Guten Morgen in die Runde,
vor 10 Jahren war ich in der Endphase einer mehrjährigen Beziehung. Meine Weiblichkeit wurde von meiner damaligen Partnerin nicht akzeptiert und ich hatte trotz gelebter Offenheit, viel in mir herum getragen. Letztlich habe ich nach der endgültigen Trennung ein Jahr später wieder meine Weiblichkeit leben können. Das hat mir sehr geholfen. Meine neue Beziehung habe ich dann auch schnell eingeweiht, nicht in aller tiefe, aber doch soweit, dass sie wusste, worauf sie sich einlässt. Heute ist sie meine Frau und ich bin sehr glücklich mit ihr.
Aber wenn ich auf mein Transleben zurück schaue, musse ich viel weiter früher anfangen. Die Jugend mit weiblicher Kleidung von Schwester und Mutter, der erste Filbericht über Transsexualität. Er hat nicht gleich gewirkt, aber ich wusste zumindest, dass es so etwas gibt. Dann im Studium die erste Wohnung und neue Freiheiten, eine erste Freundin, die das mit dem Geschlecht auch nicht so genau nahm. Leider habe ich mich seinerzeit nicht getraut, mich zu offenbaren...
Eine erste Wendung kam mit dem Internet. Ich war schon mitte der 1990er-Jahre über das deutsche Forschungsnetz angeschlossen. Da gab es das Internet noch nicht in seiner kommerziellen Form. Auch ohne google habe ich die ersten Beiträge über CD gefunden. Sehr schnell fand ich dann auch Agnes mit ihrem Crossdresser Guide, gedruckt ca. 600 Seiten ! Kennt den noch jemand ? Gibt es heute in einer Internetform (
http://crossdress.transgender.at/). In Teilen etwas angestaubt, aber im Grundsatz noch immer aktuell. Jetzt begannen auch langsam die ersten schüchternen Ausflüge en femme. Zuerst bei Nacht und Nebel oder im Wald, dann aber auch immer forscher. Schwimmen im Badesee, Geld abheben auf der Bank etc. Ich bin halt Stierin, die gleich mit dem Kopf durch die Wand geht. Damals war ich noch verheiratet, aber die Ehe schleppte sich lange hin, bis meine Frau dann ging. Ich fiel in ein tiefes Loch.
Dann lernte ich meine Freundin kennen, mit der mein Sexualleben wieder ordentlich in Schuss kam. Für Weiblichkeit war da nur wenig Platz, was nicht heißt, dass sie nicht da war. Ich war unzufrieden und die Beziehung ging auch zu Bruch. Ich fand ein Forum und damit auch die Möglichkeit zum Austausch. Ein Besuch bei einem Stammtisch in Karlsruhe war vielleicht noch zu früh oder die Themen waren nicht die richtigen. Ich ging jedenfalls nicht wieder hin. Ich fand einen Zirkel mit einigen anderen Transmenschen, die sich einmal im Jahr trafen. Bei allem interessanten Austausch gab es für mich auch hier nur ein Treffen. Ich glaube es waren die öffentlichen Ausgänge, die ich noch nicht richtig genießen konnte.
Vor 5 Jahren fand ich dieses Forum. Hier fand ich neue Möglichkeiten, mich intensiv mit der Thematik zu beschäftigen. Es war und ist eine "Spielwiese" für meine Gedanken und so konnte ich mich weiter entwickeln. Aber das kann man hier nachlesen. Meine damaligen ersten Fragen waren:
Dabei ist mir das Dressen nicht von entscheidender Bedeutung, sondern es geht mir darum zu ergründen, was das Männliche und das Weibliche eigentlich ausmacht. Oder anders gesagt, gibt es etwas, das jenseits der biologischen oder gesellschaftlichen Definitionen ?
Warum fühlen sich manche T* keinem eindeutigen Geschlecht zugehörig, warum wollen manche wechseln oder wieder andere, so wie ich, die glauben, beides in sich spüren ?
Sind wir so geprägt, ist es Einbildung oder was ist es, dass wir uns nicht vollkommen in unserer Haut wohl fühlen (können) ?
Ich denke, sie sind noch heute aktuell, aber ich gehe anders mit dem Thema um. Das Kernthema ist erkannt. Ich muss mich selber akzeptieren, wie ich bin. Oder wie Rilke es sinngemäß schrieb: Lebe die Fragen und Du findest vielleicht die Antworten. ich habe das als Aufforderung verstanden, der Weiblichkeit in mir den Ausdruck zu verleihen, der ihr gebürt. Es ist spannend, wie das auf mich wirkt. Inoffiziell würde ich mir die Diagnose F64.1 geben, aber ich bin mir nicht sicher, ob nicht auch ein Stück weit F64.0 in mir steckt. Die Selbstverständlichkeit, mit der ich Weiblichkeit leben kann, ist für mich auffällig. Trotzdem glaube ich nicht, dass ich den ganzen Weg gehen will. Ich gebe mir also die Diagnose F64.0,5
Auch von mir ein großes Dankeschööööön an Anne-Mette
