Gewalt gegen Frauen nimmt zu – Hubig kündigt Reformen an
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Olivia
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Gewalt gegen Frauen nimmt zu – Hubig kündigt Reformen an

Post 1 im Thema

Beitrag von Olivia »

Der Spiegel:
"»Wir müssen mehr tun, um Frauen zu schützen«, sagt Bundesjustizministerin Stefanie Hubig und avisiert weitere Maßnahmen. Im vergangenen Jahr seien die Fälle häuslicher Gewalt stark angestiegen."
https://www.spiegel.de/panorama/justiz/ ... 0ea4b6872d
Michi
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Re: Gewalt gegen Frauen nimmt zu – Hubig kündigt Reformen an

Post 2 im Thema

Beitrag von Michi »

Was ich nicht verstehe:

Nach all den Jahren müsste man als PolitikerIn doch langsam mal gelernt haben, dass sich aus den steigenden Anzeigen keine steigenden Taten herleiten lassen.

Wenn es um transidente Menschen und insbesondere transidente Kinder geht, bezweifeln oft die selben PolitikerInnen die steigenden Zahlen und behaupten, dass diese nur von "den Woken manipuliert" und "vom Woke-Virus infiziert" werden würden.

Dabei ist in beiden Fällen die selbe Ursache für steigende Zahlen: Die Themen sind in der Gesellschaft, in der Öffentlichkeit angekommen. Die Betroffenen werden nicht mehr so sehr wie früher diffamiert, stigmatisiert und ignoriert, und trauen sich deswegen immer öfter, sich Hilfe zu holen.


Ich selbst kann (leider) in beiden Themenbereichen mitreden.

Als ich vor 20 Jahren von häuslicher Gewalt betroffen war, war Vergewaltigung in der Ehe gerade erst wenige Jahre strafbar, und wurden Frauen gerade erst richtig als Opfer wahrgenommen. Betroffene Männer wurden bestenfalls ignoriert, eher verspottet und diffamiert. Nicht nur wegen der wiederholten Drohungen meiner Ex, mich mit falschen Anzeigen zu beschuldigen und dafür zu sorgen, dass ich mein Kind niemals wiedersehen werde, falls ich mich trauen sollte, anderen was zu erzählen oder gar zur Polizei zu gehen! Auch im Netz las ich einige persönliche Berichte von Betroffenen, wie erniedrigend diese von der Polizei behandelt worden waren, und dass ihnen die Annahme ihrer Anzeige verwehrt wurde. Die ersten Berichte in den Medien gab es erst ein paar Jahre, nachdem ich mich bereits aus meiner Situation befreit hatte. Und auch heute noch werden männliche Opfer oft nicht ernst genommen und so gut es geht unsichtbar gemacht, wie auch dieser Bericht wieder zeigt.

Genau so hätte ich mir vor 20 Jahren nicht vorstellen können, als Frau zu leben. Meine von Kindheit an aufgebaute Angst vor der gesellschaftlichen Ächtung hat verhindert, dass ich mich damit befassen könnte, wie es tief in mir drin aussieht. Also habe ich versucht, den immer wieder aufkommenden Druck zu deckeln, umzuleiten und kontrolliert abzulassen .. z.B. indem ich auf Dienstreisen die Abende im Hotel in Strumpfhose und einem längeren Shirt vor dem Fernseher verbracht habe .. immer alles gut versteckt und darauf bedacht, dass bloß niemand .. auch nicht das Hotelpersonal .. was merkt. Über die Jahre haben sich aus diesen Ängsten Depression und Angststörung entwickelt, was natürlich auch von der Gesellschaft und den Ärzten ignoriert wurde, weil ich ja als Mann zugewiesen bin. Vielleicht hätte ich mich längst umgebracht, wenn die Akzeptanz nicht seit ca. 2010 langsam, aber spürbar gestiegen wäre, und ich mich ebenso langsam getraut hätte, mein Selbst zu erforschen. 2010 hatte ich mich zum allerersten Mal überhaupt einem außenstehenden Menschen persönlich (nicht nur online mit anderen Betroffenen) geöffnet, dass ich gelegentlich weibliche Kleidung tragen möchte. Aber auch da habe ich meine Seele weiter eingemauert, und mir nur die Teilzeitfrau erlaubt. Erst nachdem ich 2018 Frieda kennengelernt hatte, die mir von Anfang an signalisierte, dass sie auch zu mir stehen wird, wenn es mehr als nur Teilzeitfrau werden sollte, und nachdem ich über 2 Jahre schwere Panikattacken und Depressionen durchlitten hatte, ist das Thema bei mir im Herbst 2023 wirklich in Bewegung gekommen.
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Lina
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Re: Gewalt gegen Frauen nimmt zu – Hubig kündigt Reformen an

Post 3 im Thema

Beitrag von Lina »

Natuerlich soll Vergewaltigung in der Ehe auch strafbar sein, aber die bloße Behauptung, dass sie statt gefunden hat, wird wohl nicht reichen. Hoffe ich zumindest.
Kennt jemand vom euch konkrete Fälle, wo es zu einer Verurteilung kam - was würde da als Beweismittel präsentiert.

Mir fällt dazu der Kachelmann fall ein, wo die Freundin Jahre später auf Vergewaltigung bestand und als eines der Hauptbeweismittel, Fotos von Verletzungen vorlag. Diese wurden später nach Anwaltswechsel von Dr. Pueschel begutachtet. Er meinte, die Wiesen so viele Zeichen auf, dass sie selbstzugefügt seien. Er meinte dass sie eindeutig waren, dass sie einen Platz in einem Lehrbuch verdienen.
Forensuche Medizin wird immer wieder unterschätzt.
Nor so als Hinweis, falls jemand in die Situation geraten sollte.
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Re: Gewalt gegen Frauen nimmt zu – Hubig kündigt Reformen an

Post 4 im Thema

Beitrag von Knäckebrötchen »

MichiWell hat geschrieben: Fr 21. Nov 2025, 12:11 Nach all den Jahren müsste man als PolitikerIn doch langsam mal gelernt haben, dass sich aus den steigenden Anzeigen keine steigenden Taten herleiten lassen.
Du hast recht, ein Anstieg der Zahlen hängt mit Sicherheit auch an der gestiegenen Bereitschaft, Anzeige zu erstatten.

Gleichzeitig ist es in gewisser Hinsicht doch schon ein Anstieg, in so fern als das die Fälle, die bis dato als Dunkelziffer nur geschätzt werden konnten zu Tage treten. Denn die Fälle waren/sind ja trotzdem da, nur bisher unsichtbar und vermutet.

Also die absolute Zahl steigt nicht an, es werden nicht mehr Gewalttaten, aber die Anzahl der sichtbaren Fälle steigt. Ich weiß nicht, ob ich meinen Gedanken verständlich formuliere, sorry. Ich denke bis zu einem Punkt ist es einfach nur die falsche Wortwahl - und auch hier: ja, man sollte meinen, dass Medien und Politik irgendwann mal lernen, die richtigen Formulierungen zu finden...
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Michi
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Re: Gewalt gegen Frauen nimmt zu – Hubig kündigt Reformen an

Post 5 im Thema

Beitrag von Michi »

Knäckebrötchen hat geschrieben: Fr 21. Nov 2025, 14:09 Also die absolute Zahl steigt nicht an, es werden nicht mehr Gewalttaten, aber die Anzahl der sichtbaren Fälle steigt.
Genau das wollte ich sagen.

Die steigenden Zahlen sind vielmehr ein Zeichen dafür, dass das Problem wahrgenommen und die Opfer gesehen werden. Man könnte es also auch positiv sehen, dass Betroffene ihre Gewalterfahrungen nicht mehr als Schicksal hinnehmen und mit sich selbst ausmachen. Sehr wahrscheinlich werden die absoluten Zahlen der Betroffenen nicht von heute auf morgen auf nahezu Null sinken, aber sie werden sinken. Und auf jeden Fall wird auch die Dauer sinken, bis sich Betroffene Hilfe suchen und sich aus einer toxischen Beziehung befreien.

Kurz gesagt sollte man es sogar als positiv ansehen, dass die Zahl der angezeigten Taten steigt, weil das Problem ernst genommen wird.


Politiker sind anscheinend unfähig, Dinge anders als negativ zu sehen und auch positive Äußerungen zu machen.

In den meisten anderen Lebensbereichen wird so eine dauer-negative Einstellung schnell als toxisch gebrandmarkt.
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Re: Gewalt gegen Frauen nimmt zu – Hubig kündigt Reformen an

Post 6 im Thema

Beitrag von Olivia »

Der Spiegel:
"Zahl der Straftaten gegen Frauen und Mädchen nimmt zu
Im vergangenen Jahr sind in Deutschland 308 Frauen und Mädchen durch geschlechtsspezifische Gewalt ums Leben gekommen. Die Tatverdächtigen waren in vielen Fällen Partner oder Ex-Partner."

https://www.spiegel.de/panorama/justiz/ ... e391a6e752
Jaddy
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Re: Gewalt gegen Frauen nimmt zu – Hubig kündigt Reformen an

Post 7 im Thema

Beitrag von Jaddy »

Wo hatten wir das neuliche? Ach ja: viewtopic.php?t=32233#p414089
Der "Monitor Gewalt gegen Frauen" vom DIMR; https://www.institut-fuer-menschenrecht ... gen-frauen
Ergebnisse der Dunkelfeldbefragungen: [...] Laut einer repräsentativen Befragung der EU-Grundrechteagentur (FRA) aus dem Jahr 2012 haben 35 Prozent aller befragten Frauen in Deutschland (etwa 1.500 Frauen im Alter von 18 bis 74 Jahren) seit ihrem 15. Lebensjahr mindestens eine Form von körperlicher und/oder sexualisierter Gewalt durch (ehemalige) Partner*innen oder durch andere Personen erfahren. Psychische Gewalt erfuhr etwa die Hälfte der befragten Frauen seit dem 15. Lebensjahr und etwa 11 Prozent erlebten wirtschaftliche Gewalt.

Die im Jahr 2020 durchgeführte repräsentative Befragung „Sicherheit und Kriminalität in Deutschland“ (SKiD) des BKA und der Polizeien der Länder mit 45.350 Personen, darunter 23.290 Frauen, zeigt, dass 6 Prozent der Frauen ab 16 Jahren innerhalb von zwölf Monaten strafrechtlich relevante Sexualdelikte erlebten, 1,3 Prozent Körperverletzungen und 4,6 Prozent verbale Gewalt im Internet (Jahresprävalenz).

Nur ein Teil der erlebten Gewalt wird von den Betroffenen bei der Polizei angezeigt, wie die Befragung SKiD belegt, wobei die Anzeigequote bei Körperverletzungen generell höher ist als bei Sexualdelikten, wo sie erst mit zunehmender Schwere der Tat ebenfalls tendenziell steigt. Im Einzelnen bedeutet dies: Im Durchschnitt zeigen Frauen 66 Prozent der von ihnen erlebten Körperverletzungen, die mit einer Waffe und von einer einzelnen Person verübt wurden, an, 26,4 Prozent der erlittenen Körperverletzungen, die durch eine Person ohne Waffe begangen wurden, und nur 21,5 Prozent der durch mehrere Personen und ohne Waffe begangenen Körperverletzungen. Bei sexualisierter Gewalt ist die Anzeigeneigung der Betroffenen deutlich geringer: Durchschnittlich zeigen Frauen nur jede zehnte gegen sie gerichtete Straftat (9,6 %) im Bereich sexueller Missbrauch oder Vergewaltigung an. Die Anzeigenquote für von Frauen erlebte körperliche sexuelle Belästigungen liegt bei lediglich 2,6 Prozent und für das unerwünschte Zeigen von Geschlechtsteilen bei 2,4 Prozent
Ich denke, da ist an Anzeigebereitschaft noch deutlich Luft nach oben. Nur die angezeigten Taten kommen in die PKS. Einige offizielle Zahlen können sich also locker verdreifachen, ohne dass die Zahl der tatsächlichen Taten sich wirklich ändert.

Allerdings sehe ich das eigentlich Problem auf der Seite der Täter - die fast immer Männer sind. Und nicht nur bei Gewalt gegen Frauen. Bei Gewalt gegen Männer sind es auch fast immer Männer. Das betrifft dann nicht Partnerschaften, sondern eskalierte Alltagssituationen.

Wir haben ein (weltweites) Problem männlicher Gewalt, männlichen Anspruchsdenkens, fehlender Selbstkontrolle und erlernter Alternativen, usw.

Klar: Opferschutz und Betreuung, Täter überwachen und fernhalten. Aber vor allem im Vorfeld und Umfeld gewalttäiges Verhalten von vornherein ächten und den Personen deutlich aufzeigen, dass ihre Art nicht okay ist und sie sich Hilfe suchen sollen. "Verschärfungen des Strafrechts" werden da gar nichts bringen.
Jaddy
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Re: Gewalt gegen Frauen nimmt zu – Hubig kündigt Reformen an

Post 8 im Thema

Beitrag von Jaddy »

Dazu gefunden: Ein Artikel bei ZDF; https://www.zdfheute.de/panorama/bielef ... g-100.html
Seit mehr als 25 Jahren arbeitet der Sozialpädagoge Helge Rettig mit Männern, die in Partnerschaften gewalttätig geworden sind. Er erklärt, warum Täterarbeit früh ansetzen muss und weshalb zu wenig Kapazitäten ein echtes Problem darstellen.

ZDFheute: Welches Training bietet die Beratungsstelle "man-o-mann" in Bielefeld an?

Helge Rettig: Das Männerprogramm für gewalttätige Männer ist ein psycho-edukatives Programm. Es zielt darauf ab, den Männern klarzumachen, dass sie eine Entscheidung treffen. Dass hinter ihrer Gewalttat eine Haltung steht und dass sie die Möglichkeit haben, ihr Verhalten zu beeinflussen.
Und das Hauptproblem:
ZDFheute: Warum sind Projekte wie Ihre nicht so bekannt?

Rettig: Wir haben nur eine Dreiviertel Stelle für den Bereich Partnerschaftsgewalt. Unsere Befürchtung wäre, wenn wir mehr Öffentlichkeitsarbeit machen, dass sich mehr Männer hier melden würden. Und im Grunde müssten wir die Männer abweisen, ohne eine Alternative anbieten zu können. Für mehr Angebote müssten politischen Entscheidungen an anderer Stelle fallen.
Klar sind ein paar elektronische Fussfesseln und höhere Strafen billiger als das. Nur bringen sie eben auch nicht wirklich was. Mehr Opferschutz (wie?) und Begleitung sind hilfreich für das danach. Aber das eigentliche Problem, Männer, die gewalttätig ausrasten, muss auch angegangen werden.

Verlinkt im Artiekl eine aktuelle 45 Minuten Sendung zum Thema; https://www.zdf.de/video/reportagen/pla ... rechen-100
Michi
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Re: Gewalt gegen Frauen nimmt zu – Hubig kündigt Reformen an

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Beitrag von Michi »

Jaddy hat geschrieben: So 23. Nov 2025, 13:26
ZDFheute: Warum sind Projekte wie Ihre nicht so bekannt?

Rettig: Wir haben nur eine Dreiviertel Stelle für den Bereich Partnerschaftsgewalt. Unsere Befürchtung wäre, wenn wir mehr Öffentlichkeitsarbeit machen, dass sich mehr Männer hier melden würden. Und im Grunde müssten wir die Männer abweisen, ohne eine Alternative anbieten zu können. Für mehr Angebote müssten politischen Entscheidungen an anderer Stelle fallen.
Es macht mich immer wieder wütend, dass politische Entscheidungen dazu führen, dass lösbare Probleme nicht angegangen oder vernachlässigt werden, weil .. wie so oft .. am falschen Ende gespart wird.
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