Hallo, liebe Community!
Ich lese seit einigen Tagen hier quer und möchte euch "meine" Geschichte erzählen. Da ich mit meinem CD schon 19 Jahre zusammen bin, könnte es etwas lang werden. Bitte verzeiht mir, aber ich möchte, dass alle Leser auch die Hintergründe verstehen können. Dabei versuche ich "uninteressante" Passagen kurz zu halten
Ich versuche, zu erklären, wie und wo und in wieweit und mit welchen Begründungen mein Mann sich geoutet hat, ebenso wie ich versuche, meine Gefühle, Gedanken und Ängste zu erklären. Dies tue ich in der Hoffnung, dem ein oder anderen Leser (sowohl CD als auch PartnerInnen oder anders Beteiligte) damit zu helfen.
Unser Leben bis zum "Outing" in Kurzfassung:
-Silvester 1996 kennengelernt
-01/97 zusammengekommen
-Wochenendbeziehung geführt
-Herbst 1997 erste "Versuche" eines Outings durch tragen meiner halterlosen Strümpfe. Kam mir sehr seltsam vor (ich war 18 zu dem Zeitpunkt) aber danach kam laaaaaaaaange Zeit nichts in der Richtung.
-2003 nach unseren abgeschlossenen Lehren zusammen gezogen.
-2004 geheiratet
-2006 kam unser Sohn zur Welt
-2010 Beförderung meines Mannes zum Geschäftsführer in der Firma wo er auch gelernt hat: viel Stress, Verantwortung und wenig Unterstützung durch Kollegen bzw Gesellschafter bis hin zu den Ereignissen im August 2013
-2011 die Geburt unserer Tochter
-2013 Umzug in unser Eigenheim.
Hier begann sein eigentliches Outing schon, aber von mir eher unbemerkt. Beim Sex die Rollen tauschen. Anfangs sehr befremdlich für mich, aber okay war es trotzdem. Und die "Beichte" dass er immer heimlich meine Dessous getragen hat und das ganze auch auf mich projiziert hat, was aber für ihn suboptimal war und wenig befriedigend.
-2013 Burnout meines Mannes mit Klinikaufenthalt
Seitdem wir danach mit Hilfe einer Paartherapeutin wieder auf den richtigen Weg kamen, kam auch immer mehr CD dazu. Klingt komisch, kann ich aber nicht anders ausdrücken. Mein Mann trug Damenunterwäsche und Strümpfe. Als mir dies zuviel wurde, fragte ich warum er dies tut. "Dann fühle ich mich mal schwach. Ich muss ja immer der Starke sein sonst..."
Hier muss ich eine Anmerkung machen: ich fühlte mich verarscht, denn die Starke bei uns war IMMER ich. Wenn was mit den Kids ist bzw war, bin immer ich diejenige die mit zum Arzt/Krankenhaus etc pp fährt und sich ansehen muss wie die Zwerge gepisakt werden oder wenn mein Mann etwas hatte war ich da. Ich habe ihm immer den Rücken frei gehalten bis hin zur fast kompletten Selbstaufgabe. Diese Aussage machte mich dementsprechend sehr wütend und verwirrte mich zeitgleich sehr.
Mittlerweile trug er diese Wäsche JEDEN Tag. Wollte er jeden Tag nur noch schwach sein? Nein, wollte er nicht. Für ihn war es mittlerweile zu etwas geworden, womit es ihm besser geht und er Frust abbauen kann ohne dies auf mich zu projizieren, indem ich solche Wäsche tragen "muss".
Wir haben nach der Klinik versucht, unser Sexleben "aufzupeppen" und die Wünsche die wir beim Dirty Talk im Bett geäußert hatten umzusetzen. Erst mittels einer zweiten Frau, was uns auch gefiel, aber aufgrund der Tatsache dass diese ihrem Ehemann gegenüber ein schlechtes Gewissen hatte, dann abgebrochen wurde. Danach haben wir zwei Versuche mit einem zweiten Paar im Bett unternommen. Auch dies war nicht das, was uns vorgestellt hatten. Dies lag aber wohl an den Paaren, die nicht zu uns passten.
-2014 treffen mit einem Pärchen, geplant war halt einfach nur Sex zu viert. Klappte nicht, aber wir trafen uns noch öfter, denn es kamen Gefühle bei allen Beteiligten dazu.
Mittlerweile leben wir mit diesem Paar in einer polyamourösen Beziehung. Regelmäßig finden Partnertauschs statt. Und es geht längst nicht mehr nur um Sex. Auch unsere Kinder kennen die beiden mittlerweile gut und haben sie ins Herz geschlossen. Auch unsere engsten Familien und Freunde wissen Bescheid und gehen sehr gut damit um.
Bis Anfang 2015 lief auch alles recht gut, abgesehen von den normalen Problemen die Beziehungen immer mal wieder mit sich bringen.
-2014 habe ich via Arbeitsamt eine Umschulung begonnen. Im Blocksystem. Schule lief super, ich war Klassenbeste. Arbeit lief nicht so, ich war eigentlich nur krank. Leider...
-2015 dann mein Totalzusammenbruch mit nachts ab in die Klinik und danach 5 Wochen stationäre Therapie.
Ja, bei uns ist immer was los
Mein Mann hat mir zwischendurch immer häppchenweise vom crossdressen erzählt. Ich kann es also zeitlich nicht genau festmachen. Aber im Sommer 2015 verfiel er in einen wahren Kaufrausch. Er hat sich Unmengen an Kleidung gekauft und sie mir dann auch präsentiert. Und es waren nicht nur Unterwäsche und Strümpfe. Er trug z.B. Nachts nur noch Nachthemden. Den absoluten Höhepunkt erreichte er dann, als er sich Silikoneinlagen für BH bestellte. (Trägt er nicht, aber die Rücksendefrist lief ab ohne dass er sie zurückschickte.) In dem Moment war ich damit so total überfordert, dass mir das erste mal der Fluchtgedanke kam. Mich verwirrte das alles so sehr, dass aus mal Damenwäsche und Strümpfe nun komplette Outfits wurden. Ich war total neben der Spur. Was wollte er? Will er jetzt eine Frau werden? Ich war zeitweise auch sehr neidisch, denn ich musste zugeben, dass er in den Klamotten einfach nur sexy und total toll aussah. War es das, was mich diese Tatsache nicht akzeptieren ließ? Ich war doch IMMER tolerant in jeder Sicht, wieso dann jetzt nicht?
Mithilfe meiner Therapeutin bin ich nach und nach dahinter gekommen: ich war neidisch, fühlte mich bedroht (hier sei zu erwähnen, dass mein Selbstwertgefühl dermaßen gering war/ist, dass ich noch längere Zeit brauchen werde, dies wieder zu stärken) und auch meine Ehe sah ich in Gefahr, denn: ich hab einen Mann geheiratet und jetzt kleidete er sich wie eine Frau... Fragen stürmten auf mich ein: Werde ich nun als alleinerziehende, arbeitslose Mutter mit zwei Kindern enden? Wie soll ich das alles schaffen? Was soll aus den Kindern werden? Und, und, und.... Das war zuviel für mich in dem Moment. Ich war froh, dass seine zweite Partnerin damit besser umgehen und ihn unterstützen konnte, denn ich konnte es in dem Moment einfach gar nicht...
Ich habe angefangen, es so gut es ging zu verdrängen, mich nicht mit dem Thema auseinandersetzen wollen. Doch dies führte zu Frust bei ihm, wenig Nähe und Zärtlichkeit zwischen uns. Es ging soweit, dass ich kurz vor Weihnachten meinem Mann eröffnete dass ich die Trennung will. Nicht (nur) des Crossdressing wegen.
Der nächste Termin bei der Paartherapeutin war sehr schwer, aber hilfreich. Er bemühte sich danach für mich, die Sachen nicht zu tragen, was für ihn sichtlich schwer war. Ich bekam von ihm die Unterstützung die ich brauchte und wollte (Haushalt und Kinder) und mir gewünscht hatte. Also blieb ich und fing an, mich mit dem Thema Crossdressing intensiv auseinander zu setzen. Nicht einfach, aber mittlerweile haben wir den Kompromiss gefunden, dass er die Unterwäsche und Strümpfe täglich tragen darf, solange es nicht beim Sex zwingend sein muss. Damit läuft es wieder besser.
Ich lese viel hier im Forum und habe mir schon Bücher rausgesucht zum Thema, die ich jetzt bestellen werde.
Auch jetzt fühlt sich das Ganze für mich noch immer surreal an und ich weiß nicht, wie ich in Zukunft damit umgehen will und kann. Aber die anfängliche Gedanken und Ängste sind wesentlich besser. Und auch die Scheu (oder auch Ekel) die erst da war, ist erstmal verschwunden.
Ich habe viel drüber nachgedacht und bin für mich zu dem Schluss gekommen, dass es nunmal ein Teil der Persönlichkeit meines Mannes ist, die er gut 17 Jahre nur heimlich ausgelebt hat. Soll ich deswegen 19 Jahre einfach wegwerfen? Alles was wir uns hart erarbeitet und aufgebaut haben? NEIN!!! Auch wenn ich weiß, dass es nicht einfach wird und es auch sicher noch einige Rückschläge geben wird, werde ich meinem Mann beistehen so gut ich kann. Dafür liebe ich ihn auch zu sehr.
Manchmal bin ich immer noch verwirrt, auch wenn die Unterwäsche mittlerweile alltäglich ist. Manchmal muss ich auch grinsen, denn Frauen mit Bart kenn ich sonst nur eine aus dem Fernsehen
Durch dieses Forum und zahlreiche PN, die ich bekommen habe, komme ich zur Zeit ganz gut damit zurecht, auch wenn ich nicht weiß, wo uns das alles noch hinführen wird. Aber da ist noch ganz viel Luft nach oben und ich habe beschlossen, dieses Abenteuer (?) mit meinem Mann zusammen zu wagen. Aber in kleinen (ganz kleinen) Schritten erstmal. Ob das in Zukunft weiterhin als Ehefrau oder irgendwann nur als gute (beste) Freundin sein wird, kann ich nicht sagen. Aber ich weiss, dass ich meinen Mann niemals aus meinem Leben streichen will. Und solange er mir die Zeit lässt, die ICHbrauche um das alles für mich klar zu bekommen, sehe ich optimistisch in die Zukunft. Viele Fragen schwirren noch immer in meinem Kopf rum, aber die werde ich mit der Zeit auch beantwortet bekommen. Von meinem Mann, mir selbst, Büchern oder den lieben Menschen hier
Ich danke euch fürs Lesen und hoffe, dass das Lesen sich gelohnt und vielleicht geholfen hat, auch wenn es schon fast ein Roman geworden ist... Sorry....
Fragen beantworte ich auch, sofern ich es kann, gerne. Vermute aber, ich bin eher die mit den Myrrhiaden Fragen, die so nach und nach dann kommen werden
Lg
Nadine