Liebe Dahlia,
Deinen Frust kann ich nur zu gut verstehen! Das aktuelle System ist nicht gut, in vielerlei Hinsicht. Es wird sich aber ändern! Verglichen mit der Zeitspanne seines fast uneingeschränkten Bestehens, recht bald sogar. was nur noch nicht ganz klar ist, ob dies dann unter dem Strich zu qualitativen Verbesserungen führt. Alleine im medizinischen Bereich gibt es leider ein großes Spannungsfeld, welches von drei Parteien aufgezogen wird:
1. wir trans* Menschen, die immer individuellere Bedürfnisse an die Medizin richten
2. die Kostenträger Krankenversicherungen (KV), allen voran die gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV), die Privaten (PKV) und die weiteren Ersatzkassen (Beihilfe, Bundeswehr)
3. Ärzte
Wir möchten einen möglichst unkomplizierten Zugang zu den Behandlungen, die wir für uns als nötig und richtig empfinden.
Die Kassen stehen ständig unter dem Druck, die Kosten zu senken.
Die Ärzte wollen sich absichern, dass eine Behandlung, deren Folgen weitreichend und in großen Teilen endgültig sind, auch das Richtige für den_die Patient_in ist.
Das ist nicht einfach zu verhandeln.
Nur um das vorweg zu schicken, ich bin auch völlig dafür, ausführliche psychologische Begutachtungen, Zwangsbegleitung, Testverfahren wie eine "Alltagserprobung" etc., ersatzlos zu streichen. Das Problem bei alledem ist, das hatten wir im Forum schon des öfteren diskutiert, dass es keinerlei Nachweis irgendeines Nutzens davon gibt, noch irgendwelche Grundlagen, auf denen dies alles einmal eingeführt wurde. Vielmehr als Mutmaßungen ist da nicht dabei. Da es aber nachweislich für zusätzliche Traumatisierung sorgt, wird es vielleicht mal Zeit für einen Versuch ohne dies alles?
Doch zurück zur aktuellen Situation. Das Grundproblem somatischer Behandlungen ist, dass es irgendeinen Nachweis einer Behandlungsbedürftigkeit braucht, damit ein Arzt in einen ansonsten messbar gesunden Körper eingreifen kann. Also ist hier das Problem, wie kann man den Behandler_innen klar machen, dass eine geforderte Behandlung wirklich notwendig ist? Zur Zeit läuft dieser Nachweis über die bekannten Wege der Diagnosesicherung F64.0G und die Einhaltung der MDS Richtlinien. Damit sind die Ärzte zur Behandlung abgesichert und die Kassen übernehmen die Kosten.
Einmal angenommen wir hätten alle diese Regelungen und Richtlinien nicht, wie würde es dann ablaufen? Nun, das hatten wir vor 30-40 Jahren bereits. Damals war es nicht notwendigerweise schlechter, aber leider endet man dann in einer Situation, in der man den Ärzten ausgeliefert ist. Gerät man an eine_n Behandler_in, die einem wohl gesonnen ist, dann kann alles ganz einfach sein, gerät man an ablehnende Behandler_innen hat man keinen Hebel.
Was ich damit sagen will ist, so schlecht die Regelungen aktuell auch sind, sie geben uns zumindest eine gewisse Sicherheit, an die gewünschte Behandlung kommen zu können und diese auch von den Kassen ersetzt zu bekommen. Die Reifen, durch die man dafür springen muss, hängen einigermaßen hoch, doch sie sind erreichbar.
Das nächste große Ding, und darauf bin ich einigermaßen gespannt, werden die neuen AWMF Richtlinien für Trans* sein:
http://www.awmf.org/leitlinien/detail/a ... 8-001.html
Fertig werden diese dieses Jahr nicht mehr, aber es soll ein erster Entwurf zur Diskussion herauskommen. Verabschiedet werden die dann eher im nächsten Jahr, würde ich annehmen. Die neue Leitlinie wird festlegen, wer und wie der Zugang zu somatischer Behandlung in Zukunft geregelt werden wird. Etwas bedenklich finde ich:
"Versorgungssektor: Psychosoziale Medizin, Psychiatrie, Psychotherapie, Sexualtherapie"
Trotz der einhelligen Meinung, dass Trans* keine psychische Störung etc. ist, wird hier offenbar praktisch nur innerhalb der Psych* Fachrichtung darüber gesprochen und eine Leitlinie entwickelt, die sich dann entsprechend auch wieder an diese Fachrichtung wendet. Es wird also nach wie vor die Psycho* Fachrichtung eine große Rolle beim Zugang zu somatischen Maßnahmen spielen. Die Frage ist nur, wie groß.
Für den Augenblick hängt man also an den Richtlinien, mit der einzigen kleinen Ausnahme, mit etwas Glück Hormone auch ohne diese zu bekommen.
Was die neuen Richtlinien bringen werden und wann diese umgesetzt werden, keine Ahnung. Wir werden es sehen.
Liebe Grüße
nicole