Sind wir egoistisch?
Verfasst: Mo 30. Sep 2024, 02:59
Um Malvines Thema nicht zu kapern, starte ich mal ein neues zu den Fragen, die Vicky hier stellt:
Dilemma bedeutet ja, dass es keine Lösung geben kann, die die widerstreitenden Positionen so miteinander integriert, dass beide gut damit leben können. Ein Dilemma entsteht regelmäßig dann, wenn eine Position die andere ausschließt. Das ist auch hier der Fall:
Wir würden gerne als Frau leben / Frau sein, tun es aber nur sehr eingeschränkt, weil wir glauben, dass sei unserer Partnerin gegenüber unfair oder egoistisch.
Die Kernfrage ist aber nicht, wie wir uns leben können ohne egoistisch zu sein, weil die das Dilemma nur endlos replizieren würde. Es wird nämlich immer ein "aber" geben, das der perfekten Lösung im Weg steht.
Im Grunde ist es doch viel einfacher:
Entweder wir leben einfach, oder wir suchen nach Gründen, warum es nicht geht.
Ich versuche mal anhand der Kleidung zu erklären, wie es bei mir war. Kleidung steht eher symbolisch für meine Befindlichkeit, also bitte nicht nur aus Äußere beziehen.
Ich empfand es immer sehr mühsam, mich diesem dauerndem Wechsel zwischen M und Fr auszusetzen. Anfangs dachte ich, es läge an der Heimlichkeit meines Tuns, aber als diese Hürde beseitigt war, stellte sich kaum Erleichterung ein. Es blieb anstrengend, mal Mann zu sein und lieber Frau sein zu wollen, aber nicht zu können oder zu dürfen.
Besser wurde es für mich tatsächlich erst, als ich die Möglichkeit hatte, andauernd das zu tragen, was mir gefällt und wozu ich gerade in der Stimmung bin. Egoistisch kam es mir nicht vor, eher war es sowas ähnliches wie Mich-Ehrlich-Machen, Zu-Mir-Stehen, Echt-Sein. In meiner früheren männlichen Version lief ich doch meist rum wie Falschgeld, zumindest fühlte es sich so an.
Heute kann ich tragen was ich möchte. Bin ich mit meiner Partnerin unterwegs, gibt es kleine Einschränkungen (die in die selbe Richtung gehen wie hier oft geäußert: nicht zu auffällig / bunt / kurz / sexy...) Damit kann ich gut leben. Ich strebe kein Passing an und mache die Erfahrung, dass es akzeptiert wird. Niemand muss leiden, wenn ich das tue, niemandem wird was weggenommen. Wenn es meiner Partnerin dennoch mal nicht gut geht mit meinem Äußeren, dann muss ich damit klar kommen, und sie muss damit klar kommen. Natürlich reden wir darüber. Manchmal kann ich kleine Dinge ändern, um ihr entgegen zu kommen. Manchmal geht es nicht. Meistens ist es OK so wie es ist.
Was hat das nun mit den Gefühlen von Trauer zu tun, die man hat, wenn man sich wieder zurück verwandelt?
So wie ich es sehe, bekommt man diese Gefühle erst dann in den Griff, wenn man diesen Wandel mit selbstverständlicher Lakonie akzeptieren kann. Das gelingt am ehesten, wenn man nicht diesen inneren Gegensatz überbetont, sondern versucht, innerlich eins mit sich zu werden.
Ich habe dann gar nicht bewusst das Gefühl, mich zu "verwandeln". Selbst wenn ich es tue. Es passiert einfach, weil es ein ganz normaler Teil meines Alltags geworden ist, den ich nicht mehr hinterfrage. Es ist integriert in meiner Persönlichkeit und kann es ohne schlechte Gefühle für mich annehmen. Als Geschenk, nicht als Problem.
Wie kommt man dahin?
Da gibt es wohl so viele Wege, wie es Menschen gibt. Hilfreich ist die Beschäftigung mit den Themen , Selbstliebe, Aufmerksamkeit, Bindungstrauma, innere Kinder...
Das ist aber nur dann erfolgversprechend, wenn man sich offen darauf einlassen kann und einen langen Atem mitbringt. Der Prozess braucht Unterstützung und Begleitung, wenn man sich nicht unterwegs verlieren will.
Irgendwann stellt man dann fest, dass viele unserer Probleme in Wirklichkeit ganz anders gelagert sind, als wir es dachten. Meistens fällt ab dem Zeitpunkt die Bearbeitung leichter, und Dinge lösen sich.
Beispiel:
In jungen Jahren war ich sehr fasziniert von sexy Damenunterwäsche und hätte viel darum gegeben, wenn meine damalige Freundin sie getragen hätte. Mochte sie aber nicht. Mein Problem war also: wie kann ich sie trotzdem dazu überreden? Ich habe damals viel Energie darauf verwendet, mir "Strategien" auszudenken, dieses "Problem" zu lösen.
Irgendwann zog ich die Sachen aus Frust einfach selbst an. Und sofort war der Druck weg, sie ihr weiter aufzudrängen. Es sollte noch lange dauern, bis ich verstand, dass es nie darum ging, dass sie diese Sachen trägt, sondern dass ich sie wohl angeschafft hatte, um sie selbst zu tragen, davon aber zunächst nichts wusste. Mein ursprüngliches "Problem" war also nichts als eine Projektion.
Ist dieser gefühlte Egoismus aus Vickys Beitrag nicht etwas ähnliches? Vielleicht keine Projektion im psychologischen Sinne, aber doch eine unbewusste Strategie, nicht zu stark mit unserem eigentlichen inneren Wesen in Kontakt zu kommen?
Aus Angst. Angst vor dem, was wir dort finden könnten, wenn wir es wirklich zulassen würden, wirklich öffnen könnten? Weil es dann kein Zurück mehr gäbe? Aber wäre das so schlimm, wenn wir endlich leben könnten?
Für mich ist die Kernfrage somit:
Wie überwinden wir diese Angst vor uns selbst?
LGL
Ich glaube, das ist interessant genug, um sich ein paar Gedanken dazu zu machen.Vicky_Rose hat geschrieben: So 29. Sep 2024, 16:00 Wir leben gegen unsere Wünsche und Notwendigkeiten. Wir wollen für unsere Partnerinnen jemand sein, der ihren Wünschen entspricht und vergewaltigen uns selber. Leben wir unser Leben, sehen wir uns als egoistisch. Das ist ein Dilemma. Ich bin für Rücksicht, aber nicht für faule Kompromisse.
Heißt das Problem "Malvine", "Vicky" oder "xxx"? Ich glaube nicht. Aber vielleicht hat unser Probem mit der Bewertung unserer eigenen Person zu tun ? Wie können wir uns leben ohne egoistisch zu sein ? Das ist vielleicht die Kernfrage. Oder ?
Dilemma bedeutet ja, dass es keine Lösung geben kann, die die widerstreitenden Positionen so miteinander integriert, dass beide gut damit leben können. Ein Dilemma entsteht regelmäßig dann, wenn eine Position die andere ausschließt. Das ist auch hier der Fall:
Wir würden gerne als Frau leben / Frau sein, tun es aber nur sehr eingeschränkt, weil wir glauben, dass sei unserer Partnerin gegenüber unfair oder egoistisch.
Die Kernfrage ist aber nicht, wie wir uns leben können ohne egoistisch zu sein, weil die das Dilemma nur endlos replizieren würde. Es wird nämlich immer ein "aber" geben, das der perfekten Lösung im Weg steht.
Im Grunde ist es doch viel einfacher:
Entweder wir leben einfach, oder wir suchen nach Gründen, warum es nicht geht.
Ich versuche mal anhand der Kleidung zu erklären, wie es bei mir war. Kleidung steht eher symbolisch für meine Befindlichkeit, also bitte nicht nur aus Äußere beziehen.
Ich empfand es immer sehr mühsam, mich diesem dauerndem Wechsel zwischen M und Fr auszusetzen. Anfangs dachte ich, es läge an der Heimlichkeit meines Tuns, aber als diese Hürde beseitigt war, stellte sich kaum Erleichterung ein. Es blieb anstrengend, mal Mann zu sein und lieber Frau sein zu wollen, aber nicht zu können oder zu dürfen.
Besser wurde es für mich tatsächlich erst, als ich die Möglichkeit hatte, andauernd das zu tragen, was mir gefällt und wozu ich gerade in der Stimmung bin. Egoistisch kam es mir nicht vor, eher war es sowas ähnliches wie Mich-Ehrlich-Machen, Zu-Mir-Stehen, Echt-Sein. In meiner früheren männlichen Version lief ich doch meist rum wie Falschgeld, zumindest fühlte es sich so an.
Heute kann ich tragen was ich möchte. Bin ich mit meiner Partnerin unterwegs, gibt es kleine Einschränkungen (die in die selbe Richtung gehen wie hier oft geäußert: nicht zu auffällig / bunt / kurz / sexy...) Damit kann ich gut leben. Ich strebe kein Passing an und mache die Erfahrung, dass es akzeptiert wird. Niemand muss leiden, wenn ich das tue, niemandem wird was weggenommen. Wenn es meiner Partnerin dennoch mal nicht gut geht mit meinem Äußeren, dann muss ich damit klar kommen, und sie muss damit klar kommen. Natürlich reden wir darüber. Manchmal kann ich kleine Dinge ändern, um ihr entgegen zu kommen. Manchmal geht es nicht. Meistens ist es OK so wie es ist.
Was hat das nun mit den Gefühlen von Trauer zu tun, die man hat, wenn man sich wieder zurück verwandelt?
So wie ich es sehe, bekommt man diese Gefühle erst dann in den Griff, wenn man diesen Wandel mit selbstverständlicher Lakonie akzeptieren kann. Das gelingt am ehesten, wenn man nicht diesen inneren Gegensatz überbetont, sondern versucht, innerlich eins mit sich zu werden.
Ich habe dann gar nicht bewusst das Gefühl, mich zu "verwandeln". Selbst wenn ich es tue. Es passiert einfach, weil es ein ganz normaler Teil meines Alltags geworden ist, den ich nicht mehr hinterfrage. Es ist integriert in meiner Persönlichkeit und kann es ohne schlechte Gefühle für mich annehmen. Als Geschenk, nicht als Problem.
Wie kommt man dahin?
Da gibt es wohl so viele Wege, wie es Menschen gibt. Hilfreich ist die Beschäftigung mit den Themen , Selbstliebe, Aufmerksamkeit, Bindungstrauma, innere Kinder...
Das ist aber nur dann erfolgversprechend, wenn man sich offen darauf einlassen kann und einen langen Atem mitbringt. Der Prozess braucht Unterstützung und Begleitung, wenn man sich nicht unterwegs verlieren will.
Irgendwann stellt man dann fest, dass viele unserer Probleme in Wirklichkeit ganz anders gelagert sind, als wir es dachten. Meistens fällt ab dem Zeitpunkt die Bearbeitung leichter, und Dinge lösen sich.
Beispiel:
In jungen Jahren war ich sehr fasziniert von sexy Damenunterwäsche und hätte viel darum gegeben, wenn meine damalige Freundin sie getragen hätte. Mochte sie aber nicht. Mein Problem war also: wie kann ich sie trotzdem dazu überreden? Ich habe damals viel Energie darauf verwendet, mir "Strategien" auszudenken, dieses "Problem" zu lösen.
Irgendwann zog ich die Sachen aus Frust einfach selbst an. Und sofort war der Druck weg, sie ihr weiter aufzudrängen. Es sollte noch lange dauern, bis ich verstand, dass es nie darum ging, dass sie diese Sachen trägt, sondern dass ich sie wohl angeschafft hatte, um sie selbst zu tragen, davon aber zunächst nichts wusste. Mein ursprüngliches "Problem" war also nichts als eine Projektion.
Ist dieser gefühlte Egoismus aus Vickys Beitrag nicht etwas ähnliches? Vielleicht keine Projektion im psychologischen Sinne, aber doch eine unbewusste Strategie, nicht zu stark mit unserem eigentlichen inneren Wesen in Kontakt zu kommen?
Aus Angst. Angst vor dem, was wir dort finden könnten, wenn wir es wirklich zulassen würden, wirklich öffnen könnten? Weil es dann kein Zurück mehr gäbe? Aber wäre das so schlimm, wenn wir endlich leben könnten?
Für mich ist die Kernfrage somit:
Wie überwinden wir diese Angst vor uns selbst?
LGL