Liebe Simone,
wir haben ja ein winziges Stück gemeinsame 'Geschichte' - sehr kurz, aber mit großer Wirkung. Deshalb freu ich mich mit dir, dass du den letzten Reinfall gut überstanden und eine neue Zukunft gefunden hast! Falls du antworten solltest, lass bitte meinen damaligen Namen weg. Geht niemand was an. Ich schreib keine PN, weil ich denke, meine Zeilen könnten vielleicht noch 1 bis 2 andere interessieren.
Michelle_Engelhardt hat geschrieben: Di 14. Mai 2019, 18:00
Es gibt auch Menschen, die zwar jemanden haben, aber trotzdem alleine sind.....sicherlich auch hier im Forum.
Liebe Grüße
Michelle
Da nennt Michelle eine grausame Wahrheit beim Namen, die auch auf mich für viele Jahrzehnte zutrifft.
Simone, 50 Jahre Alleinsein schaffe ich nicht, weil ich hoffe, den 50. Geburtstag nicht erleben zu müssen. Falls du meine anderen Beiträge gelesen hast, wird dich dieses Statement nicht wundern.
Aber über 40 Jahre alleine sind nahe dran. Ohne Identität war ich stets Außenseiter: ohne Freunde, ohne Anschluss, immer im Abseits. Über 20 Jahre Dauer-Depression machten mich mürbe, dass ich nur noch einfach 'normal' sein wollte. Deshalb gründete ich eine Familie, versuchte mich zu integrieren. Geliebt hab ich meine Frau nie, aber sie heiratete mich trotzdem, obwohl ich es ihr sagte. Ein riesiger Fehler. Immerhin hab ich sie niemals belogen, denn ich wusste selbst nicht, was mit mir los war. Dann kam der große Knall, ich kannte plötzlich meine Identität, alles ging rasend schnell, nach 3 Monaten das erste Mal draußen, noch mal 6 Monate später Leben als Vollzeitfrau, danach die HET begonnen.
Das Alleinsein schien vorbei, denn endlich konnte ich mich meiner Familie ohne Depressionen zuwenden. Doch mit mir als Frau durfte das nicht sein. Dafür sorgten die lieben Verwandten, die meiner Frau mit 'Bannfluch' drohten, bliebe sie bei mir. Sie entschied sich nicht für mich ...
Jetzt ging das Alleinsein richtig los. Es blieb niemand übrig. Ich zahle jeden Tag meinen Preis dafür, dass ich leben muss, wie ich bin. In kurzer Zeit Transition hab ich derart viel erreicht, konnte von Anfang an unbehelligt frei herumlaufen, entwickelte mich super ohne Nebenwirkungen. Das Tempo entsprach dem, was ich wollte, brauchte und wie schnell sich mein Körper dem Verlangen der Psyche anpasste. Aber das hatte nur ein Ziel: umso schneller am Ende anzukommen, am Abgrund zu stehen. Meine heutigen Probleme verstehen weder Cis noch Trans*. Hätte ich nur eine Schulter zum ab und zu Anlehnen, wäre vieles sicher halb so schlimm. Aber ohne ist es doppelt grauenvoll. Mit allen Ängsten, Problemen, Schikanen, Zwangsbegutachtungen, ärztlichen Misshandlungen, Diskriminierungen, Gewalt von Typen, die sich von mir 'getäuscht' fühlen, weil ich kein Schild 'Achtung Trans!' um den Hals trage, Hetze und Verleumdung alleine dazustehen, hält niemand auf Dauer aus.
Während ich als deprimierter Kerl damals in eine Art Starre verfiel, bin ich als Frau, als die ich lebe - besser gesagt dahinvegetiere - 1.000x emotionaler und der Schmerz ist enorm. Jeden Tag um alles kämpfen zu müssen, macht irgendwann schwach. Ich will dennoch versuchen, mit erhobenem Kopf Abschied zu nehmen. Denn FÜNFZIG Jahre Einsamkeit will ich nicht zählen müssen!
Simone 65 hat geschrieben: Di 14. Mai 2019, 16:15
Noch einmal alleine schaffe ich nicht . Ich stand schon 2016 an der Bahnstrecke .
Dazu gab es schon einen recht vernünftigen Thread und ich bitte dich auch: Lass das mit der Bahn! Die Bahn ist zum
Mitfahren da, nicht zum
Überfahren! Und wenn es nicht klappt, siehst du aus wie der 'halbe Mann', den ich kürzlich bei der Psychologin traf. Das willst du nicht sehen, geschweige denn sein Schicksal teilen.
Andere Wege sind zwar u.U. auch blutig, aber du ziehst keine Unbeteiligten mit rein und wahrst - wie ich es nenne - eine gewisse
Ästhetik der Selbsttötung, auf die z.B. ich großen Wert lege. Damit meine ich, dass ich z.B. als leider nur theoretisch glückliche Waffenbesitzerin keinen Kopf- sondern Herzschuss favorisiere. Gesichts- oder totale Körperzerstörung lehne ich strikt ab, auch wenn es keine Angehörigen gibt, die nur eine einzige Sekunde in Trauer verfielen. Solche absolute Grausamkeit mag ich mir nicht zufügen.
Aber das ist mein Thema -
nicht deines. Du hast im Gegensatz zu mir die Gabe, die Menschen für dich zu gewinnen, bist wahnsinnig viel unterwegs, wirst zwangsläufig immer jemanden finden und niemals mehr lange allein sein. Glaub daran genauso wie ich an dich glaube (und ich glaube an fast nichts mehr)!
Einen derart positiven, offenen und hilfsbereiten Menschen wie dich hab ich vorher und danach niemals mehr getroffen.
Schade, dass wir uns wohl nie mehr wiedersehen.
Ich drück dich -
liebe Grüße
-Diva