Ach herrjeh, eine der ganz schweren Fragen, kommt wohl in ihrer Schwere kurz nach "soll ich eine Transition wagen?".
Das Wichtigste ist schon mehrfach genannt worden, es ist und darf nur eine Entscheidung von einem selbst sein. Es gibt keinen rationalen Grund, warum man soetwas unbedingt anstreben müsse. Aber es gibt sicherlich Dutzende von mehr oder weniger wichtigen Argumenten dafür, aber auch dagegen.
@Andrea, folgendes soll keine persönliche Kritik sein, aber die Frage beinhaltet bereits eine Bewertung "Wer begnügt sich mit der "kleinen Lösung"?", oder? Dieses "begnügt" klingt irgendwie nach Verzicht und hat auch, finde ich, den Beigeschmack von Minderwertigkeit? Naja, dann begnüge ich mich eben mit dem zweiten Platz, mit dem lauwarmen Kaffee, mit der halben Lösung. Ist das wirklich so?
Es wird leider oft so dargestellt, als seien trans* Frauen ohne GaOp allenfalls nur halbe Frauen, sie wüssten ja gar nicht wie das sei, ganz Frau zu sein, wer das nicht anstreben würde wäre nicht "echt" und so vieles mehr. Doch kämpfen nicht gerade wir dafür, dass wir, denen uns ein Geschlecht bei Geburt anhand eben jener Genitalien zugewiesen wurde, mit unserem persönlichen Geschlecht anerkannt werden, gerade unabhängig von den Genitalien oder anderer körperlicher Merkmale? Und dann kommen Menschen aus unserer eigenen Community daher und diffamieren wieder mit genitalistischen Argumenten? Manchmal verstehe ich die Welt einfach nicht.
Davon ab ist es aber auch, ganz ohne die sozialkritische Keule schwingen zu wollen, schlicht ein gesellschaftlicher Normierungsdruck, der auf uns lastet. Natürlich möchte man nicht in Sauna, Schwimmbaddusche oder ähnlichen Situationen auffallen, möchte sich anpassen. Wir möchten nicht bei medizinischen Untersuchungen diese anatomische Besonderheit erklären müssen oder in ganz schlimmen Fällen wieder anhand der Anatomie geschlechtlich falsch einsortiert werden. Diese Probleme könnte eine GaOp lösen helfen. Aber große Güte, wollen wir uns wirklich zur Erfüllung veralteter Körper- und Geschlechtsbilder einem solchen Risiko aussetzen und uns unter's Messer legen? Viva la revolucion - ich bin Frau mit Penis! Kann es vielleicht doch so einfach sein?
Auch müssen wir an unsere Sexualität denken. Wer ist/sind meine zukünftigen Sexualpartner? Wird es für sie vielleicht eine Rolle spielen, welches Genital dann dort unten vorhanden sein wird? Welche Rolle spielt für mich eigentlich Sexualität? Und wo wir schon bei Sexualität sind, wie sieht es eigentlich mit Fortpflanzung aus? Möchte ich noch einmal ein Kind bekommen oder zeugen?
Der Punkt möglicher Risiken wurde ja auch bereits angesprochen. Alle Arten von Inkontinenzen (Stuhl und Urin), Darmperforation, künstlicher Darmausgang, künstlicher Harnleiter und -Ausgang, kann alles passieren. Das Aussehen kann auch völlig daneben gehen, von wunderbar bis völlig entstellt ist alles drin. Gleiches gilt für die mögliche Empfindsamkeit, von völlig taub bis super Orgasmen, alles möglich. Auch können chronische Schmerzen durchaus eine Folge sein - eine Freundin einer Freundin sagte ihr mal, sie fühlt sich seitdem wie täglich gepfählt, niemand weiß warum und sie kann nur mit stärksten Schmerzmitteln den Tag überstehen - nicht erst seit gestern, sondern bereits seit mehreren Jahren.
Das alles *kann* passieren, doch, das sollte man auch sagen, bei erfahrenen Operateuren sind ernste Schwierigkeiten selten und es kommen nur eher sehr selten Komplikationen vor, die später nicht mehr zu heilen sind. Größtes Risiko ist wohl aber nach wie vor die Empfindsamkeit. Richtig schwierig ist nach wie vor der Penoid Aufbau bzw. Phalloplastik bei trans* Männern, weshalb doch viele trans* Männer auf diese GaOp zunächst verzichten - kann ich gut verstehen, vor allem wenn man mal nach Bildern davon geguckt hat, das ist sehr oft nicht wirklich "ansprechend", um es noch eher vorsichtig zu formulieren.
Es sind nicht unerhebliche Risiken, ein großer Eingriff in einen bis dahin meist physisch gesunden Körper. Ich finde es daher völlig verständlich, dass man sich das sehr sehr gut überlegt und auch anhand der persönlichen Situation zu dem Schluss kommen kann, nunja, schöner wäre es vielleicht anders, aber das Risiko ist nicht zu ignorieren, der mögliche Gewinn wiegt es nicht auf, also verzichte ich lieber. Das finde ich völlig legitim und verdient großen Respekt. Denn damit bleibt man dann ein Stückchen "besonders" und das kann auch wieder für Herausforderungen sorgen.
Auch möchte ich kurz einwerfen, dass es nicht nur ein Ganz oder Gar Nicht gibt. Ich hatte es an anderer Stelle hier auch bereits geschrieben, recht zu Anfang meines Weges hatte ich bereits eine sog. "bilaterale Orchiektomie" durchführen lassen, also eine beidseitige Entfernung der Hoden, oder ganz kurz gesagt, Kastration. Damit waren dann endlich die Testosteronproduzenten weg, die HET einfacher und zuguterletzt auch ein "mechanisches" Problem dort unten ein gutes Stück kleiner. Ich weiß noch, dass die Entscheidung dazu damals für mich gar keine Frage war, weder vorher noch jemals hinterher. Das war von Anfang an gut und richtig. Ich glaube so sollte man auch die Entscheidung zu einer GaOp treffen, wenn es für einen selbst außer Frage steht, wenn es völlig klar ist und man, ähnlich wie zu Anfang der Transition, ohne Frage bereit ist, die dadurch erwachsenden Risiken auf sich zu nehmen.
Nocheinmal kurz zurückkommend auf die Op als solche, auch bei der GaOp kann man sich einige Probleme ersparen, wenn man sich bspw. für eine Scheinscheide entscheidet, also nur das äußere Genital angeglichen wird, aber keine / kaum Scheidentiefe. Dann muss der Beckenboden nicht durchtrennt werden, kein aufwändiges Bougieren hinterher, kürzere Verheildauer etc. Wenn abzusehen ist, dass man ohnehin keinen vaginalen Sex haben wird, bspw. aus Altersgründen, spart das eine Menge potentiellen Ärger. Die meisten Operateure bieten das auf Wunsch auch gerne an.
Das alles war sehr allgemein. Daenerys hat es sehr gut beschrieben, wir verändern uns alle ständig. Was gestern noch gut erschien, muss es heute lange nicht mehr sein und umgekehrt. Ich stelle auch bei mir viele Veränderungen fest, ständig. Vor etwa drei Jahren habe ich noch gesagt, dass ich mir eine GaOp nicht vorstellen könnte. Auch sagte ich, dass ich mir Intimität mir einem Mann überhaupt nicht vorstellen könnte! Geht gar nicht! Sagte ich. Vor etwa drei Jahren sah auch mein Körper noch relativ männlich aus und mit etwas Kleidung und anderer Hilfsmittel konnte ich mir darüber hinweg helfen. Doch sogar auch dies geschah nur halb bewusst, denn mir war nicht so ganz klar, dass ich damit eben auch meinen Körper kaschierte, vor mir selbst.
In diesen drei Jahren hat sich viel verändert. Immer öfter wenn ich nun nackt in den Spiegel blicke, beginnt mir das, was ich dort sehe, zu gefallen. Langsam beginnt sich, wie man auch sagt, eine Kongruenz einzustellen. Trotz einiger Unzulänglichkeiten, wie bspw. hier und da ein wenig zuviel Speckpolster, beginnt sich ein unbewusstes Selbstbild und das Spiegelbild zu überlagern, eben in Kongruenz zu kommen. Ich kann immer mehr zu meinem Körper stehen, ihn als meinen annehmen und es entwickelt sich auch zum ersten mal in meinem Leben ein gewissen kleiner Stolz auf meinen Körper. Ich kann keine Details ausmachen, an denen ich das festmachen könnte, es sind nicht die immernoch viel zu kleinen Brüste oder die vielleicht ein wenig rundlicheren Formen, ich weiß es nicht. Aber da ist etwas.
Doch genau so wie diese Veränderungen vieles zu "meinem" machen, zu etwas, zu dem ich nun eine Beziehung gewinne, so verändert es auch das Empfinden gegenüber anderem in ein nicht zugehöriges und negatives Empfinden. Ihr ahnt schon, was das wohl ist... Ich bin aber auch noch nicht an dem Punkt, an dem ich damals mit der Orchiektomie war, also das es die zweifelsfrei richtige Entscheidung wäre. So wie es auch Daenerys schrieb, wäre da die gute Fee und würde mir den Wunsch gewähren und sagen, dass danach alles toll wäre, ich wäre sofort dabei!
Doch wenn ich an die Nachsorge für 1-2 Jahre denke, macht mir das ungeheure Angst. Die ersten Monate danach müssen die Hölle sein, große Schmerzen, Lästigkeiten (ständig austretendes Wundsekret), drei bis vier mal am Tag intensiv bougieren, am besten in einem Sitzbad (in den ersten 3-6 Monaten danach), mindestens tägliches intensives Bougieren für die nächsten Monate bis Jahre. Ich weiß noch von meiner Orchiektomie, dass es über ein Jahr gedauert hat, bis die Narbe völlig verheilt war und keinerlei Wundschmerz mehr auslöste (der super gering war, aber ich merkte eben noch, dass da mal etwas war). Das sagt mir dann, dass es sicherlich ein bis zwei Jahre dauern wird, bis eine GaOP wirklich verheilt sein würde und über diese Zeit ist dann klarerweise intensives Bougieren notwendig. Solange noch Gewebe, für die Heilung, gebildet wird, solange muss intensiv dafür gesorgt werden, dass es sich nicht an der falschen Stelle und in ausreichender Menge bildet. Für eine Scheidentiefe von 3-4cm braucht man den ganzen Aufwand ja nicht zu machen, doch da endet man, wenn man in den ersten Jahren nicht darauf achtet und "sich pflegt".
Jetzt kenne ich mich aber auch. Ich bin kein sehr konsequenter Mensch, ich kann schonmal gerne Fünfe gerade sein lassen, vor allem seitdem ich ich bin. Würde ich konsequent genug sein, mein neues Genital zu pflegen? Eine Freundin von mir hat sich dafür ein hartes Programm verordnet und mir davon erzählt, ich erstarrte in Ehrfurcht, ich weiß nicht ob ich das könnte - 5:30h aufstehen, 1/2-3/4h Sitzbad und bougieren, Frühstück, zur Arbeit, Nachmittags zu Hause gegen 1600h wieder 1/2-3/4h Sitzbad mit bougieren, Abendessen, noch etwas erledigen, Haushalt, 22-23Uhr wieder 1/2-3/4h Sitzbad und bougieren. Und das nicht nur für eine Woche oder einen Monat, sondern für das erste Jahr! Die Hölle. Sie sprach auch davon, dass die Schmerzen teilweise unmenschlich waren und sie so manches mal die gesamte Zeit vor Schmerzen geheult hätte, gerade in den ersten Wochen.
Doch das Ergebnis spricht für sich. Nachdem sie das durchgestanden hatte, ist die weitere Nachsorge lächerlich, vielleicht einmal die Woche und das kann man dann auch mit etwas Spaß verbinden. Für sie ist es wichtig, denn sie ist heterosexuell, d.h. mit männlichen Partnern zusammen. Das wiederum ist nicht mein Ansinnen, wenngleich auch hier eine Veränderung stattfand

Bei einigen (wenigen) Männern hatte ich in letzter doch auch schonmal "seltsame" Gefühle

Aber nein, ich bin mit meiner Frau zusammen und daran werde ich auch nichts ändern. Für sie ist es glücklicherweise auch egal, ob ich diesen Schritt (Schnitt) nun mache oder nicht.
Und nun? Ich warte ab. Irgendwann wird es keine Entscheidung sondern eine völlige Selbstverständlichkeit sein.
Aus dem Bauch heraus würde ich eigentlich jedem raten, wenn die Entscheidung noch unklar ist, wenn Zweifel bestehen, dann erzwingt es nicht. Es wird kommen, ganz von alleine und Dritte haben dabei keinerlei Druck auszüben. Das muss jede_r für sich selbst entscheiden, ganz alleine.
Liebe Grüße & viel Erfolg beim Vermehren der Erkenntnisse
nicole