"MI-TSU-O, verdammt!"
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Jaddy
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"MI-TSU-O, verdammt!"

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Beitrag von Jaddy »

Mitsuo Iwamoto ist Redakteur im Zukunftsressort der taz. Im heutigen Newsletter (Abo unter https://q5kf46ry.sibpages.com/) schreibt er unter dem Titel "MI-TSU-O, verdammt!" über Mikroaggression und rassismuskritische Psychologie.

Warum zitiere ich den Artikel hier? Weil er sich genauso mit jedem anderen diskriminierenden -ismus lesen lässt. Auch trans, cross, nichtbinär, "gendernonkonform". Völlig egal, wie und weswegen Menschen täglich markiert und anders behandelt werden, sind die emotionalen und gesundheitlichen Effekte die gleichen, inklusive dem Umgang damit in Therapien, die eigentlich helfen sollen, jedoch die Situation der Betroffenen nicht wirklich "von innen heraus" verstehen.
Erinnerst du dich noch an das Wort Mikroaggression? Vor einigen Jahren, als sich nach der Tötung von George Floyd durch einen Polizisten viele Menschen mit Rassismus befassten, habe ich es zum ersten Mal gehört. Was damit gemeint war, habe ich damals nicht wirklich verstanden. Aber an einem Montagmorgen im April habe ich in meinem Körper gespürt, was es bedeutet. Ich hatte mir gerade ein Rührei in der taz-Kantine bestellt. Als ich unsere Zeitung aufschlug, wurde mir heiß. Mein Herz begann zu rasen. Meine Schultern zogen sich zusammen. In der wochentaz, die jedes Wochenende rund 85.000 Haushalte erreicht, war mein Name falsch geschrieben. „Iwamato“ stand dort.

Ein einfacher Tippfehler, wie sie uns in der taz ehrlicherweise öfters passieren, könnte man meinen. Nicht böse gemeint. Für jede einzelne Person, die die Namen von Menschen mit Migrationsgeschichte falsch schreibt, mag das stimmen. Doch was bei mir ankommt, hat System. Hier ein kleiner Ausschnitt aus meinem Mailpostfach der letzten Wochen: „Mitso“, „Mitsou“, „Mituso“.
Ich habe einen gefüllten Mailfolder mit teilweise bemühten, teilweise ignoranten Anreden... "Sehr geehrte Unbekannt <nachname>", "Sehr geehrtes Divers <nachname>", usw.
**Eine Stunde für eine Mail**

Das Gemeine daran: Es gibt auf diese kleinen Stiche keine richtige Antwort. Entweder man schluckt seine Wut herunter und macht sich damit klein. Oder man macht ihr Luft und riskiert, dass die Person gegenüber gereizt oder bagatellisierend reagiert. Und falls man seine Verletzung zum Ausdruck bringt: Wie reagiert man „angemessen“? Nach einer der oben zitierten Anreden von einer Kollegin war ich so aufgebracht, dass ich erst ihr und dann an unseren Hausverteiler eine Nachricht schrieb. Denn wie soll das Ganze enden, wenn ich nicht darauf hinweise?

In der Mail habe ich auch daran erinnert, beim Schreiben von Namen, die nicht Paul oder Lena sind, besonders aufmerksam zu sein. Allein um diese kurze Mail zu formulieren, habe ich eine Stunde gebraucht. Schließlich will ich vor meinen Kolleg*innen weder als zu sensibel noch als zu aggressiv gelten.
Na, wer von euch hat - wie ich - schon etliche Male überlegt, sag ich was, was sage ich, wann sage ich was, wie und wem? Was passiert dann? Ich habe seit ca einem Jahr einen Vereinskollegen, der eigentlich zu "den Guten"(tm) gehört. Als Note müsste ich ihm jedoch ein "stets bemüht" geben. Regelmässig muss ich ihn erinnern, Pronomen und Artikel wegzulassen, inklusiv zu formulieren, usw. Und jedes Mal kriege ich die gleichen zwei Minuten "ja, sorry, das steckt noch so drin, in meinem Alter (ich bin zwei Jahre älter als er), ich werde mich bemühen" bla bla bla. Nach einem Jahr muss ich dann einfach sagen, dass ich von dem Bemühen nicht viel merke.
Vielleicht waren es diese Erfahrungen, die mich haben aufhorchen lassen, als Dr. Gina Sissoko der taz einen Essay zu ihrem Kampf für eine Schwarze Psychologie in Deutschland anbot. Mit dem Begriff meint sie eine Psychologie, die die von Rassismus geprägte Lebensrealität von Schwarzen Menschen in Deutschland ins Zentrum rückt. Ihr Essay erscheint in den nächsten Wochen in der wochentaz.

Obwohl wissenschaftlich belegt ist, dass Diskriminierung Angststörungen und Depressionen begünstigt, hört der Rassismus mit dem Beginn einer Therapie nicht unbedingt auf. Denn auch Therapeut*innen haben rassistische Denk- und Verhaltensmuster verinnerlicht – und können sie in der Therapie reproduzieren.
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**Keine Hautfarbe zu sehen, ist keine Lösung**

Wie das konkret aussehen kann, erklärt Sissoko anhand des fiktionalen Charakters Aisha. Aisha ist eine 27-jährige Schwarze Frau, der es nicht gut geht. Sie schläft schlecht, geht wenig aus dem Haus, ist oft traurig und reizbar. Auf der Arbeit heißt es schnell, sie sei aggressiv, wenn sie in Konferenzen ihre Meinung sagt. Auf dem Weg nach Hause bekommt sie mit, wie einige von ihnen sich beschweren, dass man heutzutage ja nichts mehr sagen dürfe, ohne direkt „rassistisch“ zu wirken.

Als Aisha endlich einen Therapieplatz findet, freut sie sich. Gleichzeitig ist da auch Skepsis. Kann Therapie ihr wirklich helfen? Als sie von den Problemen auf der Arbeit erzählt, fühlt sie sich zunächst verstanden. Doch dann fragt ihre Therapeutin: „Glauben Sie, dass Ihre Kolleg*innen es böse gemeint haben?“ Und: „Ich sehe keine Hautfarbe. Für mich sind Sie einfach ein Mensch.“ Und erneut fühlt sich Aisha unverstanden.

Laut Sissoko passieren in dieser Situation drei fundamentale Dinge. Erstens ignoriert die Reaktion der Therapeutin den Kontext jahrhundertelanger Unterdrückung und wiederholter Rassismuserfahrungen. Zweitens wird die Verantwortung, „besser“ mit dem Rassismus auf der Arbeit umzugehen, auf Aisha verschoben. Und drittens wird mit dem Satz „Ich sehe keine Hautfarbe“ Aishas Realität verleugnet: als Schwarze Frau in Deutschland, deren Leben tagtäglich durch Rassismus geformt wird.
Ganz wichtig! "Ich sehe keine Hautfarbe, kein Geschlecht" usw ist ignoranter Bullshit. Pat Parker schrieb 1978 in dem Gedicht "For the white person who wants to know how to be my friend": "The first thing you do is to forget that i’m Black. Second, you must never forget that i’m Black." (https://lithub.com/three-poems-by-pat-parker/). Genauso ist es mit trans, jüdisch sein, usw.
**Wie könnte es besser gehen?**

Sissoko findet die Antwort auf diese Frage in der Forschungstradition der Black Psychology. In ihr schlossen sich Schwarze Wissenschaftler*innen in den 1960er-Jahren zusammen, um die in den USA vorherrschende Psychologie zu kritisieren, die Schwarze Menschen vor allem als mental defizitär und problematisch betrachtete. Wie würde also eine von Schwarzer Psychologie geprägte Therapeutin auf Aisha reagieren?

Eine solche Therapeutin hätte Aishas Erfahrung validiert, anstatt sie zu hinterfragen. Sie hätte den Rassismus an ihrem Arbeitsplatz direkt benannt. Vielleicht hätte sie sogar Empörung gezeigt. Sie hätte Aishas Herzrasen, ihre Schlafprobleme und ihre Reizbarkeit nicht als individuelle Schwäche, sondern als verständliche Reaktion auf wiederholte Grenzüberschreitungen, Abwertungen und Anpassungsdruck eingeordnet. Mit einem speziell für rassistischen Stress und Trauma entwickelten Interviewinstrument wie dem „UConn Racial/Ethnic Stress & Trauma Survey“ (UnRESTS), hätte die Therapeutin Aisha zeigen können, dass ihre Erfahrungen echt und dokumentierbar sind. Dass sie in der Psychologie einen Namen haben.

Im weiteren Verlauf könnte die Therapeutin Aisha dabei unterstützen, ein kritisches Bewusstsein für die systemischen Ursachen für ihre Erfahrungen zu entwickeln. Sie könnte mit ihr ergründen, was es für sie bedeutet, eine Schwarze Frau in Deutschland zu sein und welche Aspekte ihrer Geschichte und Kultur sie bestärken. Und sie könnte Aisha dabei begleiten, ein Bild davon entstehen zu lassen, wie sie auch trotz Rassismus ein freudvolles Leben führen kann.
Eine sehr starke Parallele zu trans, inklusive der Pathologisierung. Zusätzlich kommt bei trans und (Zwangs)Therapie regelmässig die "Beweislast" dazu, dass die Person "wirklich trans" ist. Nicht nur der Leidensdruck durch Ignoranz und Diskriminierung wird in Frage gestellt, sondern auch ob der Grund, die Transidentität, überhaupt akzeptiert wird. Viele Umfelder, Familie, Kolleg*innen, Freundys ebenso; wahlweise trans sein und_oder Diskriminierung/Missachtung: "Das bildest du dir nur ein", "vielleicht nur eine Phase", usw.

Deshalb braucht es bestärkende Therapeutys. Nicht im Sinne von aktiv trans befördernd, sondern erst einmal die Wahrnehmung als valide hinnehmen.
**Die Kraft der Gemeinschaft**

Gleichzeitig würde die Therapeutin Aisha vermitteln, dass individuelle Psychotherapie kollektive Unterdrückung nicht alleine heilen kann. Denn Heilung passiert laut Sissoko dort, wo Menschen sich wiedererkennen, wo sie Erfahrungen teilen und wo ihre Realitäten nicht infrage gestellt werden. Deshalb spielt die Kraft der Gemeinschaft in der Schwarzen Psychologie eine zentrale Rolle. Ob in Form von Freundeskreisen, Kulturveranstaltungen oder Gruppentherapien für und von Schwarzen Menschen.

Mit ihrer eigenen Arbeit will Sissoko diese im US-Kontext gesammelten Erfahrungen auch für Schwarze Menschen in Deutschland nutzbar machen. Denn die Daten- und Studienlage diesbezüglich ist noch lange nicht ausreichend. Zwar werden erste Schritte in Richtung einer rassismuskritischen Psychologie auch hierzulande gegangen. Aber das Thema ist nicht systematisch in Ausbildung, Diagnostik und klinischer Praxis verankert.

Die Erfahrungen, die ich als bürgerlich aufgewachsener, ostasiatischer Mann in Deutschland mache, unterscheiden sich signifikant von den Erfahrungen Schwarzer Menschen. Trotzdem hat mir die Lektüre von Sissokos Essay Mut gemacht. Insbesondere der Abschnitt über die Kraft der Gemeinschaft hat mich berührt.

Als ich an dem Montagmorgen im April mit rasendem Herz in der Kantine saß, war es meine Kollegin Adefunmi Olanigan, die vorbeikam und sich die Zeit nahm, mir zuzuhören. Sie konnte meine Wut verstehen und hat gleichzeitig ihre eigenen Erfahrungen mit mir geteilt. Das ist natürlich nur ein erster Schritt. Aber es war schön, in diesem Moment nicht alleine zu sein.
Und deshalb gibt es Selbsthilfegruppen, Foren, Communities. Nicht nur (aber auch) für praktische Klamotten und Schmink-Tipps.

Ich habe in einem damals noch-nicht-so-trans-enby Umfeld einzelne "TIN*-Bubbles" veranstaltet. Aus der größeren Gruppe konnten sich alle, die sich nicht ganz cis fühlten, mal für 90 Minuten aus dem dem cis-binären Universum beamen. So hatte ich es geframed. In einer Feedbackrunde sagte eine Person etwas ganz massives: "Ich konnte von meinen Erfahrungen und Gefühlen berichten und alle anderen haben genickt". Dieses Gemeinschaftsgefühl ist unglaublich wertvoll.

Und die zweite bottom line aus der Parallele Rassismus, trans, etc: Es ist die Denke in angeblicher Normalität und Abweichungen selbst das Hauptproblem. Es fehlt an erlenten Handlungsmustern, sensibel, respektvoll und anständig mit (unerwarteten) Begegnungen umzugehen. Nicht nur spezifisch - wie gehe ich mit trans Personen um, wie mit Behinderten -, sondern auch generell: Wie reagiere ich respektvoll auf Menschen mit anderen Hintergründen. Deshalb brauchen wir konsequente und solidarische Intersektionalität. Auch wenn wir selbst "bis auf trans", cross o.ä. lupenreine Elemente der weiss-deutschen Mehrkeitsgesellschaft sind. "The truth is, no one of us can be free until everybody is free." (Maya Angelou)
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