Aria hat geschrieben: Mi 20. Nov 2019, 20:34
Und nun kommt unsereins - der/die, was das angeht, die Weisheit mit Löffel gefressen hat - und versucht diesen Menschen die trans*Welt zu erklären. Das ist ungefähr so, als wölle man einem Buschmann was von der Raumfahrt und der Mondlandung erzählen. Das sind Dinge, die man sich nur schwer vorstellen kann, wenn man sie eben nicht selbst erlebt hat und man Zeit dafür hatte, sich in sie hinein zu finden. Aus diesem Grund finde ich die meisten Beiträge in Threads, wie zuletzt den von Carry, einen kleinen Ticken übergriffig. Da kommt ein Buschmann namens Carry hierher und möchte wissen, warum in seiner Steppe die Apollo-Kapsel gelandet ist und warum sein Dorf ob dieser Begegnung nicht mehr das selbe ist. Woraufhin er erzählt bekommt, dass doch mittlerweile gar nix mehr sonderbares sei und er sich doch der neuen Welt nicht verschliessen kann.
Das kommt dann davon, wenn jeder in seiner Blase hockt und meint, seine Sicht auf die Welt sei die einzig wahre. In diesem Sinne hast du m.M.n. recht, wenn du sagst, dass wir doppelte Standards haben. Einerseits müssen wir solchen Menschen wie Carry, die Zeit geben - sofern sie den Willen dazu haben - diese Dinge zu verstehen. Und andererseits müssen wir akzeptieren, dass es Menschen gibt, die nicht verstehen, bzw. verstehen wollen, weil das eben nicht in ihr Weltbild passt. Und noch was, es hat niemand gesagt, welches das richtige Weltbild ist. Nur, weil wir durch unser Anderssein gelernt haben, über den grossen Tellerrand zu gucken, heisst das noch lange nicht, dass das die alleinige Wahrheit ist.
Liebe Aria,
da Du mich direkt als Beispiel angeführt hast, möchte ich natürlich nicht stumm bleiben - denn entgegen meines ursprünglichen Vorhabens nach den Reaktionen in meinem Thread, dieses Forum wieder zu verlassen, bin ich noch da und lese sehr aufmerksam mit.
Dein Beispiel mit dem Buschmann finde ich sehr treffend, denn genau so fühlt es sich an. Und abgesehen von der anfänglichen Annahme, dass ich hier in diesem Forum vor Allem Kontakt mit anderen Partnerinnen finden würde, die mir einfach mit ihren Erfahrungen dabei helfen würden, mein Weltbild vielleicht ganz neu zu überdenken, habe ich sehr viel Ablehnung von den "Mädels" erfahren (natürlich nicht nur, ich habe auch sehr sehr tollen, verständnisvollen Zuspruch erfahren!) und war teilweise wirklich schockiert, dass gar nicht versucht wurde, mich an dem Punkt abzuholen, wo ist stehe (stand - denn ich bin inzwischen auch schon wieder einige Schritte weiter!). Das ist tatsächlich das m.E.n. vorherrschende Problem mit vielen Diskussionen hier - dass ich, auch wenn ich schon seit 5 Monaten Bescheid weiß, dennoch ganz am Anfang stehe und immernoch dabei bin, mich überhaupt in die ganze Situation einzufinden, wurde diverse Male überlesen, oder wollte nicht wahrgenommen werden.
Oftmals wurde mir Ablehnung unterstellt - dazu habe ich weit mehr als einmal angeführt, dass es gar keine Ablehnung in dem Sinne gibt, sondern einfach nur Schwierigkeiten, mit der ganzen Situation umzugehen und diese für mich anzunehmen.
Zeit geben - genau das ist auch der Punkt! Ich habe direkt bei dem ersten Outing-Gespräch mit meinem Liebsten ganz klar formuliert, dass ich damit irgendwann irgendwie klarkommen werde,daß wir einen für uns Beide gut lebbaren Weg finden werden und Aufgeben schlichtweg keine Option für mich ist, aber ich eben Zeit brauche, Zeit, um erstmal Informationen über die Apollo-Kapsel in meiner Steppe, um in Deinem Bild zu bleiben, einzuholen, mich damit auseinander zu setzen, Zeit, zu lernen, was Trans*-Sein überhaupt bedeutet, Zeit, mich mit mir und meinen Selbstzweifeln etc. auseinander zu setzen und und und...und dem Himmel (dem Universum, Gott oder wem/was auch immer) sei Dank, konnte mein Liebster mit all seinem großartigen Verständnis für meine Situation, mir diese Zeit auch geben. Im Laufe diesen ganzen Prozesses habe ich, wie ich ja öfter schrieb, durchaus die Bereitschaft gezeigt, mich zu hinterfragen - nicht umsonst habe ich sogar in meinem ersten Thread immer betont, dass das "Problem" ja wohl bei MIR und meinen ganzen Selbstzweifeln etc. liegt - wie man daraus verstehen und unterstellen kann, dass ich nicht bereit wäre, die Perspektive zu wechseln usw. ist mir nach wie vor schleierhaft.
Sei's drum ...ich habe ja auch viel positives erfahren dürfen, habe ganz praktische Tipps (die ich auch schon teilweise umsetzen konnte) und Hilfe bekommen - wofür ich unglaublich dankbar bin - habe Literatur-Vorschläge erhalten, die ich angenommen habe (aber ich kann ganze Bücher nicht innerhalb von drei Tagen lesen...) und habe mir durchaus über all die verschiedenen Perspektiven und Herangehensweisen Gedanken gemacht, sowie sehrwohl schon das positive Potential zum persönlichen Wachstum und einer absolut positiven Entwicklung meiner Beziehung erkannt. Und dennoch hat der "Buschmann" eben fast 42 Jahre in seinem Dorf gelebt, und nun, wo er gerade erst erfahren hat, dass die anderen Menschen schon auf dem Mond waren, soll ich - nach Meinung von so einigen hier - die Apollo-Kapsel gleich mit Begeisterung selbst fliegen.
Deswegen nochmal eine große Bitte an alle hier: Wenn neue Partnerinnen sich hier melden, dann ist das i.d.R. so ziemlich der erste Kontakt mit der Raumfahrt - und jede einzelne hat eine andere Ausgangssituation, die eine hat mehr, die andere weniger Probleme mit der Thematik, aber allen ist doch gemein, dass sie hier sind und sich doch auseinandersetzen WOLLEN und i.d.R. auch ihre Beziehungen aufrecht halten wollen - wir sind doch keine Monster, die euch davon überzeugen wollen, euer Trans*-Sein "abzustellen" oder euch nur nach unseren Regeln zu verhalten - sondern wir versuchen, zu verstehen, euch und uns selbst und das "große Ganze"!
"Wenn Du heute aufgibst, wirst Du nie wissen, ob Du es morgen geschafft hättest!"