Die Zeit danach
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Nicola

Die Zeit danach

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Beitrag von Nicola »

Hallo zusammen,

in nicht chronologischer Reihenfolge werde ich im Forum über mein Leben berichten. Heute ist die Zeit nach der angleichenden Operation dran.

Am Abend des 6. November 1997 begann ich langsam wieder wach zu werden. Es war vollendet. Ich war nun endgültig das was ich immer sein wollte. Eine fast vollständige Frau. Auf jeden Fall kein Mann mehr.

Wenige Tage zuvor hatten noch ein Kollege, jemand aus der Verwandtschaft und ein Bekannter versucht mich umzustimmen, da sie sich nicht vorstellen konnten, wie man die edelsten Teile Mannes, seinen Wunschvorstellungen opfern kann. Man(n) wollte mich halt vor einer Dummheit bewahren.

Letzterer, ein Landtierarzt aus der Gegend von Pfaffenhofen, erklärte mir im schönsten niederbayerisch: "Wann i mir vorstell"™ wos du vor host, nachad tut mir glei selber alles weh. Überleg dir des doch no amoi. Wos weg is konnst nachand nimma hinpappen." Und danach mehr scherzhaft, "i hätt da a paar Präparate, do hob i die müdesten Stiere wieder hinbracht. Vielleicht tät dös bei dir a helfen."
Er ist im übrigen ein sehr lieber Mensch; einer von der Sorte, die immer da sind wenn man Hilfe braucht. Ich bin heute noch mit ihm in Kontakt.

Ich hatte geglaubt, mit der Op. hätte ich unumstößliche Tatsachen geschaffen und alle Diskussionen wären nun zu Ende und stellte mich auf ein etwas ruhigeres und ausgeglicheneres Leben ein. Aber das Gegenteil war der Fall.

Meine Frau hatte mich nach anfänglich großen Schwierigkeiten und vielen tränenreichen Auseinandersetzungen sehr liebevoll unterstützt und mich hilfreich auf meinem Weg begleitet. Nach der Op. begann ihre Verwandtschaft aber verstärkt gegen mich zu polemisieren. Auch wenn sie versuchte das zu ignorieren, hatte es doch einen etwas negativen Einfluss auf unsere Beziehung.

Eine Gruppe von Eltern aus dem katholischen Kindergarten versuchte zu erwirken, dass ich dort nicht mehr auftauchen sollte um meinen Sohn abzuholen. Dieses Ansinnen wurde von meiner Nachbarin, die dort im Elternbeirat tätig war, vehement abgeschmettert. Es gab natürlich auch einige wohlmeinende Menschen in unserer Umgebung.

Mein älterer Sohn, der in die Grundschule ging wurde von Mitschülern wegen mir gehänselt. Gespräche mit den Eltern der entsprechenden Kinder brachten nichts ein, außer Häme. Irgendwann hat er sich, leider sehr erfolgreich, mit den Fäusten zur Wehr gesetzt. Wir wurden zur Sprechstunde in die Schule bestellt. Obwohl der Lehrer über mich Bescheid wusste, war er doch irritiert, als zwei Frauen als Eltern auftauchten. Er war der Meinung, dass wir beiden wohl mit dem aggressiven Verhalten unseres Sohnes etwas überfordert wären und riet dringend dazu, uns zwecks Erziehungsberatung an das Jugendamt wenden. Wir haben das dann aber doch alleine hinbekommen.
Der Opa hat sich jedenfalls gefreut: "Der Bub hat scheinbar doch die richtigen Gene mitbekommen!"

Meine Frau und ich bereuten nachträglich, dass wir auf dem Grundstück meiner Eltern ein neues Haus gebaut hatten und uns genau dort niederließen, wo ich aufgewachsen war.

Meine beiden Mädchen waren in der katholischen Jugendgruppe sehr aktiv. Im Pfarrsaal wurde ein Kindermusical aufgeführt in dem beide eine Hauptrolle zu spielen hatten. Natürlich wollte ich bei der Aufführung zugegen sein. Der Saal war brechend voll. Es waren Tische aufgestellt, weil es auch Kaffee und Kuchen gab. Meine Frau, auch sehr aktiv und Mitglied im Pfarrgemeinderat, stand natürlich an der Getränke und Kuchenausgabe. Es kamen immer mehr Leute und es wurden bis zum Schluss neue Stühle angeschleppt und irgendwie, irgendwo noch dazwischen gequetscht. Trotzdem blieben die Plätze links und rechts neben mir frei.

Unbedingt erwähnen muss ich, dass unser Pfarrer sehr um meine Anerkennung innerhalb der Gemeinde kämpfte. Was jedoch nur teilweise erfolgreich war.

Meine Ehe begann sich langsam aufzulösen. Meine Frau und ich waren auf dem Papier noch verheiratet, lebten aber nur noch wie gute Freundinnen in einer Wohngemeinschaft. Trotz vieler Probleme war mein Selbstbewusstsein nach dem Übergang stark gewachsen und unsere Ansichten gingen teilweise auseinander. Die Schwierigkeiten, die meine Kinder wegen mir hatten taten ein Übriges. Ich mietete ein kleines Ein-Zimmer-Appartement in der Innenstadt und zog 2002 aus. 2003 ließen wir uns scheiden. Das entspannte die Lage einerseits sehr, führte aber über mehrere Jahre zu finanziell beinahe desaströsen Verhältnissen.

Meine Oase und mein Ruhepol während der turbulenten Jahre, sind und waren die Kollegen und vor allem die Kolleginnen meines Orchesters, in dem ich als Geigerin tätig bin. Vom ersten Tag meines Outings an bekam ich dort die volle Unterstützung. Verblüfft hat mich die positive Einstellung von älteren Kollegen denen ich das in der Form nicht zugetraut hätte. Einzelne von den ganz alten sind zwar tapfer beim männlichen Personalpronomen geblieben wenn sie über mich in der dritten Person gesprochen haben, aber damit konnte ich leben.

Von 1998 bis 2006 war Zubin Mehta Generalmusikdirektor und musikalischer Leiter unseres Orchesters. Neben vielen tollen Opernabenden hatten wir auch Tourneen und Gastspiele als Konzertorchester. Es war eine wunderbare Zeit.

Immer wieder hatte und habe ich auch die Gelegenheit mich in kleinen Kammermusikensembles musikalisch auszutoben.

Viele Jahre sind vergangen und mein Dasein als Frau hat sich inzwischen so etabliert, dass meine Vergangenheit in Vergessenheit geraten ist. Viele meiner jetzigen Kollegen haben mich gar nicht mehr als Mann kennengelernt. Fünf Jahre lang hatte ich eine feste Beziehung mit einem Mann und ich durfte mit über 40 Jahren erleben wie schön Sex wirklich sein kann.

Meine vier Kinder sind erwachsen und bis auf den Jüngsten aus dem Haus. Ich bin inzwischen wieder in unser Haus eingezogen. Meine Exfrau und ich haben getrennte Wohnbereiche und vertragen uns blendend. Oft sitzen wir zusammen in der gemeinsamen Küche und reden über alles Mögliche.

Meine älteste Tochter lebt mit einem Mann zusammen und sie haben vor knapp einem Jahr einen Sohn bekommen. Der hat jetzt insgesamt drei Omas.

LG Eure Nicola
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