Guten Tag zusammen,
ich hab' gestern auf dem Rückweg aus Hamburg überlegt, ob ich diesen Thread nochmal hervorhole oder nicht. So richtig gut gelaufen ist er ja nicht. Irgendwie sollten die Beiträge (Linas und meine) so aber auch nicht stehenbleiben, weswegen ich meine Eindrücke von dieser Veranstaltung doch hier schreibe (in der Hoffnung, dass damit vielleicht kritsch, von mir aus auch ablehnend, aber jedenfalls konstruktiv umgegangen wird).
Die Veranstaltung:
Gegen halb Sechs hatten sich ungefähr 200 Menschen auf dem Uni-Campus eingefunden. Es gab den üblichen 'Lauti' (Lautsprecherwagen) ein paar Transparente, Musik und gute Laune. Die Veranstaltung war ganz ordnungsgemäß angemeldet und wurde von der Polizei begleitet. Ganz überwiegend (fast ausschliesslich) waren junge Leute, bis etwa Mitte Zwanzig, gekommen, die zu verschiedenen 'linken' Gruppen gehören oder 'nur so', ohne Gruppe, links-liberale Ideen vertreten. Dafür schienen die vier Polizist_innen, die zunächst auf dem Campus waren, ziemlich wenige zu sein. Normalerweise rücken in Hamburg sehr viel mehr Polizist_innen an, wenn die 'Linken' zu einer Veranstaltung aufrufen.
Klaus in der Hängematte.jpg
Bild: Der kleine Klaus in der sozialen Hängematte, gehalten von vier jungen Damen
Dann gab's eine (für mich überraschende) Ansage vom 'Lauti', nach der für die Kundgebung ein Gang bis direkt vor das Haus der Germania-Burschenschaft genehmigt worden war. Das liegt rund 3km entfernt im Stadtteil Winterhude. Rund zweihundert 'Linke', eine Ultrarechtsaussen-Burschenschaft und nur vier Polizisten? Denkste. Nach dem der Zug den Campus verlassen hatte, wurde er von mehreren Mannschaftswagen und Motorrädern der Polizei begleitet. Die standen vorher an der Ecke zur Rothenbaumchaussee, über die der Zug sich um die Aussenalster herum aufmachte.
Das Haus der Burschis in der Sierichstrasse war einseitig so abgesperrt, dass die Besucher zu Pirinccis Lesung gehen konnten, ohne durch die Menschengruppe auf der Strasse hindurchgehen zu müssen. Am Balkon des Hauses wehte die schwarz-rot-goldene Fahne; meine Fahne, die für ein offenes, liberales Land steht, nicht für Hetze und Feindlichkeit. Es passte daher, dass die Burschen zu doof waren die Fahne richtigherum aufzuhängen, der goldene Streifen hing oben. Ein paar von denen zeigten sich an Fenstern und auf dem Balkon. Sie sehen ja irgendwie putzig aus, mit ihren, wahrscheinlich bei der Strassenbahn abgeguckten, Schaffnermützen. Das was darunter stattfindet, unter den Mützen, ist nicht putzig.
Vor dem Haus gab es ein paar Redebeiträge über Pirincci, über die Burschischaften und über Sexismus, Homophobie und Intoleranz im Allgemeinen und im Besonderen. Ab und zu kamen Buhhhh-Rufe auf. Immer dann ging jemand die Treppe zum Burschenhaus hoch, um die Lesung von Pirincci zu besuchen. Sehr oft musste nicht gebuht werden, allzuviel Publikum hatte der kleine Akif an diesem Abend nicht. Lauter Beifall kam auf, als am Balkon einer gegenüberliegenden Wohnung von den Bewohnern eine Regenbogenfahne aufgehängt wurde. Noch viel mehr Beifall bekam eine Anwohnerin. Sie kam zum Lauti und rief den Burschen per Mikrofon zu, sie seien "nur peinlich", wenn sie vom Balkon herunter, plump und sexistisch "Frauen anquatschen". Sie bot auch an einen Vortrag über erfolgreiches Flirten vor den Burschis zu halten. Gelächter und Beifall.
Kurz nach Acht gab's noch eine kleine Aktion als Abschluss. Vor der Bude der Homo-, Xeno- und Transphoben drückten und küssten sich Menschen aus verschiedenen Ländern und unabhängig von irgendwelchen Geschlechtskonstrukten. Um kurz nach Neun war die Veranstaltung zu Ende und die Absperrgitter waren wieder weggeräumt.
Meine Ansicht:
Die Veranstaltung richtete sich gegen Homophobie und Fremdenfeindlichkeit, gegen Antifeminismus und Sexismus und sie richtete sich gegen Transphobie. Zweihundert Leute sind
auch für unser Thema auf die Strasse gegangen, um auf die widerlichen Thesen Pirinccis aufmerksam zu machen und deutlich zu machen, wo und von wem Typen wie ihm ein Forum geboten wird. 'Wir' waren dabei kaum zu sehen.
Es gibt Tausend gute Gründe, warum es gestern nicht möglich war dabeizusein (keine Ironie). Aber es gibt auch Tausend Gelegenheiten doch mal dabeizusein, sich selbst einzubringen, anstatt eine wichtige, eigentlich gesamtgesellschaftliche Aufgabe diesen jungen Leuten zu überlassen. Leuten, die man aus der 'Mitte' gern auch mal als 'linke Chaoten' bezeichnet und sie, unzulässig pauschalisierend, mit Krawallen und Straftaten in Verbindung bringt. Gestern waren da keine Chaoten auf der Strasse. Da waren Menschen, die engagiert für Freiheit und Gleichheit eintreten; und für uns.
Ich bin nicht blind oder naiv genug, um nicht zu wissen, dass es auch andere Leute im linken Spektrum gibt. Deren Verhalten lehne ich uneingeschränkt ab! Und trotzdem (oder grade deswegen) wäre es gut und wichtig, wenn wir, die sogenannte Mitte, uns endlich selbst sichtbar neben die Menschen stellen, die auch für unsere Anliegen eintreten. Es ist ein anderes, besseres Signal, wenn zwischen den jungen Engagierten auch Menschen 'gesetzteren Alters' und mit 'bürgerlicher Erscheinung' zu sehen sind. Es ist zu billig, wenn man die Vertretung der eigenen Anliegen und die Sichtbarmachung derer die dagegen hetzen ignoriert oder anderen überlässt.
Was mir noch wichtig ist:
Mir persönlich würde ein Kreidestrich auf der Strasse zur räumlichen Trennung der gegensätzlichen Überzeugungen ausreichen. Ich weiss aber auch, dass das (auf beiden Seiten) nicht für alle gilt. Deswegen finde ich es wichtig und dankenswert, dass unsere Polizei die öffentliche Darstellung von Überzeugungen ermöglicht und von Gewalt frei hält, obwohl das ein ziemlich mieser Job ist. Dafür zahle ich gern Steuern und dafür bedanke ich mich jetzt hier.
Habt es gut, einen frohen zweiten Advent wünscht
Marielle
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