I did it my way
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Dani-Nicola
I did it my way
Vorwort:
Was bin ich? eine Frau? Eine Frau mit transsexueller Vergangenheit? Eine Frau die früher ein Mann war?
Eigentlich lauter Fragen, die mich nicht wirklich beschäftigen. Ich lebe seit mehr als 20 Jahren als Frau, meine GaOp liegt 19 Jahre zurück.
Als männlich konnte ich mich nie empfinden. Seit ich denken kann habe ich mich als Mädchen, bzw. Frau gefühlt. Im Kindergartenalter dachte ich immer noch ich hätte eine Wahlmöglichkeit. Bei Kinderspielen übernahm ich gerne eine weibliche Rolle, meist Mutter oder Hexe. Prinzessin war den "richtigen" Mädchen vorbehalten.
In der Schule musste ich leider feststellen, dass es für mich keine Wahlmöglichkeit gab. Damals waren die Klassen noch nach Geschlechtern getrennt. Ich fühlte mich unwohl und nicht glücklich zwischen den anderen Jungs.
Ich war etwa zwölf Jahre alt, da fand ich in einer alten Illustrierten einen Artikel über eine Geschlechtsumwandlung, reißerisch gemacht und mit Bildern. Die Frau, die ein Mann war. Dieser Satz blieb bei mir im Gedächtnis haften. Es war auch von einem Arzt die Rede (Dr. Burou), der in Casablanca Männer zu Frauen umoperiert.
Da die Zeitschrift bereits beim Altpapier gelandet war, nahm ich sie an mich und versteckte sie zwischen meinen Sachen.
Mein Entschluss stand fest. Wenn ich erwachsen bin, und genug Geld beisammen habe, werde ich mich nach Casablanca begeben.
Mein Leben verlief anders. Die Pubertät kam dazwischen und ich wandelte mich nun zu einem Mann, von dem ich mir nicht vorstellen konnte, dass er jemals als Frau wahrgenommen werden könnte. Ich war verzweifelt und flüchtete in die Musik. Eine tolle Rückzugsmöglichkeit. Dass ich als begabter Geiger dermaßen viel übte wurde natürlich von meiner Umgebung als äußerst positiv bewertet. Bereits im Alter von 21 Jahren bekam ich eine feste Anstellung als Musiker im Orchester der Bayerischen Staatsoper.
Mangels fachlich entsprechend guter Literatur, Internet gab es noch nicht, wusste ich nicht wirklich wie es um mich stand. In psychologischen Büchern über Sexualität, die ich mir in Bibliotheken zusammensuchte, fanden sich auch Ansichten, dass sexuelle "Abnormitäten" wie z.B. Homosexualität oder Transvestismus durchaus heilbar wären.
Dermaßen verunsichert, ging ich davon aus, dass meine "absurde" Vorstellung, im Inneren eine Frau zu sein, sich mit den Jahren verflüchtigen oder zumindest bessern würde.
Bewusst unterdrückte ich auch homosexuelle Phantasievorstellungen und Neigungen.
Ich lernte meine Frau kennen. Wir heirateten und bekamen vier Kinder.
Ich liebte meine Frau in der Hauptsache als Mensch. Kuscheln und Körperkontakt mit ihr war prima. Obwohl organisch alles funktionierte, war Sex für mich immer bäh. Meine Geschlechtsteile hasste ich.
Anfang der neunziger Jahre war ich am Ende, schwer depressiv hätte ich am liebsten mein Leben beendet. Ich verweigerte mich sexuell und deshalb kam es zu einer tränenreichen Aussprache mit meiner Frau. Ich konnte mich zum ersten mal einem anderen Menschen mit meinen tiefsten Geheimnissen offenbaren. Trotzdem meine Frau Verständnis zeigte, kam ich mir vor wie der letzte Lügner und Betrüger.
Wir beschlossen, dass ich mich unbedingt in psychiatrische Behandlung begeben sollte.
Meine Frau erinnerte sich zudem an einen kleinen Bericht in der Süddeutschen Zeitung über eine Selbsthilfegruppe NOVA (neues Leben) für Transsexuelle. Wir fanden den Artikel und es gab auch eine Kontakttelefonnummer dazu.
Teil 1
Vorsitzende der NOVA war Simone Yvonne Budzyn, und die Telefonnummer war ihre Private. Ich telefonierte mit ihr. Ich sollte einen Brief mit einem kurzen Lebenslauf und der Schilderung meines Problems an eine Postlageradresse schreiben und sie würde dann entscheiden, ob ich zu einem Gruppentreffen eingeladen werde. Ich wurde eingeladen.
Ich erwartete auf Menschen zu treffen, mit denen ich über meine dringendsten Probleme würde sprechen können. Mich bedrückte einiges und ich hatte viele Fragen. Ich spürte, dass ich als Mann so nicht mehr weiterleben konnte. Aber was wird aus meiner Familie, wie wird das mit meinen Kindern. Werden sie schaden nehmen, wenn sich der Papa irgendwann in eine Frau verwandelt? Wie wird es beruflich weitergehen? Wie ist die Rechtliche Lage?
Ich erschien zum Gruppenabend, jedoch nicht in Frauenkleidung. Das war ein Fehler. Frau Budzyn ist eine100% ehemals transsexuelle Frau. Diese Selbsthilfegruppe war nur für "wirklich" Transsexuelle, also solche die in absehbarer Zeit den Weg einer Hormontherapie und angleichenden Operation gehen wollen und Hilfe suchen um den Alltagstest zu bewerkstelligen, die Rat suchen um die entsprechenden Psychiater und Ärzte für Gutachten und Behandlungen zu finden.
Ich fühlte mich mit meinen Sorgen und Ängsten alleine gelassen. Ein Psychiater, den ich aufsuchte war mit meinem Problem nicht wirklich vertraut. Er schickte mich zu einem Psychologen, der meinte über mehrere Stunden mein längst bewältigtes Alkoholproblem bearbeiten zu müssen.
Ich hatte drei Jahre exzessiv getrunken, natürlich auch um meine Transsexualität im Zaum zu halten, war zu diesem Zeitpunkt allerdings bereits sechs Jahre trocken.
Um auszuprobieren ob es für mich möglich sein würde irgendwann als Frau zu leben, begann ich nun Veränderungen an mir vorzunehmen. Meinen dunklen und starken Bart entfernte ich mühevoll und schmerzhaft mit einer Pinzette, andere Körperbehaarung mit einem Epiliergerät. Geschminkt und mit gezupften Augenbrauen sah das Ergebnis gar nicht mal so schlecht aus.
Wir hatten damals einen VW-Bus mit kleiner Campingausrüstung. In dem konnte ich mich bei zugezogenen Vorhängen umziehen und stylen. So erschien ich dann nach wenigen Wochen bei einem Gruppentreffen als Frau. Das war in Ordnung und ich wurde herzlich aufgenommen. Trotzdem fühlte ich mich unter diesen Menschen nicht wohl. Frau Budzyn war die Chefin. Was sie sagte sprach aus jahrelanger Erfahrung und man sollte keine entgegengesetzte Meinung vertreten. Ich erfuhr im Verlauf weiterer Gruppentreffen, dass es in München noch eine zweite Selbsthilfegruppe dieser Art gab, nämlich die VIVA. Diese hatte Frau Budzyn ebenfalls gegründet. Sie wurde dort jedoch von der Mitgliederversammlung als Vorsitzende abgewählt, denn dort wollten einige die Dinge nicht so eng sehen. Für Zwischenlösungen war Frau Budzyn jedoch nicht zu haben. Sie hatte eine genaue Vorstellung davon wer sich als transsexuell bezeichnen darf und wer nicht. Deshalb verlies sie diese Gruppe und gründetet die NOVA.
Es war das erste mal, dass ich mich mit der Frage konfrontiert sah, wer darf sich als transsexuell bezeichnen und wer nicht. Ich konnte mit dieser Fragestellung nichts anfangen. Ich fand sie einfach nur dämlich.
Neugierig geworden suchte ich nun auch den Kontakt zur VIVA. Dort herrschte eine vollkommen andere Atmosphäre. Es waren dort Crossdresser, Zwitter die sich nicht einordnen lassen wollten. Menschen die sich dem anderen Geschlecht zugehörig fühlten aber nicht sicher waren ob medizinische Maßnahmen für sie das richtige wären und natürlich auch solche die den Weg mit allen Konsequenzen gehen wollten. Man konnte selber entscheiden wie und in welcher Bekleidung man die Gruppenabende besuchen wollte. Es gab auch die Möglichkeit sich erst dort umzuziehen und zu stylen, um sich in einem geschützten Raum auszuprobieren.
Ich fühlte mich dort auf Anhieb wohl, blieb viele Jahre Mitglied und durfte einige Projekte an Öffentlichkeitsarbeit mitgestalten.
Ein Projekt ist mir in besonderer Erinnerung. Wir bekamen von der Stadt München einen großen LKW-Ausstellungsanhänger geliehen. Dort konnten wir die Bilderserie des Projekts: "Walking in between" der Fotographin Ela Mergels zeigen. Sie hat Frauen und Männer fotografiert manchmal nur Details, z.B. Hände. Es gab keine Bildunterschriften oder Erklärungen. Die Betrachter wussten nur, dass Transgender und biologisch eindeutige Frauen und Männer zu sehen waren. Wen sie welcher Gruppe zuordnen sollen, mussten sie selbst entscheiden.
Die Ausstellung stand zunächst, am Christopher-Street-Day, in der Innenstadt am Marienplatz. Danach drei Tage vor der Universität und zuletzt drei Tage vor dem Kulturzentrum am Gasteig. Es waren immer zwei Leute unserer Gruppe anwesend um mit den Besuchern Gespräche zu führen. Beendet wurde das ganze mit einer Podiumsdiskussion im Vortragssaal des Kulturzentrums: "Geschlechtsidentität? "
Teil 2
Die Selbsthilfegruppe NOVA existiert schon lange nicht mehr. Wie, wann und warum sie sich aufgelöst hat entzieht sich meiner Kenntnis. Frau Budzyn hat sich ins Privatleben zurückgezogen. Die VIVA, in ihrer Lebendigkeit und Vielfalt, gibt es nach wie vor.
Ich bin 2013 auf dieses Forum gestoßen und mir hat die Buntheit und Vielfalt der hier Schreibenden sehr gefallen. Vor allem, dass jeder nach seiner Facon glücklich leben kann und soll. Dazu gehörte auch, dass es hier keine unnötige Diskussion um richtige Definitionen von leeren Worthülsen gab.
Ich habe wenige Monate mitgemacht dann waren wieder andere Dinge für mich wichtiger.
Vor einigen Monaten hat mich meine Vergangenheit eingeholt. Ich wurde um ein Interview für die Zeitschrift "Das Orchester" gebeten. Eine spezielle Fachzeitschrift für Orchestermusiker in der BRD. Eine Ausgabe sollte sich schwerpunktmäßig mit dem Thema Diversity im Klassikbereich befassen. Ich hatte zunächst keine Lust dazu. Ich lebe seit langer Zeit als Frau, die meisten Kollegen kennen mich nur noch als solche. Zudem habe ich einen Bekanntenkreis im ehrenamtlichen Bereich, der nichts von meiner Vergangenheit. Alles was gedruckt und veröffentlicht ist zieht Kreise.
Dann hatte ich doch ein Gespräch mit dem Journalisten, der mich interviewen sollte. Er hatte bereits fleißig recherchiert und einige Ungereimtheiten zutage gefördert. Er fand keine einzige lesbische Frau, die bereit war ein Interview zu geben. Die hatten alle Angst, Opfer von Mobbingattacken zu werden. Die Kollegin eines kleineren Orchesters wurde als transsexuelle Frau dazu genötigt, weiterhin im Frack aufzutreten. Letztendlich hat sie gekündigt.
Daraufhin habe ich beschlossen, das Interview doch zu geben. Ich wollte zeigen, wenn so etwas in einem Spitzenorchester im konservativen Bayern funktioniert, dann sollte es anderswo auch keine Probleme geben. Die Ausgabe erschien im Juni. Wenige Tage später konnte man in einer anderen Zeitung von der Geigerin des Bayerischen Staatsorchesters lesen, die früher ein Mann war. So schnell geht das.
In der letzten Zeit kommen Kollegen, auch aus anderen Orchestern, auf mich zu um Fragen zu stellen. Und jetzt bin ich wieder mittendrin in der Materie.
Plötzlich muss ich eine Antwort darauf finden, ob transsexuelle Menschen generell den Wunsch haben sich operieren zu lassen und solche Dinge. Es sind meist ernsthafte Fragen von Leuten, die darüber nachdenken und verstehen wollen, was unsereins dazu treibt unser Leben so radikal zu verändern. Menschen die darüber nachdenken ob es nicht auch Lösungen gäbe, die umkehrbar sind. Soll ich denen etwa erklären: " ja, die gibt es, aber! . . . die sind dann halt nicht richtig transsexuell."
Ich merke, dass ein Umdenken stattgefunden hat. Dass durchaus ein Verständnis dafür da ist, dass es nicht nur zwei Geschlechter gibt sondern fließende Übergänge.
Ich denke, dass sich meine Gesprächspartner mehr als wundern würden, wenn ich denen erklärte, dass unter uns Betroffenen eine Diskussion stattfindet, wer sich als transsexuell bezeichnen darf und wer nicht.
Was bin ich eigentlich? Bin ich ehemals transsexuell und jetzt 100% Frau.
Vielleicht hängt es auch davon ab wer fortpflanzungsfähig ist und wer nicht?
Meine Chromosomen werden ein Leben lang XY bleiben. Also doch höchstens 50%
Sollte ein Archäologe in 500 Jahren meine Knochen ausbuddeln wird er mein Skelett vermutlich als das eines Mannes identifizieren.
Nun denn, zu hundert Prozent weiblich gefühlt habe ich mich ein Leben lang.
Wie dem auch sei. Ich habe meinen Platz im Leben gefunden. Ich gehöre nicht zu denen, die ein Etikett benötigen um richtig katalogisiert zu werden.
Ich darf meinen Traum leben. Das genügt vollkommen.
I did it my way
Eure Daniela
Was bin ich? eine Frau? Eine Frau mit transsexueller Vergangenheit? Eine Frau die früher ein Mann war?
Eigentlich lauter Fragen, die mich nicht wirklich beschäftigen. Ich lebe seit mehr als 20 Jahren als Frau, meine GaOp liegt 19 Jahre zurück.
Als männlich konnte ich mich nie empfinden. Seit ich denken kann habe ich mich als Mädchen, bzw. Frau gefühlt. Im Kindergartenalter dachte ich immer noch ich hätte eine Wahlmöglichkeit. Bei Kinderspielen übernahm ich gerne eine weibliche Rolle, meist Mutter oder Hexe. Prinzessin war den "richtigen" Mädchen vorbehalten.
In der Schule musste ich leider feststellen, dass es für mich keine Wahlmöglichkeit gab. Damals waren die Klassen noch nach Geschlechtern getrennt. Ich fühlte mich unwohl und nicht glücklich zwischen den anderen Jungs.
Ich war etwa zwölf Jahre alt, da fand ich in einer alten Illustrierten einen Artikel über eine Geschlechtsumwandlung, reißerisch gemacht und mit Bildern. Die Frau, die ein Mann war. Dieser Satz blieb bei mir im Gedächtnis haften. Es war auch von einem Arzt die Rede (Dr. Burou), der in Casablanca Männer zu Frauen umoperiert.
Da die Zeitschrift bereits beim Altpapier gelandet war, nahm ich sie an mich und versteckte sie zwischen meinen Sachen.
Mein Entschluss stand fest. Wenn ich erwachsen bin, und genug Geld beisammen habe, werde ich mich nach Casablanca begeben.
Mein Leben verlief anders. Die Pubertät kam dazwischen und ich wandelte mich nun zu einem Mann, von dem ich mir nicht vorstellen konnte, dass er jemals als Frau wahrgenommen werden könnte. Ich war verzweifelt und flüchtete in die Musik. Eine tolle Rückzugsmöglichkeit. Dass ich als begabter Geiger dermaßen viel übte wurde natürlich von meiner Umgebung als äußerst positiv bewertet. Bereits im Alter von 21 Jahren bekam ich eine feste Anstellung als Musiker im Orchester der Bayerischen Staatsoper.
Mangels fachlich entsprechend guter Literatur, Internet gab es noch nicht, wusste ich nicht wirklich wie es um mich stand. In psychologischen Büchern über Sexualität, die ich mir in Bibliotheken zusammensuchte, fanden sich auch Ansichten, dass sexuelle "Abnormitäten" wie z.B. Homosexualität oder Transvestismus durchaus heilbar wären.
Dermaßen verunsichert, ging ich davon aus, dass meine "absurde" Vorstellung, im Inneren eine Frau zu sein, sich mit den Jahren verflüchtigen oder zumindest bessern würde.
Bewusst unterdrückte ich auch homosexuelle Phantasievorstellungen und Neigungen.
Ich lernte meine Frau kennen. Wir heirateten und bekamen vier Kinder.
Ich liebte meine Frau in der Hauptsache als Mensch. Kuscheln und Körperkontakt mit ihr war prima. Obwohl organisch alles funktionierte, war Sex für mich immer bäh. Meine Geschlechtsteile hasste ich.
Anfang der neunziger Jahre war ich am Ende, schwer depressiv hätte ich am liebsten mein Leben beendet. Ich verweigerte mich sexuell und deshalb kam es zu einer tränenreichen Aussprache mit meiner Frau. Ich konnte mich zum ersten mal einem anderen Menschen mit meinen tiefsten Geheimnissen offenbaren. Trotzdem meine Frau Verständnis zeigte, kam ich mir vor wie der letzte Lügner und Betrüger.
Wir beschlossen, dass ich mich unbedingt in psychiatrische Behandlung begeben sollte.
Meine Frau erinnerte sich zudem an einen kleinen Bericht in der Süddeutschen Zeitung über eine Selbsthilfegruppe NOVA (neues Leben) für Transsexuelle. Wir fanden den Artikel und es gab auch eine Kontakttelefonnummer dazu.
Teil 1
Vorsitzende der NOVA war Simone Yvonne Budzyn, und die Telefonnummer war ihre Private. Ich telefonierte mit ihr. Ich sollte einen Brief mit einem kurzen Lebenslauf und der Schilderung meines Problems an eine Postlageradresse schreiben und sie würde dann entscheiden, ob ich zu einem Gruppentreffen eingeladen werde. Ich wurde eingeladen.
Ich erwartete auf Menschen zu treffen, mit denen ich über meine dringendsten Probleme würde sprechen können. Mich bedrückte einiges und ich hatte viele Fragen. Ich spürte, dass ich als Mann so nicht mehr weiterleben konnte. Aber was wird aus meiner Familie, wie wird das mit meinen Kindern. Werden sie schaden nehmen, wenn sich der Papa irgendwann in eine Frau verwandelt? Wie wird es beruflich weitergehen? Wie ist die Rechtliche Lage?
Ich erschien zum Gruppenabend, jedoch nicht in Frauenkleidung. Das war ein Fehler. Frau Budzyn ist eine100% ehemals transsexuelle Frau. Diese Selbsthilfegruppe war nur für "wirklich" Transsexuelle, also solche die in absehbarer Zeit den Weg einer Hormontherapie und angleichenden Operation gehen wollen und Hilfe suchen um den Alltagstest zu bewerkstelligen, die Rat suchen um die entsprechenden Psychiater und Ärzte für Gutachten und Behandlungen zu finden.
Ich fühlte mich mit meinen Sorgen und Ängsten alleine gelassen. Ein Psychiater, den ich aufsuchte war mit meinem Problem nicht wirklich vertraut. Er schickte mich zu einem Psychologen, der meinte über mehrere Stunden mein längst bewältigtes Alkoholproblem bearbeiten zu müssen.
Ich hatte drei Jahre exzessiv getrunken, natürlich auch um meine Transsexualität im Zaum zu halten, war zu diesem Zeitpunkt allerdings bereits sechs Jahre trocken.
Um auszuprobieren ob es für mich möglich sein würde irgendwann als Frau zu leben, begann ich nun Veränderungen an mir vorzunehmen. Meinen dunklen und starken Bart entfernte ich mühevoll und schmerzhaft mit einer Pinzette, andere Körperbehaarung mit einem Epiliergerät. Geschminkt und mit gezupften Augenbrauen sah das Ergebnis gar nicht mal so schlecht aus.
Wir hatten damals einen VW-Bus mit kleiner Campingausrüstung. In dem konnte ich mich bei zugezogenen Vorhängen umziehen und stylen. So erschien ich dann nach wenigen Wochen bei einem Gruppentreffen als Frau. Das war in Ordnung und ich wurde herzlich aufgenommen. Trotzdem fühlte ich mich unter diesen Menschen nicht wohl. Frau Budzyn war die Chefin. Was sie sagte sprach aus jahrelanger Erfahrung und man sollte keine entgegengesetzte Meinung vertreten. Ich erfuhr im Verlauf weiterer Gruppentreffen, dass es in München noch eine zweite Selbsthilfegruppe dieser Art gab, nämlich die VIVA. Diese hatte Frau Budzyn ebenfalls gegründet. Sie wurde dort jedoch von der Mitgliederversammlung als Vorsitzende abgewählt, denn dort wollten einige die Dinge nicht so eng sehen. Für Zwischenlösungen war Frau Budzyn jedoch nicht zu haben. Sie hatte eine genaue Vorstellung davon wer sich als transsexuell bezeichnen darf und wer nicht. Deshalb verlies sie diese Gruppe und gründetet die NOVA.
Es war das erste mal, dass ich mich mit der Frage konfrontiert sah, wer darf sich als transsexuell bezeichnen und wer nicht. Ich konnte mit dieser Fragestellung nichts anfangen. Ich fand sie einfach nur dämlich.
Neugierig geworden suchte ich nun auch den Kontakt zur VIVA. Dort herrschte eine vollkommen andere Atmosphäre. Es waren dort Crossdresser, Zwitter die sich nicht einordnen lassen wollten. Menschen die sich dem anderen Geschlecht zugehörig fühlten aber nicht sicher waren ob medizinische Maßnahmen für sie das richtige wären und natürlich auch solche die den Weg mit allen Konsequenzen gehen wollten. Man konnte selber entscheiden wie und in welcher Bekleidung man die Gruppenabende besuchen wollte. Es gab auch die Möglichkeit sich erst dort umzuziehen und zu stylen, um sich in einem geschützten Raum auszuprobieren.
Ich fühlte mich dort auf Anhieb wohl, blieb viele Jahre Mitglied und durfte einige Projekte an Öffentlichkeitsarbeit mitgestalten.
Ein Projekt ist mir in besonderer Erinnerung. Wir bekamen von der Stadt München einen großen LKW-Ausstellungsanhänger geliehen. Dort konnten wir die Bilderserie des Projekts: "Walking in between" der Fotographin Ela Mergels zeigen. Sie hat Frauen und Männer fotografiert manchmal nur Details, z.B. Hände. Es gab keine Bildunterschriften oder Erklärungen. Die Betrachter wussten nur, dass Transgender und biologisch eindeutige Frauen und Männer zu sehen waren. Wen sie welcher Gruppe zuordnen sollen, mussten sie selbst entscheiden.
Die Ausstellung stand zunächst, am Christopher-Street-Day, in der Innenstadt am Marienplatz. Danach drei Tage vor der Universität und zuletzt drei Tage vor dem Kulturzentrum am Gasteig. Es waren immer zwei Leute unserer Gruppe anwesend um mit den Besuchern Gespräche zu führen. Beendet wurde das ganze mit einer Podiumsdiskussion im Vortragssaal des Kulturzentrums: "Geschlechtsidentität? "
Teil 2
Die Selbsthilfegruppe NOVA existiert schon lange nicht mehr. Wie, wann und warum sie sich aufgelöst hat entzieht sich meiner Kenntnis. Frau Budzyn hat sich ins Privatleben zurückgezogen. Die VIVA, in ihrer Lebendigkeit und Vielfalt, gibt es nach wie vor.
Ich bin 2013 auf dieses Forum gestoßen und mir hat die Buntheit und Vielfalt der hier Schreibenden sehr gefallen. Vor allem, dass jeder nach seiner Facon glücklich leben kann und soll. Dazu gehörte auch, dass es hier keine unnötige Diskussion um richtige Definitionen von leeren Worthülsen gab.
Ich habe wenige Monate mitgemacht dann waren wieder andere Dinge für mich wichtiger.
Vor einigen Monaten hat mich meine Vergangenheit eingeholt. Ich wurde um ein Interview für die Zeitschrift "Das Orchester" gebeten. Eine spezielle Fachzeitschrift für Orchestermusiker in der BRD. Eine Ausgabe sollte sich schwerpunktmäßig mit dem Thema Diversity im Klassikbereich befassen. Ich hatte zunächst keine Lust dazu. Ich lebe seit langer Zeit als Frau, die meisten Kollegen kennen mich nur noch als solche. Zudem habe ich einen Bekanntenkreis im ehrenamtlichen Bereich, der nichts von meiner Vergangenheit. Alles was gedruckt und veröffentlicht ist zieht Kreise.
Dann hatte ich doch ein Gespräch mit dem Journalisten, der mich interviewen sollte. Er hatte bereits fleißig recherchiert und einige Ungereimtheiten zutage gefördert. Er fand keine einzige lesbische Frau, die bereit war ein Interview zu geben. Die hatten alle Angst, Opfer von Mobbingattacken zu werden. Die Kollegin eines kleineren Orchesters wurde als transsexuelle Frau dazu genötigt, weiterhin im Frack aufzutreten. Letztendlich hat sie gekündigt.
Daraufhin habe ich beschlossen, das Interview doch zu geben. Ich wollte zeigen, wenn so etwas in einem Spitzenorchester im konservativen Bayern funktioniert, dann sollte es anderswo auch keine Probleme geben. Die Ausgabe erschien im Juni. Wenige Tage später konnte man in einer anderen Zeitung von der Geigerin des Bayerischen Staatsorchesters lesen, die früher ein Mann war. So schnell geht das.
In der letzten Zeit kommen Kollegen, auch aus anderen Orchestern, auf mich zu um Fragen zu stellen. Und jetzt bin ich wieder mittendrin in der Materie.
Plötzlich muss ich eine Antwort darauf finden, ob transsexuelle Menschen generell den Wunsch haben sich operieren zu lassen und solche Dinge. Es sind meist ernsthafte Fragen von Leuten, die darüber nachdenken und verstehen wollen, was unsereins dazu treibt unser Leben so radikal zu verändern. Menschen die darüber nachdenken ob es nicht auch Lösungen gäbe, die umkehrbar sind. Soll ich denen etwa erklären: " ja, die gibt es, aber! . . . die sind dann halt nicht richtig transsexuell."
Ich merke, dass ein Umdenken stattgefunden hat. Dass durchaus ein Verständnis dafür da ist, dass es nicht nur zwei Geschlechter gibt sondern fließende Übergänge.
Ich denke, dass sich meine Gesprächspartner mehr als wundern würden, wenn ich denen erklärte, dass unter uns Betroffenen eine Diskussion stattfindet, wer sich als transsexuell bezeichnen darf und wer nicht.
Was bin ich eigentlich? Bin ich ehemals transsexuell und jetzt 100% Frau.
Vielleicht hängt es auch davon ab wer fortpflanzungsfähig ist und wer nicht?
Meine Chromosomen werden ein Leben lang XY bleiben. Also doch höchstens 50%
Sollte ein Archäologe in 500 Jahren meine Knochen ausbuddeln wird er mein Skelett vermutlich als das eines Mannes identifizieren.
Nun denn, zu hundert Prozent weiblich gefühlt habe ich mich ein Leben lang.
Wie dem auch sei. Ich habe meinen Platz im Leben gefunden. Ich gehöre nicht zu denen, die ein Etikett benötigen um richtig katalogisiert zu werden.
Ich darf meinen Traum leben. Das genügt vollkommen.
I did it my way
Eure Daniela
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Anke
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Re: I did it my way
Hallo Daniela,
vielen Dank für deinen Beitrag.
Ich kann gut verstehen, dass Du dich erst einmal nicht äußern und dein Leben einfach weiterleben wolltest. Toll, dass Du dich trotzdem zum Interview durchgerungen hast.
Was die Stimmung in der Gesellschaft angeht, da kann ich dir nur beipflichten. Viele Menschen sind offen und interessiert, aus meiner Sicht ist es die große Mehrheit. Und da ist Aufklärung und Information aus erster Hand das Beste, was passieren kann. Deshalb finde ich, dass Du da einen wichtigen Beitrag geleistet hast.
Liebe Grüße
Anke
vielen Dank für deinen Beitrag.
Ich kann gut verstehen, dass Du dich erst einmal nicht äußern und dein Leben einfach weiterleben wolltest. Toll, dass Du dich trotzdem zum Interview durchgerungen hast.
Was die Stimmung in der Gesellschaft angeht, da kann ich dir nur beipflichten. Viele Menschen sind offen und interessiert, aus meiner Sicht ist es die große Mehrheit. Und da ist Aufklärung und Information aus erster Hand das Beste, was passieren kann. Deshalb finde ich, dass Du da einen wichtigen Beitrag geleistet hast.
Liebe Grüße
Anke
Sentio ergo sum. - Ich fühle, also bin ich.
Les femmes sont fortes quand elles sont feminines. (Coco Chanel)
https://www.transcuisine.com
Youtube: https://www.youtube.com/channel/UCQc7XaiWBuzchBQTnGRv80g
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Anne-Mette
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Re: I did it my way
Moin,
da kann ich Anke nur beipflichten.
Schönen Sonntag
Herzliche Grüße
Anne-Mette
da kann ich Anke nur beipflichten.
Dabei habe ich den Eindruck, dass "die Gesellschaft" in vielen Fällen offener ist als "die Community".Was die Stimmung in der Gesellschaft angeht, da kann ich dir nur beipflichten. Viele Menschen sind offen und interessiert, aus meiner Sicht ist es die große Mehrheit. Und da ist Aufklärung und Information aus erster Hand das Beste, was passieren kann. Deshalb finde ich, dass Du da einen wichtigen Beitrag geleistet hast.
Schönen Sonntag
Herzliche Grüße
Anne-Mette