Liebe Vicky,
ich schulde dir hier noch eine Antwort. Das Thema, wer wir wirklich sind, ist tatsächlich unerschöpflich, und natürlich habe ich keine abschließende Erklärung dafür. Aber ein paar Gedanken möchte ich mit dir teilen. Vielleicht ist ja was dabei, mit dem du ein bisschen weiter kommst.
Vicky_Rose hat geschrieben: Fr 4. Okt 2024, 10:33
Gibt es jenen unterveränderlichen Kern überhaupt ? Ist es nicht das, was wir mit Seele beschreiben und seit Jahrtausenden gesucht, aber nicht gefunden wird ? Wir haben das Werkzeug des Verstandes und die Gefühle, um diese Seele zu suchen. Reicht das ?
Im christlichen Kontext wird oft der Begriff Seele gebraucht, die östlichen Religionen und philosophischen Ansätze haben andere Wörter und Konzepte dafür, aber als Laie stellt es sich für mich so dar, dass es alle Menschen unabhängig von ihrem Glauben gleichermaßen betrifft und niemand dieser Frage ausweichen kann. Manche schieben sie bis kurz vor dem Tod auf, aber spätestens dann kommt die Frage wieder, auch in Verbindung mit dem, was nach dem Tod wohl kommen mag?
Aber bleiben wir mal hier, beim Leben, und dem, was es ist und wer wir sind. Mein nächster Satz fängt mit "ich glaube" an, obwohl ich nicht religiös bin. Das liegt daran, dass sich das Thema nicht allein auf der Ebene der Vernunft diskutieren und erfassen lässt.
Ich glaube tatsächlich, dass jeder Einzelne von uns grundsätzlich in der Lage ist, sich selbst zu erkennen. Dem steht unsere kulturelle Prägung im Weg, die dem Spirituellen nur wenig Raum lässt und auch unsere Erziehung, die kaum spirituelle Bildung beinhaltet. Wir haben also ein paar Schritte zusätzlich zurückzulegen, während ein Mensch in Burma oder Indien in diesem Bereich uns etwas voraus sein kann. Wobei es das nicht wirklich trifft, es ist ja keine lineare Entwicklung.
Unseren Wesenskern können wir nur spüren. Jeder Mensch hat Empfindungen, die ihm sehr subtile Hinweise geben können, was die "Wahrheit" ist und wo er sie finden kann. Nun sind diese Empfindungen so schwach, dass wir im Alltag kaum in der Lage sind, sie wahrzunehmen. Es braucht Zeit und ein gutes Durchhaltevermögen, sich vom Alltagsballast zu befreien und das "Hintergrundrauschen" im Kopf leiser zu bekommen. Ein mehrtägiges Meditationsretreat könnte dabei helfen.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass vieles klarer wird, wenn man versucht, den Verstand abzustellen und seine komplette Aufmerksamkeit auf die Empfindungen zu richten, die der Körper ohnehin laufend hat. Es ist schwierig, manchmal frustrierend, aber auch ungemein erhellend, wenn es tatsächlich gelingt, sei es nur für einen kurzen Augenblick.
Die Erkenntnis ist jedoch eine andere als die erhoffte:
Das eigene Ich ist auch nur ein mentales Konzept, das uns vorgaukelt, ein Individuum zu sein, mit all seinen Eigenschaften, Gefühlen und Gedanken. Letztlich sind wir Teil eines großen Ganzen, einer Art Organismus, wo es vollkommen unerheblich ist, ob wir Männlein oder Weiblein sind, oder irgendetwas anderes, und wie wir das fühlen. Die emotionale Ebene führt uns hier ebenso leicht auf den Holzweg wie die rationale.
Das klingt jetzt wahrscheinlich alles ziemlich esoterisch-wirr, aber ich kann es nicht besser beschreiben, auch, weil unsere Sprache keine Begriffe für diese Erfahrungen hat. Und selbst wenn, blieben diese Begriffe leere Hüllen, wenn man sie nicht mit eigenen Erfahrungen füllen kann. Dazu möchte ich ermutigen.
Vicky_Rose hat geschrieben: Fr 4. Okt 2024, 10:33
Ich glaube, das wir die Essenz des Weiblichen sicher nicht in Kleidung und Schminke finden werden. Es ist der Ausdruck dessen, was wir fühlen. Aber wir bewegen uns dabei in einem Raum, der durch gesellschaftliche Konventionen bestimmt ist. Damit laufen wir in Gefahr, Ausdruck und Essenz zu verwechseln. Auch die eigene Vorstellung des Weiblichen wird, zum Teil zumindest, durch den gesellschaftlichen Rahmen beschrieben. Mache ich mich nackt, verspüre ich eine Sehnsucht nach dem, was körperlich weiblich ist. Aber auch das ist mMn noch nicht Weiblichkeit. Aber was ist es, was diese (unerfüllte) Sehnsucht antreibt ?
Ich glaube, es ist der Wunsch nach einem erfüllten Leben. Er hängt eng mit der Sinnfrage zusammen, weil nur ein "sinnvolles" Leben erfüllt sein kann. Auch an dieser Stelle bietet die Philosophie, die Psychologie, aber auch spirituelle Bewegungen eine endlose Palette an Ideen, warum wir wirklich hier sind.
Ich glaube wirklich, dass wir in der Diskussion hier auf einer Ebene angekommen sind, die weit über den geschlechtlichen Aspekt hinausweist. Geschlecht ist zwar nur eine Ausprägung unseres Seins, aber eine sehr zentrale. Deshalb kommt man unweigerlich auf die übergeordnete Ebene, wenn man versucht, das Wesen von
Geschlecht zu fassen. Es ist ähnlich, wie wenn man versuchen wollte,
Leben an sich zu verstehen. Es geht um die Essenz unseres Seins, und die ist der Ratio nicht zugänglich.
Vielleicht hast du recht, und es ist tatsächlich nicht möglich, diese Themen zu transzendieren, weil uns dazu die Anlagen fehlen. Dann ist es so.
Dennoch kann es nicht schaden, sich damit auseinander zu setzen, wenn man sich für diese Fragen interessiert. Allerdings ist der Aufwand beträchtlich und mit unserer Lebensweise kaum vereinbar. Das macht es schwierig.
Wahrscheinlich hilft dir das alles nicht viel weiter, weil ich nur deine eigenen Gedanken in anderen Worten aufschreibe.
Vicky_Rose hat geschrieben: Fr 4. Okt 2024, 10:33
Was können wir überhaupt erkennen, solange wir uns in Kategorien bewegen, die unserem Geist entspringen ? [...] ISt das nicht unser aller "Käfig"?
Ich habe begonnen, mich dem zu ergeben. Es erscheint mir eine fruchtlose Jagd zu sein. Ich habe eine persönliche Vorstellung von Weiblichkeit und es ist mir klar, dass diese von vielen nicht geteilt wird. Ich versuche mit den mir zu Gebote stehenden Möglichkeiten, das auszudrücken, was mir wichtig ist.
[...]
Ich möchte nichts weniger, als mich so auszudrücken, wie ich mich verstehe und auf diesem Weg mit Verstand und Gefühl neue Horizonte zu entdecken.
Das sind schöne Worte, danke dafür. Genau darum geht es. Wenn wir unserer inneren Stimme folgen (und die können wir hören, wenn wir es zulassen), dann ist es gut. An der Stelle löst sich auch die Frage des Themas auf, sie ergibt an dieser Stelle keinen Sinn.
Vicky_Rose hat geschrieben: Fr 4. Okt 2024, 10:33 Es gilt auszuloten, inwieweit ich mich entwickeln will und kann. Der Verzicht auf den Begriff "Egoismus" öffnet die Tür für Entwicklung. Es wird zu einer Frage der Verantwortung für sich und das Umfeld. Es zielt auf Gegenwart und Zukunft und lebt nicht von der Vergangenheit. Wäre das nicht der bessere Weg ?
Ich denke, es ist der einzige Weg. Ohne Entwicklung geht es nicht. Unsere Veränderung mag zwar eine Zumutung für die Partnerin sein, sie bietet ihr aber eine Gelegenheit zur eigenen Weiterentwicklung, und uns beeinflusst das wieder, weil wir uns mit der Reaktion der Partnerin auseinandersetzen müssen. Es ist ein Austausch, ein immer währende Geben und Nehmen.
Egoismus wäre es, diese Entwicklungsmöglichkeiten nicht wahrzunehmen und auf seinem hergebrachten Standpunkt zu beharren, ihn dem anderen aufzwingen zu wollen.
Diese Gefahr besteht, wenn wir unser So-Sein dogmatisch über die Bedürfnisse der Partnerschaft stellen, womöglich noch ideologisch aufgeladen. Das hat aber nichts mit einem konstruktiven, auf eine gemeinsame Zukunft gerichteten Austausch zu tun.
LGL