Hallo, ich hole das Thema noch einmal hoch.
Etwas mehr als zweieinhalb Jahre nach der Kostenübernahmezusage der AOK will ich heute mal Bericht über meine Erfahrung mit dem Lipofilling-Verfahren zum Brustaufbau geben. Die Zusage der Kasse galt auf ausdrückliche Bitte der Klinik für bis zu drei Sitzungen, die in der Regel in einem Anstand von mindestens einem halben Jahr geplant werden können. Das Fett wird bei jeder Sitzung an den dafür geeigneten Stellen abgesaugt - bei Transfrauen sammeln sich die Polster meist nur am Bauch und an den Flanken an. An den Oberschenkeln war bei mir gar nix zu holen. Selbst aus den mütterlicherseits vererbten und zu hoch sitzenden seitlichen Hüftpolstern, die mich seit Kinderzeiten ärgern und auf die mein operierender Chirurg große Hoffnungen gesetzt hatte, war nichts messbares zu gewinnen. Das ist eher so durchwachsenes Gewebe aber eben kein klassisches Fettpolster.
Bevor ich das Rauchen aufgegeben und die Hormonersatztherapie begonnen habe, wog ich immer konstant um die 72kg bei 180cm. Nach GaOp, fünf Jahren Nichtrauchen und Hormonen waren es trotz regelmäßigem Sport und einem Drittelmix körperlicher Arbeit/stehender und sitzender Tätigkeit gut 8-10kg mehr. Die Röllchen auf dem Bauch schienen mir so reichlich, dass, wenn ich mir die an die Brust verlagert vorstellte, sicher ein gutes B-Cup entstanden wäre. Zudem war die Brustpartie schon immer ganz gut bemuskelt, so dass eigentlich eine gute Ausgangssituation gegeben war.
Pro Sitzung kann immer nur eine bestimmte Menge Fett in die Brust eingebracht werden. Das lässt sich in der Form als ein Fächer vorstellen, wie wenn man die Finger einer Hand spreizt und flach auf die Brust legt. Die Finger stellen dabei die Einstichkanäle unter der Haut dar und im schrittweisen Herausziehen entlang dieser Kanäle wird von der Injektionskanüle tröpfchenweise Fett ins Gewebe abgegeben. Das wurde bei mir während der ersten und zweiten Sitzung jeweils in zwei verschiedenen Ebenen gemacht. Größere Mengen würden vom Gewebe nicht aufgenommen sondern abgekapselt (Fettembolie) und letztlich vom Körper abgebaut.
Die Schnitte, jeweils einer unter der Brust und einer seitlich zur Achsel hin sind mit 5mm so klein, dass ein ein Fadenstich zum Schließen ausreicht.
Laut OP-Bericht sollen bei mir in der ersten Sitzung 120ml pro Seite eingebracht worden sein, in der zweiten Sitzung 150ml und zuletzt nur noch 50ml pro Seite. Mehr war nach Aussage des Chirurgen bei der dritten Sitzung trotz eigentlich immer noch gut vorhandener "Schwarte" nicht mehr zu holen. Da bei den Sitzungen nicht immer an einem anderen Areal sondern über die gesamte Fläche abgesaugt wird, ist es von Mal zu Mal schwieriger das Fett zu lösen, da das Unterhautfettgewebe quasi vernarbt und nicht mehr so fluffig ist. Beim Absaugen wird auf ein schonendes Wasserstrahl-Verfahren zurückgegriffen, dass die Fettzellen möglichst unversehrt gewinnt. Trotzdem ist davon auszugehen, dass nicht das gesamte Fett wirklich im Gewebe "einwächst". In der Literatur werden verschiedene Zahlen genannt. Ich würde sagen, dass bei mir vielleicht 80% des eingepflanzten Fetts auch in der Brust verblieben sind.
Zum Ergebnis:
Es gibt auch für die Gößeneinteilung der Brust in Deutschland natürlich eine DIN-Norm, die sogenannte Sprungwerttabelle für Büstenhalter, Miederwaren und Badeanzüge mit Cups. Aus dieser Tabelle lässt sich lesen, bei welcher Differenz zwischen Unterbrustumfang und Brustumfang die jeweiligen Cup-Größen passend sein sollten.
Bei meinem Unterbrustumfang von 95cm müsste ich für ein A-Cup mindestens einen Brustumfang (also über die ausladenste Stelle der Brust gemessen) von 107-109cm aufweisen. Tatsächlich sind es aber nur 106cm. Damit liege ich noch im Bereich AA. (Es geht ja die Erzählung, dass die Kasse die Kosten "nur" bis zum Erreichen eines A-Cups übernimmt, weil eine Brust ab dieser Größe als "typisch weiblich" angesehen werden kann.)
Ich hatte für mich das Ziel ausgegeben, dass ich mit der Kostenübernahme - wenn nötig in drei Sitzungen - ein A-Cup erreichen wollte. Das wurde nicht ganz erreicht und auch wenn ich mir gern noch ein paar cm Umfang mehr gewünscht habe, bin ich - alles in allem, auch was die Form der Brust anbelangt - zufrieden. Ich benutze BHs in 90A, also etwas kleiner, als ich bei meiner Unterbrustweite bräuchte, mit einem handelsüblichen Extender der die Weite des BHs etwas vergrößert. Dadurch passt aber das Cup recht gut.
Mit dem vorhandenen körpereigenen Material, ohne Silikonimplantat, ist es nun das, was machbar war und ich würde es wieder machen lassen. Die Heilung verlief komplikationslos, der erste Tag nach der OP ist immer etwas unangenehm, klar. Aber ich fand das alles vertretbar. Nach zwei-drei Tagen, beim letzten Mal direkt am Tag nach der OP bin ich mit dem Zug wieder nach Hause gefahren und konnte nach einer Woche wieder auf Arbeit gehen. Das sechswöchige Sportverbot habe ich sehr großzügig interpretiert und mich immer schon bald wieder aufs Rad gesetzt und bin damit zur Arbeit gefahren und habe dort eigentlich keine der gewohnten Tätigkeiten ausgelassen. Am unangenehmsten sind noch die ziehenden Schmerzen an den abgesaugten Stellen, die recht lange anhalten. Dazu muss ein Kompressionsmieder getragen werden. Druck auf die Brust sollte während der 6-Wochen-Frist generell vermieden werden, also keine BHs und so, Schlafen nur auf dem Rücken. Die Hämatome waren bei mir vor allem nach den Sitzungen 1 und 2 sehr ausgeprägt und farbenfroh!
Die plastische Chirurgie in Radebeul, wo ich war, ist für ihre erstklassige Kompetenz beim Brustaufbau nach Brustkrebs-OPs bekannt. Das heißt, dass ich dort mit meiner Geschichte und meinem Anliegen natürlich immer Exot war. Die Atmosphäre auf der Station war überaus freundlich und kommunikativ, die Frauen und auch die Schwestern sehr interessiert. Wie so häufig zeigte sich, dass über die ganze Trans-Thematik allgemein immer noch wenig gewusst wird.
Soweit, viele Grüße
Hannah
***