Outing im kleinen Kreis?
Outing im kleinen Kreis?

Intergeschlechtliche Menschen, Crossdresser, Transgender, Transidente: Diskussionen über partnerschaftliche Aspekte, Rat und Tat für PartnerInnen und Familie
Caira

Outing im kleinen Kreis?

Post 1 im Thema

Beitrag von Caira »

Hallo Mädels,

die meisten werden meine kleine Geschichte vielleicht kennen. Befinde mich derzeit im Schwebezustand zwischen CD und TS und verspüre sehr starken Druck das nach Außen zu tragen. Die Last, die sich da über 20 Jahren angesammelt hat muss irgendwie weichen. Hatte heute mein erstes Gespräch diesbezüglich mit meinem "Hauspsychologen", was ungemein entlastet und super angenehm war. Das gibt mir Kraft das weiter zu verfolgen. Natürlich möchte ich nichts überstürzen - nun war es 20 Jahre so, auf Monate oder Wochen kommts nun auch nicht mehr an.

Was für mich noch wichtig wäre, dass meine Familie davon weiß. Ich muss dazu sagen, dass meine Familie für mich etwas besonderes ist. Wir sind durch dick und dünn, möchte das nicht näher erläutern, aber in meiner Familie (Mutter, Schwester) tanke und gebe ich immer wieder Kraft. Ich hoffe, dass ich mit den beiden Frauen da auf anderem Niveau, als mit Männern, reden kann. Vermutlich werden Sie das verstehen und mir sogar den Rücken stärken, aber ich weiß es nicht. Diese Zweifel nagen doch sehr an mir und ich möchte keinesfalls unser gutes Verhältnis kaputt machen.

So recht weiß ich auch nicht, ob ich das vorsichtig machen oder einfach mal beide zum klärenden Gespräch nach dem Motto "kurz und schmerzlos" einladen sollte. In den letzten Telefonaten/SMS habe ich schon einige kryptische Bemerkungen fallen lassen. Wir reden generell über uns und unsere Gefühle. Das ist nicht neu, wir vertrauen uns da und bieten uns gegenseitig das Heulkissen an, wenns mal drückt. Daher möchte ich mein Outing an die beiden auch damit begründen, dass ich ihnen absolut vertraue und keine Barrieren aufbauen möchte. Das kann man als Vertrauensbeweiß und Kompliment ansehen, muss man aber nicht.

Was meint Ihr? Habt Ihr Tipps?

Lieben Gruß
Caira
Ellen
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 274
Registriert: So 24. Jul 2011, 00:38
Geschlecht: mal so - mal so ;-)
Pronomen:
Kontaktdaten:

Re: Outing im kleinen Kreis?

Post 2 im Thema

Beitrag von Ellen »

Hi Caira,
wenn Du so eine Vertrauensbasis und auch einen Austausch auf emotionaler Ebene mit deiner Mutter bzw. Schwester hast herzlichen Glückwunsch. Das ist schonmal die halbe Miete. Gibt genug Familien, in denen sowas eher Seltenheitswert hat.
Ich würde sie in einem Gespräch mal sanft in die richtige Richtung führen. Nicht gleich Konfrotation "en femme", aber ein Gespräch in dem die Worte CD und TS bzw. die Frage "wo stehe ich ? Ich weis es nicht ?" mal fallen. Wäre diesen Personen gegenüber ja eigentlich nur fair wenn Du so einen guten Kontakt hast, oder ?
Klar brauch`s den richtigen Moment, also nix überstürzen und mit Bedacht wählen ;-)
LG Ellen (flo)
ab08
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 2160
Registriert: So 12. Feb 2012, 14:43
Geschlecht: Frau (TS bzw. IS)
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Nürnberg
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Outing im kleinen Kreis?

Post 3 im Thema

Beitrag von ab08 »

Liebe Caira,

als Lehrerin und da ich es sorgfältig plante, ging ich hier sehr systematisch vor:

Meine Partnerin wußte bereits zu Beginn der Partnerschaft also schon in den 70er Jahren Bescheid.

Beim Outing ab 2007 galt:
Die Information erfolgte bei Menschen, die mir nahe stehen, stets unter vier Augen!!
Ich achtete immer darauf, dass genügend Zeit war, damit mein Gegenüber soviel fragen konnte, wie er/sie wollte.

Reihenfolge:
Beim Outing sprach ich nach Andeutungen bei meiner Schwester zuerst mit meiner Mutter (mein Vater starb bereits vor Jahrzehnten).
Dann 'ergab' sich, dass ich mit jedem der erwachsenen Kinder einzeln längere Zeit mit der Möglichkeit für ausführliche Gespräche zusammen war. Wobei ich natürlich darauf achtet, dass die Gespräche in engem zeitlichem Abstand erfolgten. Entsprechend ging ich später bei näherer und entfernterer Verwandtsachaft vor. Je näher mir jemand stand/steht, desto früher wurde sie/er informiert. Mein Ziel war dabei stets: Keine/keiner sollte sich zurückgesetzt fühlen.

Nachdem verwandschaftlich alles geregelt war, wurde es offiziell und der Arbeitgeber wurde informiert. Danach Freunde und Bekannte usw.

(Kleine Anekdote am Rande) Es lief meist so: Wenn ich mit einem Kollegen/Kollegin allein war, bat ich "Bitte gib mir mal die Hand!" als dem meist verdutzt nachgekommen wurde, fügte ich hinzu "Du hast jetzt einer Kollegin die Hand gegeben!" Nach einer kurzen Denkpause kamen dann Nachfragen....

Es kostete Zeit und einige Mühe, dass alles korrekt ablief - aber das Outing klappte bei mir so jedenfalls problemlos und ohne Wunden zu hinterlassen....
Erst danach trug ich überall (auch am Heimatort & im Beruf) weibliche Kleidung. Das Outing erfolgte stets 'als Mann verkleidet', um meine Gegenüber nicht zu verschrecken.

Liebe Grüße und alles Gute
ab
FÜR: Respekt, Menschenrechte und eine gelebte, demokratische Zivilgesellschaft, die Minderheiten schützt
ERGO: Umfassende Bildung für alle, effektive Regeln in Alltag und Netz, eine gut ausgestattete Polizei/Justiz
Caira

Re: Outing im kleinen Kreis?

Post 4 im Thema

Beitrag von Caira »

Vielen Dank für Eure Antworten.

So in etwa wollte ich auch vorgehen und zumindest mal meine Familie, die ich als nächststehend betrachte, aufklären. Mitte 30, keine Familie/Frau wirft generell Fragen auf, die aber eigentlich nie geklärt wurden. Wie auch? Was sollte ich denn sagen, außer, dass die richtige noch nicht dabei war. Vielleicht das ich CD bin und vielleicht TS und selbst gern als Frau leben möchte? Ist halt schwierig, würde aber endlich dieses Schweigeband ein für alle Mal aufheben und Klarheit schaffen. Wir kommunizieren seit je her sehr emotional, die beiden haben mir enorm über meine Angststörung geholfen. Vielleicht klappt das alles auch so gut, eben weil ich nicht männlich denke. Gut möglich.

Dann werde ich mir mal einen "Schlachtplan" ausarbeiten und das mal in Ruhe einfädeln. Immer mal wieder was andeuten, vielleicht hilft das ja, dass dann schon Rückfragen kommen. Wie erwähnt sollte es mich arg wundern, wenn da kein Verständnis für da wäre - und ehrlich gesagt kann mir die Nähe zu Leuten, die das und damit mich nicht akzeptieren, unwichtig sein. Wäre natürlich extrem schade, wenns in der eigenen Familie oder auch bei guten Freunden ist. Bekannte und Kollegen ... kommen und gehen, sage ich mal. Auf Dauer sollte man sich eventuell sowieso ein dickeres Fell anschaffen und nicht immer zurückstecken.

LG Caira
exuser-08-03-2013

Re: Outing im kleinen Kreis?

Post 5 im Thema

Beitrag von exuser-08-03-2013 »

caira hat geschrieben: Mitte 30, keine Familie/Frau wirft generell Fragen auf, die aber eigentlich nie geklärt wurden. Wie auch? Was sollte ich denn sagen, außer, dass die richtige noch nicht dabei war. ...
Nur so am Rande - bei unserm Bundesumweltminister ist es wohl tatsächlich so, bei mir auch so ähnlich. Aber die Leute glauben sowieso was sie wollen.

Tipp kann ich dir keinen geben, aber die Tipps von den andern hören sich gut an - 2 4-augen-gespräche noch in männerkleidung. Und so wie du dein Verhältnis zu deiner Mutter und Schwester beschreibst, hört sich das schon mal sehr gut an !
Ich wünsche dir viel Glück ! (so)
Caira

Re: Outing im kleinen Kreis?

Post 6 im Thema

Beitrag von Caira »

Hallo Mädels,

das Thema Outing manifestiert sich mehr und mehr. Ich werds auch nicht mehr lange aufschieben. Ehrlich gesagt zerreißt es mich innerlich und damit kann ich schlichtweg nicht mehr leben. Langsam verstehe ich einige TS und ihre "Scheiß-Egal-Stimmung", denn die stellt sich langsam auch ein. Warum soll ich mich schlecht fühlen, damit sich andere wohl fühlen und ich in ein Normbild reinpasse? Sehe ich gar nicht ein!

Ich habe jetzt einer guten Freundin, die im Ausland wohnt, ein paar Andeutungen gemacht. "Gaga" hat da schon gereicht. Sie hatte aber selbst nachgehakt und ich wollte auch keine Ausreden mehr erfinden. Habs dann eher kryptisch gehalten, bin ihr aber noch eine Mail schuldig. Nun stellt sich für mich die Frage: Wäre es gut, auch wegen der Distanz, ihr das erst mal zu beichten? Auf der anderen Seite sehe ich es fast schon wieder als Vertrauensmissbrauch es nicht erst der Familie zu erzählen. Dieser Schritt wäre aber sicherlich größer, als wenn man das jemanden erzählt, dem man zwar irgendwo nahe steht, der aber tausende Kilometer weg wohnt. Die Überwindung wäre hier also kleiner, als gleich die Family zu informieren.

Och, ist das alles kompliziert ...
Was meint Ihr?
ab08
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 2160
Registriert: So 12. Feb 2012, 14:43
Geschlecht: Frau (TS bzw. IS)
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Nürnberg
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Outing im kleinen Kreis?

Post 7 im Thema

Beitrag von ab08 »

Liebe Caira,

es gibt ja neben TS noch das normale Leben, daher zitiere ich mich nochmal selbst:

"Je näher mir jemand stand/steht, desto früher wurde sie/er informiert. Mein Ziel war dabei stets: Keine/keiner sollte sich zurückgesetzt fühlen."

Auch wenn der Druck und das Bedürfnis, sich mitzuteilen, sehr hoch ist, bitte pass trotzdem auf, dass Du niemand, der Dir wichtig ist, ungewollt verletzt...
Mir war die Reihenfolge sehr sehr wichtig! (Und so klappte es perfekt)
- Natürlich kann es anders sicher auch klappen...

Alles Gute
ab
FÜR: Respekt, Menschenrechte und eine gelebte, demokratische Zivilgesellschaft, die Minderheiten schützt
ERGO: Umfassende Bildung für alle, effektive Regeln in Alltag und Netz, eine gut ausgestattete Polizei/Justiz
Anne-Mette
Administratorin
Beiträge: 27219
Registriert: Sa 24. Nov 2007, 18:19
Geschlecht: W
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Ringsberg
Forum-Galerie: gallery/album/1
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Outing im kleinen Kreis?

Post 8 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Moin,
Auch wenn der Druck und das Bedürfnis, sich mitzuteilen, sehr hoch ist, bitte pass trotzdem auf, dass Du niemand, der Dir wichtig ist, ungewollt verletzt...

Das ist Aussage, mit der ich so meine Probleme habe. Natürlich sollte man einen Weg wählen, es den Leuten, die empfindlich reagieren könnten, schonend zu sagen, aber es sollte meiner Meinung nach nicht dazu führen, dass ich dafür um Entschuldigung bitten muss, dass ich bin, wie ich bin und wer ich bin.

Gruß
Anne-Mette
ab08
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 2160
Registriert: So 12. Feb 2012, 14:43
Geschlecht: Frau (TS bzw. IS)
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Nürnberg
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Outing im kleinen Kreis?

Post 9 im Thema

Beitrag von ab08 »

cpg hat geschrieben: Natürlich sollte man einen Weg wählen, es den Leuten, die empfindlich reagieren könnten, schonend zu sagen, aber es sollte meiner Meinung nach nicht dazu führen, dass ich dafür um Entschuldigung bitten muss, dass ich bin, wie ich bin und wer ich bin.

Gruß
Anne-Mette
Stimmt, Du hast recht!!

LG
ab
FÜR: Respekt, Menschenrechte und eine gelebte, demokratische Zivilgesellschaft, die Minderheiten schützt
ERGO: Umfassende Bildung für alle, effektive Regeln in Alltag und Netz, eine gut ausgestattete Polizei/Justiz
Caira

Re: Outing im kleinen Kreis?

Post 10 im Thema

Beitrag von Caira »

Ich denke, dass es auch immer eine persönliche Sache ist, die man mit sich ausmacht. Wenn erstmal alles "rollt" arbeitet man sich durch seinen Freundeskreis durch - ums mal ganz pragmatisch auszudrücken. Der erste Schritt es aber überhaupt jemanden zu erzählen, der einen kennt ist aber stets schwierig. Eigentlich war mein Psychologe der erste, der es erfahren hat und er hat es wirklich super aufgefasst. OK, es ist sein Job, aber ich betone, dass er nie damit zu tun hatte. Das gibt mir gerade etwas Kraft mich zu überwinden. Ob die Leute es morgen oder in 6 Monaten erfahren ist doch egal. Ich glaube auch nicht, dass ein Brief, den man ein viertel Jahr lang täglich ändert am Outingprozess etwas ändert. So eine Mail an eine alte Freundin wäre da event. ein kleiner nächster Schritt im Gegensatz zum riesen Treppenabsatz "Familie".

Je eher ich mich von den Fesseln befreie, desto besser und desto eher kann ich freie Entscheidungen hinsichtlich meiner Zukunft fällen. Aktuell erscheint das alles noch völlig utopisch. Alltagstest, femininer werden, so rausgehen, usw. - es kommt mir vor wie eine große Blase, der ich aber sehnsüchtig eingegenschaue. Ich weiß, dass ich im Leben Dinge die mir wichtig waren mit aller Konsequenz verfolgt habe. Das wird hier nicht anders sein und ich weiß durchaus, was es heißt am Boden zu liegen bzw. eigentlich schon drunter und das darf wörtlich genommen werden.
Caira

Re: Outing im kleinen Kreis?

Post 11 im Thema

Beitrag von Caira »

Also ich finde es andersrum genehmer. Zum Rausgehen und guten Passing gehört doch eine ganze Menge. Das Outing soll ja erstmal im kleinen Kreis stattfinden - also erst mal Familie und ggf. ein paar enge Freunde. Wenn es erstmal ein paar Leute wissen, braucht man sich nicht immer wegen jedem Mist rechtfertigen. Hat von mir aus mal ne Strumpfhose o.ä. an, um sich feminin zu geben. Und wer sowieso nicht zu mir hält, der wird es auch nicht, nachdem ich 100 Mal draußen war. Das ändert ja leider nichts am Outing-Vorgang. Ich möchte mich ja auch nicht outen als jemand, der heimlich Damensachen trägt, sondern als transsexuell - ich stecke im falschen Körper und muss damit leben - das tragen von Kleidung ist ja nur eine Fazette. Als Mann war ich für Frauen nie wirklich interessant, als Frau bekomme ich fast täglich Nachrichten zugeschickt mit Angeboten, schreibe und flirte mit Leuten. Da stimmt doch was nicht und das muss ich mir doch auch mal gestehen und nicht so tun, als wäre da nix.

So stark, wie es mich gerade erwischt glaube ich nicht, dass das nur eine Phase ist, die sich irgendwann wieder normalisiert und ich als Mann glücklich werde. Es mag Schwankungen geben, aber die Tendenz ist da und ich werde mein Leben ändern müssen, obs mir gefällt oder nicht. Je eher man damit anfängt alles einzufädeln, desto kleiner sind die Hürden, die im Weg stehen. In meinem Alter sind die Leute noch halbwegs tolerant und ich schätze viele meiner Freunde so ein, als würden sie das akzeptieren und die, in denen ich mich geirrt habe können mir ehrlich gesagt auch fern bleiben. Ich bin ja kein anderer Mensch, im Gegenteil ...

LG Caira
Caira

Re: Outing im kleinen Kreis?

Post 12 im Thema

Beitrag von Caira »

Hallo zusammen!

War heute bei meiner Familie und hatte in Erwägung gezogen eventuell mit den beiden darüber zu sprechen. Allerdings ergab sich da kein rechter Zeitpunkt und vielleicht ist es wirklich besser sich explizit dazu zu treffen und es vorher anzukündigen. Allerdings hat sich ein interessantes Gespräch ergeben und ich hatte hier auch weitere Andeutungen gemacht und gefragt "Wie ist es denn besser: Immer alles erzählen, auch wenn es manchmal schmerzt die Wahrheit zu hören oder jemand damit verschonen?". Die Antwort meiner Mutter war ohne große Umwege "Natürlich die Wahrheit". Vielleicht ahnt sie ja irgendwas bzw. weiß, dass ich irgendwas auf dem Herzen habe. Darauf kann ich mich super beziehen und werde in die nächsten Tagen/Woche einfach mal um ein Gespräch unter 4 Augen bitten. Lange kann ich das nicht mit mir rumschleppen und hoffe auch extrem auf die Hilfe meiner Familie ... ich werde dann berichten und ich hoffe natürlich nur Gutes!

LG Caira
ab08
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 2160
Registriert: So 12. Feb 2012, 14:43
Geschlecht: Frau (TS bzw. IS)
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Nürnberg
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Outing im kleinen Kreis?

Post 13 im Thema

Beitrag von ab08 »

Liebe Caira,

alles Gute! Keine Sorge, das wird schon! (na)

Wenn nicht auf Anhieb, sei nicht ungeduldig, gib Deiner Mutter und später Deiner Schwester Zeit, es zu verarbeiten...

Normalerweise dauert das einige Zeit. Von 20 Sekunden, über einige Minuten, Stunden, Tage, bis zu wenigen Wochen war es bei mir privat .
(Im weiteren Umfeld dauerte es teilweise sogar Jahre)

Viel Erfolg, ich halte Dir die Daumen!
ab )))(:
FÜR: Respekt, Menschenrechte und eine gelebte, demokratische Zivilgesellschaft, die Minderheiten schützt
ERGO: Umfassende Bildung für alle, effektive Regeln in Alltag und Netz, eine gut ausgestattete Polizei/Justiz
Caira

Re: Outing im kleinen Kreis?

Post 14 im Thema

Beitrag von Caira »

Hallo,

naja, von Verschieben kann keine Rede sein. Ich bin seit ca. 1 Monat "richtiger" Crossdresser und habe kurz darauf meine transsexuelle Neigung entdeckt. Viel schneller kann ein Outing ja nicht passieren und ich möchte es auch gleich von "Anfang" an geklärt haben. (obwohl ja Anfang nicht korrekt ist - Neuanfang sage ich mal).

Klar man hätte schon mal in den letzten Jahren was von ner Art Fetisch o.ä. berichten können, aber so richtig greifbares gabs da nie - es war ja selbst für mich nicht definierbar. Darum bin ich ja auch prinzipiell froh, dass da für mich eine wirkliche Klärung stattgefunden hat. Das ich jetzt eine Frau sein möchte, hätte ich allerdings vor 1 Jahr nicht gedacht. Das Gefühl aber anders zu sein, dieses Unbehagen - kanns schelcht erklären - war schon immer da, ich kenne es nicht anders. Es ist quasi so, als wäre ich 20 Jahre lang durch einen dunklen Raum gestoplert und nun hat jemand das Licht angemacht.

Lieben Gruß und danke für den Zuspruch
Caira
Nicoletta
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 643
Registriert: Mo 26. Apr 2010, 12:50
Geschlecht: weiblich
Pronomen:
Kontaktdaten:

Re: Outing im kleinen Kreis?

Post 15 im Thema

Beitrag von Nicoletta »

caira hat geschrieben:Warum soll ich mich schlecht fühlen, damit sich andere wohl fühlen und ich in ein Normbild reinpasse? Sehe ich gar nicht ein!
Den Satz kann ich unterschreiben. Aber ich glaube, der passt besser als mich als auf Dich, liebe Caira. Du hast mit Deiner Familie doch offenbar großes Glück. Das war bei mir ganz anders.

Mein erstes Outing war meiner ersten Frau gegenüber, die dann, als die Ehe aus anderen Gründen scheiterte, aus dem Gefühl heraus, die Wahrheit müsse offengelegt werden, meine Mutter eingeweiht hat. Als ich meiner Mutter dann bestätigte, dass ich tatsächlich heimlich Frauensachen trug, hörte ich von ihr nur, "Lass den Quatsch", und kam nie wieder auf das Thema zurück, wandte sich aber heftig gegen meine ehemalige Frau.

Als mir endlich klar wurde, was mit mir eigentlich los ist, habe ich mich zuerst meiner jetzigen Frau gegenüber geoutet (sie wusste nicht von Anfang an Bescheid, weil ich es selber noch verdrängt hatte und hoffte, diese Veranlagung in einer ganz normalen Ehe überwinden zu können), außerdem meiner Heilerin gegenüber, weil in den Sitzungen bei ihr mir klar geworden war, was eigentlich in meinem Leben nicht stimmte, und einer guten Freundin, die durch Buchempfehlungen und gute Gespräche ebenfalls zu der Wende in meinem Leben beigetragen hatte.

Mein Vater war inzwischen verstorben, so dass die engere Familie nur noch aus meiner Mutter und meiner unverheirateten Schwester bestand, die zusammen leben. Sie habe ich erst einmal nicht eingeweiht, mit Verständnis konnte ich dort ohnehin nicht rechnen. Als sie es dann erfuhren, hat meine Schwester sich dazu überhaupt nicht geäußert und meine Mutter es weiterhin nur verdrängt. Im Allgemeinen tut sie so, als wäre gar nichts passiert, ab und zu höre ich dann nur, sie wolle mich nicht sehen, sie schäme sich in Grund und Boden, so etwas habe es in unserer Familie noch nie gegeben, ich sei pervers, so etwas habe man früher eingesperrt, zu ihrer Beerdigung dürfe ich -- das sei ihr letzter Wille -- nur kommen, wenn ich als Mann auftrete. Ich habe dann aus einem Gefühl wie dem zitierten heraus auch meine Tante eingeweiht. Meine Mutter ist auf diese ihre Schwester sehr schlecht zu sprechen, weil auch sie die Werte der Familie missachte, ihre Kinder zu frei erzogen habe, sie seien gar keine richtige Familie, weil jeder seiner eigenen Wege gehe. Erwartungsgemäß habe ich bei dieser Tante volles Verständnis gefunden.

Nach und nach habe ich dann auch Freunde informiert, dabei jene zuerst, bei denen ich am ehesten Verständnis erwartet habe, andere, mit denen ich kaum Kontakt habe und die weit weg wohnen, bis heute nicht, weil ich keine Notwendigkeit gesehen habe, obwohl ich zunehmend den Drang spüre, für jedermann die Frau sein zu dürfen, die ich in mir fühle.

Das letzte Reservat ist noch das dienstliche Umfeld. Zwar bin ich auch dort nur noch weiblich gekleidet, aber nicht auffällig, und vermutlich wissen alle Bescheid, aber ich stehe da eigentlich auf dem Standpunkt, dass es meine persönliche Sache ist und ich mich den Kollegen gegenüber nicht rechtfertigen muss. Es ist dazu zu sagen, dass wir ein in Auflösung gegriffenes Seminar sind und ich praktisch keine Kollegen mehr habe, meist sehe ich, wenn ich im Dienst bin, den ganzen Tag niemanden. Wenn ich auf die Etage komme, ist sie oft noch verschlossen, und wenn ich gehe, bin ich die Letzte.

Im Oktober soll ich auf einer internationalen Tagung sprechen, wo ich viele gute Kollegen treffen werde. Eigentlich ist es mir ein Bedürfnis, auch dort als Frau aufzutreten, weiß nur noch nicht, ob ich mich traue. Ich kann schwerlich vorab ein Outing per Rundbrief veranstalten, andererseits würde ich mich in hohem Maße unbehaglich fühlen, wenn ich dort auf einmal wieder als Mann auftreten sollte. Insofern beobachte ich auch wie bei Caira eine Entwicklung: vor vier Jahren hätte mich ein Auftritt als Mann in der Öffentlichkeit noch nicht wirklich gestört, inzwischen tut es das, ich käme mir wie verkleidet vor. Andererseits habe ich auch keine Erfahrung im öffentlichen Auftreten als Frau vor einem größeren Publikum.

Es geht also nicht immer so schön ordentlich wie bei AB, ich habe mich viel mehr von Intuition leiten lassen.

Dir, liebe Caira, wünsche ich jedenfalls ein gutes Gespräch mit Deiner Familie, und sei froh, dass Du dort so gut aufgehoben bist. Alles GUte,

Nicoletta
Ne budi ono što si bio, postani to što jesi. -- Sei nicht, was du gewesen, werde, was du bist!
Antworten

Zurück zu „Inter_, Trans_, Crossdresser: PartnerInnen und Beteiligte“