Guten Abend zusammen,
in diesem Thread wurde viel über Ansätze und Schriften, philsophische, soziologische und weitere, geschrieben, die sich um die Frage nach der Geschlechtlichkeit* von Menschen drehen. Ich habe in den lezten Jahren mehr von dem ganzen 'Zeug' gelesen, als ich mir früher auch nur als existent vorstellen konnte. Der folgende Text soll meine Sicht der Dinge zur Frage des Umgangs mit 'Geschlechtlichkeit' und meinen Standpunkt gegenüber dem Vorhalt der "Genderbetonschädelei" nachvollziehbar machen. Es muss und soll jede_r selbst sehen, ob und was er/sie damit anfangen kann.
Man kann Mengen an Zitaten und Textbeispielen bringen, um zu dem einen oder anderen Ergebnis zu kommen. Aus irgendwelchen der gelesenen oder gehörten Büchern, Thesen oder Vortragstexten Einzelheiten aufzugreifen, um darüber zu einer Einteilung in 'richtig' oder 'falsch' zu kommen, macht m.E. aber keinen Sinn. Daher dazu nur soviel: Es gibt wahrscheinlich kaum einen Weg der Erklärung von 'Geschlechtlichkeit', der nicht versucht wurde und es gibt bis heute keinen Erklärungsversuch, dem nicht begründet widersprochen wurde. Mein ganz persönliches Ergebnis ist, dass es keine Erklärung der Geschlechtlichkeit gibt, deren Argumentation ich gänzlich zustimmen will. Ich fand keine Erklärung, die sich nicht durch eigene Denkleistungen erweitern und bestärken liesse, allerdings eben auch keine Erklärung, die sich nicht ebenso durch eigenes Denken in Frage stellen lässt.
Neben all den 'gelesenen Erfahrungen' bleiben 'erlebte Erfahrungen' nicht aus, wenn man als Mensch auch nur irgendwie existiert. Es ergeben sich Erfahrungen mit sich selbst und üblicherweise auch mit anderen Individuen, an denen man das Gelesene abgleichen kann. Es ist sehr leicht, eine gelesene Erklärung empirisch zu bestätigen, wenn man den gleichen Blickwinkel wie die Verfasser_in der Erklärung einnimmt. In der Regel hatten diese Leute ja auch ihre Erfahrungen und haben auch ihre Denkleistung aufgewandt, um zu ihrer Ansicht zu gelangen.
Andererseits reicht aber die übersichtliche Anzahl der Menschen, die man als halbwegs rege Besucher_in von verschiedenen Veranstaltungen der Trans*-Community kennenlernt, aus, um darunter immer auch wenigstens ein Individuum zu finden, dass in seiner Erscheinung, seiner Selbstwahrnehmung oder seiner geäusserten Selbstbeschreibung dieser oder jener Erklärung widerspricht.
Es ist daraus folgend nicht unbedingt absurd, jeweils rund der Hälfte der Menschheit ihr 'Frau-Sein' oder ihr 'Mann-Sein' abzusprechen, eben weil es keine unwidersprochene Erklärung dafür gibt, warum die einen 'Mann' und die anderen 'Frau' sein sollen**. Es ist aber vollkommen absurd, einem einzelnen Menschen seine selbstbestimmte Geschlechtlichkeit abzusprechen, eben auch weil es keine unwidersprochene Erklärung gibt. Dabei spielt es keine Rolle, wie diese individuelle Geschlechtlichkeit beschrieben und erlebt wird; es ist egal, ob jemand sich als Frau, als Mann, als Trans*, als Irgendwas empfindet. Individuelle Geschlechtlichkeit kann, dafür reicht die Vielfalt der Menschen als Evidenzbeweis, auf alle denkbaren Arten und Weisen beschrieben und erlebt werden.
Wenn man, als eine Grundlage des praktischen, täglichen menschlichen Handelns den 'Kantschen Imperativ'*** gelten lässt, führt das alles zu einer (für mich der nachvollziehbarsten) Erkenntnis:
Die individuellen Geschlechtlichkeiten 'Frau' und 'Mann' sind weder als jeweils untereinander besser oder schlechter, nicht mal als grundsätzlich unterschiedlich, zu beurteilen, noch sind sie als besser oder schlechter als jede andere individuelle Geschlechtlichkeit zu bewerten. Und zwar deshalb nicht, weil sich zu jedem zuweisenden Bewertungskriterium auch eine Kritik formulieren bzw. eine Differenz erleben lässt (siehe oben). Andersherum führt damit jede Kriterienbildung mit dem Ziel der Fremdzuweisung von Geschlechtlichkeit und daraus hergeleiteter Eigenschaften, Rechte oder Pflichten zum Bruch mit dem Kantschen Imperativ (oder auch weg von Freiheit, Gleichheit, Schwesterlichkeit, hin zu preußischem Ordnungssinn).
Das vorläufige Ergebnis dieser Erkenntnisse sind, über die verschiedenen Phasen des Feminismus, die Gender-Theorien. Deren neueren Thesen, die über die Gleichstellung männlicher und weiblicher Geschlechtlichkeit hinausgehen, ist gemeinsam, dass sie 'Geschlecht' als ein indivduelles Erleben anerkennen, welches keiner äusseren Festlegung und Reglementierung bedarf. Im Gegenteil gehen diese Thesen davon aus, dass Festlegungen und Reglementierungen sogar unzulässig sind, weil sie sich nicht an der Mehrung des 'individuellen Gemeinwohls' orientieren, sondern dem Zweck der Normierung und Differenzierung dienen. 'Individuelles Gemeinwohl' meint hier: Wie gut geht es allen Einzelnen innerhalb einer Gemeinschaft.
Grundlegend wichtig ist das Verständnis der Unterscheidung zwischen 'individueller' und 'zugewiesener' Geschlechtlichkeit, da diese Unterscheidung (die frühere Dichter_innen und Denker_innen nicht gemacht haben) vor dem Hintergrund der (zu) oft als 'naturgegeben' unterstellten, äusseren Erkennbarkeit von Geschlechtlichkeit, die geschlechtliche Individualität erst möglich macht. Die Notwendigkeit und Richtigkeit der individuellen Geschlechtlichkeit ergibt sich dabei ihrerseits wieder evidenzbasiert aus dem täglichen Erleben; nicht jede_r der einen Penis hat, fühlt sich mit dem Wort 'Mann' richtig bezeichnet.
Wenn man sich der (so beschimpften) "Gender-Ideologie" also ohne eigene ideologische Brille nähert, wird man erkennen, dass sie ein grundlegendes Prinzip menschlichen Zusammenlebens wesentlich besser umsetzt, als alle vorher postulierten Ideen über Geschlechtlichkeit. Sie geht davon aus, dass diejenige Position zur Geschlechtlichkeit die Beste ist, die die individuell selbstbestimmte Charakterisierung eines Menschen als wahr anerkennt und die eben deswegen ohne verallgemeinernde Fremdzuweisungen auskommt. Es geht der Gender-Theorie daher auch nicht darum zugewiesene Geschlechtlichkeit "einzuebnen", sondern darum die individuelle Geschlechtlichkeit anzuerkennen. Vereinfacht: Wer sich als Frau sieht, ist eine Frau, wird wie eine Frau, aber nicht anders als andere, behandelt. ****). Es wird niemandem das eigene 'Geschlecht' weggenommen, es wird aber auch keines 'zwangszugewiesen' und es werden keine geschlechtsspezifischen Vor- oder Nachteile generiert; das ist die Aussage der 'Gender-Theorien'.
Habt es gut und seht mir die Länge des Textes nach (kürzer konnte ich grad nicht)
Marielle
*) Mit Geschlechtlichkeit meine ich, wie sich ein Mensch innerhalb der Grenzen 'Frau' und 'Mann' selbst erlebt und/oder beschreibt (individuelle Geschlechtlichkeit) oder von aussen beschrieben und/oder eingeordnet wird (zugewiesene Geschlechtlichkeit). Mit dem Begriff sind keinerlei sexuelle Handlungen oder Empfindungen gemeint.
**) Es geht dabei nicht um die Funktion bei der Fortpflanzung, sondern um das, was daraus abgeleitet wird.
***)
Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde
****) Bitte dazu nicht wieder die "Drei-Klos-Debatte". Erstmal geht um das prinzipielle Anerkenntnis von individuellen Persönlichkeiten; die praktischen Probleme sind dann sicher auch irgendwie zu lösen.
edit: Einen sprachlichen Bezug geändert, der erst so wirkte, als hätte ich die Gender-Theorien entwickelt
