MichiWell hat geschrieben: Do 13. Jun 2019, 18:26
Ähm .. falls du mich meinst
Nein, Dich meine ich dabei nicht. Mir geht es auch mehr um den Punkt, dass man sich gelegentlich selber an die eigene Nase fassen möge. Die Verallgemeinerungen a la "ich kenn da einen Priester in Hintertupfingen, der hat ein schlechtes Wort gesagt, deshalb sind alle Kirchen schlecht" nützen niemanden.
Im Übrigen ist die generelle Aussage: "Protestanten gut. Katholiken böse." ebenfalls nicht richtig.
Sehe ich auch so. Aber die protestantischen Kirchen (nicht alle, aber die zahlenmäßig wesentlichen) bewegen sich deutlich mehr als die katholische. Erstgenannte sind i.d.R. näher am Menschen. Mir ist dieser Unterschied sehr wichtig. Ich habe den Eindruck, dass sie viel näher an der Kernbotschaft des neuen Testaments dran sind. Nebenbei bemerkt, es ist hoch interessant, wie sehr man "heutige" Erkenntnisse von Psychologen, Coaches und Lebensberater bereits im neuen Testament lesen kann, wenn man es nicht dogmatisch betrachtet. Wenn Christus nicht als Gottes Sohn sieht, sondern ihn als Menschenkenner, Philosoph und Psychologen sieht, wird es vielleicht klarer, wie revolutionär sein Denken und Handeln war. Übersetzt man den Satz, "er ist für uns am Kreuz gestorben und hat die Sünden von den Menschen genommen" mit " er hat sein Leben einer Wahrheit gewidmet und ist auch dafür gestorben. Es liegt an uns, mit diesem Wissen eine Welt zu errichten, die friedvoller und respektvoller ist. Wir haben zu jedem Augenblick die Möglichkeit, diesen Weg einzuschlagen."
Das bedeutet nicht, das wir jetzt alle einen Gott anbeten und in die Kirche rennen sollen. Ich verstehe darunter, dass ich die Verantwortung für mein Leben und meine Umgebung übernehme. D.h. dass ich erkenne, wo mein egoistisches Handeln mir und anderen schadet und wo ich einen Beitrag für ein höheres Ziel leisten kann. Das kann z.B. der Schutz der Umwelt, ein bewusster Umgang mit Lebensmittel oder der Umgang mit anderen Menschen sein. So verzichte ich weitgehend auf den Konsum von Fleisch, weil es mir zuwider ist, wie mit Lebewesen umgegangen wird. Oder ich verzichte so weit wie möglich auf Plastiktüten oder ich bemühe mich um Respekt für jeden Menschen. Es geht nicht darum, dogmatisch auf alles zu verzichten oder irgendwelche Regeln einzuhalten, sondern Ziel ist mein Handeln so zu gestalten, dass ich auch mit meinen unvermeidlichen Widersprüchen leben kann. Letztlich habe ich den Geist meiner Erkenntnisse auch im neuen Testament gefunden. Das bedeutet nicht, gläubig zu werden oder in die Kirche zu rennen, sondern ich erkenne nur an, dass bereits vor Jahrhunderten die Menschen die Dinge wussten, die wir heute zu erkennen glauben.
Einfaches Beispiel: Wann wird eine Arbeit im Team erfolgreich ? Wenn sie einem "höheren Ziel" dient, also etwas, dass jenseits meiner eigenen Interessen liegt und die Menschen ihr Handeln auf dieses Ziel auslegt und dabei auch die anderen Teammitglieder im Auge haben. Das ist Kooperation im Wortsinn. Genau das ist der Tenor, der sich durch das ganze neue Testament zieht und z.B. der Bergpredigt einen Höhepunkt findet. Man Gott als Richter sehen, aber auch als den eigenen inneren Richter verstehen. Wenn ich Dinge erkannt habe und danach handle, geht es mir gut, wenn ich gegen meine Überzeugungen handle, geht es mir schlecht.
Es geht nicht darum, nach Regeln zu leben, sondern zu erkennen, was mir wirklich im Inneren gut tut, was meine innere Wahrheit ist und danach zu leben. Mir geht es gut, wenn ich andere Menschen unterstützen kann und es ist wie ein warmer Regen, wenn ich merke, dass mich andere unterstützen. Dabei geht es nicht um den eigenen Vorteil, sondern um ein Ziel, dass jenseits meines Egoismus liegt, so zu sagen der heilige Geist (passt gerade gut zu Pfingsten). Ich verstehe darunter den "Spirit", der heil und ganz macht. Und das ist gerade das Handeln nach der inneren Wahrheit.
Im übrigen gibt es ganz viele evangelische Kirchen und nicht nur eine.
Jetzt habe ich wieder mehr geschrieben als ich wollte ...
