Ich vermute, das hat viel damit zu tun, dass wir als soziale Wesen auf die Menschen in unserem Umfeld angewiesen sind. Die härteste Strafe, die man aussprechen kann, ist das Verstoßen aus der Gruppe. Also versuchen Menschen sich an Erwartungen anzupassen. Auf der anderen Seite ist der Individualismus des Einzelnen der Antrieb, sich auch über Kleidung auszudrücken. Klafft zwischen Erwartung und eigenem Ausdruck ein Widerspruch, fühlen wir uns ungemütlich.Lorelai74 hat geschrieben: Do 5. Aug 2021, 15:12 Warum übernehmen wir dieses Bild, diese Erwartung für uns ohne sie zu hinterfragen??
Beispiel: Meine Frau hat große Probleme, wenn ich en femme bin. In anderem Umfeld ist für mich en femme zu sein gar kein Problem. Ich werde respektiert. Das hat natürlich Konsequenzen hinsichtlich meines Wohlbefindens. Ich trage in beiden Fällen das gleiche, aber meine Reaktion und meine Fähigkeit mich als Frau zu fühlen, ist stark unterschiedlich. Ähnlich sehe ich das auch mit "altersgerechter Kleidung". Sie hat ganz viel mit den Erwartungen zu tun, die an mein Auftreten gestellt werden. Und da wird es spannend.
Ich trage zum ersten Mal seit ca. 35 bis 40 Jahren wieder schulterlange Haare. Davor waren sie stets kurz. Es gibt nicht viele Männer, die lange Haare haben und so falle ich entsprechend in meinem Bekanntenkreis auf. Meine Frau mag es gar nicht, viele, vor allem Frauen, finden es prima und bei einem fällt mir besonders auf, dass er sich auch nach Wochen darüber nicht beruhigen kann. Damit spiegeln die Reaktionen nicht den Wert meiner Frisur, sondern die innere Haltung und Bewertung den Anderen wider. Ich halte das für extrem wichtig.
Die entscheidende Frage ist also, richte ich mich nach den Erwartungen der Anderen oder nach meinen eigenen Bedürfnissen ? Ich möchte für mich die Frage ganz klar mit einem "es kommt darauf an" beantworten. Ich möchte meine Frau nicht total vor den Kopf stoßen und passe mich i.d.R. an. Meine Haare bleiben aber dran, da ich darauf eine lange Zeit verwendet habe. Kleidungstechnisch bin ich eher zurückhaltend. In anderem Rahmen ist es mir aber egal, was die Menschen von mir erwarten. Da lebe ich als Frau. Der Spagat ist nicht immer einfach und es macht mir viel Mühe, damit klar zu kommen. So halte ich es auch mit "altersgerechter Kleidung". Ich gehe nicht in Sack und Lumpen, ich will aber nicht, zumindest meistens
Es ist ein Spannungsfeld, in dem jede/r den eigenen Weg finden muss.

