Es spielt keine Rolle, ob es Homophobie, Anti-Islam(ismus) oder Antisemitismus oder sonstwas ist. Der Punkt ist, dass eine Randgruppe für ein gesamtgesellschaftliches Defizit haftbar gemacht wird. In diesem speziellen Fall ist es vom Tenor her: Homosexualität schadet den Familien und damit der Gesellschaft.conny hat geschrieben:hallo nicole,
ich will jetzt nicht im detail auf deine argumentation eingehen, aber den engen zusammenhang von homophobie und gesamtwirtschaftlicher lage kann ich nicht nachvollziehen. wo siehst du hier korellationen?
Zum einen sehe ich es ja selbst in meinem Umfeld und zum anderen sind es diverse Studien, die direkt oder indirekt zu diesem Schluss kommen. Nehmen wir alleine die Kinderarmut in Deutschland. Man ist sich mittlerweile sicher, dass dies nicht nur ein Phänomen der westlich technisierten Gesellschaften ist, welche man in einigen anderen Schwellenländern, die unsere Entwicklung praktisch im Zeitraffer erlebt haben, nachvollziehen konnte. Umfragen und Studien zeigen, dass gerade Paare der unteren Mittelschicht und darunter, keine Kinder mehr bekommen, obwohl sie wollten. Grund ist, dass sie die dazu nötige wirtschaftliche Sicherheit nicht zu haben glauben. Und das ist ja auch de-facto so. Die Zeiten, in denen ein Alleinverdiener eine vier- oder mehrköpfige Familie hat alleine ernähren können und sich seines Jobs auch noch sicher sein konnte, sind vorbei. Die Situation ist für viele, dass gespart und hinzu verdient werden muss, um gerade so über die Runden zu kommen. Die Preise steigen, Lebenshaltungskosten, gerade Energie, steigen, aber die Löhne und Gehälter hinken dieser Entwicklung weit hinterher. Unter dem Strich bleibt also ein Minus in der Familienkasse.conny hat geschrieben: ebensowenig kann ich deiner beurteilung des umfangs von familien in wirtschftlicher notlage folgen.
Das erzeugt zwangsläufig eine negative Stimmung. Niemand ist glücklich damit. Und je schlimmer es wird, desto mehr möchte man dafür einen Schuldigen finden.
Die Entwicklung hin zu Regimen, die auf der Ausgrenzung oder Schuldzuweisung zu einer Randgruppe basieren, lief eigentlich immer gleich ab. Die Zeit der großen Depression Anfang des 20. Jahrhunderts sorgte in allen betroffenen Staaten für solche Entwicklungen und die spätere Wirtschaftskrise der 1960er Jahre ebenso. Ja, sicher, unsere wirtschaftliche Situation ist noch deutlich besser, als sie zu Zeiten des Aufstiegs der Nazis war. Aber so weit sind wir davon auch nicht entfernt, guckt man in unsere Nachbarländer. Noch eine fette Währungskrise oder der (fast) Kollaps des Euro und wir stehen genau dort. Dann stelle man sich mal die Arbeitslosigkeit und Trostlosigkeit bspw. der Spanier in Deutschland vor! Da reichen kleine Anstöße, um einen ganzen Mob zu mobilisieren - ich erinnere nur mit Schrecken an die immer wieder aufkeimenden Ausschreitungen an Aussiedler- und Asylbewerberunterkünften. Und dann spielt es absolut gar keine Rolle mehr, wer das Opfer ist - Glaubensrichtungen, alternative Lebensmodelle, Ausländer - völlig egal. Solange eine Randgruppe dafür herhalten kann, wird sie angegangen.
Das fatale an solchen Entwicklungen ist, dass die Anfänge immer noch halbwegs harmlos aussehen, wie eben diese Äußerung der AfD. Hat sich das aber einmal in den Köpfen festgesetzt, ist es unglaublich schwer dies wieder dort heraus zu bekommen. Es lässt sich hervorragend leicht verstärken und zu (un-)passender Gelegenheit kanalisieren.
"Wehre den Anfängen!" (Ovid) [1]
Bisher hatten wir auch das "Glück", dass diese sehr rechten Parteien ansonsten kein Programm hatten. Nur Hass, Ablehnung und Ausgrenzung reicht den meisten dann doch (noch) nicht. Doch kommt dieser Rest dann auch noch dazu, wie bspw. angebliche Wirtschaftskompetenz bei der AfD, dann wird es gefährlich. Oder wenn vollmundige Versprechungen gemacht werden, die die Lebenssituation verbessern sollen, z.B. auf Kosten der attackierten Randgruppe. Schauen wir z.B. zu den Nachbarn nach Holland. Da standen die Rechtspopulisten um den Herrn Wilders kurz vor der Regierungsmitverantwortung. Der Sprung von bedeutungslos zu "auf einmal mit an der Macht beteiligt" ist manchmal gar nicht so gross, womit ich wieder bei Ovid wäre: "Wehre den Anfängen!". Noch können wir von Glück reden, dass NPD oder Republikaner einfach zu dumm waren, ihr Programm zu substanziieren. Die AfD macht mir da allerdings offen gestanden Angst. Die haben ein paar fähige Leute, die soetwas auf die Beine stellen könnten *und* sie fischen gleichzeitig am rechten Rand in der braunen Sosse. Das könnte eine sehr unheilvolle Kombination werden. Ich hätte deutlich weniger Probleme mit denen, wenn sie diesen Rechtspopulismus bleiben liessen. Dann wäre es einer normale Partei, mit der man sich inhaltlich auseinander setzen kann.conny hat geschrieben: i.ü. halte ich das volk für nicht so dumm wie du vermutest, denn dann hätten die bisherigen rechten parteien wesentlich erfolgreicher sein müssen, zumal diese ja gerne "ausländer" als problemursache heranziehen, die eine gesellschaftlich relevantere gruppe darstellen.
lg
conny
Mit dem "dumm" bzgl. der Bevölkerung hast Du mich missverstanden. Ich schrieb absichtlich nicht "dumm" - denn das sind sie gewiss nicht. Doch es ist eben nicht jedem gegeben, solche Mechanismen zu erkennen und/oder zu hinterfragen. Das ist ja auch nicht böse gemeint und wie gesagt auch keinesfalls ein Zeichen von Dummheit. Vielleicht sehe ich das in der Tat etwas zu dunkel. Doch meine Erfahrung ist eben drastisch anders, als ich das selbst gerne hätte. Wenn Du selbst auf politischen Veranstaltungen mit hunderten von Leuten nur wenige findest, mit denen man einen richtigen Grundsatzdiskurs führen kann, die argumentieren und empathisch reflektieren können und die ein wenig politische und soziologische Geschichte kennen, um soetwas beurteilen zu können, dann läuft es zumindest mir eiskalt den Rücken herunter. Denn *diese* Leute sollten es doch eigentlich sein, die sich in Parteien engagieren, die genügend Sachverstand haben sollten, um ein Land zu lenken und propagandistisch demagogische Tendenzen zu erkennen und entgegen zu wirken. Wenn Du dann auch auf Bürgerveranstaltungen, Info-Ständen und dergl. nur selten jemandem begegnest, die/der soetwas hinterfragt und reflektiert (und da wäre mir völlig egal, welche Meinung bei ihr/ihm dabei herauskommt, Hauptsache man erkennt das Nachdenken), dann gelangt man irgendwann doch zu der Einsicht, dass hier a) etwas falsch läuft und b) man einer Minderheit angehört. Das ist keine schöne Erkenntnis. Ich hätte das auch lieber anders!
Die, mit denen das dann noch klappt, sind zum einen wenige und zum anderen merkt man sehr schnell, woher diese kommen - das ist genau die "Bildungselite", die immer wieder zitiert wird. Es ist erschreckend, dass solche Bildung schon Teil einer Elite geworden ist! Mir wäre es auch viel lieber, wenn jeder eine humanistische Grundbildung genossen und vor allem verinnerlicht hätte. Doch in Zeiten von akutem Geldmangel gerade im Bildungssystem brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn immer mehr Menschen "hinten runter fallen". Genau wie die viel zitierte Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland immer weiter auseinander geht, geht damit auch die Schere zwischen gebildet und eher ungebildet auseinander. Das politisch erklärte Ziel, dass Bildung nicht an die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Familie und des Individuums gebunden sei, haben wir schon lange weit verfehlt. Letzte Studien der OECD [2] haben gezeigt, dass das Bildungssystem in Deutschland besonders undurchlässig ist. Und das ist keine Frage von "Dummheit". Wir könnten sehr viel besser sein, doch das kostet erhebliche Summen an Geld und die gibt unser Staat leider nicht für Bildung aus - neben Geld sind es auch strukturelle Probleme, doch das führt jetzt etwas weit. Das alles ist eine Entwicklung, die sich noch bitter böse rächen wird.
Aber nein, Dummheit ist nicht das Problem und dies zu unterstellen wäre ungerecht, falsch und böse.
Mangelnde Bildung und Bildungsangebote würde ich hierfür viel eher verantwortlich machen und das ärgert mich maßlos. Gegen Dummheit kann man nichts machen. Für Bildung allerdings schon. Sinngemäß sagte Kant:
"Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Anleitung eines anderen zu bedienen. Selbst verschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude [wage es verständig zu sein]! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung."
[3]
Liebe Grüße
nicole
[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_gef ... .A4ngen.21
[2] http://www.spiegel.de/unispiegel/studiu ... 55073.html
[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Immanuel_Kant