Hotte hat geschrieben: Do 29. Apr 2021, 00:30
Meiner Erfahrung nach ist immer entscheidend, ob man gutes Passing hat. Probleme mit abweichenden Papieren bekommt man nur dann, wenn man sich ausweisen und wieder erklären muss. Das kann aber auch sehr belastend sein. Mir persönlich hat der neue Ausweis viel Sicherheit gegeben, im Recht zu sein in der neuen Geschlechtsrolle. Ich bin nämlich sonst nicht so gut darin mich durchzusetzen.
Passing. Ja, das wäre das einfachste. Aber dafür gibt es drei Voraussetzungen. Eine Person muss in der Lage sein, die gewünschten Signale zu vermitteln, die Botschaft muss überhaupt "kodierbar" sein, und das Gegenüber muss die Botschaft verstehen können und wollen.
Damit ergeben sich zahlreiche Fehlerquellen. Erstens Fehlende körperliche Features, Kleidung, Accessoires zum Beispiel. Körpergröße, Gesichtsform, Haare zu viel oder zu wenig. Ausreichend Ressourcen - also: Geld, dies zu erreichen.
Zweitens ist ausser binären Stereotypen quasi nichts über Äusserlichkeiten signalisierbar. Für agender, genderfluid, bigender etc. gibt es keinen visuellen Code.
Und drittens haben 95%++ da draussen kein Konzept für nicht-binär, denken gar nicht daran, dass sie gerade mit einer nicht-binären Person zu tun haben, unterliegen den antrainierten Reflexen, jeden Menschen binär einzusortieren; wenn nicht auf den ersten Blick, dann durch "scharfes Hinsehen".
Bonusproblem: Die Passing-Idee zwingt geradezu zu einem genderkonformen Verhalten, das eben nicht universell ist. Trans Männer, die auch mal "nicht-männliches" tun, anziehen, sagen wollen und trans Frauen, die auch mal "kerlige" Qualitäten ausleben wollen laufen sofort Gefahr, wieder von anderen delegitimiert zu werden. "Siehste, eigentlich bist du ja doch <AGAB>".
Naja und nicht-binäre werden damit eh nie für voll genommen. "Du kannst dich ja bloss nicht entscheiden". Soll heissen "du musst dich entscheiden, Zwischentöne und Aussteigen werden nicht geduldet". Oder aber es wird androgyner Look erwartet. Genauso blöd.
Fazit: Passing und stealth kann für ein ruhigeres Leben sorgen und das gönne ich allen, die es brauchen. Aber im größeren Kontext löst es nichts. Spätestens, wenn ein "enttarnt" wird.
Echter Fortschritt passiert nur, wenn sich auf der empfangenden Seite etwas verändert.
Deine zweite Idee finde ich deshalb zielführender. Entgendern, wo immer möglich, wo eine Unterscheidung unnötig ist, bzw sich berechtigte Bedarfe auch anders, nämlich problemspezifischer lösen lassen. Weniger pauschale Segregation, mehr Zugänglichkeit für alle. Sanitärräume und Umkleiden für alle, _mit_ Zugänglichkeit, Privatsphäre _und_ Schutz.