Im Angesicht des Todes
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Nicoletta
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Im Angesicht des Todes

Post 1 im Thema

Beitrag von Nicoletta »

Hallo in die Runde,

mein Problem könnt Ihr nicht lösen, aber vielleicht können mir Eure Rückmeldungen helfen. Mein Problem ist, dass meine Mutter (90) im Sterben liegt. Sie ist inzwischen (alles nach Aussagen meiner Schwester, die sie betreut) bettlägerig, schläft die meiste Zeit, hat die Augen sogar beim Sprechen geschlossen, isst fast nicht, trinkt kaum, ihr wird übel, wenn sie mehr essen soll. Zudem ist sie fast blind infolge von Diabetes. Ich habe sie seit Muttertag 2014 nicht mehr gesehen, da war sie noch relativ gut drauf. Sie lehnt mich total ab, empfindet mich als "Graus", teilt mir mit, dass man "so etwas" wie mich früher "vergast hätte", meiner Frau sagte sie, dass sie bedaure, mich nicht abgetrieben zu haben, mir sagte sie auch am Telefon, sie habe mich "schon abgeschrieben". Allerdings weiß ich von ihr, dass sie mich hat abtreiben wollen (erst nach dem Tode meines Vaters schob sie dann ihm die ganze Schuld in Schuhe, er habe gesagt, "mach's weg"). Als sie mir zuerst davon erzählte, meinte sie, ich müsse dafür Verständnis haben. Sie hätten schon Kinder gewollt, aber zu dem Zeitpunkt (1948), als sie gerade anfingen, sich eine Existenz aufzubauen, passte es nicht. Die Mitteilung, dass meine Mutter mich abtreiben wollte, hat mich damals schwer getroffen (ist Jahre her); während ich das noch irgendwie nachvollziehen konnte, konnte ich gar nicht begreifen, warum sie mir das unbedingt mitteilen musste. Vielleicht lastete es auf ihrer Seele. Ich habe ihr jedenfalls längst verziehen, allerdings irritiert mich die jüngste Äußerung über das Bedauern, es nicht getan zu haben (nach früheren Bekundungen hat sie durchaus Anstrengungen unternommen, es habe halt nur nicht geklappt).

Jetzt habe ich das doch geschrieben, was zeigt, dass es mich immer noch verletzt. Eigentlich ist die Frage der Abtreibung gar nicht entscheidend. Es geht eigentlich darum, dass meine Mutter mich unbedingt noch einmal sehen möchte, üblicher und verständlicher Wunsch von Sterbenden, aber -- jetzt kommt der Hammer -- nicht so, wie ich bin (da spielt viel Phantasie mit, in "Röckchen" und "Blüschen", mit einem "Vorhang" statt Haaren (die nur als Fassonschnitt toleriert werden) usw. Sie will mich "sehen" (obwohl sie seit längerem gar nicht mehr sehen kann, am Fernseher nur Farbflecken sah und die Schauspieler nur nach der Stimme unterschied), "aber als der Mann, der Du bist" mit Männerhosen, Hemd, Kravatte, Männerschuhen, ohne Schmuck, Nagellack usw. Ich habe das rundweg abgelehnt unter Hinweis auch darauf, dass sie immer größten Wert auf Ehrlichkeit gelegt hat. Diese Forderung aber wäre pure Lüge, wobei alle Beteiligten wüssten, dass es Lüge ist. Sie würde es ja nicht einmal wahrnehmen, wenn ich anders als gewünscht gekleidet erschiene, nehme ich an.

Dazu kommt als zweites Problem, dass ich schlecht höre. Seit Jahren habe ich meine Mutter bei persönlichem Kontakt praktisch nicht verstehen können, nur am Telefon, wenn ich die Lautstärke entsprechend einstellen konnte. Meine Mutter kann aber nicht mehr ans Telefon gehen (drahtloses Telefon hat sie nicht). Dazu kommt, dass sie im gleichen Haus wie meine Schwester wohnt, die in ihrer Beurteilung meiner "Abartigkeit" in nichts zurücksteht. Manchmal denke ich sogar, dass sie der eigentliche Motor ist. Sie fürchtet, dass, wenn ich dort normal als Frau gekleidet auftauchte, nicht etwa Nachbarn, zu denen sie keinerlei Beziehung hat, sondern Pfleger und Ärzte mich sehen könnten, und da schämt sie sich meiner. Sie hat ja auch bei Krankenhausaufenthalten meiner Mutter immer angegeben, dass sie die einzige Angehörige sei, meine Mutter habe sonst niemanden. Jetzt aber solle ich kommen, um "mich zu verabschieden" und vor allem "mir ihr ins Reine zu kommen". Ich fürchte, darunter versteht sie (traue ich meiner Mutter zu), dass ich ihr auf dem Sterbebett versprechen soll, dass ich den "Unsinn" lasse, wieder "normal" werde usw. Sie hat auch schon früher mich nötigen wollen zu Versprechen, dass ich bei ihrer Beerdigung als Mann erscheine, auch, dass ich mich um meine Schwester kümmere (als Mann gewandet). Ich will solche Versprechungen nicht abgeben. Hielte ich sie ein, würde ich mich vor aller Welt lächerlich machen, mich verbiegen und letztlich mich vor mir selber schämen, hielte ich sie nicht ein, hätte ich ein einer Sterbenden gegebenes Versprechen nicht gehalten, was in unserer Gesellschaft doch immer noch sehr schlecht angesehen ist. Ich lebe seit fast zwei Jahren ausschließlich als Frau, ich habe seit Juni 2013 kein männliches Kleidungsstück mehr getragen, ich habe meine Homepage auf meinen weiblichen Namen umgestellt, ich habe als Frau in Berlin und Köln Vorträge gehalten, habe Bücher und Aufsätze unter meinem weiblichen Namen publiziert, alle Nachbarn im Hause und im Viertel und darüber hinaus kennen und akzeptieren mich als Frau (sind freundlicher sogar mir gegenüber als früher mir als Mann gegenüber, kann aber auch daran liegen, dass ich zufriedener bin und eine freundlichere Ausstrahlung habe); wollte ich jetzt auf einmal wieder als Mann auftauchen (unmöglich, das zu verbergen, ich bin noch nie auch nur zur Bushaltestelle gekommen, ohne Menschen zu begegnen, die mich als Frau kennen), würden und müssten die mich doch für verrückt erklären. Als Mann gesehen zu werden (ganz abgesehen von meinen Gefühlen dazu) würde mich unvergleichlich mehr kompromittieren als es bei meiner Schwester möglich wäre, wenn ihre wenigen Bekannten, von denen keiner mich kennt, mich als Frau sähen.

Das ist meine Lage. Alle Freunde und meine Frau raten mir, über meinen Schatten zu springen und die sterbende Mutter zu ihren Bedingungen zu besuchen. Niemand von denen kennt freilich unsere Problematik. Was würdet Ihr empfinden, wie würdet Ihr handeln?

Eine etwas ratlose Nicoletta
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Anne-Mette
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Re: Im Angesicht des Todes

Post 2 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Moin,
Was würdet Ihr empfinden, wie würdet Ihr handeln?
Auch wenn einige mich wieder für einen "Granitkopf" halten - ich würde hingehen, so wie ich nun bin - wenn ich(überhaupt) hingehen würde.
Ich würde nicht gerade ein Blümchenkleid anziehen, aber es gibt auch für so einen Besuch eine "angemessene" Kleidung, in der Du auch Du selbst sein kannst.


Mit alten Verletzungen umzugehen ist eine schwierige Sache - und eine Heilung wird dauern.

Gruß
Anne-Mette
Vivian Cologne
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Re: Im Angesicht des Todes

Post 3 im Thema

Beitrag von Vivian Cologne »

Ich bin nicht in deiner Situation, ich kann mir so etwas in unserer Familie nicht vorstellen, alles, was ich dir raten würde, wäre wohlfeil. Aber du hast uns ja gefragt!

Alles in mir würde schreien, da nicht hinzugehen, mich dem nicht auszusetzen. Aber ich würde es tun, stolz, erhobenen Hauptes, so, wie du täglich unter die Leute gehst. Du wirst deine Mutter noch einmal sehen, und es wird wahrscheinlich der erste Schritt, dich von der Vergangenheit endgültig zu lösen.

Ich frage mich immer, woher dieser Hass kommt. In deinem Fall auch noch von zwei Frauen. Bleib du selbst! Dein Herz wird dir nichts anderes sagen.

Vivian
conny
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Re: Im Angesicht des Todes

Post 4 im Thema

Beitrag von conny »

hallo nicoletta,

die eskapaden mit deiner mutter sind ja wirklich sehr heftig. du beschreibst dich hier als weiblich und bist schon länger als frau unterwegs = das bist du! ich würde nichts zurücknehmen, denn sonst würdest du deine persönlichkeit leugnen. dass deine mutter im angsicht ihres todes nicht milder gestimmt ist, ist schon bedenklich. aber offenbar liegt dir trotz allem daran, abschied zu nehmen. ich würde sie an deiner stelle, wie anne-mette vorschlägt, möglichst dezent als nicoletta besuchen. die alternative wäre, nicht zu ihr zu gehen, frage: hättest du dann nach ihrem tod trotzdem ein ruhiges gewissen?

lg
conny
Lukretia
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Re: Im Angesicht des Todes

Post 5 im Thema

Beitrag von Lukretia »

Ich würde in Deiner Situation zu meiner sterbenden Mutter als Mann, dieses Zugeständnis würde ich meiner sterbenden Mutter trotz Hinweis auf die versuchte Abtreibung machen, gehen. Zu ihrer Beerdigung aber als Frau. Das kann Dir keiner verbieten, ob Du nun neben Deiner Schwester Platz nimmst oder nicht.
Ich würde meiner Mutter die versuchte Abtreibung verzeihen. Das sagt sich gewiss leicht. Ich vermute, dass ihr die versuchte Abtreibung Schuldgefühle bereitet, die sie an Dir auslässt. Es steht schon in der Bibel. Angesichts eines Blinden fragten die Menschen damals: Wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern? In der Logik Deiner Mutter hat sie gesündigt und Du als Transsexueller bist das Produkt. Wärst Du ein normaler Mann, dann wäre die Sünde nicht offenbar geworden.
Du als Transsexueller erinnerst sie an die Sünde der versuchten Abtreibung. Wärest Du "normal" könnte sie die Tatsache, dass sie versucht hat, Dich abzutreiben, erfolgreich verdrängen. Deine Transsexualität verhindert das. Das geht mir so durch den Kopf...
Nicoletta
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Re: Im Angesicht des Todes

Post 6 im Thema

Beitrag von Nicoletta »

Danke für Eure Antworten, auch wenn sie mir im Augenblick noch nicht viel helfen. Anne-Mette, Du hast natürlich Recht, und so habe ich es zum Muttertag versucht mit Jeans und Jeansbluse versucht. Wurde alles abgeschmettert. Dabei ist es schwierig, zwischen meiner Mutter und meiner Schwester zu unterscheiden. Meine Schwester ist radikaler, wie es scheint. Meiner Mutter sprach sogar einmal von einem "Kompromiss", wenn ich in Damenjesns und Karobluse erschiene. Leider ist das nicht das ganze Problem. Wahrscheinlich würde mir meine Schwester, selbst wenn ich mit Damenjeans und Karobluse erschiene, den Zugang zum Haus nicht verweigern, vielleicht schon den zu meiner Mutter, die ich "zu Tode erschrecken" könnte. Größere Bedenken habe ich vor den mir eventuell abgenötigten Versprechen, die ich unmöglich halten könnte. Außerdem rechnen ich damit, dass sie mir in jedem Falle den Tod meiner Mutter in die Schuhe schieben wird: entweder weil ich sie nicht besucht habe, oder weil ich sie nicht in dem richtigen Outfit besucht habe, oder weil ich mich geweigert habe, ihre letzten Wünsche zu erfüllen. Der Schuldzuweisung kann ich in keinem Fall entgehen, aber ich akzeptiere sie in keinem Falle für mich.
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Re: Im Angesicht des Todes

Post 7 im Thema

Beitrag von Vivian Cologne »

Mach dich frei von den Schuldzuweisungen! Es ist dein Leben!

Zur Abtreibung: Wir, die wir biologisch keine Kinder zur Welt bringen können, sollten uns nicht über die erheben, die das können und in erhebliche Gewissensnöte kommen können, wenn es um die Entscheidung für oder gegen das Kind geht. Das können Männer nicht beurteilen. Da bin ich ganz Kind der 70er Jahre.

Das Wort Sünde finde ich hier äußerst deplatziert. Das ist keine Kategorie, die unserem Leben gerecht wird.

Vivian
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Re: Im Angesicht des Todes

Post 8 im Thema

Beitrag von Sunny »

Was für dich richtig ist, kannst natürlich nur du alleine wissen, Nicoletta und da möchte ich nicht in deiner Haut stecken. Ich kann dir nur sagen, was ich aufgrund meiner bisherigen Erfahrungen machen würde.

Als ich das letzte mal mit ihm gesprochen habe, habe ich meinem Vater eine Notlüge darüber erzählt, wo ich das Wochenende verbringen würde. Am Sonntag musste mein Vater dann ins Krankenhaus und war schon nicht mehr zuhause als ich zurückgekehrt bin. Meine Mutter wollte mich erst am Montag zu ihm ins Krankenhaus lassen, wenn es ihm besser ginge. Am frühen Morgen wurden wir von dem Anruf geweckt bei dem uns mitgeteilt wurde, dass er nicht mehr lebt.

Ich habe mehrere Jahre gebraucht um für mich selbst damit klar zu kommen, dass meine letzten Worte an meinen Vater gelogen waren und ebenso lange habe ich gebraucht, um meinen Frieden damit zu machen, dass ich mich nicht richtig von ihm verabschieden konnte. Das sind Tatsachen, die ich nicht mehr ändern kann, die aber selbst jetzt nach 14 Jahren noch manchmal schmerzen. Zu seinen Lebzeiten war die Beziehung auch sehr problematisch, aber zumindest für mich hat das nichts daran geändert, dass ich meinen Vater liebte und der Verlust geschmerzt hat.

Die Möglichkeit sich zu verabschieden, halte ich deshalb für zu wertvoll um sie verstreichen zu lassen. Jeans und dezentes Oberteil, wie es hier schon vorgeschlagen würde, wären da aus meiner Sicht ein guter Kompromiss. Ein ehrlicher Abschied dürfte das sein, mit dem du (meiner Meinung nach) am besten weiterleben kannst. Ich weiß nicht, ob Diplomatie oder vorsichtige Formulierungen da weiterhelfen könnten, aber ich würde versuchen einen möglichst ehrlichen und trotzdem friedlichen Abschied zu erreichen.

Ob dir meine Worte helfen weiß ich nicht, aber ich wünsche dir die Kraft den für dich richtigen Weg zu gehen.

Mitfühlende Grüße
Sunny
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Re: Im Angesicht des Todes

Post 9 im Thema

Beitrag von Jalana »

Hallo Nicoletta,

so wie Anne-Mette und Vivian bin auch ich der Meinung, dass Du Dich auch einer Sterbenden gegenüber nicht zu "verbiegen" brauchst. Übermittele Deiner Mutter die Information, dass Du gerne kommen würdest, aber in dem Outfit das Dir genehm ist und Du ihr keine Versprechungen abgeben wirst. Damit liegt die Entscheidung bei Deiner Mutter. Entweder sie akzeptiert Deine Entscheidung oder nicht.

Viele Grüße
Jalana
Leben und leben lassen
Ulrike-Marisa
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Re: Im Angesicht des Todes

Post 10 im Thema

Beitrag von Ulrike-Marisa »

Hallo Nicoletta,

ich täte es auch so sehen wollen wie Anne-Mette, Sunny und Jalana als Beispiele einer Meinungsbildung.
Du hast dein Leben und hast deine Entscheidungen für dich getroffen. Damit müssen letzlich auch deine Mitmenschen leben ob das deine Schwester oder auch deine Mutter ist. Verbiegen bringt da auch nichts, außer Rückenschmerzen mal bildlich gesprochen. Deine Mutter kann an deinen Entscheidungen nichts mehr ändern und sie hat daran auch keinen Anteil mehr. Bleib so wie du bist und zu dir stehen kannst; das ist glaube ich dann für alle das beste. Verabschiedung ist ein stsarker emotionaler Moment, dem genügend Raum zu geben ist. Streiten können alle Beteiligten auch anderen Tages. Bei meinem Vatter bib ich 10 Minuten zu spät gekommen, da ich mit den damals kleien Kindern noch unterwegs war, das schmerzt mich heute nach 20 Jahren noch. Auch als meine Mutter starb, war ich gerade auf einer Reise- sie ist auch ohne Verabschiedung gegangen - manchmal geht es eben nicht anders.

teilnehmende Grüße, Ulrike-Marisa (flo)
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Re: Im Angesicht des Todes

Post 11 im Thema

Beitrag von Lina »

@Sie ist 90 Jahre alt. Das darf man nicht vergessen.

Das ist aber kein ausreichender Grund, ein Kind von sich zu weisen. Außerdem hat es ja auch viel früher angefangen.

------



Nicoletta,

ich finde es furchtbar und ich kenne so eine Situation teilweise. Bei aller Liebe zu einer Mutter - man sagt nicht zu einem Kind "ich hätte dich abtreiben sollen" - "so was hätte man vergast". Man sagt, "ich würde dich mit meinem Leben schützen, egal was". Auch wenn du jetzt erwachsen bist, hast du wie alle von uns so viele Aspekte deiner Persönlichkeit, dass sie fast wie einzelne Personen sind. Und eine von diesen ist das Kind, das verdient hat, dass die eigene Mutter es mit allen Kräften schützt. Warum sie das nicht konnte oder wollte ist jetzt unbedeutend. Sie hat es nicht getan und du hast die Verantwortung für dich selbst übernommen, vielleicht sehr früh im Leben. Dann steht es dir auch zu, dich so zu zeigen, wie du willst. Dann würde ich an deiner Stelle deiner Schwester sagen, dass du auch so kommst wie du bist, oder auch gar nicht. Ob das bedeuten wird, dass deine Mutter ohne deine Begleitung sterben wird, dann hat sie sich das selbst so ausgesucht. Das ist ihre eigene Entscheidung, nicht deine.

Dass du trotzdem traurig bist, verstehe ich. Ich weiß, wie das ist.
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Re: Im Angesicht des Todes

Post 12 im Thema

Beitrag von LanaX »

Hallo Nicoletta,

das ist wirklich eine schreckliche Situation! Aber ich würde ihrem Wunsch auch entsprechen.
Obwohl die ganzen Aussagen von ihr (und deiner Schwester) ziemlich krass sind. Aber
dieser Besuch ist hauptsächlich für DICH! Deine Mutter ist irgendwann tot, dann interessiert
es sie auch nicht mehr ob sie mit irgendwem "im Reinen" ist oder war... Aber du fragst dich
vielleicht in 10 Jahren, ob du hättest hingehen sollen? Und du lebst weiter und hast dann
vielleicht ein Problem und keine Chance mehr, diese Frage zu klären...

Hier gibt es ja immer wieder mal Diskussionen, ob man das Geschlecht nun an der
Kleidung bzw. an Äußerlichkeiten festmachen kann und dabei kommt meistens ein Nein heraus.

Das bedeutet umgekehrt doch, dass es für dich kein Problem sein sollte, einen Tag auf
Nagellack und Schmuck zu verzichten, ne Herrenjeans, ein Hemd und Sneakers anzuziehen
und zu deiner Mutter zu fahren oder? Dadurch wirst du dich doch nicht gleich als Mann
fühlen und die Wahl der Unterwäsche steht dir ja frei ;) Wenn dich ein Nachbar sieht, dann
ist das in meinen Augen nicht ungewöhnlicher, als wenn mein Nachbar mich als Frau sehen
würde (bin ja nur Teilzeitfrau)... Und falls du dies nicht möchtest, dann ziehe dich unterwegs
um, Frau zu Mann geht wesentlich schneller ;)

Ich würde allerdings nicht die tollen langen Haar abschneiden, falls du welche hast,
das ginge zu weit, aber auch hier gibt es Männer mit Pferdeschwanz. Vielleicht den
Bart noch 2 Tage nicht rasieren, dann hat sie auch was zu fühlen, wenn sie nichts
mehr sieht und fertig.

Ein Versprechen würde ich ihr aber nicht geben! Das wäre dann auch zu viel...
Ich wünsche dir viel Glück und hoffe, dass du für dich die richtige Entscheidung
triffst (muss nicht mein Vorschlag sein)!

Und vielleicht überrascht deine Mutter dich auf dem Sterbebett auch mit etwas
Einsicht, wer weiß, es passieren manchmal seltsame Dinge...

Liebe Grüße
Lana
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Re: Im Angesicht des Todes

Post 13 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Moin,
Wir CD's können nicht nur Toleranz von anderen uns gegenüber "verlangen"!
"Wir" sind nicht alle "CDs".
Deshalb sind die Voraussetzungen auch sehr unterschiedlich.
Ich möchte darum bitten, dass etwas genauer hingesehen wird.

"CDs", transgeschlechtliche und intersexuelle Menschen haben sicherlich einige Gemeinsamkeiten, ABER eben auch deutliche Unterscheidungsmerkmale.
Nicoletta, die das Thema eröffnet hat, ist weiblich, wie sie in ihrem Profil stehen hat. Dort finden sich auch weitere Hinweise, die auf ihrer Homepage nachzulesen sind.

Gruß
Anne-Mette
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Re: Im Angesicht des Todes

Post 14 im Thema

Beitrag von Vivian Cologne »

Anne-Mette hat recht. Ich bitte auch darum, etwas genauer hinzusehen, wer was schreibt. Klar, dieses Forum heißt Crossdresser-Forum, aber es gibt hier viele, für die es nicht nur (oder nicht mehr) ums "Dressen" geht. Manche wie ich haben eine jahrelange Teilzeitfrau-Erfahrung hinter sich. Wenn man also gerne mal zwischen den Welten hin und herwechselt, mag es als gar kein Problem erscheinen, mal eben das Outfit zu wechseln, um der im Sterben liegenden Mutter noch einmal zu begegnen.

Wer sich aber als Frau fühlt, überzeugt ist, dass das Hirngeschlecht gar nichts anderes zulässt, der wird es gerade in dieser Situation schwer übers Herz bringen, sich noch einmal zu verleugnen. Dieses Verleugnen, Täuschen, Verschweigen habe ich abgelegt, und ich kann mir eine solche emotionale Situation in der verhassten Männerrolle nicht mehr vorstellen.

Nicoletta wird es ähnlich gehen, deshalb hat sie uns in diese Familieninterna vertrauensvoll eingeweiht und uns um hilfreichen Rat gebeten. Meinen Rat habe ich gegeben, "Geh doch einfach als Mann" hilft ihr wahrscheinlich nicht.

Ich hoffe, ich bin nicht zu schulmeisterlich, aber gerade den Neuen hilft es vielleicht etwas, wenn sie merken, dass wir eine heterogene Truppe sind.

Vivian
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Re: Im Angesicht des Todes

Post 15 im Thema

Beitrag von LanaX »

Vivian Cologne hat geschrieben:
Ich hoffe, ich bin nicht zu schulmeisterlich, aber gerade den Neuen hilft es vielleicht etwas, wenn sie merken, dass wir eine heterogene Truppe sind.

Vivian
Also mir ist definitiv bewusst, dass wir eine heterogene Truppe sind. Aber Nicoletta stellt hier eine Frage zu ihrer Situation und die beantwortet jeder aus
seiner Perspektive und nach seinem Erfahrungsschatz. Das ist in meinen Augen auch Sinn und Zweck eines Forums, dass ein paar alternative oder auch kontroverse Sichtweisen zusammen kommen. Mir fehlt die Erfahrung, dass ich meine Männerrolle hasse und somit ist mein Vorschlag vielleicht nicht der richtige. Allerdings habe ich meine Sichtweise auch nicht als Die Lösung für Nicoletta dargestellt!

Ich wollte nur darauf hinweisen, dass Nicoletta sich vielleicht auch besser fühlt, wenn sie dort in Männerkleidung (nicht zwingend als Mann!) auftaucht, von der
Mutter Abschied nimmt und damit dieses Kapitel abschließen kann. Das ist aber vielleicht auch genau der falsche Weg, weil sie sich dann im letzten Moment mit der Mutter verleugnen muss. Das kann sie aber nur selbst wissen. Nur eins ist wohl sicher, es gibt nur noch eine zeitlich begrenzte Chance.

Das ist eine schwere Entscheidung! Und nochmal: Ich wünsche dir viel Kraft Nicoletta!
Antworten

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