Meinungen zu Trans*, Wege zur eigenen Person
Meinungen zu Trans*, Wege zur eigenen Person - # 3

allgemeiner Austausch
Marlene K.
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 2149
Registriert: Fr 10. Aug 2018, 17:54
Geschlecht: größtenteils weiblic
Pronomen: sie, ohne Überempfin
Wohnort (Name): Berlin
Hat sich bedankt: 223 Mal
Danksagung erhalten: 66 Mal
Kontaktdaten:

Re: Meinungen zu Trans*, Wege zur eigenen Person

Post 31 im Thema

Beitrag von Marlene K. »

Kleine Ketzerin hat geschrieben: Sa 4. Jan 2020, 01:43 ... Deshalb empfinde ich es grundsätzlich als übergriffig und respektlos, Menschen, die eigentlich etwas anderes wollen - eben eine körperliche Behandlung - in ein solches "Setting" zu zwingen.
Liebe kleine Ketzerin,
zwei Anmerkungen dazu.
Jede erzwungene Psychotherapie ist von vorne herein zum Scheitern verurteilt, dies kann es also nur freiwillig geben.

Trotzdem muss ein Arzt mit der Fachrichtung Neurologie und Psychiatrie hinzugezogen werden um über Gespräche die Möglichkeit eines anderen Leidens und damit einer Übersprungshandlung auszuschließen. Wie willst Du sonst die Behandlung begründen? Für mich wäre ein zum Beispiel Zahnarzt nicht der richtige Ansprechpartner für das Ziel eines geschlechtsangleichenden Prozesses. Selbst der kosmetische Chirurg, der die Operation an den Geschlechtsmerkmalen vornimmt kann nicht beurteilen, was im Einzelfall sinnvoll ist. Das können nur der betroffene Mensch, der der Gesellschaft und der Kasse verdeutlichen muss was sein Wesen ist.

Sonst sind wir wieder bei der reinen "Eigenverantwortung erwachsener Individuen". Bei vermeidbaren Fehlurteilen uns selbst gegenüber müssten wir dann auch bereit sein neben den mit den seelischen Brüchen verbundenen Risiken auch sämtliche Kosten für Behandlung einer Folgeerkrankung zu tragen.

Letztendlich sind sowieso wir, die Betroffenen, es die die volle Verantwortung für die Entscheidungen tragen. Wir müssen damit weiter leben. Aber auch einem Menschen mit massiver Depression, der dann ja nicht ohne Verantwortung für sich selber ist würdest Du sterben, sich selbst töten lassen weil er ein "eigenverantwortliches erwachsenes Individuum" ist.

Ich betone, in meinen Augen darf es nicht sein dass Ärzte entscheiden, ob ein Mensch Trans ist oder nicht. Der Arzt kann hier nur andere denkbare Ursachen ausschließen und einen Leidensdruck diagnostizieren. Der Rest ist Eigenverantwortung.
Marlene

Ich halte es mit Karl Popper im 1945 formulierten Toleranz-Paradoxon https://de.wikipedia.org/wiki/Toleranz-Paradoxon

Ich bin (nur) intolerant gegenüber der Intoleranz.
ExuserIn-2020-10-20
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 361
Registriert: Di 3. Dez 2019, 06:51
Geschlecht: mzf
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Nähe Lübeck
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 0
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Meinungen zu Trans*, Wege zur eigenen Person

Post 32 im Thema

Beitrag von ExuserIn-2020-10-20 »

Ob Operationen nötig sind oder nicht, entscheide ich aus einem einfachen Grund heraus, weil ich mit meinem Körper nicht zufrieden bin. Das erzeugt keinen Leidensdruck, solange ich von der Gesellschaft so wie ich im Moment bin, anerkannt werde. Schließlich habe ich dann die freie selbstbestimmte Wahl, das in die Wege zu leiten, worauf es bei mir ankommt. Da brauche ich mich nur um mich selbst zu kümmern. Die Meßlatte hängt viel niedriger. Es gibt keinen Automatismus zu dem Prozedere, die Reihenfolge der Anzuwenden Maßnahmen bestimme ich, brauche nicht zu betteln. Ich kann einen Psychologen hinzuziehen, muß es aber nicht.
Schön wäre doch ein Hausarzt:in, der dich von Klein auf kennt, bei dem du schon als Kind oder Jugendliche:r in der Geschlechterrolle auftritts in der du dich wohlfühlst, das dann schon seit Jahren.

Was gilt es dann noch zu begutachten?

Petra Sofie
Nicole Fritz
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 3016
Registriert: Mo 20. Mär 2017, 17:38
Geschlecht: Enby
Pronomen:
Forum-Galerie: gallery/album/567
Hat sich bedankt: 157 Mal
Danksagung erhalten: 253 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Meinungen zu Trans*, Wege zur eigenen Person

Post 33 im Thema

Beitrag von Nicole Fritz »

Ralf-Marlene hat geschrieben: Sa 4. Jan 2020, 13:45 Was Du aufwirfst ist ja genau die Frage ob GaOps noch nötig wären, wenn Transidentitäten anerkannt würden...
Das ist genau der Punkt, den ich in meinem Beitrag mit "Und wie viele Trans-Menschen erkennen nicht, dass sie in Wirklichkeit eher nicht-binär als trans sind?" angesprochen habe. Wer sich nicht wirklich oder vollständig im anderen Geschlecht versteht, wird nach einer körperlichen Angleichung auch nicht glücklich. Dass habe ich für mich selbst jetzt verstanden und erspare mir eine Enttäuschung, wie sie andere in den Selbstmord treiben kann. Woher kommen denn diese ganzen Zweifel? Steht da wirklich jemand am Anfang seines Weges oder ist schlicht und einfach dieser oft als "alternativlos" angepriesene Weg für ihn falsch?

Wenn man mir dann auch noch vorwirft mir fehle der Mut oder die Kraft "meinen Weg" konsequent zu gehen, macht mich das wütend. Es ärgert mich, dass man mich auf meinem wirklichen Weg alleine lässt und ausgrenzt. Dieses Ausgrenzen geht so weit, dass man mich in einer TG-Gruppe bei FB übel angreift - sogar über PN, die ich dann konsequent sperre und lösche. - Aber ich gebe nicht auf: Andere sollen wenigstens lesen, auf was man sich einlassen kann, wenn man sich kritiklos von einer "nur gut gemeinten" Fürsorge leiten lässt.

Und was mich speziell jetzt hier ärgert, ist, dass man dieses Problem wieder einmal auf die Kostenübernahme durch die Krankenkassen reduziert. Eine angemessene, und damit wirklich professionelle, psychologische Begleitung eines nicht binären Menschen würde für mein Verständnis weniger kosten als eine GaOP, Bart epilieren, Brustaufbau, Stimmtraining und ein Leben lang Hormone und/oder Psychopharmaka. Und dabei würde sie wirklich helfen und nicht wie die Medikamente* nur "ruhig stellen".

* von deren Herstellung eine Milliarden-Industrie lebt!! (Verschwörung? - man urteile bitte selbst!)

LG Nicole
Jaddy
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 4084
Registriert: Fr 24. Okt 2014, 21:38
Geschlecht: a_binär / a_gender
Pronomen: en/en/ens
Wohnort (Name): nahe Bremen
Hat sich bedankt: 315 Mal
Danksagung erhalten: 1415 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Meinungen zu Trans*, Wege zur eigenen Person

Post 34 im Thema

Beitrag von Jaddy »

Die Abtrennung der Kostenfrage ist für mich auch erst mal ein ganz wichtiger Punkt. Wenn ich den mal als "irgendwie zufriedenstellend gelöst" betrachte, bleiben die Punkte Selbstbestimmung und tatsächliche Wahlfreiheit übrig. Also zum einen "was will ich" und zum anderen "warum will ich das". Die zweite Frage ist die deutlich kompliziertere und interessantere.

Interessant für mich zum einen, weil sie für andere Bereiche irgendwie nicht so intensiv gestellt wird. Warum will 1 diesen Job, diese Wohnung, diese Beziehungsperson, dieses Hobby, diese Religion? Warum will 1 Kinder, Haustiere oder eine Segelyacht? Warum gibt es bei solchen Themen keinen Druck, eine Therapie aufzusuchen, um die Motivationen zu klären?

Arbeitshypothese: Weil es für die meisten Entscheidungen ausreichend Vorbilder gibt. Es ist "normal" durch Gewöhnung. Deshalb gibt es aus der Umgebung auch weniger Widerstand und auch Konformitätsdruck.

Wenn das so ist, heisst die Lösung Sichtbarkeit, oder? Macht aus einem großen Problem eine simple Variante wie die Frage Bausparen oder nicht. Okay, haben wir das schon mal gelöst :)

Interessant zum anderen generell. Welche Wahlfreiheit haben wir eigentlich überhaupt? Welche Konventionen, Loyalitäten, etc beeinflussen unsere Entscheidungen? Wollen wir dieses Auto, weil es zu unseren use cases passt, oder weil die per Werbung und Design aktivierten Meme mit unseren unbewussten Wünschen Resonanz erzeugt, wir dey Nachbar"¢in ärgern, vor anderen gut darstehen wollen? Wollen wir diese Körperveränderung, weil sich der Körper dann stimmiger anfühlt, oder weil wir damit Akzeptanz durch andere, Beziehung / Liebe / Zuneigung / Sex zu bekommen hoffen?

Ich finde die Frage schon sinnvoll und vermute, dass mehr Infragestellen unserer Wünsche und entsprechende Konsequenzen generell mehr glückliche Menschen zur Folge hätte. Übersetzt wäre es aus meiner Sicht prima, wenn alle Menschen recht früh im Leben ein Werkzeugset zur seelischen Selbsthilfe beigebracht bekämen. Plus lebenslang verfügbare Updates und Kontakt zu kompetenten Berater"¢innen.

Nächste Frage: Warum sollten wir diese Frage beantworten müssen? Warum reicht der Wunsch alleine nicht aus? Hautfarbe, Haarfarbe, Haare dran oder weg, Brüste ja/nein, größer/kleiner, andere Anzahl, Genitalkonfigurationen, etc in jeder beliebigen Kombination? Warum sollte das grundsätzlich anders behandelt werden als der Wunsch nach Haus, Auto, Partner"¢in oder Kind/ern?

Ich möchte die Frage mal umdrehen und von denen eine wirklich schlüssige Rechfertigung fordern für die Forderung an andere, sich für ihre Wünsche rechtfertigen zu sollen. Kostenargument nicht erlaubt, wie ab dem nächsten Abschnitt dargelegt.

Nun zur Frage Kosten. Ich bin ja der Ansicht, dass unser Finanzierungssystem für medizinische Bedarfe aka "Krankenkassen" mühelos alle gewünschten Maßnahmen finanzieren könnte, inklusive etlicher, die viele vielleicht eher als kosmetisch einordnen würden. Kleine Nebenrechnung: 2018 wurden 1816 GaOPs durchgeführt. Kalkulieren wir mal das doppelte: 4000 "große OPs" pro Jahr. Das wären, wenn ich das richtig sehe, für 10 OP-Teams 8 pro Woche bzw >1 pro Tag. Pausen und Urlaube werden gestrichen :) Wie hoch sind die Kosten? Ach wir nehmen mal das Premium-Paket und kalkulieren 50000€ pro Person. Wären 200 Mio€ pro Jahr.

Klingt viel?

OK, was leisten wir uns denn sonst so? Rauchen zum Beispiel. 80 Milliarden Euro an direkten und indirekten Kosten für die Kassen PRO JAHR. Das sind umgerechnet 1,6 Millionen Luxus-GaOPs. Jede langzeit-rauchende Person kostet die Kassen insgesamt 90.000€ direkt, inklusive indirekter Kosten fast 500.000€.

Wie wäre ein Vertrag mit der Kasse, für ein Komplettpaket OPs lebenslang aufs Rauchen zu verzichten? Nur so eine Idee.

Ähnliche Vergleichsrechnungen liessen sich auch für Alkohol, Strassenverkehr, psychische Gewalt in Familie, Job, (Risiko-)Sporarten und so anstellen und natürlich für Gesundheitsschäden durch Ernährung und andere Lebensweisen. Also on top. Wir finanzieren eine Menge eigentlich ungesundes Zeugs. Und ich finde das okay. Dahinter steckt nämlich bei aller Irrationalität eine Menge Lebensqualität und Komfort. Ja, meiner Ansicht nach ist der Zweck von Zivilisation "Ponyhof für alle" - bzw dass sie das Leben führen können, dass ihnen am meisten enstpricht. Dazu gehört auch ein Wohlfühl-Körper.

Die scheinbar großen Kosten relativieren sich also ebenso wie die Frage nach der Rechtfertigung oben sehr stark, wenn sie mit allgemein akzeptierten Komplexen verglichen werden.

Was mich fasziniert ist, warum dieser Relevanzvergleich nur selten angestellt wird, sobald es um Gender und Sex geht. D.h. warum einerseits Gender und Sex so überhöht und auf der anderen Seite die Elefanten im Raum ignoriert werden.
Marlene K.
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 2149
Registriert: Fr 10. Aug 2018, 17:54
Geschlecht: größtenteils weiblic
Pronomen: sie, ohne Überempfin
Wohnort (Name): Berlin
Hat sich bedankt: 223 Mal
Danksagung erhalten: 66 Mal
Kontaktdaten:

Re: Meinungen zu Trans*, Wege zur eigenen Person

Post 35 im Thema

Beitrag von Marlene K. »

Jaddy hat geschrieben: Sa 4. Jan 2020, 15:39 Die Abtrennung der Kostenfrage ist für mich auch erst mal ein ganz wichtiger Punkt. Wenn ich den mal als "irgendwie zufriedenstellend gelöst" betrachte, bleiben die Punkte Selbstbestimmung und tatsächliche Wahlfreiheit übrig. Also zum einen "was will ich" und zum anderen "warum will ich das". Die zweite Frage ist die deutlich kompliziertere und interessantere.
...
Arbeitshypothese: Weil es für die meisten Entscheidungen ausreichend Vorbilder gibt. Es ist "normal" durch Gewöhnung. Deshalb gibt es aus der Umgebung auch weniger Widerstand und auch Konformitätsdruck.

Wenn das so ist, heisst die Lösung Sichtbarkeit, oder? Macht aus einem großen Problem eine simple Variante wie die Frage Bausparen oder nicht. Okay, haben wir das schon mal gelöst :)
...
Wollen wir diese Körperveränderung, weil sich der Körper dann stimmiger anfühlt, oder weil wir damit Akzeptanz durch andere, Beziehung / Liebe / Zuneigung / Sex zu bekommen hoffen?

Ich finde die Frage schon sinnvoll und vermute, dass mehr Infragestellen unserer Wünsche und entsprechende Konsequenzen generell mehr glückliche Menschen zur Folge hätte. Übersetzt wäre es aus meiner Sicht prima, wenn alle Menschen recht früh im Leben ein Werkzeugset zur seelischen Selbsthilfe beigebracht bekämen. Plus lebenslang verfügbare Updates und Kontakt zu kompetenten Berater"¢innen.

Nächste Frage: Warum sollten wir diese Frage beantworten müssen? Warum reicht der Wunsch alleine nicht aus? Hautfarbe, Haarfarbe, Haare dran oder weg, Brüste ja/nein, größer/kleiner, andere Anzahl, Genitalkonfigurationen, etc in jeder beliebigen Kombination? Warum sollte das grundsätzlich anders behandelt werden als der Wunsch nach Haus, Auto, Partner"¢in oder Kind/ern?

Ich möchte die Frage mal umdrehen und von denen eine wirklich schlüssige Rechfertigung fordern für die Forderung an andere, sich für ihre Wünsche rechtfertigen zu sollen. Kostenargument nicht erlaubt, wie ab dem nächsten Abschnitt dargelegt.

Nun zur Frage Kosten. Ich bin ja der Ansicht, dass unser Finanzierungssystem für medizinische Bedarfe aka "Krankenkassen" mühelos alle gewünschten Maßnahmen finanzieren könnte, inklusive etlicher, die viele vielleicht eher als kosmetisch einordnen würden. Kleine Nebenrechnung: 2018 wurden 1816 GaOPs durchgeführt. Kalkulieren wir mal das doppelte: 4000 "große OPs" pro Jahr. Das wären, wenn ich das richtig sehe, für 10 OP-Teams 8 pro Woche bzw >1 pro Tag. Pausen und Urlaube werden gestrichen :) Wie hoch sind die Kosten? Ach wir nehmen mal das Premium-Paket und kalkulieren 50000€ pro Person. Wären 200 Mio€ pro Jahr.

Klingt viel?

OK, was leisten wir uns denn sonst so? Rauchen zum Beispiel. 80 Milliarden Euro an direkten und indirekten Kosten für die Kassen PRO JAHR. Das sind umgerechnet 1,6 Millionen Luxus-GaOPs. Jede langzeit-rauchende Person kostet die Kassen insgesamt 90.000€ direkt, inklusive indirekter Kosten fast 500.000€.

Wie wäre ein Vertrag mit der Kasse, für ein Komplettpaket OPs lebenslang aufs Rauchen zu verzichten? Nur so eine Idee.

Ähnliche Vergleichsrechnungen liessen sich auch für Alkohol, Strassenverkehr, psychische Gewalt in Familie, Job, (Risiko-)Sporarten und so anstellen und natürlich für Gesundheitsschäden durch Ernährung und andere Lebensweisen. Also on top. Wir finanzieren eine Menge eigentlich ungesundes Zeugs. Und ich finde das okay. Dahinter steckt nämlich bei aller Irrationalität eine Menge Lebensqualität und Komfort. Ja, meiner Ansicht nach ist der Zweck von Zivilisation "Ponyhof für alle" - bzw dass sie das Leben führen können, dass ihnen am meisten enstpricht. Dazu gehört auch ein Wohlfühl-Körper.

Die scheinbar großen Kosten relativieren sich also ebenso wie die Frage nach der Rechtfertigung oben sehr stark, wenn sie mit allgemein akzeptierten Komplexen verglichen werden.

Was mich fasziniert ist, warum dieser Relevanzvergleich nur selten angestellt wird, sobald es um Gender und Sex geht. D.h. warum einerseits Gender und Sex so überhöht und auf der anderen Seite die Elefanten im Raum ignoriert werden.
Liebe*r Jaddy,
danke für Deine interessanten und unterhaltsamen Darlegungen.

Wie beantwortest Du aber die Frage ob GaOps in dieser Gesellschaft ohne die Ausbildung in achtsamer Selbstwahrnehmung gehandhabt werden sollte?

Bei den Kosten könnten wir auch die Forderung nach der konsequenten Eigenverantwortung bei den Kosten für Parkraum in unseren Städten, der Verursacherverantwortung bei Umwelt- und Entsorgungskosten durch unsere Form des Konsums und und und aufmachen... aber ich fürchte, die Auseinandersetzung wäre sehr kompliziert und auch heftig...
https://taz.de/Archiv-Suche/!5649980/
Marlene

Ich halte es mit Karl Popper im 1945 formulierten Toleranz-Paradoxon https://de.wikipedia.org/wiki/Toleranz-Paradoxon

Ich bin (nur) intolerant gegenüber der Intoleranz.
Jaddy
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 4084
Registriert: Fr 24. Okt 2014, 21:38
Geschlecht: a_binär / a_gender
Pronomen: en/en/ens
Wohnort (Name): nahe Bremen
Hat sich bedankt: 315 Mal
Danksagung erhalten: 1415 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Meinungen zu Trans*, Wege zur eigenen Person

Post 36 im Thema

Beitrag von Jaddy »

Ralf-Marlene hat geschrieben: Sa 4. Jan 2020, 15:59Wie beantwortest Du aber die Frage ob GaOps in dieser Gesellschaft ohne die Ausbildung in achtsamer Selbstwahrnehmung gehandhabt werden sollte?
Es mag etwas brutal klingen, aber ich bin sehr für einen äusserst offenen Umgang. Verpflichtende, schonungslose Aufklärung über alle bekannten Konsequenzen, realistische Risikobetrachtung und sehr viel mehr Sichtbarkeit. Zusammen mit einem generellen emotionalen Runterregeln der Problematik. Dass es einfach nicht mehr so einen strangeness Faktor hat, welche körperliche Konfiguration ein Mensch sich zulegt.

Und dann: Selbstbestimmung und Angebote (vorher, nachher). Wir gestehen Menschen auch sonst viel Freiheit zu wirklich blöden Entscheidungen zu, die nicht selten auch andere Menschen tangieren. Tonnenschwere Vehikel bewegen, Kinder erziehen, Eigentum an natürlichen Resourcen nach eigenem Gutdünken verwalten. Da sollte der eigene Körper einfach ähnlich behandelt werden.

Wie gesagt: Warum eigentlich nicht?

Natürlich wird es einzelne übereilte Entscheidungen und Reue geben. Wie bei anderen Themen auch. So fies das klingen mag: Auch schlechte Beispiele haben ihr gutes. Blöd für die Betroffenen, aber selbst bei völliger Wahlfreiheit wird kaum jemand aus einer Schnapslaune eine große OP machen. Spätestens durch die Vorgespräche dürften sich viele eher getriebene Entscheidungen reduzieren. Auf der anderen Seite reduziert sich das Leid derer massiv, die heute jahrelang mit dem System kämpfen. Das Genehmigungssystem soll die Zahlen klein halten. Aber warum eigentlich? Das Kostenargument lasse ich explizit nicht gelten. Kann das irgendein Gatekeeping wirklich verhindern, dass Menschen falsche Lebenseintscheidungen treffen? Und mit welchem Recht gilt ein solcher Zwang für diesen Bereich, aber für andere nicht?

Übrig bleibt ein völlig überflüssiger Druck auf die Betroffenen, der einerseits zu langen, zermürbenden Zeiten des Zweifels führt, andererseits auch nicht wenige weiter machen lässt, wenn sie einmal die ersten Hürden geschafft haben. Der Augen zu und durch Modus. WIrd schon alles besser werden danach.

Wie wäre es, wenn eins jederzeit die Wahl hätte? Wenn es kein weltbewegendes Ding wäre? Wenn eins die Idee offen und unkompliziert mit Eltern, Partner"¢innen, Kindern, Kolleg"¢innen und Profis bereden könnte?

Ich behaupte, dass insgesamt die allermeisten Entscheidungen zu körperlichen Veränderungen gelöster und überlegter getroffen und viel innerer und äusserer Kampf vermieden würde, inklusive depressiver Phasen, Schuld- und krank Gefühlen, etc.
Marlene K.
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 2149
Registriert: Fr 10. Aug 2018, 17:54
Geschlecht: größtenteils weiblic
Pronomen: sie, ohne Überempfin
Wohnort (Name): Berlin
Hat sich bedankt: 223 Mal
Danksagung erhalten: 66 Mal
Kontaktdaten:

Re: Meinungen zu Trans*, Wege zur eigenen Person

Post 37 im Thema

Beitrag von Marlene K. »

Danke für die Antwort, die ich gut nachvollziehen kann und die auch gleichzeitig aufzeigt, wie eine vollkommene Freigabe das Risiko herabsetzen kann.

Nur ein Punkt: der operierende Arzt würde damit die Gatekeeperfunktion einnehmen, der entscheidet, welche Operationen er macht. Radikale Freiheit ist ein Ideal, aber wohl nicht wirklich möglich, oder?
Marlene

Ich halte es mit Karl Popper im 1945 formulierten Toleranz-Paradoxon https://de.wikipedia.org/wiki/Toleranz-Paradoxon

Ich bin (nur) intolerant gegenüber der Intoleranz.
Lavendellöwin
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 3246
Registriert: Do 6. Sep 2018, 15:56
Geschlecht: weiblich
Pronomen:
Hat sich bedankt: 526 Mal
Danksagung erhalten: 874 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Meinungen zu Trans*, Wege zur eigenen Person

Post 38 im Thema

Beitrag von Lavendellöwin »

Petra Sofie hat geschrieben: Sa 4. Jan 2020, 15:10 Ob Operationen nötig sind oder nicht, entscheide ich aus einem einfachen Grund heraus, weil ich mit meinem Körper nicht zufrieden bin.
Liebe Petra Sofie...

...ich muss mal ganz kurz zu meinem Verständnis nachfragen, weil ich dir nicht folgen kann...

Natürlich entscheidet die dysphorische Person über die Massnahmen, wer denn sonst?
Petra Sofie hat geschrieben: Sa 4. Jan 2020, 15:10 Das erzeugt keinen Leidensdruck, solange ich von der Gesellschaft so wie ich im Moment bin, anerkannt werde.
Also bei mir löst der Körper die Dysphorie aus, schon immer und kein bisschen die Gesellschaft-ich gleiche
doch für mich meinen Körper an und für niemand sonst. Zudem ich hab immer angezogen worauf ich Lust hatte
und niemand hat das gestört...also bin ich wohl auch anerkannt, weil authentisch.
Ah und hätte ich keinen Leidensdruck auf den Körper bezogen würde ich auch daran nichts ändern-macht doch keinen
Sinn dann...
Petra Sofie hat geschrieben: Sa 4. Jan 2020, 15:10 Schließlich habe ich dann die freie selbstbestimmte Wahl, das in die Wege zu leiten, worauf es bei mir ankommt.
Hab ich doch-dafür muss ich Stand jetzt aber halt auch was tun.
Um nochmal zur "Psychotherapie" zurück zu kommen...das waren bisher eigentlich immer sehr nette Gespräche
über meine Biographie, wo ich hin will, was sind meine gegenwärtigen Gefühle und wie geht es mir.
Ich hab einmal geweint wie ein Schlosshund weil ich nicht Mutter werden kann, also haben wir die Trauer darüber
bearbeitet. Dafür ist Therapie fast zu hoch gegriffen-wir haben mein Sein beleuchtet.
Ich hab aber auch keinen Stress damit über meine sexuelle Orientierung, PartnerInnen, oder sonst was in der Richtung
zu sprechen-das gehört auch zu meinem Leben und da verberge ich rein gar nichts, sondern stehe offen dazu.
Petra Sofie hat geschrieben: Sa 4. Jan 2020, 15:10 Es gibt keinen Automatismus zu dem Prozedere, die Reihenfolge der Anzuwenden Maßnahmen bestimme ich, brauche nicht zu betteln.
Ich bettle nicht wenn ich einen Antrag stelle-ich stelle den Antrag weil ich was möchte.
Und wann was stattfindet bestimme ich auch, es sei denn es gibt Wartezeiten bei den ausführenden Personen.
Das ist dann eine Absprache..
Zudem gibt es auch keinen wirklichen Automatismus wenn, dann-bestenfalls Abhängigkeiten und Empfehlungen.
Logopädie funktioniert besser, wenn frau die soziale "Rolle" (ich mag das Wort nicht) ausfüllt und lebt.
Bei Menschen die wechseln fehlt dafür die Konstanz...

Najaaa

Alles Liebe Marie (flo)
Fang an. Schritt für Schritt. Denn Mut wächst im Tun. Jeder kleine Schritt zählt – auch der unperfekte.
Inga
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 3851
Registriert: Mo 19. Jul 2010, 00:32
Pronomen:
Hat sich bedankt: 118 Mal
Danksagung erhalten: 207 Mal
Kontaktdaten:

Re: Meinungen zu Trans*, Wege zur eigenen Person

Post 39 im Thema

Beitrag von Inga »

Hallo Marlene,

dass man in Armut auf "HartzIV-Niveau" grundsätzlich schlechtere Leistungen bekommt und man ihnen das z. B. bei den Zähnen auch immer ansieht, halte ich in dieser allgemeinen Form für ein Vorurteil. Meine Erfahrungen beim Zahnersatz sind da andere. Ich habe kein dolles Einkommen, darum kein teures Gold und keine teuren LEgierungen. Den Zahnersatz für rund 2/3 aller Zähne erkennt praktisch niemand. Gekostet hat mich das neue Gebiss ganze 100,-Euro Eigenanteil inkl.Material und sitzt seit Jahren fest im Mund. Ähnlich bei der Herzoperation (Einbau neuer Herzklappe) vor einigen Jahren. So habe ich schon eine Vorstellung, was es heißen kann, in unserem Gesundheitssystem mit all seinen Macken auch mit geringen Einkünften mündiger Patient zu sein. Allein mit großen Geldscheinen winken macht noch keine gute Behandlung. Und nicht jeder Chefarzt, der ja auch noch ein Haufen Managementaufgaben hat, ist so gut wie seine Assistenzärzte, die tagtäglich Routuine mit dem praktischen Arbeiten am Patinten haben. Als Patient hat man meist nur einmal im Leben mit der Angelegenheit zu tun, die Ärzte haben jeden Tag einen neuen Fall und damit mehr Erfahrung. Ach ja, die Kosten an dem Ganzen waren 10 Tage Eigenanteil am Krankenhausaufenthalt. Eine dritte Angelegenheit waren Schäden am Kniegelenk. ein Orthopäde legte mir Operation des Gelenks nah, ich kam beim Recherchieren darauf, dass man mit spezieller Pysiotherapie, Bandagen und fachliche Beratungen in der richtigen Nutzung des Körperteils bei starken Belastungen in der Arbeit auch den Heilungserfolg erreichen kann. Hat mich einmal 6,90 Euro gekostet und drei Monate Gehbehinderung infolge der Operation erspart. Der Orthopäde hat es akzeptiert, dass ich mich anders entschieden habe.

Unter diesem Aspekt möchte ich die Diskussionen um Trans*Anpassungen in seiner Gesamtheit als mündiger Patient wissen.

Liebe Grüße
Inga
ExuserIn-2020-10-20
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 361
Registriert: Di 3. Dez 2019, 06:51
Geschlecht: mzf
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Nähe Lübeck
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 0
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Meinungen zu Trans*, Wege zur eigenen Person

Post 40 im Thema

Beitrag von ExuserIn-2020-10-20 »

Back to the roots

Dein Empfinden im falschen Körper zustecken wird von der Gesellschaft als nicht normal angesehen. Das ist der Punkt. Hier setzt ein Automatismus ein, der dich in eine abnormale Position innerhalb der Gesellschaft drängt. Eine Position in du nicht willst. Die Gesellschaft schreibt dir vor dich Minderwertig zu fühlen, wenn das nicht hilft wird nachgeholfen. Das fängt mit Sticheleien an, kann aber durchaus auch massivere Formen annehmen.

Nun stehst du da, und weißt nicht weiter. Einzig die vorgeschriebene Flucht nach vorne verheißt die Glückseligkeit. Die auch nur wenn du dich an die Vorschriften hälst. In dem einen oder anderen Fall geht es glimpflicher aus, aber das ist nicht die Regel. Das hat zur Folge ich muß mich ständig erklären, rechtfertigen, outen.

Welcher "normale Mann" oder welche "normale Frau" rechtfertigt sich dafür ständig, um einen sogenannten normalen Platz in der Gesellschaft einnehmen zu dürfen.

Warum ist es nicht normal seine persönliche Entwicklung einfach zu durchleben, und zwar von Kindesbeinen an? Dann ist doch alles gut.
Warum erst die Zwangssozialisierung in dem einem Geschlecht auf sich zu nehmen, um später, egal wieviel Zeit dabei verstreicht, eine andere Sozialisierung machen zu dürfen. Dann kommt noch die Wartezeit auf Op und sonstiges dazu.

Da sind oft Jahre, wenn nicht Jahrzehnte für nix dahin.

Petra Sofie
Marielle
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 1857
Registriert: Do 11. Aug 2011, 10:52
Geschlecht: Mensch
Pronomen: ikke
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 0
Kontaktdaten:

Re: Meinungen zu Trans*, Wege zur eigenen Person

Post 41 im Thema

Beitrag von Marielle »

Hallo Marlene,

entschuldige bitte, dass ich erst nur in dem anderen Thread geantwortet habe. Ich hatte den neuen Thread hier nicht mitbekommen, möchte dir aber antworten, da du mich direkt angesprochen hast.
Du sagst Schönheitsoperationen würden auch nicht bezahlt. Diese Aussage muss genauer gefasst werden. Treffender ist der Begriff kosmetische Operationen. Unbestritten werden Operationen an "Hasenscharten" / Lippen-Kiefer-Gaumenspalte oder der Aufbau einer neuen Brust nach einer Amputation nach Krebs heute selbstverständlich bezahlt, wenn die Patientin dies wünscht.
Ja, stimmt. Zu dem Aspekt hatte ich die BSG-Entscheidungen angebracht. Die Klärung der Frage 'Was wird bezahlt?' ist halt ein gesellschaftlicher Aushandlungsprozess, der schon seit Jahrzehnten läuft. Dabei haben sich Standards herausgebildet, die man zwar zu verändern versuchen kann, die man aber nicht einfach ignorieren kann, wie Teile der Community es tun.

Für mich heißt das, dass in einem neurologisch-psychiatrischen Verfahren bei einem Transitionswunsch der aktuelle Leidensdruck des Menschen festgestellt werden muss. Es kann also nicht darum gehen festzustellen, wer Transident, Transsexuell oder wie immer Ihr die Bezeichnung wählt ist. Das muss jede*r für sich selber feststellen und ist von außen nicht zu überprüfen.
Das mit dem Leidensdruck wäre eine Möglichkeit (wird ja so auch schon angewandt). Allerdings hörst du ja auch, dass u.a. die Ketzerin damit nicht zufrieden wäre. (Anm.: Mit der Neurologie wäre ich seeehr vorsichtig.)

Es erscheint mir aber sinnvoll bei einem solchen massiven und in Teilen auch endgültigen Verfahren andere Belastungen vorher möglichst auszuschließen, sonstige Leiden auf ihre Wechselwirkung mit der Feststellung der eigenen Identität zu hinterfragen. Letztendlich muss aber jeder für sich selber verantwortlich bleiben.
Wie in dem anderen Thread geschrieben, vertrete ich dazu einen radikal-freiheitlichen Standpunkt, der die Verantwortlichkeit des einzelnen Menschen voraussetzt. Es steht aber natürlich jedem Menschen frei, psychologische bzw. psychatrische Hilfe oder anderweitige medizinische Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Und es steht Freund_innen oder Bekannten frei, eine solche Hilfe anzuraten. (PS: Damit ich nicht missverstanden werde: Mein Standpunkt bezieht sich auf die freie Selbstbestimmung der eigenen Person, nicht etwa auf einen freien Zugriff auf Sozialkassen. Dazu habe ich einen ziemlich anderen Standpunkt.)

Meine Schlussfolgerung hieraus ist, dass wir kein Sonderrecht für transidente Menschen oder intersexuelle Menschen brauchen. Transidentität unmd Intersexualität sind keine behandlungswürdigen Erkrankungen. Das Leiden, dass aus den bestehenden Fakten erwächst ist wie andere Leidensdrücke im seelischen/psychischen Bereich auch sehr wohl eine Begründung für die Verantwortung und Solidarität der Gesellschaft in Form von Leistungen der Krankenkassen.
Selbstverständlich fällt die Minderung von Leiden in die Verantwortung der Gesellschaft bzw. der Krankenkassen. Und ich bin auch der Meinung, dass Sonderrechte und Sondergesetze nicht zielführend bzw. sogar der falsche Weg sind. Nur bedarf es halt der Aushandlung, welche Leiden auf welchem Weg und mit welchem Aufwand zu lindern sind. Dein Einwand, dass der Aufwand niemals der Maßstab sein kann, kann m.E. nicht gelten, da es sich um ein System mit begrenzten Resourcen handelt, die nicht beliebig vergrößerbar sind.

In der Entscheidung des BSG vom August 2019 gibt es einen Textteil, auf dem man diesbezüglich eine Weile rumkauen kann. Ich hab den Teil unten eingefügt und von den Verweisen 'befreit', damit er besser lesbar ist. In der Sache ging es um eine Person (Frau), die sich -zur Verbesserung ihrer Weiblichkeit- einer Brustvergrößerung unterzogen hatte, die schiefgegangen ist. Die KK hatte von ihr einen Teil der Behandlungskosten der 'Reparaturen' zurückgefordert, wogegen die Person klagte. Dabei hat sie u.a. damit argumentiert, dass überwiegend Frauen aufgrund von Rollenbildern 'Schönheitsoperationen' vornehmen lassen, weshalb sie sich quasi nicht selbst zu der OP entschieden hat und nach Art3 Abs3 GG Anspruch auf volle Kostenübernahme habe. Das hat das BSG gänzlich anders gesehen.



Mal so unter uns: Bei den von dir angeführten kosmetischen Operationen (Hasenscharte usw.) wird auf die 'Entstellung' des Körpers Bezug genommen, die zu heilen ist. Man nimmt dabei einen 'Normalzustand' an und korrigiert die festgestellte Abweichung davon. Mein 'Problem' (im Sinne von: 'da fehlt mir mein Verstehen') damit ist, dass von trans* Personen häufig ein 'Normalzustand' zur Grundlage von Anspruchsformulierungen gemacht wird, der deutlich über die statistische Varianz der spezifischen Gegebenheiten von Personen hinausgeht, die als dem Normzustand ihrer Zuschreibungsgruppe voll entsprechend angesehen werden. Ich finde es zumindest schwierig, einerseits (zu Recht) die eigene Normalität anzuführen und andererseits damit zu argumentieren, man entspräche aber nicht dem Normzustand (der undefiniert ist), sondern sei quasi 'entstellt'. Für mich hat das etwas paradoxes an sich.


Hab es gut

Marielle

--------------------------------------------------------------------------------------------------
PS:

Lieber Jaddy,

Ponyhof für alle .....Dazu gehört auch ein Wohlfühl-Körper.
Wie bitte? Soll ich demnächst für die Piercings, nicht indizierten Fettabsaugungen und Sonnenstudiobesuche meiner Mitmenschen auch KK-Beiträge zahlen?

Ich möchte die Frage mal umdrehen und von denen eine wirklich schlüssige Rechfertigung fordern für die Forderung an andere, sich für ihre Wünsche rechtfertigen zu sollen. Kostenargument nicht erlaubt, wie ab dem nächsten Abschnitt dargelegt.
Kostenargument nicht erlaubt? Diese Ausgaben werden erstens auch von meiner Knete bezahlt, die ich auch anderweitig ausgeben könnte. Und zweitens stehen diese Ausgaben in einem begrenzten Budget in Konkurrenz zu anderen Ausgaben. Es reicht nicht vorzurechnen, was anderes kostet. Du musst sagen, wo das Geld hergenommen bzw. wem es weggenommen wird. Du hast nämlich schlicht unterschlagen, welche weiteren Kosten (neben den 4000 GAOPs) aus deinem 'Vorschlag' resultieren würden.

-------------------------------------------------------------------------------------------------------


Den ganzen Text gibt es hier: https://sozialgerichtsbarkeit.de/sgb/es ... &id=209042

18

b) Die Zuordnung eines Teils der Behandlungskosten von Folgen medizinisch nicht indizierter ästhetischer Operationen zur Eigenverantwortung der Versicherten verstößt nicht gegen die Anforderungen des speziellen Gleichheitssatzes. Nach Art 3 Abs 3 Satz 1 GG darf niemand wegen seines Geschlechts benachteiligt oder bevorzugt werden. Das Geschlecht darf auch aufgrund des Gleichberechtigungsgebots in Art 3 Abs 2 GG grundsätzlich nicht zum Anknüpfungspunkt und zur Rechtfertigung für rechtlich oder faktisch benachteiligende Ungleichbehandlungen herangezogen werden. Das Diskriminierungsverbot gilt auch dann, wenn eine Regelung nicht auf eine verbotene Ungleichbehandlung angelegt ist, sondern in erster Linie - oder gänzlich - andere Ziele verfolgt. Es ist jedoch nicht entscheidend, dass eine Ungleichbehandlung unmittelbar und ausdrücklich an das Geschlecht anknüpft. Eine grundsätzlich unzulässige Anknüpfung an das Geschlecht kann - wie nach dem Recht der Europäischen Union und nach völkerrechtlichen Verpflichtungen -auch dann vorliegen, wenn eine geschlechtsneutral formulierte Regelung aufgrund natürlicher Unterschiede oder der gesellschaftlichen Bedingungen überwiegend Frauen nachteilig trifft. Denn Art 3 Abs 2 GG bietet Schutz auch vor faktischen Benachteiligungen. Die Verfassungsnorm zielt auf die Angleichung der Lebensverhältnisse von Frauen und Männern. Art 3 Abs 2 Satz 2 GG stellt ausdrücklich klar, dass sich das Gleichberechtigungsgebot auf die gesellschaftliche Wirklichkeit erstreckt. Die Erstreckung des Gleichberechtigungsgebots auf die gesellschaftliche Wirklichkeit bedeutet aber nicht, dass eine nicht durch strukturelle Benachteiligung geprägte geschlechtsspezifische Präferenz von Verfassungs wegen als Anknüpfung für eine faktisch benachteiligende Ungleichbehandlung Beachtung finden muss: Das Verbot faktisch benachteiligender Ungleichbehandlung muss den Benachteiligten gerade objektiv in dem Bereich der strukturellen Benachteiligung betreffen. Dies ist nicht der Fall, wenn etwa die unterschiedliche faktische Betroffenheit der Geschlechter nicht auf eine nachteilige Situation von Frauen, sondern auf vorfindliche Einstellungen, insbesondere ein tradiertes Rollenverständnis, gründet.

Die gesetzliche Verpflichtung der KKn, Versicherte an den Kosten der Krankenbehandlung von Krankheiten in einer nach pflichtgemäßem Ermessen festzusetzenden Höhe zu beteiligen, die sie sich aufgrund medizinisch nicht indizierter ästhetischer Operationen zugezogen haben, macht weder das Geschlecht zum rechtlichen Anknüpfungspunkt noch zieht es dieses zur Rechtfertigung für eine rechtlich benachteiligende Ungleichbehandlung heran. Rechtlich ist die Regelung geschlechtsneutral sachbezogen gefasst. Sie betrifft auch nicht auf tatsächlicher Ebene von der Kostenbeteiligung Betroffene objektiv gerade in einem Bereich struktureller Benachteiligung. Soweit die Klägerin hierzu statistisch untermauert vorträgt, Frauen nähmen zu einem höheren Prozentsatz als Männer Schönheitsoperationen in Anspruch, beruht dies auf freier eigener Entscheidung aufgrund subjektiver individueller Schönheitsvorstellungen und nicht auf struktureller Benachteiligung. Sollte die Entscheidung Betroffener für Schönheitsoperationen auf einem überkommenen Rollenbild aufbauen, gibt die Verfassung keinen Anlass, dieses zu verfestigen.
As we go marching, marching, we bring the greater days
For the rising of the women, means the rising of the race
No more the drudge and idler ten that toil where one reposes
But the sharing of life's glories, Bread and Roses, Bread and Roses.
Inga
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 3851
Registriert: Mo 19. Jul 2010, 00:32
Pronomen:
Hat sich bedankt: 118 Mal
Danksagung erhalten: 207 Mal
Kontaktdaten:

Re: Meinungen zu Trans*, Wege zur eigenen Person

Post 42 im Thema

Beitrag von Inga »

Ralf-Marlene hat geschrieben: Sa 4. Jan 2020, 16:35 Danke für die Antwort, die ich gut nachvollziehen kann und die auch gleichzeitig aufzeigt, wie eine vollkommene Freigabe das Risiko herabsetzen kann.

Nur ein Punkt: der operierende Arzt würde damit die Gatekeeperfunktion einnehmen, der entscheidet, welche Operationen er macht. Radikale Freiheit ist ein Ideal, aber wohl nicht wirklich möglich, oder?
Hallo, Marlene,

klar, spätestens der operierende Arzt wird mit dem Patienten ein Vorgespräch führen, bevor er/sie zum Messer greift.

Aber in der Praxis sieht es doch so aus, dass du mit einem Facharzt ein Vorgespräch hast, damit eine Op überhaupt terminiert werden kann. Dabei werden ganz klar Notwendigkeit, Umfang und Vorgehensweise und auch Voraussetzungen für Risikominimierung etc besprochen. Ob dieser Arzt dann der operierende Arzt ist, ist noch eine andere Sache der Organisation.

Bevor du den Kontakt mit dem Facharzt aufnimmst, hast du selbst eine Vorstellung, was du überhaupt willst. Die mag evtl. noch etwas nebulös sein und sich im Vorgespräch konkretisieren.

Es kann auch sein, dass du vorher irgendwo in einer Praxis warst, etwa dem Hausazt , und du von dort eine Überweisung an einen Facharzt bekommst. Und du den wählst, den du für sinnvoll hältst und ihm die Überweisung mitbringst.

Liebe Grüße
Inga
Lavendellöwin
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 3246
Registriert: Do 6. Sep 2018, 15:56
Geschlecht: weiblich
Pronomen:
Hat sich bedankt: 526 Mal
Danksagung erhalten: 874 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Meinungen zu Trans*, Wege zur eigenen Person

Post 43 im Thema

Beitrag von Lavendellöwin »

Petra Sofie hat geschrieben: Sa 4. Jan 2020, 17:25 Welcher "normale Mann" oder welche "normale Frau" rechtfertigt sich dafür ständig, um einen sogenannten normalen Platz in der Gesellschaft einnehmen zu dürfen.
Huhu...

keine/r in den meisten Fällen..da geb ich dir Recht, aber muss ich doch auch nicht! Warum und für was soll
ich mich rechtfertigen müssen? Meine Liebste sagt zu dem Thema "leb wie du willst" oder "leb doch einfach"..

nun, aber du kennst auch meine Geschichte nicht..und darin liegt bei uns der Unterschied.

Ich hatte seit ich 12 bin ein ziemliches Genderdurcheinander, sprich ich war Mädchen, Junge, Frau, Mann
und auch irgendwo dazwischen. Das war für meine Eltern, mein Umfeld zwar auch anstrengend aber NORMAL!
Mein Bruder hat zu meinem Outing das ich eine Frau bin bemerkt "schön das du dich entschieden hast und jetzt
mal in die Pubertät kommst"...wobei es keine Entscheidung war, aber so leichter verständlich ist.

ah Pubertät hätte die mich damals nicht eingeholt, wäre ich Mädchen geblieben, aber aus der Tatsache heraus
das die Biologie einen Weg vorzeichnete bin ich dem gefolgt. Ja, da war auch äusser Druck am aufkommen, aber
der war eher zweitrangig, ich hatte Freunde die mich in der Not schon auch beschützt haben.

Ich habe meine Entwicklung einfach durchlebt-eine richtige vollständige Sozialisierung hatte ich bisher nicht und werde ich
wohl auch nie haben, weil ich das nicht möchte-dafür sorgt ein Teil in mir der einfach fluid ist.
Ich bin eine Frau und habe meine "männlichen" Anteile, was normal ist ein 100'% gibt es nicht...deswegen, Sozialisierung -> Fehlanzeige!

Oder anders gesagt, was du da zeichnest empfinde ich als düsteres und nicht existentes Bild-ich kenne das so nicht.
Und bin auch froh darum, das mich meine Eltern in Freiheit erzogen haben zu tun was ich möchte

Alles Liebe Marie (flo)
Fang an. Schritt für Schritt. Denn Mut wächst im Tun. Jeder kleine Schritt zählt – auch der unperfekte.
ExuserIn-2020-10-20
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 361
Registriert: Di 3. Dez 2019, 06:51
Geschlecht: mzf
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Nähe Lübeck
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 0
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Meinungen zu Trans*, Wege zur eigenen Person

Post 44 im Thema

Beitrag von ExuserIn-2020-10-20 »

Ein düsteres und nicht existentes Bild das du so nicht kennst.

Sei froh, das es heute schon wesentlich offener in der Gesellschaft zugeht, eine Entwicklung die auch mich sehr glücklich macht. Ich schaue heute wesentlich zuversichtlicher in die Zukunft als noch vor zwanzig Jahren.

Aber es gibt noch viel zu verbessern,viel, packen wir es an.

Petra Sofie
Inga
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 3851
Registriert: Mo 19. Jul 2010, 00:32
Pronomen:
Hat sich bedankt: 118 Mal
Danksagung erhalten: 207 Mal
Kontaktdaten:

Re: Meinungen zu Trans*, Wege zur eigenen Person

Post 45 im Thema

Beitrag von Inga »

Hallo, Nicole und andere,

zum Verständnis. Für mich gehört "nicht binär," so wie du es beschreibst, zu "trans*"dazu. Darum gilt für mich: Die Erkenntnis "trans*" zu sein kann zwar mit körperlichen Anpassungen verbunden sein, muss es aber nicht . Es sagt erst recht nichts aus, in welchem Umfang ggbfs. körperliche Anpassungen gewünscht sind.

Ich finde übrigens deine Positionierung klasse. Ähnlich habe ich es für mich erlebt. Vor ca. 15 Jahren habe ich mich zum ersten Mal im Spiegel richtig als Frau gesehen. Dann habe ich sicher fünf Jahre damit versbracht, über den Weg der geschlechtsanpassenden Operationen nachzudenken, bis es mir dämmerte: Das ist nicht mein Ziel udn nicht mein Weg. Ich bin und bleibe so, wie ich bin und bin halt irgendwo zwischen den Extremen. Der Ausdruck vom "Dritten Geschlecht", "Divers" oder so treffen es ganz gut. Das wird zwar nicht von allen in der Szene als glaubwürdig akzeptiert, aber nur so fühle ich mich wohl. Denn eine richtige Frau kann ich nicht werden und will ich auch gar nicht. Mein großes Problem ist eigentlich auch, dass der Zustand von der Gesellschaft insgesamt noch immer wenig Anerkennung findet. Noch immer spürbar weniger gesllsschaftliche Akzeptanz als selbst die Trans*en, die ihren Körper vom Mann zur Frau bzw. von Frau zum Mann anpassen wollen.

Aber ich hoffe, dass sich auch das noch bessert.

Liebe Grüße
Inga
Antworten

Zurück zu „Crossdresser Transgender DWT Portal“