten, kommst Du morgen wieder?"
"Mal sehen, schönen Tag noch!"
"Tschüss".
Wir blieben noch eine Weile; erst am späten Nachmittag fuhren wir nach Hause. Nachmittags ist der Strand am schönsten.
Am nächsten Tag fuhr ich wieder ans Wasser. Die Rothaarige hatte ich schon vollkommen vergessen. Es war alles wie immer: die Volleyballer, das ältere Ehepaar - und ich auf meinem Handtuch.
Ich lehnte mich etwas zurück, schloss die Augen. Möwengeschrei im Hintergrund, schreiende Kinder auf der Rutsche - wie immer.
Auf einmal wurde es dunkler. "Guten Morgen!" - Die Rothaarige war nun auch gekommen. Diesmal schlug sie ihr Handtuch genau neben meinem auf. Sie wühlte in ihrer Tasche, holte eine Kaffeekanne heraus. "Ich muss mich doch noch revanchieren". Sie schenkte mir ein; denn meine Tasse stand schon auf dem Handtuch. Wir verbrachten den ganzen Tag gemeinsam am Strand. Wir verstanden uns gut. Als ich abends nach Hause fuhr, fehlte mir etwas, als ich allein in der Küche saß. Ich freute mich schon auf den nächsten Strandtag. Aber danach sah es am nächsten Morgen nicht aus; es goss wie aus Eimern und blitzte und donnerte.
Der Tag darauf war schon wieder besser, aber immer noch kein Strandwetter. Darauf musste ich noch einen Tag warten.
Die Sandflächen sahen aus, als hätte sie jemand frisch geputzt. Fast weiße Sandflächen, manchmal etwas gemustert, meistens völlig glatt - nur stellenweise unterbrochen von feinen Linien mit Seetang. Mein Handtuch war schnell ausgebreitet. Ich ertappte mich dabei, dass ich wartete. Ich ließ Sand durch meine leicht geöffnete Hand rieseln. Ein paar kleine Steine und Muscheln blieben in den schmalen Ritzen zwischen den Fingern zurück. Eine kleine weiße Muschel hatte eine Herzform. Nachdenklich drehte ich meine Hand um, sodass Steine und Muscheln in den Sand fielen.
Ich warte ungeduldig - worauf?
Auf die rothaarige Frau. Ach ja, sie hatte sich ja vorgestellt, Susanne.
Sie kam nicht an diesem Tag, auch am nächsten nicht. Das machte mich irgendwie unzufrieden, sodass ich schon recht früh wieder nach Hause fuhr.
Am Wochenende wollte ich erst gar nicht an den Strand fahren, tat es aber dann doch. Susanne kam mittags, leider in Begleitung eines jungen Mannes. Trotzdem breitete sie das Handtuch wieder direkt bei mir aus.
Ich gab mir Mühe, nicht besonders enttäuscht zu sein. Ich weiß nicht, ob mir das so gut gelungen ist, aber als Susanne den jungen Mann als ihren Sohn vorstellte, wich meine anfängliche Reserviertheit.
Später kamen auch noch Anna und ihr Freund. Wir blieben bis zum Abend. Als die immer spielenden Volleyballer gegangen waren, gingen wir ans Netz und spielten ein wenig, natürlich nach eigenen Regeln.
In der Abendsonne saßen wir noch ein wenig zusammen. Ein schöner Abend, so einer, von dem man sich wünscht, er könnte ganz lange dauern. Aber der kühle Seewind gab das Signal zum Aufbruch.
Mit Susanne tauschte ich die Telefonnummer.
Die nächsten Tage hatte ich einige geschäftliche Termine, sodass ich nicht an den Strand fahren konnte. Susanne tauchte trotzdem manchmal in meinen Gedankengängen auf.
Mitten in der Woche hatte ich abends überraschenden Besuch. Jan kam mit seiner Frau. Sie hatten über seine Gefühle beim Anziehen der Frauenkleider gesprochen. Seine Frau war zwar nicht besonders begeistert, hatte sie doch einen Mann geheiratet und nicht eine Frau, hielt das aber nicht für vollkommen bedenklich. Sie wollte nur nicht, dass er ihre Sachen anzog. Deshalb hatten sie für Jan schon ein paar eigene Anziehsachen gekauft. Nun wollten sie mich noch zu verschiedenen Aspekten befragen, aber ich konnte natürlich nur von mir und meiner Entwicklung erzählen. Als ich von den Anfängen mit Zirola erzählte, hätte ich mich fast wieder in eine Traurigkeit hineingesteigert, obwohl es schon so lange her war. Wie gut, dass ich nicht allein war.
Jans Frau war sehr tatkräftig und kreativ. Da sie in einer Theatergruppe mitspielte, fragte sie mich, ob wir nicht zusammen ein Theaterstück zum Thema "Frauenkleidung (als) Männerkleidung" machen wollten. Sie hatte eine Reihe jüngerer und älterer Mitspieler, die einem Experiment gegenüber nicht abgeneigt waren. Das wurde dann auch in Angriff genommen. Wir hatten schon viel Spaß bei den Proben. Das Stück haben wir größtenteils gemeinsam entwickelt. Es war recht chaotisch mit Schauspiel und Musik und man konnte es thematisch schlecht einordnen. Trotzdem landeten wir damit in der örtlichen Zeitung und hatten einige bejubelte Auftritte. Aus dem Theaterstück entwickelte sich eine Gruppe, die sich regelmäßig traf. Meine Verbindung zur Motorradgruppe erwies sich als sehr förderlich, durften wir doch die Blechbüchse für unsere Gruppenabende nutzen. Zu diesen Abenden kommen viele von uns in Frauenkleidung. Sicherlich war sehr vorteilhaft, dass wir durch das Theaterstück sehr positiv in unserer Gegend aufgefallen waren, denn die Anfeindungen und Störungen gab es nur selten.
Alle paar Wochen kommt ein Berater vom Kreis-Sozialdienst; denn es gibt einige in unserer Gruppe, die sich nicht nur gern in Frauenkleidung bewegen und zeigen, sondern tatsächlich Schwierigkeiten haben, weil sie glauben, im falschen Körper zu sein. Das geht mir aber nicht so; ich fühle mich nur in Frauenkleidern sehr wohl - und habe sicher auch einige weibliche Anteile in mir. Jedenfalls sagt das Anna, die schon als kleines Kind öfter meinte, ich wäre ein guter "Mamavater" gewesen.
Jetzt habe ich aber eine Hose an, ich will noch einmal los nach Dänemark zur Brücke. Das Motorrad steht geputzt auf dem Hof. Susanne will das erste Mal mitkommen. Sie ist noch nie Motorrad gefahren oder mitgefahren. Mal sehen, ob's geht.
Mal sehen, was noch so geht. Meine lackierten Fußnägel hat sie mehrmals intensiv betrachtet, aber nichts gesagt, ebenso ging es mit dem Hosenrock und dem Top.
Es wird sicherlich noch genug Gelegenheiten geben, darüber zu reden.