Transsexualität und Politik
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Wally
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Transsexualität und Politik

Post 1 im Thema

Beitrag von Wally »

Anlässlich dessen, dass Michael KlonovskY (jaja, das Sprachrohr der Schwefelpartei :-) ) meinen untenstehenden Text soeben zum zweiten Mal in seinen "Acta diurna" veröffentlicht hat, stelle ich ihn hier auch nochmal herein; als Autorin darf ich das ja, Herr Klonovsky hat kein Exklusivrecht darauf.

Sehr geehrter Herr Klonovsky,

als alte Mann-zu-Frau-Transsexuelle (73 Jahre alt; ich kann also auf ein ganzes Menschenleben mit dieser schicksalhaften, individuell unveränderlichen Besonderheit zurückblicken) stimme ich Ihrem Vortrag über die Geschlechter weitgehend zu: Sie beschreiben die biologischen Grundlagen sehr gut und zutreffend.

Allerdings fehlt in Ihrer Beschreibung etwas sehr Wesentliches nahezu komplett: nämlich das soziale Geschlecht — Gender 🙂

Sie haben zwar leider recht damit, dass man heutzutage kaum noch Seriöses oder gar wissenschaftlich Ernstzunehmendes zum Thema "Gender" hören oder lesen kann; stattdessen beherrscht sachlich beliebiges, ideologisches, pseudomoralisches Geschwätz dieses Feld. Das liegt aber nicht am Gegenstand an sich, sondern an denjenigen, die ihn als politisches Machtmittel gekapert haben: Schon seit Jahrzehnten wird jegliche seriöse, wissenschaftliche Untersuchung, die dieses Feld auch nur am Rande berührt, von linker Politik systematisch unterdrückt und torpediert — wohl aus der sehr berechtigten Angst heraus, dass seriöse Forschung in diese Richtung das links-grün-feministische Kartenhaus sehr schnell zum Einsturz bringen könnte: es wäre das abrupte Ende der ideologisch herbeigewünschten und "‘fantasierten, geschlechtlichen Beliebigkeit.

Die Evolution verfolgt nicht isoliert einzelne Ziele (genau genommen verfolgt die Evolution gar kein Ziel — das ist nur eine nachträgliche Interpretation unsererseits), sondern das, was sich summarisch in einer vorgegebenen, sich ständig ändernden Umwelt als Vorteil für das Überleben und die Fortpflanzung erweist. So auch beim Geschlecht. Neben dem grundlegenden, evolutiven Vorteil des Austausches überlebensgünstigen Erbguts (weshalb sich bei den Fortpflanzungsorganen genau zwei Geschlechter erfolgreich durchgesetzt haben) hat das Geschlecht auch Auswirkungen auf die gesamten Überlebenschancen eines Individuums. Nicht erst beim Menschen, sondern bei so gut wie allen höher entwickelten Tieren bildeten sich deshalb im Verlauf der Evolution Geschlechtsdifferenzen auch weitab der eigentlichen Fortpflanzungsfunktion heraus, sowohl bezüglich der äußerlich erkennbaren Morphologie (angepasst für geschlechtstypisch unterschiedliche Lebensweisen) als auch beim angeborenen Verhalten. Wir nennen das "sekundäre" Geschlechtsmerkmale, und gerade beim Menschen sind sie besonders stark ausgeprägt: ein klares Zeichen dafür, dass die Differenzierung in zwei Geschlechter gerade beim Menschen zu sehr deutlichen Unterschieden zwischen den Auslesebedingungen für Männer und für Frauen geführt hat. Einfach gesagt: Männer und Frauen haben über weite Strecken der Evolution sehr unterschiedlich gelebt und sich dabei deutlich auseinander entwickelt — in vielerlei Hinsicht, nicht nur bezüglich der Fortpflanzungsfunktion.

Während aber das Fortpflanzungsgeschlecht seiner Natur nach tatsächlich eine strikt duale Sache ist, sind die sekundären Geschlechtsunterschiede nicht qualitativer, sondern quantitativer Art: Körpergröße, Behaarungstyp, Fettverteilung, Stimmlage usw. Niemand wird abstreiten können, dass Männer und Frauen sich darin tatsächlich unterscheiden, schließlich unterscheiden wir ja die Geschlechter im Alltag ständig an genau diesen Unterschieden; die primären Geschlechtsteile kriegen wir — von seltenen Ausnahmen abgesehen — gar nicht zu Gesicht.

Dass das keine qualitativen, sondern quantitative Geschlechtsunterschiede sind, mit weiten Überschneidungen zwischen den Geschlechtern (erst in der Summe ergeben sie das gewohnte, eindeutige Bild), bewirkt einen sehr entscheidenden Unterschied zwischen dem Fortpflanzungsgeschlecht und dem sozialen Geschlecht, vulgo "Gender": Letzteres ist kein diskreter Dualismus, sondern ein Kontinuum zwischen zwei (nach wie vor ZWEI!) geschlechtlichen Polen. Insofern kann man auf dieser sozialen Ebene tatsächlich von beliebig vielen Geschlechtern reden, je nachdem, wo sich der einzelne Mensch mit seinen individuellen, sekundären Geschlechtsmerkmalen in diesem Kontinuum verortet. Ich rede hier erst mal gar nicht von Minderheiten, Transsexuellen und Dysfunktionen, sondern von den ganz normalen, angeborenen Körpermerkmalen beliebiger Männer und Frauen! Freilich findet man innerhalb dieses Kontinuums dann auch das gesamte Spektrum geschlechtlich-sexueller "Paraphilien", von Schwulen über Lesben bis zu Transsexuellen, die sich von "normalen" Männern und Frauen ja auch nicht grundsätzlich qualitativ, sondern nur quantitativ bezüglich gewisser Parameter unterscheiden.

Genau hier scheiden sich die Geister zwischen Wissenschaft und linker Ideologie: Während seriöse Wissenschaft — von Biologie und evidenzbasierter Psychologie ausgehend — sich dafür interessiert, was denn nun genau am Menschen von der Natur her individuell schicksalhaft vorgegeben ist und was dem freien Willen unterliegt und verändert werden kann, leugnet die linksfeministische Ideologie ersteres komplett ab (torpediert genau deshalb auch jegliche Forschung dazu) und propagiert letzteres als angeblich auf der Gender-Ebene beliebig form- und veränderbare, menschliche Geschlechtlichkeit — der Mensch als "tabula rasa", als Rohmaterial für einen durch Erziehung und Indoktrination zu erschaffenden "neuen Menschen".

Es ist im Höchstmaß paradox, dass der heutige Mainstream zwar "Gender" aus allen verfügbaren Kanälen in tausend Varianten programmatisch in die Welt schreit, dabei aber den eigentlichen, biologisch begründeten Kern dieses Begriffs, ohne den diese ganze Diskussion gar keinen Sinn ergibt, einfach in Bausch und Bogen ableugnet.

Wie unrealistisch das ist, mußte gerade ich als transsexueller Mensch am eigenen Leib erleben: Es gibt zwar beim Gender — im Gegensatz zum Fortpflanzungsgeschlecht — tatsächlich jede nur denkbare Zwischenform in dem Kontinuum zwischen den beiden Polen. Aber die individuelle Position innerhalb dieses Kontinuums ist schicksalhaft von der Natur vorgegeben; man kann sie nicht einfach beliebig wählen und von heute auf morgen ändern!

Ich hatte (obwohl chromosomal und morphologisch eindeutig männlich) nie die Wahl, sozial — also im "Gender" — ein normaler Mann zu sein. Schon meine Eltern und mein gesamtes erzieherisches Umfeld haben buchstäblich alles versucht, um aus mir auch sozial einen Mann zu machen, und ich selber habe anschließend mein halbes Leben mit diesem Versuch vergeudet: alles vergebens, es war einfach nicht möglich. Ich bin kein Mann, und wenn ich dreimal so aussehe! Ich kriegte mein Leben — und darin vor allem meine sozialen Beziehungen, inklusive einer funktionierenden Partnerschaft — erst ab dem Zeitpunkt auf die Reihe, als ich meine Unfähigkeit, ein Mann zu sein (und vice versa meine Fähigkeit, wenigstens teilweise als Frau zu leben), einsah und akzeptierte.

Bin ich "divers"? Nein. Ich bin — auf der psychisch-sozialen Gender-Ebene, vermutlich aber auch biologisch in den meinem Gender zugrunde liegenden Hirnstrukturen — Mann und Frau in einer Person: beides zu stark, um eines davon ignorieren zu können, aber auch beides zu unvollständig, um mich damit sozial so eindeutig in eine der beiden Seiten einreihen zu können, wie es die allermeisten Menschen tun.

Man kann das Phänomen "Transsexualität" nicht erklären, ja nicht einmal halbwegs realistisch beschreiben, ohne von einer schicksalhaft vorgegebenen, biologisch begründeten, unveränderbaren Prädisposition auszugehen. Transsexuell zu sein ist das exakte Gegenteil geschlechtlicher Beliebigkeit: Man ist nicht transsexuell, weil man es kann, sondern weil und wenn man nicht anders kann. Und darin unterscheiden wir Transsexuelle uns wiederum überhaupt nicht von normal heterosexuellen Menschen: Auch die sind individuell genauso schicksalhaft und unveränderlich auf ihre jeweilige Gender-Identität festgelegt wie wir. Sie machen sich bloß üblicherweise keine Gedanken darum, weil sie nicht wie wir mit den — für die große Mehrheit gemachten — gesellschaftlichen Normen kollidieren.


Mit herzlichem Gruß

Wally
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Re: Transsexualität und Politik

Post 2 im Thema

Beitrag von Susi T »

Mir nur schleierhaft, warum Gender und Soziales Geschlecht gleich gesetzt wird. Wie ja z.t. gegen Ende gesagt wird, unter Gender wird das Bewusstsein definiert was abhängig von Gehirnstrukturen festgelegt und nicht änderbar ist. Diese Strukturen sind zwar aufwendig, aber eindeutig nachgewiesen.
Das Soziale Geschlecht dagegen ist etwas was durch Erziehung und Gesellschaft geprägt wird.
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Re: Transsexualität und Politik

Post 3 im Thema

Beitrag von Lana »

Das alte Problem eben. Es ist nie so ganz klar, worüber genau gesprochen wird. Jeder definiert sich die Begriffe halt so, wie sie am besten in den eigenen Kram passen - und kommuniziert das in der Regel nur unzureichend.

LGL
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Re: Transsexualität und Politik

Post 4 im Thema

Beitrag von Wally »

Tira hat geschrieben: Do 8. Jun 2023, 13:57 Mir nur schleierhaft, warum Gender und Soziales Geschlecht gleich gesetzt wird. Wie ja z.t. gegen Ende gesagt wird, unter Gender wird das Bewusstsein definiert was abhängig von Gehirnstrukturen festgelegt und nicht änderbar ist. Diese Strukturen sind zwar aufwendig, aber eindeutig nachgewiesen.
Liebe Tira,

Zwar bin ich persönlich sehr wohl überzeugt davon, dass die transsexuelle Veranlagung hirnorganische Ursachen hat: ich habe sie einfach mein ganzes Leben lang als entsprechend festgefügt und unveränderlich erlebt. Aber von einem klaren, wissenschaftlichen Nachweis können wir hier leider ehrlicherweiser noch nicht sprechen. Es gibt auch durchaus plausible, konkurrierende, z. B. auf unumkehrbarer, psychischer Prägung fußende Theorien. Wir wissen's einfach noch nicht.

Wir wüßten es allerdings vermutlich längst, wenn nicht die einschlägige Forschung seit einem halben Jahrhundert politisch torpediert worden wäre.
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Re: Transsexualität und Politik

Post 5 im Thema

Beitrag von Susi T »

Ok mit Belegen kann ich da leider auch nicht dienen, müßte ich mal nachfragen. Aber mir wurde von einer Expertin klar gesagt das die Gehirnstrukturen an Toten oder per Operation an Lebenden klar differenziert und weiblich/männlich zugeordnet werden können. Ist wahrscheinlich wie oft das wissentschaftliche Erkenntnisse Jahrzente brauchen um in der Medizin und später in der Öffendlichkeit Fuß zu fassen.
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Re: Transsexualität und Politik

Post 6 im Thema

Beitrag von Lavendellöwin »

Hmmm...ähm...

also wenn man die "Sache" mit dem "Gehirngeschlecht" mal konsequent zu Ende denkt, dürften sich
die Personen mit von der sonstigen Biologie abweichenden Gehirnen nicht als trans* bezeichnen.
Eher als Interperson mit biologisch, weiblich oder männlich konnotierten Fortpflanzungstrakt.


Aber nicht als Frau-zu-Mann oder Mann-zu-Frau trans*, nur schade wäre dann diese ganze Denke
überholt. Trans dann einfach nur Inter. 2 eindeutige Geschlechter? Nein, Fehlanzeige.

Naja...das ist aber wahrscheinlich bei denen so die Spiegel:ei mit Sprachpause sagen,
aber vehement gegen Bürger:innen hetzen...

man kann sich alles hindrehen, wie man(n)s braucht...

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Zuletzt geändert von Lavendellöwin am Do 8. Jun 2023, 21:34, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Transsexualität und Politik

Post 7 im Thema

Beitrag von Susi T »

Also so wie ich bisher trans verstanden habe geht es ja gerade um den Unterschied zwischen Körper und Bewusstsein. Das Bewusstsein lässt sich an den unterschiedlichen Gehirnstrukturen wissenschaftlich klar nachweisen und ist damit nicht durch Einflüsse von Aussen umkehrbar. Ist das Bewusstsein weiblich und der Körper männlich (oder umgekehrt) sprechen wir von trans, ist der Körper nicht klar zuzuordnen wird von Inter gesprochen(wobei Körper im weiteren Sinne zu fassen ist und nicht nur das primäre Geschlecht gemeint ist). Medizinisch wird es dann an festen Untersuchungsparameter festgemacht, glaub alleine 47 genetische Marker, die einzeln oder in Kombinationen auftreten können.
Aber du hast schon recht Marie, soweit ist das alles nicht auseinander und meist nur eine Frage der Definition. Wo hört trans auf wo beginnt inter? Zu den bekannten Parameter für inter kommen nochmal eine Vielzahl von noch in Untersuchung befindliche und wir messen oft nur 1 einzige. Die Forschungs/Wissenslücke ist gewaltig.
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Re: Transsexualität und Politik

Post 8 im Thema

Beitrag von Lana »

Tira hat geschrieben: Do 8. Jun 2023, 19:11 Das Bewusstsein lässt sich an den unterschiedlichen Gehirnstrukturen wissenschaftlich klar nachweisen und ist damit nicht durch Einflüsse von Aussen umkehrbar.
Hast du dazu irgendwelche weiteren Infos? Gilt das nur für das Thema Trans oder allgemein?
Wobei ich meine, mal gelesen zu haben, dass die Hirnentwicklung eben gerade nicht unbeeinflusst von äußeren Bedingungen geschieht. Das würde aber heißen, dass sich auch das Bewusstsein ändern kann, wenn man annimmt, dass es durch die physischen Strukturen des Gehirns bedingt wird.

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Re: Transsexualität und Politik

Post 9 im Thema

Beitrag von Susi T »

Ich habe leider dazu nichts schriftliches, da mir das von Frau Dr. Prof nur lang und breit per Skypeschaltung in den USA erklärt wurde(an ihrem Institut wurden wohl auch solche Untersuchungen durchgeführt). Müsste da selber mal nachhaken, dachte aber einfach das das quasi Allgemeinwissen zum Thema ist.

Hab aber auch extra von "nicht umkehrbar" geschrieben, das Veränderungen möglich sind, lesen wir ja hier immer wieder. Ist ja auch immer eine Frage wie stark man sich mit etwas beschäftigt, Dinge zulässt...
Meine Thera z.b. spricht dann gerne davon das ein hoher Leidensdruck Dinge bewirken kann...
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Re: Transsexualität und Politik

Post 10 im Thema

Beitrag von Wally »

EmmiMarie hat geschrieben: Do 8. Jun 2023, 17:29
also wenn man die "Sache" mit dem "Gehirngeschlecht" mal konsequent zu Ende denkt, dürften sich
die Personen mit von der sonstigen Biologie abweichenden Gehirnen nicht als trans* bezeichnen.
Eher als Interperson mit biologisch, weiblich oder männlich konnotierten Fortpflanzungstakt.
Eben deshalb sage ich ja auch schon seit Jahrzehnten, dass ich uns Transsexuelle eigentlich für eine Sonderform von Intersexualität halte.
WAS ABER KEINE WERTUNG IST - sondern nur eine sachliche Einordnung.
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Re: Transsexualität und Politik

Post 11 im Thema

Beitrag von Lavendellöwin »

Wally hat geschrieben: Do 8. Jun 2023, 21:26 Eben deshalb sage ich ja auch schon seit Jahrzehnten, dass ich uns Transsexuelle eigentlich für eine Sonderform von Intersexualität halte.
WAS ABER KEINE WERTUNG IST - sondern nur eine sachliche Einordnung.
Alles gut,

ich bin mit der sachlichen Einordnung vollkommen fein.

Nur würde ich mich da selbst nicht mehr einsortieren-weil der -Weg hin zu- irgendwann mal abgeschlossen ist,
und meine Intermerkmale zwar da sind, aber nicht so extrem ausgeprägt. Und am Ende des Tages geht es darum
ein gutes Leben zu haben und kein Label ob fremd oder/und selbstgebastelt.

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Re: Transsexualität und Politik

Post 12 im Thema

Beitrag von ExUserIn-2026-04-08 »

EmmiMarie hat geschrieben: Do 8. Jun 2023, 21:44 Und am Ende des Tages geht es darum
ein gutes Leben zu haben und kein Label ob fremd oder/und selbstgebastelt.
Gut und knackig formuliert ...

Ich finde es aber spannend, mich mit den Hintergründen zu beschäftigen, ohne zu bezweifeln, dass ich bin, wer ich bin. Neugierde im Sommerkleid sozusagen ... ;-)
Tira hat geschrieben: Do 8. Jun 2023, 16:02 Aber mir wurde von einer Expertin klar gesagt das die Gehirnstrukturen an Toten oder per Operation an Lebenden klar differenziert und weiblich/männlich zugeordnet werden können.
Das bezweifle ich massiv.. Die Hirnforschung hat gezeigt, dass es Bereiche gibt, die in ihrer Häufigkeit überwiegend bei männlichen Personen und andere mehr bei weiblichen Personen (im biologischen Sinn) vorkommen. Aber beim einzelnen Menschen besteht das Gehirn aus einem Mosaik dieser Unterscheidungen. Es ist gerade durch einen Hirnscan nicht bestimmbar, zu welchem körperlichen Geschlecht ein Mensch gehört. Eine knappe Zusammenfassung gibt es hier, wobei auch Tranmenschen kurz behandelt werden:

https://www.ardmediathek.de/video/quark ... NmVjODAzOQ

Wenn Du danach googlest, wirst Du noch mehr zum Thema finden. Im Übrigen ist das Gehirn auch sehr flexibel in seinen Funktionen. Es passt sich enorm seinen Anforderungen an. Berühnt ist ist das Beispiel von Taxifahrern in London, die einen deutlich höher entwickelten Bereich im Gehirn für Orientierung haben.

Umso interessanter ist es deshalb für mich die Frage, was mich wirklich definiert ? Was ist wirklich veränderbar und gibt es einen statischen Kern ? Gefühlt, aber auch wirklich nur gefühlt, gibt es einen statischen Kern. Aber unterliegt er nicht auch der Wirkung von Hormonen und der Alterung ?

Letztlich glaube ich, dass es interessant ist, sich mit diesen Fragen zu beschäftigen, aber am Ende stellt sich mir die Frage, ob ich lebe und gelebt habe. Und da bin ich wieder ganz bei Marie.
Viele Grüße
Vicky

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Re: Transsexualität und Politik

Post 13 im Thema

Beitrag von Susi T »

Ich glaub garnicht, das wir da so weit auseinander sind.
Es werden Unterschiede festgestellt, die aber auch fließend sind. Also sind wir wieder bei der relativen Betrachtung von Mann und Frau. Wie aber auch in dem Quarks Video gesagt wird, gibt es nur wenig Untersuchungen, mehr Forschung wäre also hilfreich.
Aber letztendlich ist es wie Marie schreibt, wir sind wie wir sind und wir haben das Zeug um ein gutes Leben zu haben.
Ich bin Glücklich so wie es bei mir läuft und es hat viel damit zu tun, das ich sein darf wie ich mich fühle. Ich darf als Frau leben und das klappt erstaunlich gut.
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Re: Transsexualität und Politik

Post 14 im Thema

Beitrag von Jaddy »

Nope, nein, sorry. Die geschlechtliche Identität eines Menschen lässt sich nicht messtechnisch ermitteln. Weder anhand von Hirnstrukturen, noch im fMRT, das reizbedingte Aktivität abgebildet.

Vicky_Rose brachte das Beispiel der Taxi-Fahrenden; das ist so eine Messung, und das Dilemma ist das gleiche wie neulich mit den steinzeitlichen Gräbern.Hirn-Reihenuntersuchungen haben festgestellt, dass eine statistisch signifikante Mehrheit der Taxi-Fahrenden deutlich ausgeprägtere Bereiche für Orientierung & Navigation haben. Das geht übrigens nur am lebenden Gehirn und mit bewusst gewählten Teststimuli.

Was könnte daraus geschlossen werden? Werden Menschen mit einer biologischen Veranlagung zum Taxifahren geboren? Ist es gar genetisch? Oder passt sich das Gehirn durch die wiederholte Übung an und wird immer besser in den verlangten Leistungen? Die Frage ist längst entschieden: Weit überwiegend letzteres. Es ist Training. Der Nachweis ist besonders leicht, weil beim Taxifahren zB die Berufserfahrung als Korrelation einbezogen werden kann.

Was allerdings nicht geklärt ist: Gibt es Menschen, deren Gehirn es durch natürliche Varianz(1) besonders leicht fällt, Navigation und Orientierung zu lernen? Also was Talent genannt wird? Wie kommt diese Varianz zustande?

Übertragen auf GI und unter besonderer Berücksichtigung von (1): Gene zum Taxifahren sind natürlich Unfug. So spezifisch sind Gene nicht. Ausserdem braucht es zig Generationen an Selektion, um sie herauszubilden. Aber was wäre in einer Gesellschaft, in der es nur zwei Berufe gibt, Taxifahren und ~hm~ Klavierspielen. Nichts anderes. Und allen Kindern wird bei Geburt zugewiesen, was sie machen sollen: Taxifahren oder Klavier spielen. Vielleicht anhand der Hände oder was auch immer. Sie bekommen von klein auf die spezifischen Spielzeuge und es gibt alldurchdringende Konventionen, wie Taximenschen und Klaviermenschen leben(2).

Die meisten werden sich mehr oder weniger gut damit arrangieren. Siehe (1); die Prägung und das Training von klein auf überwiegen.

Aber eine kleine Minderheit wird feststellen, dass Taxi oder Klavier absolut nichts für sie sind. Es fällt ihnen schwer, ihnen fehlt jegliches Talent dafür, sie kommen mit dem Training nicht klar, es passt nicht. Je strikter die Trennung und je ausgeprägter die beiden Lebensweisen getrennt werden, umso mehr wird es ihnen auffallen und umso schwerer werden sie sich einfügen können.

Die einzig denkbare Alternative für (die meisten) dieser Menschen lautet: Das andere! Und vielleicht gibt es gesellschaftliche Rituale, mit denen diese Menschen wechseln können, um glücklicher und stimmiger mit ihrem innereren Selbst zu leben.

Was würde die Hirnforschung dazu sagen (wenn es sie gäbe)? Sie würde ihnen im fMRT "Taxi-Stimuli" und "Klavier-Stimuli" geben und finden, dass die eine Hälfte mehr oder weniger Taxifahr-Gehirne hat und die andere Hälfte mehr oder weniger Klavierspiel-Gehirne.

Und wir aufgeklärten Menschen würden sagen, dass uns das nicht verwundert, wenn a) alle Gehirne von klein auf genau eins der beiden trainiert werden und b) sie nach genau diesen Zuschreibungen suchen! Navigation & Orientierung: Taxi-Hirn, Akustische Muster & Reihen: Klavier-Hirn. Der Fehler ist also, nur diese zwei Kategorien von vornherein vorzugeben.

Die Taxi/Klavier-Hirnforschenden würden aber auch feststellen, dass die Überschneidungen der Kategorien recht groß sind, nämlich ca. 60%. Sie würden sie vielleicht Mosaik-Hirne nennen, die sowohl Taxi-Qualitäten haben, als auch Klavier-Fähigkeiten (hier und andere). Sie würden möglicherwiese schliessen, dass sich Taximenschen und Klaviermenschen durch Hirnstruktur nicht eindeutig zuordnen lassen, sondern maximal statistisch, mit erheblichem Fehlerfaktor (bei >60% der Testpersonen gäbe einen 50/50 Fehler...).

Untersuchungen an "gewechselten" Menschen würden zeigen, dass sie (spätestens nach dem Wechsel) mehr im HIrn-Spektrum ihrer Ziel-Berufung liegen. Und wieder wären wir aufgeklärten Menschen wenig erstaunt, denn diese Menschen hatten a) offenbar wenig Talent für ihre zugewiesene Tätigkeit, haben sich b) schon lange mit "der anderen" beschäftigt und trainieren mit und nach dem Wechsel eifrig "die andere", um dort möglichst gut anzukommen (und sich und anderen zu beweisen, dass sie wirklich "das andere" sind).

tl;dr Hirne sind zu Beginn offenbar omnipotent, mit anfänglich minimalen Varianzen, aber ohne spezifische Ausprägung im Hinblick auf Sozialverhalten und Rollen (Taxi/Klavier, männlich/weiblich). "Talent" (Varianz) und sehr viel Training machen daraus meist eine Person, die irgendwo sozial integriert ist, sofern ihr entsprechende Möglichkeiten angeboten werden. Wenn nur wenige, recht scharf getrennte Rollen angeboten bzw zugewiesen werden (am besten nur zwei), erscheinen sie "natürlich", weil die allermeisten sich arrangieren und Alternativen im Wortsinne "undenkbar" werden.

Forschung ist aus einem tief binär geprägten Denksystem nur sehr mühsam möglich, weil Setting und Ergebnisse nur schwer unabhängig von der eigenen Prägung interpretiert werden können. Siehe die Story mit den Steinzeitgräbern.

Was wir damit immer noch nicht wissen ist, a) ob unsere binäre Geschlechterordnung irgendwie zwangsläufig ist, b) wie stark und wie verursacht, c) welche andere möglicherweise besser funktioniert und d) ob soetwas wie eine "innere Geschlechtsidentität" überhaupt gibt ohne den von klein auf alldurchdringenden Einfluss des binären Gendersystems. Wir können einfach nicht feststellen, wie wir wären, wenn wir nicht so aufgewachsen wären.

Ah und eines noch: Diese spezifischen Taxi-Hirne werden immer weniger ausgeprägt. Warum? Die verwenden jetzt Navis -¯\_(ツ)_/-¯



(1) Wie Varianz beim menschlichen Gehirn entsteht ist aktuell noch reichlich ungeklärt. Es gibt vermutlich genetische Einflüsse. Es gibt vermutlich hormonelle Einflüsse. Unser menschlichster Teil, der direkt hinter der Stirn, in dem offenbar viel Persönlichkeit, Selbstbild, Verhältnis zu sich und zu Umwelt und Mitwesen abgebildet ist, kommt quasi blank auf die Welt und wird erst in den ersten Lebensjahren verschaltet und trainiert. Mit massivem Umbau während der Pubertät und erst mit ~21 Jahren einigermassen abgeschlossen.

(2) Die Taximenschen haben übrigens das Sagen, denn sie kennen sich ja "von Natur aus" besser aus und wissen, wo alles ist... Ist klar, oder? ;)
Wally
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Re: Transsexualität und Politik

Post 15 im Thema

Beitrag von Wally »

Tira hat geschrieben: Fr 9. Jun 2023, 09:01 (...)
Ich bin Glücklich so wie es bei mir läuft und es hat viel damit zu tun, das ich sein darf wie ich mich fühle. Ich darf als Frau leben und das klappt erstaunlich gut.
Das geht mir aktuell ganz genauso, ich kann es nur unterstreichen.

Aber nach all den Jahrzehnten, in denen das noch sehr anders war, bleibt bei mir doch ein ungutes Gefühl im Bauch: die Sorge, dass es nicht so bleiben wird.

Sorgen macht mir da vor allem eine - in meinen Augen maßlos übertriebene - Anspruchshaltung aus einer gewissen, politischen Ecke. Ich fürchte, dass schon die heute erreichte Mainstream-Haltung zu einem gewissen Teil gar nicht von echter, gelassener Toleranz, sondern eher von ängstlicher Verkrampfung geprägt ist. Im Alltag kommt mir das alles oft schon eine Spur zu glatt vor, um echt zu sein. Manche Leute haben angesichts der manchmal schon an Moralterror grenzenden, "woken" Propaganda regelrecht Angst vor uns: "Eine Transe? Sag jetzt bloß kein falsches Wort! Sag lieber gar nichts - sonst steckst du schneller in der Nazi-Ecke, als du 'Entschuldigung' sagen kannst."

Im Grunde könnte es uns ja egal sein, warum uns die Leute tolerieren - solange sie es tatsächlich tun. Wenn schon jemand Aversionen gegen unsereins hat (selbstverständlich gibt's das nach wie vor...), ist es allemal besser, er hält eingeschüchtert den Mund, anstatt laut herumzupöbeln. Aber wenn wir uns - in einer Situation, in der es uns doch tatsächlich so gut geht wie nie zuvor - immer noch weiter zum "Opfer" stilisieren und paranoid Front gegen angebliche Transen-Hasser machen, dann wird das Pendel der so erpressten "Toleranz" irgendwann auch wieder zurückschlagen und die Diskriminierung zur self-fulfilling prophecy werden. "Woke" ist aktuell auf dem besten Weg, in der Umgangssprache zum Schimpfwort zu mutieren...

Ich finde, es ist an der Zeit, dass wir die uns aktuell erwiesene Toleranz auch mal anerkennen und uns der Gesellschaft dankbar dafür zeigen. Nur so können wir zu einer Entkrampfung beitragen und das in Jahrzehnten Erreichte auch auf Dauer stabilisieren. Dass die Toleranz nie 100%ig sein wird, versteht sich von selber und ist in allen Lebensbereichen so. Mit einem gesunden Selbstbewußtsein kann man das auch ohne lautes Wehgeschrei hinnehmen.
Herzliche Grüße
Wally
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