emilyrosefrank hat geschrieben: Sa 1. Jul 2017, 19:58
Danke für deine ausführliche Antwort.
Wenn ich dich richtig verstehe, willst du Aussagen, dass ich einfach meine Freiheit ausleben sollte und daher als Frau leben sollte und wenn ich damit nach x Zeiten klar komme, erst dann weitere Maßnahmen wie OP's machen sollte.
Und es falsch wäre von einer Experten eine Antwort zu holen und dann sofort alles zu machen, da man später vielleicht merkt, dass es eine schlechte Entscheidung war, aber dann nicht veränderbar wäre.
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Zum ersten Ja, zum Zweiten Nein
Ja, du sollst wirklich los legen und die Freiheit genießen und weiterentwickeln, die du gefunden hast.
Und nein, es ist nicht falsch den Rat von einem Experten holen. Falsch ist wenn du so kommst wie: "Mein Psychoanalytiker sagt, dass ich mich zu viel von Expertenaussagen beeinflussen lasse". Faktum ist, der Psycho weiß es auch nicht - die Einzige, die es letztendlich weiß, bist du selbst. Wenn der Psycho/der Coach/der Berater gut ist, kann er dich mit den Denkanstößen versorgen, die du brauchst um es selber raus zu finden. Manche konsultieren ihn aber nicht deshalb, sonderen einfach um das entsprechende Gutachten zu bekommen ...
Aber zum Punkt Freiheit: Wir wissen ja alle nicht in Detail, was wir das ganze Leben machen wollen - dürfte ja klar sein. Tun wir nicht. Das man irgendwie die Ideen hat, das man auf dieser Welt besser aufgehoben wäre, wenn man eine Frau wäre, bedeutet ja nicht, dass wenn die gute Fee morgen kommt und mich in eine Frau verwandelt, dann ist alles normal, wie es sein sollte. Selbst das wäre nur ein Schritt einer Entwicklung. Wenn das passieren würde wäre der nächste logische Schritt nämlich rauszufinden, was dadurch im Leben, in der Interaktion mit anderen Menschen jetzt anders ist. Dann würde es u.a. darum gehen, rauszufinden, welche Handlungen, welche Aktivitäten jetzt möglich wären, die als Mann nicht möglich wären, oder zumindest anders wären. Usw., usw., usw. Im Grunde geht das ganze Leben darum, solche Dinge rauszufinden. Es ist mir schon klar, dass viele Leute das nicht wissen. Es gibt auch welche, die sich das Ziel setzen, einen bestimmten gut bezahlten Job zu finden, damit sie ein Haus von einem gewissen Standard kaufen können usw. Das ist ja auch völlig OK. Schlecht ist es nur, wenn sie das erreichen, nicht glücklich sind und eigentlich nicht wissen und nie gewusst haben, was die nach der Erreichung von diesem Ziel eigentlich damit machen wollen. Sie wissen nur, dass sie Opfer gemacht haben ...
Es gibt also viele Seiten von der Sache. Ich bin nicht die Expertin, wenn es darum geht den Körper zu verändern, weil der einem Fremd vorkommt. Mir ging es nie WIRKLICH so, also habe ich da keine eigenen Erfahrungen. Ich habe aber Erfahrung mit Leuten denen es so geht oder ging. Die sind eigentlich nie in Zweifel, dass sich da was verändern muss. Ich kann aber aus eigener Erfahrung sagen, dass in der Interaktion mit den Mitmenschen, mit denen du nicht Sex hast muss es nicht den geringsten Unterschied machen ob du Post-OP, Pre-OP oder möchtegarkeien-OP. Das weiß ich so 100% sicher, weil ich immer wieder - falls es überhaupt zur Sprache kommt - erlebe, dass Leute glauben, dass ich längst die GAOP machen lassen habe. Wobei ich nicht mal immer en femme bin. Meistens kommt es gar nicht auf die Tagesordnung. Wo ich en femme unterwegs bin kennen Leute mich meistens nur en femme, und umgekehrt auch. Wenige Ausnahmen.
Was ich damit sagen will: Ein großer Teil vom TG-Leben ist nun mal die Interaktion mit anderen Menschen, denen es gar nicht zu interessieren hat, welche primären Geschlechtsmerkmale du hast, und meistens auch tatsächlich nicht interessiert - was die interessiert, ist wie du als Mensch bist, und glaub mir, egal was die sagen: Die Verhalten sich so Frauen gegenüber, und Männern gegenüber so. Oder was sie für männlich oder weiblich halten.
Also zurück zur Ausgangsfrage und Ausgangsantwort: Ja, loslegen und nimm die soziale Rolle in Besitz, die du für dich zu diesem Zeitpunkt für richtig hältst. Da brauchst du niemanden um Erlaubnis fragen, und so wie du diese Rolle jetzt siehst, wirst du in einem Jahr wieder ein bisschen anders sehen und ein Jahr später wieder anders - es gibt kein Ziel, nur eine fließende Entwicklung.
Es spricht nichts dagegen, dass du jetzt in deiner femme Identität jetzt einfach da raus gehst, erfährst, lebst, Dinge tust, Leute kennen lernst, die völlig von Null anfangen und nicht fragen stellen wie "ja, aber da ich dich als Mann kenne, warum ..." - sondern die einfach Emily kennen, die vielleicht sofort wissen, dass du Trans bist, vielleicht auch nicht, aber die die Seite von deiner Persönlichkeit kennen lernen, die du für die Richtige hältst.
Was dann später passiert, ob du sagst - eigentlich ist es cool die Freiheit haben von männlich zu weiblich und wieder zurück fließen zu können, oder ob du später sagst - ich kann nur als Frau leben - ist jetzt nicht dafür entscheidend, ob du ab jetzt einfach ... lebst. -