Ulrike-Marisa hat geschrieben: Di 3. Nov 2020, 15:54
Hallo Diva,
..wow, wenn ich das so alles lese, dann steht es mir gewiss nicht zu, große Ratschläge zu geben.
So eine Situation ist lebensbedrohlich und es scheint in diesem Dorf für dich keine gute Zukunft mehr zu geben; verbrannte Erde ist lange Zeit unbewohnbar. Ein Weg wäre vielleicht darüber nachzudenken, die Brücken da abzubrechen und ein neues Leben an einem anderen Ort wieder aufzubauen. Das ist sicher leicht gesagt und nicht so einfach und keinesfalls schnell umzusetzen. Aber eine kleine Wohnung fürs erste in der Anonymität eines anderen Wohnortes/Stadt könnte doch ein Anfang sein; vieles ließe sich sicher auch später regeln.
Grüße, Ulrike-Marisa
Hallo Ulrike-Marisa,
mit diesem Rat stehst du freilich nicht alleine da. Sogar die Polizisten, die, nachdem ich mich als trans geoutet hatte, ihren Frust an mir ausließen, mir jedes Wort im Munde umdrehten, mich ohne akute Gefahr einweisen wollten und erst nach Drohung mit meinem imaginären Anwalt leiser wurden, empfahlen mir dringend, hier wegzuziehen. Logisch - um ihnen künftig keine Arbeit mehr zu machen und die Brandenburger Zahlen der Bundesstatistik für rechte und homophobe Straftaten zu versauen. Grundsätzlich ist Flucht auf den ersten Blick keine schlechte Idee. Doch machen wir uns nichts vor:
Transphobe Gewalt findet in ganz Deutschland statt. Es wird immer und überall jemanden geben, der meint, ein Problem mit einer Transperson haben zu müssen. Das kannst du beim Checken eines potentiellen Ziels niemals überblicken. Und wenn alles "sauber" ist, du ziehst dorthin, kaufen kurze Zeit später irgendwelche Rechte ein paar Kilometer weiter ein paar Häuser, um dort ihre Zellen zu bilden, wie es in letzter Zeit in vielen gerade ländlichen Orten verstärkt geschieht.
Es gibt keine Sicherheit - nirgendwo. Ich habe wegen solcher Leute, die meinen ein Problem mit meiner Transidentität haben zu müssen, nahezu alles verloren. Als nächstes kommt meine Arbeit ... Soll ich da auch noch das Letzte aufgeben, was mir neben der Arbeit momentan geblieben ist - mein Zuhause?
Kleine Wohung - Isolation - Einsamkeit - Anonymität an einem fremden Ort:
Sag mir,
was wäre dadurch besser geworden? Hier vegetiere ich doch gleichermaßen, wenn auch recht komfortabel, dahin. Dazu brauche ich nicht wegzuziehen, meine Wohnqualität extrem zu verschlechtern und zu warten, bis der Terror auch dort beginnt. Denn er
wird beginnen - garantiert.
Weglaufen war noch nie mein Stil und wenn du das tust, gibst du all den Irren, Extremisten und Aggressoren da draußen recht - auch wenn sie tausendfach in der Mehrzahl sind! Hier kenne ich die Situation, anderswo nicht. Es gibt zwei Arten von Angst:
Die erste Art ist grundsätzlich positiv und schützt dich instinktiv davor, unnütze Gefahren einzugehen. Dazu gehört u.a. auch, sich bei ohnehin vorhandener Bedrohung nicht noch zusätzlich in Sozialen Netzwerken zur Zielscheibe zu machen. Diese Angst kann jedoch - wie bei mir - krankhaft verzerrt sein und Ängste projizieren, wo das gesunde Hirn keine erkennt.
Die zweite Art kann dagegen dein Leben kosten, weil du zögerst. Es ist die Angst, im entscheidenden Moment rückhaltlos das Notwendige zu tun. Und diese Angst hab ich mir bereits in meiner Jugend abgewöhnt.
Denk an die alte Selbstverteidigungsregel: Was machst du, wenn dich von hinten ein paar Typen anmachen?
DU DREHST DICH UM!