Inga hat geschrieben: Mi 23. Apr 2025, 23:47
Ich habe gerade ein Buch in der Hand gehabt mit dem Titel "Was fehlt, wenn die Christen fehlen?"
Vielleicht sollten wir uns ernsthafter Gedanken machen, wie die Gesellschaft zukünftig organisiert, wenn es deutlich weniger Kirchengemeinden gibt, wenn es weniger Bauten gibt, in die man sich in Stille mit sich zurück ziehen kann,
...
Aber wagen wir es, uns doch mal ernsthaft vorzustellen, wie es "ohne Institution Kirche" sein könnte!
Ich möchte mal ein bisschen spiegeln, wie das - der ganze Beitrag - bei mir - vollkommen areligiös - ankommt. Dabei ist dein Beitrag vor allem exemplarisch, weil so schön klar auf den Punkt. Es geht um einen generellen Eindruck.
Da gibt es eine Institution, deren -hm- "irdische Nützlichkeit" gepriesen wird. Sie liefert soziale Dienste, bietet Räume und Personal für bestimmte emotionale Bedürfnisse und - manchmal - auch ein Gegengewicht gegen ungerechte gesellschaftliche Bedingungen. Ausserdem verbreitet sie - größtenteils - Lehren von Solidarität, Mitmenschlichkeit und Friedfertigkeit. Wie du schreibst, können alle diese Elemente auch durch zivilgesellschaftliche Organisationen geliefert werden. Der übernatürliche Teil kann ohne Verlust an
diesem Teil abgezogen werden.
Ob es also Christ*innen bzw Kirchen sein müssen? Nein, hierfür nicht. Das funktioniert mit jedem beliebigen ideologischen Unterbau, der irgendwie humanistisch ausgerichtet ist. Völlig säkulare Ethik reicht da vollkommen. Auch für Hoffnung und Zuversicht und Gleichmut gegenüber dem Leben und dem Leid(1).
Das Risiko von Vereinnahmung und Interwanderung? Dagegen waren Kirchen noch nie gefeiht. Sie haben sich mit faschistischen, "kommunistischen" und anderen autokratischen Regimen arrangiert, fleissig Machtpolitik betrieben und in tausenden aktuellen Fällen versucht, sich und ihr straffälliges Personal "irdischer" Gesetze zu entziehen. In den USA wird Jesus mit Sturmgewehr gepredigt, gegen alles "unchristliche", ob links, queer, muslimisch. In Afrika und Südamerika breiten sich solche Strömungen auch aus. Das ist nicht sonderlich weit von der Mentalität der Kreuzzüge entfernt. Und das sind nicht ein paar Abtrünnige, sondern ein wesentlicher Teil der Gläubigen. Das sind nicht einzelne Fehler und einzelne Fehlende, sondern einfach menschliches Verhalten, wie es überall auftritt. Die Religion schützt nicht automatisch vor solchen Abwegen. Gerade besonders fromme Christ*innen waren auch zu besonders unmenschlichem Verhalten fähig. Ob in der Inquisition oder auch protestantische Reformatoren und Eiferer. Luther war glühender Antisemit und hat die notleidenden Bauern als Aufrührer verdammt.
Darüber hinaus mischt sich Religion
immer in Liebesleben, Sexualität, Partnerschaft, Kindererziehung und Lebensführung ein. Institutionalisierte umso mehr; inklusive Überwachungs- und Sanktionsmechanismen. Das Konzept "Sünde" ist ohne Religion quasi nicht denkbar. Und die Seelenqualen in Konflikten mit den religiösen Vorgaben ebenso.
Das vollständigere Bild ist also nicht so eindeutig positiv. Die Sozialfunktionen können mühelos mit sehr schlimmen Dingen parallel laufen. Drastisch gesagt: Auch die Hamas (und andere) hat Suppenküchen.
Das ist das was ich sehe und wohl auch das, was Michi meinte. Überspitzt - und das ist jetzt nur zur Verdeutlichung - fühlt es sich an, als hielten sich (viele) Christ*innen für etwas besseres, unverzichtbares, mit der einzig selig[sic!] machenden Wahrheit, während alle anderen und ihre gottlosen Werke so geistlich mangelhaft sind. Eben so als ob all diese schönen Sozialdienste doch nur von Christ*innen und zwar wegen ihres Glaubens geleistet werden könnten. Ich sage nicht, dass das absichtlich so gemeint ist, aber so kommt es häufig rüber. Und das erweckt einen ziemlich starken Eindruck von Überheblichkeit.
Ja, ich kenne auch den umgekehrten Eindruck und bin mir klar, dass auch meine Argumentationen zu dem Thema so aufgefasst werden könnten. Als ob pure Rationalität und Wissenschaftlichkeit "besser" wäre. Das entspräche aber ebensowenig meiner Sichtweise, wie ich deinem Beitrag absichtliche Überheblichkeit unterstelle. Ich gebe nur meinen unterschwelligen Eindruck wieder, der wie bei allen empfangenen Signalen stark von meinen bisherigen Erfahrungen geprägt ist.
Ich würde mir wünschen (blöder Konjunktiv), dass auch Gläubige ein bisschen klarer unterscheiden, was der tatsächliche religiöse Kern ist, sozusagen das Alleinstellungsmerkmal ihrer Religion, und was völlig unabhängig davon auch von beliebigen anderen Philosophien und Organisationen geliefert werden kann. Und sich mit Ansprüchen an andere - oben erwähnte Einmischungen - drastisch zurückzuhalten.
Gerade fiel mir dazu Brechts
Kinderhymne ein. Der Text könnte leicht umgeschrieben werden, so dass es um das Zusammenleben von Weltanschauungen geht.
"Und das liebste mag's uns scheinen, So wie andern (Menschen) ihrs."
(1) Es lässt sich tatsächlich sehr gut auch mit der Überzeugung leben, dass sowohl das Leben als auch das erfahrene Leid keinen tieferen oder höheren Sinn hat. Das tun und taten viele Atheist*innen - ich zum Beispiel. Dawkins, Hawking, Dennet, Schmift-Salomon, usw. Es entlastet sehr von Wut oder Verzweiflung gegenüber überirdischen Mächten, und auch von dem fruchtlosen Versuch, diese irgendwie milde stimmen zu wollen.