Zirola III

Gleichzeitig war ich etwas in Sorge. Es war nicht lange her, dass Zirola mit schwersten Verletzungen um ihr Leben kämpfte. Meine Gedanken schien sie zu spüren. "Nein", sage sie, "es ist alles in Ordnung, "ich war zu mehreren Untersuchungen und Tests bei der Ärztin".

"So", sagte sie, "und nun ziehst Du noch einmal die neuen Schuhe an, wo hast Du den kurzen Rock, den ich Dir mal rausgesucht habe?" Ja, den Rock hatte ich natürlich noch. Sie half mir beim Anziehen. "...könnten mal wieder rasiert werden", meinte sie, als sie meine Beine streichelte. ...und die Fußnägel sind auch nicht mehr schön, meine auch nicht, warum machen wir nicht ein kleines Badefest und pflegen uns zum Abschluss?"

Gute Idee.

Es dauerte allerdings eine ganze Weile, bis ich frisch gebadet, rasiert und bemalt in meinen neuen Schuhen und dem Rock durch das Zimmer stöckeln konnte. Zirola war schon etwas müde geworden, nickte trotzdem anerkennend und sagte: "ja, so sieht das schon besser aus!" Doch zogen wir uns schon bald ins Bett zurück. Sie hatte einen Stapel Bücher mitgebracht, alles "Fachbücher": "glückliche Schwangerschaft", "richtig Stillen", "die natürliche Geburt", "Wir Frauen und unser Körper". Ich suchte allerdings meine Zeitschriftenkiste, deren Inhalt nach meinem Umzug immer noch nicht eingeräumt worden war.

Irgendwo hatte ich doch mal etwas über moderne Beiwagenmotorräder gelesen und über Kindersitze für Motorräder? Die halbe Kiste musste ich ausbreiten, bis ich endlich das richtige Heft in der Hand hielt. Nun fühlte auch ich mich lesetechnisch bestens versorgt. "Wie schön, dass eine Beiwagenmaschine Platz für einen Kindersitz hat", dachte ich noch, bevor ich einschlief.

Schade, dass ich am nächsten Tag arbeiten musste. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich den ganzen Tag Zirolas Bauch streicheln können.

Zirola war sehr aktiv. Sie tat alles, um auf unseren Familienzuwachs vorbereitet zu sein. Sie ließ es sich auch nicht nehmen, selbst eine Wiege für unser Kind zu bauen, suchte sogar selbst das Holz dafür aus. Ich betrachtete staunend, wie geschickt sie mit den Werkzeugen umging und wie geschmackvoll das Endergebnis aussah. Sie kaufte eine Decke und ein Kissen, genau passend für die Wiege. Ich legte meinen Teddy hinein, der seine Zeit bisher etwas unglücklich auf dem Koffer mit den Wintersachen verbracht hatte. Sanft setzte ich die Wiege in Schwingung und freute mich schon auf die Zeit, in der ich unser Kind schaukeln konnte.

Regelmäßig kamen Zirolas Eltern zu Besuch und auch meine Eltern fanden sich glegentlich bei uns ein. Zrolas Eltern hatten einem Makler den Auftrag gegeben, ihr Haus zu verkaufen. Da sie sich einen ebenerdigen, kleinen Bungalow in der Nähe bei uns als Altersruhesitz ausgesucht hatten, gab es vieles, das geregelt werden musste - und das wollten sie immer gerne jeweils mit einem Besuch bei uns verbinden. So wurde das Verhältnis zu ihnen immer besser. Zirola hatte viel mit ihrer Mutter zu besprechen; ich freundete mich richtig mit ihrem Vater an, als er erst einmal sein anfängliches Misstrauen überwunden hatte. Da er erst endgültig für sich festgestellt hatte, dass ich ein "richtiger Mann" war, gab das unserer Freundschaft einen richtigen Schub. Das Motorradfahren und Motorradbasteln hielt er für ein Indiz, dass ich ein richtiger Mann sein müsste, das erzählte er jedenfalls seiner Frau, die es eines Tages Zirola erzählte.

Als sie wieder einmal bei uns waren, äußerte er den Wunsch, mal mit mir eine Tour zu machen. Er wollte selbst fahren - mit Zirolas Maschine. Er hatte schon lange einen Führerschein, noch "bei der Wehrmacht" gemacht und vor längerer Zeit selbst einmal ein Motorrad gehabt, das er jedoch aus Zeitgründen abgegeben hatte.

Unsere Tour bereiteten wir gut vor, schließlich war Zirolas Maschine schon lange Zeit nicht mehr bewegt worden. Luftdruck war noch in Ordnung, ebenso Ölstand und die Wirkung der Bremsen. Der Tank war noch voll. Es konnte losgehen. Wir verabschiedeten uns und machten eine kleine Tour nach Dänemark. Erst fuhr er sehr vorsichtig, steigerte sich aber im Laufe der Fahrt auf einen normalen und flüssigen Fahrstil.

An der Klappbrücke, einer meiner Lieblingsstellen, machten wir eine Rast, aßen ein Eis und tranken einen Kaffee. Dabei erzählte er mir, dass ihm die Fahrt viel Spaß machen würde und fragte, ob wir nicht auf der Rückfahrt vor der Grenze noch mal kurz anhalten könnten.

Dann sagte er mir noch, dass er bei unserem ersten Zusammentreffen etwas geschockt gewesen wäre, aber das hätte sich gelegt. Nun wäre ich wie ein Sohn, wie ein Schwiegersohn für ihn. Ob ich mal daran gedacht hätte, seine Tochter zu heiraten?

Ja, das hatte ich - und das sagte ich ihm auch. Ich hatte auch mit Zirola darüber gesprochen, aber wir waren noch nicht zu einer Entscheidung gelangt.

Die sich schließende Klappbrücke gab uns das Signal zum Aufbruch. An der Grenze machten wir einen kurzen Stopp, so wie wir es besprochen hatten. Mein Partner bat mich, einen kurzen Moment zu warten, er wolle sich noch "Pfeifentabak" kaufen. Nanu, ich hatte ihn noch nie rauchen gesehen???

Als er zwar mit Tabak in der einen Hand, in der anderen Hand jedoch mit etwas in Herzchenpapier Eingewickeltes wieder auf den Parkplatz kam und dann beides recht umständlich in seinem Rucksack verstaute, wusste ich, wo er gewesen war. Schließlich gab es die Porno-Kioske schon lange hier direkt an der Grenze. Komisch, die verwendeten schon viele Jahre das selbe Einwickelpapier.

Die Frauen warteten schon auf uns. Essen hatten sie nicht gemacht, denn Zirolas Eltern wollten uns in ein Lokal einladen. Da sprachen wir dann noch einmal über eine Heirat. Zirola wollte eine kleine schlichte Heirat, zunächst nur standesamtlich, um dann zu einem späteren Zeitpunkt kirchlich zu heiraten.

Das nächste Wochenende wurde recht schön warm, sodass wir noch einmal an den Strand fahren konnten. Zirola ließ ihren Bauch bescheinen. Nicht weit entfernt von uns lag eine Familie, die mit zwei Kindern gekommen war, einem etwas älteren Jungen, der mit in seinem Gummiboot paddelte und einem kleinen Kind in einem Kinderwagen, das die Eltern ganz schön auf Trab hielt. "So ähnlich wird es uns dann nächstes Jahr auch gehen", dachte ich, "wie gut, dass man so viel Zeug unten im Kinderwagen verstauen kann, da würde doch sogar vielleicht ein Kasten Bier reinpassen?"

Das war einer der letzten schönen Spätsommertage. Nach dem Strand duschten wir zusammen und pflegten unsere Haut. Zirola hatte ein großes Handtuch auf unsere Betten gelegt, damit ich sie einölen konnte, ohne das Bettzeug gleich zu beschmutzen. Nach der Massage streichelte ich sie sanft.

Vom Tag in der Sonne wurde ich müde und drehte mich danach auf meine Seite. Ich döste ein wenig ein, die Geräusche vom Strand noch in den Ohren: die Schreie der Kinder auf der Wasserrutsche, die Rufe der Sportler am Volleyballnetz, das Rauschen der Wellen.

Richtig wach wurde ich, als Zirola kam und mich aus den Träumen riss. Sie legte sich auf mich. Ich schnupperte an ihrer Haut. Sie roch schön und aufregend nach Wildrosenöl. Sie rutschte auf mir herum und streichelte mich mit ihren Brüsten. Wie groß die geworden waren. Sie spürte meine Erregung: "na, am Strand von der Nachbarin ein wenig heiß geworden, oder heiße Träume?" Sie begab sich in die Position, die mir ein Eindringen erlaubte. Sie empfing mich und schien mich wiederum förmlich einzusaugen. Wir bewegten uns erst ganz sanft, dann immer heftiger. Ich strebte dem Höhepunkt zu, ihr schien es genau so zu gehen. Nach der Erlösung blieb sie auf mir liegen. Unsere Flüssigkeiten liefen aus ihr heraus und liefen über meinen Bauch. Dann wurde es noch nasser, erst ein paar Tropfen, dann immer mehr. Wie gut, dass wir ein Handtuch auf das Laken gelegt hatten. Es lief und lief. Dann blickte sie mich erschrocken an. "Ich habe Dich gar nicht vorgewarnt, ich konnte nicht mehr halten. Nun können wir noch einmal duschen. War es schlimm für Dich?"

"Nein, im Gegenteil, das habe ich mir schon lange mal gewünscht, aber es Dir leider nicht gesagt". Vorsichtig lösten wir uns voneinander. Das nasse Handtuch kam gleich in die Wäsche zu unseren Strandsachen - und wir duschten noch einmal. "Nicht, dass das nun zur Gewohnheit wird", sagte Zirola. "Kein Problem, das könntest Du öfter machen", entgegnete ich.

"Nein, ich meinte auch mehr das zweimalige Duschen heute", sagte sie darauf, "das ist nicht gut für die Haut".

Bald darauf hielt der Herbst Einzug. Der Bauch wurde etwas runder. Wir waren voller Zärtlichkeit und freuten uns auf das Kind. Unsere "kleine Hochzeit", wie Zirola es nannte, war sehr intim. Trotzdem muss sich irgendetwas davon rumgesprochen haben; denn als wir aus dem Standesamt heraustraten, standen die ganzen Kinder des Kindergartens auf dem Vorplatz und bewarfen uns mit Reis und überreichten der Braut Rosen.

Ein Stück weiter mussten wir durch ein Spalier unserer Motorradfreunde schreiten, auch da hatte wohl einer etwas mitbekommen und es den anderen verraten.

Oft saßen wir vor dem Radio oder vor dem Fernseher. Die DDR löste sich auf. Ich musste an die vielen Stunden denken, die ich damals auf den Transitstrecken verbracht hatte und an die Erlebnisse mit den Grenzern. Komisch, so richtig war ich nie in der DDR gewesen, zwar einmal nach Warnemünde gefahren, um mit der Fähre nach Dänemark überzusetzen, aber sonst nur auf den Transitstrecken unterwegs gewesen. Erst jetzt erwachte mein Interesse an den Vorgängen, ich begann mich für die Menschen und Schicksale zu interessieren. "Deutsche sind so gründlich", dachte ich, "nun haben sie den Sozialismus dort drüben so gründlich gelebt, dass nichts mehr davon übrig geblieben ist".

Zirolas Motorrad meldeten wir erst einmal ab und hielten Ausschau nach einem kleinen Auto. Ich drehte jedoch, immer wenn es trocken war, mit meinem Motorrad eine kleine Runde.

Zu Weihnachten wurden wir in das neue Haus von Zirolas Eltern eingeladen. Das Verhältnis zu ihnen wurde besser und besser. Auch sie freuten sich sehr auf ihr Enkelkind.

Silvester feierten wir mit unseren Freunden in der Blechbüchse. Dabei hatte ich immer wieder eine nachdenkliche Phase. Was mochte uns die Zukunft bringen? Einige versuchten es mit Bleigießen, einige fragten Zirola, die ständig von vielen Menschen umgeben war, die es wissen wollten.

Meine Gedanken gingen zurück in meine Kindheit. Ich sah die Silvesterfeiern mit Knallerei und mit dem Rummelpottlaufen, das sogar heute noch in Norddeutschland Tradition hat. Die meisten Rummelpottläufer sagen heute einen der "Standardsprüche" auf:

"Fruken, mok de Dör op, de Rummelpott rin.

Dor kümmt een Schipp ut Holland,

de hett keen gooden Wind.

Schipper, wist du wieken,

Bootsmann, wist du strieken,

sett de Segel opp de Topp

und giff mi wat in´n Rummelpott."

Bei uns damals auf Sylt war das anders. In der Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr trafen wir uns bei einer älteren Nachbarin, die uns allen einen Spruch oder ein Lied "auf den Leib schrie". Weiterhin beriet sie uns in Verkleidungsfragen. Die Sprüche oder Lieder hatten meistens mit den Ereignissen im Dorf zu tun, mit Hausbau, mit neuen Bewohnern oder sonstigen Wichtigkeiten unserer kleinen Welt.

Als der Kindergarten im Januar wieder aufmachte, entstand ein Gefühl der Leere, als die ganze Weihnachtsdekoration entfernt worden war. Doch schnell wurden die Wände wieder bunter. Ich bastelte mit den Kindern Faschingsmasken und wir hängten viele bunte Bilder auf. Der Januar war regnerisch und grau, es fiel kein Schnee. Als ich ein Buch von einer Schlittenfahrt vorlas, sagten mir einige Kinder, sie hätten noch nie Schnee erlebt. Es regnete wirklich jeden Tag - und das über Wochen. Als jedes Spiel gespielt, jedes Lied gesungen und jedes Buch gelesen war, mussten wir uns etwas anderes ausdenken, um die Kinder im Kindergarten bei Laune zu halten. So gingen wir trotz des Regens möglichst oft zu einem Kind aus der Gruppe nach Hause oder besuchten einen Vater oder eine Mutter auf der Arbeitsstelle, wenn es für die Kinder interessant war.

Weiterhin waren wir viel mit dem Bus und U- und S-Bahn unterwegs. Wir fotografierten, was wir entdeckten und nahmen mit einem Cassettenrecorder die typischen Geräusche auf. Ich probierte lange auf der Gitarre, bis mir ein richtiges U-Bahn-Lied einfiel. Die Fotos wurden sehr vergrößert und zusammen mit Bildern der Kinder bei uns in der Gruppe aufgehängt.

So überstanden wir diese graue Zeit ganz gut.

Unser Gebiet zählt zwar nicht gerade zur Faschingshochburg und ich war eigentlich Faschingsmuffel, aber Zirola brachte mich auf eine Idee, als sie eines Tages die Zeitung gelesen hatte: "Wir gehen auf den Studenten-Faschingsball". Thema sollte sein "Kunst der Verwandlung". Ich sagte erst einmal nichts, um in Ruhe über den Vorschlag nachzudenken.

"Da könntest Du mal so richtig in Abendkleidung gehen und die schönen Schuhe anziehen, die ich Dir gekauft habe", schlug Zirola vor. "Wenn mein Bauch noch dicker wäre, könnte ich selbst als Fußball gehen", scherzte sie, "aber daraus wird wohl noch nichts. Ich ziehe mir einfach einen bequemen Blaumann an und gehe als Bauarbeiter. Eine Latzhose ist sowieso das bequemste im Moment für mich".

Ich ergatterte am nächsten Tag noch zwei Karten, obwohl die immer schnell ausverkauft waren. Ein paar Leute aus unserem Freundeskreis hatten auch Karten bekommen, so waren wir in guter Gesellschaft. Schon ein paar Tage vorher probierten Zirola und ich die verschiedensten Sachen aus. Für sie war das passende Outfit schnell gefunden.

Ich probierte wieder einmal halterlose Strümpfe aus, was mich nach wie vor sehr erregte. Zirola hatte einen Rock für mich, den sie für passend erklärte. Mir war er eigentlich ein wenig kurz. "Das wird schon gehen", sagte sie, "nur sollten wir wieder mal die Beine rasieren".

Gesagt - getan. Wie heißt es noch so schön? "Wer schön sein will muss leiden".

Fast in der gesamten Freizeit trug ich nun die Festtagsschuhe, um mich daran zu gewöhnen. Es fiel mir nicht leicht, denn in Absatzschuhen war ich bisher noch kaum gelaufen. Mit der Zeit wurden meine Schritte jedoch sicherer. Wir übten uns sogar ein klein wenig im Tanzen. Lustig, den Bauch zwischen uns zu spüren, wenn wir uns im Arm hielten.

Endlich war der Tag gekommen. Ich brauchte für das Ankleiden wesentlich länger als Zirola. Allein das Bearbeiten der Finger- und Fußnägel dauerte eine ganze Weile. Dafür war das Ergebnis ganz passabel. Ein merkwürdiges Schaudern durchlief mich, als wir auf die Straße gingen, um in das bestellte Taxi zu steigen. Die Party war schon in vollem Gange. Neben den gewohnten Clowns, Matrosen und Sträflingen gab es einige Männer, die sich als Frau gekleidet hatten. Man merkte aber meine Erfahrung. Während einige wie Karikaturen aussahen, wäre ich bei vielen als "echte" Frau durchgegangen. Soweit wollte ich aber niemals gehen, obwohl mich das Tragen der Kleidung sehr reizte. Warum auch nicht?

Auf der Fete spielte eine ausgezeichnete Showband. Zwar mit "gebremstem Schaum" - aber immerhin, wir wagten das eine oder andere Tänzchen. Natürlich waren wir sehr vorsichtig, wollten das Kind nicht zu sehr durchrütteln.

Gegen Mitternacht wollte Zirola gehen; ich hatte nichts dagegen. Wir nahmen wieder ein Taxi für den Rückweg. Zirola wünschte sich von mir eine Massage; denn der Abend war doch etwas anstrengend für sie gewesen. Ich war etwas enttäuscht, die schönen Sachen wieder auszuziehen. Aus dem Schlafzimmer hörte ich Zirola rufen "lass bitte die Strümpfe an, ich fühle es gerne, wenn Du sie anhast und sich meine Haut an ihnen reibt".

Das hellte meine Stimmung gleich wieder auf. Ich brachte ein großes Handtuch mit und Massageöl. Es wurde eine zärtliche Massage, die ihr zu gefallen schien. "Komm", sagte sie, "ich möchte mit Dir schlafen!" Es wurde ein zärtliches Auf- und Ab mit Wellen, die uns durchströmten. "Ist das schön", sagte sie, "ich möchte gar nicht aufhören!"

Danach schliefen wir zärtlich aneinandergekuschelt ein.

Die Zeit bis Ostern erschien uns lang, gibt es doch kein Fest, dass diesen langen Zeitraum unterbricht. Wir hatten es trotzdem sehr schön und widmeten uns voll und ganz der Geburtsvorbereitung. Lustig waren die Abende mit den anderen Pärchen, "Elefantengymnastik" nannte Zirola diese Treffen. Wir besuchten auch einige Kliniken, die alle ein unterschiedliches Modell einer möglichst sicheren und natürlichen Geburt vorstellten. Wir waren etwas ratlos. Eine Freundin von uns erzählte, es würde auch mehr auf die Hebamme ankommen; die Klinik wäre eigentlich nur wichtig im Notfall.

Oft schloss sich dann abends bei uns eine Massage an. Manchmal verkleidete ich mich als "Schwester Petra" - mit einem weißen Kittel. Drunter trug ich nur schwarze Strümpfe und sonst nichts. Wir hatten jedesmal viel Spaß dabei.

Manchmal winkte sie mich zum Abschluss zu sich heran, öffnete die vorderen Knöpfe des Kittels und verlangte nach einem "Betthupferl für die Patientin".

Da Zirola viele ihrer Anziehsachen nicht mehr tragen konnte, weil sie nicht mehr passten, sie aber trotzdem nicht auf den Anblick verzichten wollte, durfte ich diese anziehen. So kam es, dass ich in unserer Wohnung, wenn wir allein waren, meistens etwas von ihr anhatte und mich immer mehr daran gewöhnte, ja es sogar so schön und selbstverständlich fand, einen Rock zu tragen, dass ich mir immer öfter etwas eigenes kaufte.

Manchmal kam unangemeldeter Besuch. Nachdem ich eine Weile immer eine Hose für solche Fälle parat hielt und jedesmal, wenn es klingelte "Achtung-Fertig-Los" den Rock aus- und die Hose anzog, so verzichtete ich nach einer Weile auf dieses Spiel und behielt den Rock an. Es war überraschend, was ich zu hören bekam. "Jürgen hat auch einen Rock von mir angehabt", sagte zum Bespiel Christine, "als er die kleine OP am Oberschenkel hatte, hat die Jeans auf seiner Haut gescheuert. Den Rock, den ich ihm deshalb geliehen hatte, trug er nicht ungern, aber als alles verheilt war, hat er sich doch nicht mehr getraut".

Ich lag mit Zirola auf dem Bett. Ich sah an unseren Beinen hinunter; sie waren fast gleich lang, meine waren auch rasiert. "Ich fühle mich fast wie Deine Freundin", sagte ich lachend zu ihr, "ich habe im Laufe unseres Zusammenseins so viele Einblicke in die weibliche Gefühlswelt bekommen und so viele neue Erfahrungen gemacht!"

Sie lachte. "Du hast von mir nichts geschenkt bekommen; erinnerst Du dich an unsere Anfangszeit?"

"Was meinst Du?"

"Ich habe Dir aus der Hand gelesen, ich habe in Deine Seele blicken können und es wurde mir klar, welches Geheimnis Du in dir getragen hast."

"Getragen hast?"

"Ja, es ist ja nun kein Geheimnis mehr". Damit hatte sie recht. Ich war neugierig: "hast Du noch mehr gesehen?"

Sie wurde sehr nachdenklich ud ihre Augen füllten sich fast unbemerkt mit Tränen. "Du wirst noch einen schwierigen Weg gehen und Umwege machen, Dich immer auf einer Grenze bewegen". Das konnte ich mir wiederum nicht vorstellen. Wir waren doch glücklich so, wie es war, was sollte da schwierig werden, welche Umwege sollte ich gehen, welche Grenze erreichen?

"Willst Du später einmal ganz zur Frau werden?" fragte sie mich. Ich überlegte eine Weile. Mir fiel nur ein, das so zu beschreiben, wie ich es zu der Zeit fühlte: als Mann mit einem Anteil an Weiblichkeit. Nein, eine "richtige Frau" wollte ich nicht werden. Ich fühlte mich gut als Zirolas Mann - und ich fühlte mich gut in ihr und mit ihr. Ich sah keine Veranlassung, über eine Veränderung nachzudenken. Auch fühlte ich mich weder im falschen Körper, noch litt ich unter der Situation; sie machte mir sogar Spaß.

Weil Zirola nicht mehr so beweglich war, erledigte ich mit ihrer Mutter die vielen Einkäufe; wir kauften Milchflaschen und Windeln, Decken, Tücher und alles, was man so braucht, um gut vorbereitet zu sein. Wir wurden nervöser. Immer öfter guckten wir in die Bücher, um nachzulesen, ob wir denn nun alles hatten.

Die Frauenarztbesuche waren beruhigend. Alles war wohl bester Ordnung und wurde im Mutterpass eingetragen.

Im Kindergarten fieberten alle mit - nach jedem Wochenende wurde ich neugierig gefragt, ob "das Ausbrüten" Fortschritte machte.

Eigentlich konnte es nun losgehen; wir hatten alles. Das wusste das Kind natürlich nicht; obwohl Zirola ihm immer alles erzählte. Sie saß auf dem Bett, hinten angelehnt, die Hände über den Bauch gefaltet und sprach mit unserem Baby. Ihre Brüste hatten sehr große Ausmaße angenommen und waren prall. Zirola fand das nicht so gut wie ich, hatte sie doch öfter Spannungsschmerzen und beschwerte sich darüber, dass sie schwer waren. Manchmal bildeten sich an den Brustwarzen schon einige Tropfen. Als ich meinen Finger damit befeuchtete und "lecker" schwärmte, sagte Zirola: "kannst mal richtig daran saugen, dann gewöhne ich mich schon daran".

Das musste sie mir nicht zweimal sagen.

Ich neckte sie manchmal und fragte, ob das Baby sich schon alles gesichert hätte, oder ob aus der Überproduktion vielleicht für mich etwas übrig bleiben würde. "Erst das Kind", sagte sie mit ernstem Gesicht, "und wenn dann noch etwas übrig bleibt, dann darfst Du. Und ich dachte immer, Du magst nicht so gerne Milch, höchstens im Kaffee?"

"Deine Milch ist etwas besonderes, ich freu mich schon". Und das war ernst gemeint.

Plötzlich war es dann so weit, einige Tage vor dem errechneten Termin. Zirola hatte schon den ganzen Tag Wehen gehabt, als sie mich im Kindergarten anrief: "Ich glaube es geht los. Die Abstände zwischen den einzelnen Wehen sagen mir, dass es Zeit wird, Du solltest schnell kommen".

Ich machte mich auf den Weg, von meinen Kolleginnen mit vielen guten Wünschen bedacht und "die nächsten Tage hast Du natürlich frei!" rief mir die Leiterin hinterher.

Zirola hatte schon ihre Tasche bereitgestellt und wartete im Hausflur auf mich. Ihre Mutter hatte sie auch schon angerufen. Ich nahm sie in die Arme und streichelte den Bauch. Sie krümmte sich vor Schmerzen, atmete aber so, wie sie es in den Vorbereitungskursen gelernt hatte. Wir fuhren los, zügig, aber nicht zu schnell.

Im Krankenhaus fuhren wir direkt bis vor den Eingang. Ein Pförtner wollte uns verscheuchen, aber als ich Ihm den Grund nannte, rief er eine Schwester herbei, die sich um Zirola kümmern sollte, bis ich das Auto auf dem Parkplatz untergebracht hatte.

Schnell war ich zurück. "Ihre Frau ist schon auf Station, bitte beeilen Sie sich!" Der Pförtner machte einen geschäftsmäßigen Eindruck. Von einer früheren Klinikbesichtigung wusste ich, wo der Kreissaal zu finden war. Auf einen Aufzug wollte ich nicht warten, also die Treppen hinauf, immer zwei Stufen auf einmal. Ich stand vor der Tür. Bitte Ruhe! Zutritt nur auf Aufforderung. Bitte hier läuten. Es dauerte lange, bis endlich jemand kam. "...Sie sind das? Ziehen Sie sich um, dort wo "Besucher" steht, und dann kommen Sie, Raum 309!"

Ich beeilte mich, musste Gummischuhe und einen Kittel anziehen.

Die Hebamme und der Arzt begrüßten mich. Zirola lächelte gequält. "Na, dann wollen wir mal", sagte der Arzt ungefähr in dem Ton, in dem neulich der Autofritze die TÜV-Untersuchung unseres Autos begann.

Pressen - Hecheln - Pressen - und ich stand etwas dümmlich daneben, hielt Zirolas Hand, fragte, was ich tun konnte, aber das war sehr wenig. Ich fühlte förmlich, wie Zirola sich quälte.

Es zog sich über Stunden. Als ich schon fast damit rechnete, wohl für Ewigkeiten dort zu verweilen, immer wieder den Kreislauf "Pressen - Hecheln - Pressen - Schreien" zu erleben, da war das Kind auf einmal da. "Herzlichen Glückwunsch, Sie haben eine Tochter", sagte die Hebamme freundlich und legte mir ein glibschiges Etwas in die Arme. Gleichzeitig wollte ich Zirola in den Arm nehmen. Sie lächelte unter Tränen.

Zirola - Teil II

Zirola - Teil IV