Marginalisierte Männlichkeiten
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Marielle
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Re: Marginalisierte Männlichkeiten

Post 1 im Thema

Beitrag von Marielle »

Guten Morgen Mo,

da hast du ein interessantes Fass aufgemacht.

Dem Anschein nach ist es so wie du schreibst, dass es wesentlich mehr MzF als FzM-Transgeschlechtlichkeit gibt. Aber stimmt es wirklich, dass Transmännlichkeit marginalisiert ist bzw. wird?

Dein Beispiel vom CSD trifft schon ganz gut den Kern: Du schreibst dazu, dass dort eine "bestimmte Form von Trans*-Weiblichkeit" sichtbar ist. Sichtbarkeit hat etwas mit Expression, mit Aussendarstellung und -wirkung zu tun, weshalb Sichtbarkeit m.E. kein guter Maßstab für das Vorhandensein von etwas ist. Am Beispiel von CSD-Paraden könnte man z.B. auch manche Ausprägung von Transweiblichkeit für marginalisiert halten.

Q-Chromosom hat geschrieben:Und Frauen die gerne als Männer rausgehen? Wo sind die? Warum so unsichtbar?
Liegt es daran, dass wir in einer patriarchal-geprägten Gesellschaft leben?
Warum ist Crossdressing so krass von Mann zu Frau konnotiert? (warum wird nicht über frauen geschrieben, die gerne boxershorts tragen?)
Es wurde reichlich über Frauen in Hosen geschrieben und auch gegen sie gewettert; allerdings zu einer Zeit, in der es noch keine Boxershorts gab. Sie haben sich aber seither ein gutes Stück weit davon frei gemacht, sich über Kleidung und Verhaltensweisen zu definieren oder sich darüber und überhaupt definieren zu lassen. Von einem ähnlichen Stand sind 'die Männer' noch ziemlich weit entfernt.

Q-Chromosom hat geschrieben:Warum sind trans*-Männlichkeiten so krass marginalisiert?
Sind das wirklich? Oder ist Transmännlichkeit heutzutage mit deutlich weniger Reibung in das Sozialgefüge einpassbar, weil 'die Frauen' sich, aus der (kollektiven) Erfahrung der negativen Wirkung von Zuweisungen und Anforderungen, von der Notwendigkeit einer (über-)deutlichen Aussendarstellung frei gemacht haben? Soll heissen: Transmännlichkeit, verbunden mit dem Erleben einer weiblichen Sozialisation, ermöglicht vielleicht einen ganz anderen Umgang mit der Transgeschlechtlichkeit, als männlich sozialisierte Transweiblichkeit. Und zwar sowohl im individuellen Handeln, indem ein Transmann weniger expressiv sein kann, als auch durch gesellschaftliche Reaktionen, durch die einem Transmann die Zuweisung 'trans' erspart bleiben kann und er dadurch quasi unsichtbar wird.


Ich glaube, das Ganze hat viel mehr mit individuellen Erlebenshintergründen und gesellschaftlichen Standards und Denkmustern, als mit aktiver Marginalisierung zu tun. Und wenn das so sein sollte (auf die Reaktionen und Argumente dazu bin ich gespannt): Wäre dann die 'männliche Emanzipation' die notwendige Bedingung für eine positive Nicht-Sichtbarkeit von Transweiblichkeit? Was würde es bedeuten, wenn sich 'die Frauen' und 'die Männer' emanzipiert hätten?

Habt es gut

Marielle

PS: Die winzige Schrift kann ich nichtmal mit einer Brille lesen ;)
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Re: Marginalisierte Männlichkeiten

Post 2 im Thema

Beitrag von Anke »

Hallo,

zum Teil ist das sicher eine Frage der Wahrnehmung. Hier im Forum ist FTM sicher unterrepräsentiert. Auch wenn das Forum offen ist, MTF dominiert.

Das finde ich auch gar nicht überraschend. Die konkreten Themen sind ja unterschiedlich und zum Teil genau gegensätzlich.

Beim Waldschlösschentreffen im August bot sich mir da ein ganz anderes Bild. MTF und FTM waren da ziemlich gleich stark vertreten. Und mit Balian Buschbaum ist ein Transmann eine der bekanntesten Transsexuellen in Deutschland.

Mein Eindruck ist jedoch, dass in den Köpfen vieler Menschen das Thema Trans im wesentlichen mit MTF verknüpft. Wenn ich in Gesprächen von Transmännern spreche, dann gibt es häufig Äußerungen wie: ach ja, das gibt es natürlich auch.

Ich denke nicht, dass es dabei um Marginalisierung geht. Viele Frauen kleiden sich männlich bzw. unisex. Damit fallen weibliche Crossdresser und Transmänner kaum auf. Vor hundert Jahren wäre das sicher anders gewesen.

Umgekehrt fallen viele von uns allein deshalb auf, weil sie klar weiblich konotierte Kleidung tragen. Wenn ich durch die Stadt (Stuttgart) laufe, dann gibt es dort nur wenige Frauen, die Röcke und Kleider tragen.

Ich finde es gar nicht tragisch, dass das so ist. Ich könnte mir gut vorstellen, dass die FTM's mit dieser Anonymität sogar recht zufrieden sind.

Liebe Grüße

Anke
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Re: Marginalisierte Männlichkeiten

Post 3 im Thema

Beitrag von Beatrix »

Das Transmänner hier unterrepräsentiert sind, denke ich, liegt wohl hauptsächlich am Namen des Forums. Crossdressing wird im allgemeinen mit TzF/MtF in Verbindung gebracht.
In meiner SHG ist das Verhältnis MtF zu FtM annähernd gleich.

Grüße

Beatrix
Nachdem Gott mich geschaffen hatte, sagte er: "Ups, da ist mir doch
ein Fehler passiert. Na egal, den müssen andere wieder ausbügeln. :-)"
ab08
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Re: Marginalisierte Männlichkeiten

Post 4 im Thema

Beitrag von ab08 »

Hallo,

seh ich ähnlich. Beim Stammtisch und ähnlichen Veranstaltungen treffe ich auch Transmänner.
In Foren, wo es um transsexuelle Frauen,CD etc. geht, sind sie, da die Situation / Interessenlage anders ist, selten vertreten.
Die GAOP ist langwieriger / komplizierter - Die öffentliche Akzeptanz ist eher gegeben - ...

LG
Andrea
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Marielle
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Re: Marginalisierte Männlichkeiten

Post 5 im Thema

Beitrag von Marielle »

Hallo Mo,
Dir ist klar, dass ich nicht Meine, dass das den Tatsachen entspricht, sondern, dass es um Sichtbarkeit, Um Wahrnehmung (auch von Interessen und Problematiken) geht, oder?
Ich war wirklich nicht ganz sicher, wie du das meinst. Aber egal, das Thema wird ja kein anderes, je nach dem ob es mehr oder weniger FzM als MzF oder gleich viele gibt. Andererseits hat es aber vielleicht doch eine Bedeutung (siehe unten).
Du meinst also, weil Frauen sich in eine patriarchale Norm gefügt haben, haben transmännliche Personen es leichter? (überspitzt) (ich glaube das meinst du nicht, aber so lese ich es)
Ich meine genau das Gegenteil von dem was du liest. Weil viele Frauen sich schon mal mehr oder weniger weitgehend von etwas (der patriarchalen Norm) emanzipiert haben, könnte es ihnen vielleicht besser gelingen, ihre Kinder (zu denen Transmänner, die zunächst mal einer weiblichen Sozialisation unterliegen, ja auch gehören) dahingehend zu 'ertüchtigen', dass sie mit einer Transgeschlechtlichkeit besser (und unauffälliger) umgehen können, als es zunächst männlich sozialisierte Trans*Menschen können.

Das ist auch vielmehr eine These und keine Tatsachenbehauptung. Es kann sein, dass die These falsch ist. Ein einzelnes Gegenbeispiel (das von Seth) führt aber erstmal nicht zum Gegenbeweis, weil es sowieso keine Absolutheit in der Individualität menschlichen Handelns und Behandeltwerdens gibt.
Marginalisierung passiert selten durch Aktivität, sondern ist aktiv durch Passivität und das Übergehen des Vorhandensein ....
Ich weiss wie Marginalisierung funktioniert. Ich habe aber ein ziemliches Problem mit dem Begriff, wenn er 'alleinstehend' verwendet wird. Ob nun aktiv oder passiv, es muss irgendjemand etwas tun oder bewusst lassen, damit es eine 'aktive' (sprich: bewusste oder absichtliche) Marginalisierung gibt. Es gehört aus meiner Sicht dazu, dass man Personen, Gruppen oder Umstände benennt, die irgendjemanden oder irgendetwas marginalisieren. Als eine Art Gegenbeispiel: Ich kann sagen, dass bärtige Ü40 - Trans*menschen mit einer Vorliebe für einen verspielten Kleidungsstil in diesem Forum (und überhaupt in der ganzen Welt) völlig marginalisiert werden. Immerhin gibt es hier keinen speziellen Forenbereich für diese Leute, es kümmert sich niemand um deren Rechte, die Modeindustrie produziert keine Spitzenhöschen mit Eingriff und es gibt in LGBTQIA nichtmal einen eigenen Buchstaben für diese Menschen. Das träfe aber doch nicht den Kern der Sache?

Wenn es benennbare Menschen oder Zustände gibt, die Transmänner von der Teilhabe am Forum abhalten oder sie mehr als andere Trans*menschen in der Gesellschaft behindern, bin ich gern bereit speziell dagegen zu streiten. Ich bin aber der Meinung, dass sich jeder Mensch und jede Gruppe ein Stück weit selbst zu Wort melden muss, damit sie wahrgenommen werden KANN. Das sichTransmänner weniger gut zu Wort melden können als andere Minderheiten und das dadurch eine absichtliche Marginalisierung herbeigeführt wird, kann ich nicht erkennen. Aber vielleicht übersehe ich etwas; dann sag es mir bitte.
Was fasst Du unter Emanzipation?
Alles das, womit Menschen sich aus Abhängigkeiten und Bevormundungen befreien.

Das ist auch der Aspekt den ich oben meinte (wo ich schrieb:'siehe unten'). Ich gehe davon aus, dass zumindest der Umgang mit der eigenen Transgeschlechtlichkeit eines Menschen ziemlich deutlich durch die soziale Prägung dieses Menschen (mit-)bestimmt wird. Wenn eine Transgeschlechtlichkeit also auf einen Menschen trifft, der durch seine Sozialisierung gelernt hat, sich von Abhängigkeiten frei zu machen (hier Transmänner), dann kann das (Achtung: THESE) m.E. dazu führen, dass dieser Umgang weniger auffällig, weniger expressiv stattfindet, als bei anders sozialisierten Menschen (hier Transfrauen). Und Unauffälligkeit sieht aus wie Marginalisierung, ist aber nicht immer eine solche.

Und dazu noch 'ne These bzw. Frage: Könnte es sein, dass es tatsächlich weniger selbstidentifizierte transmännliche als transweibliche Menschen gibt, weil manche von den transmännlichen ihre Emanzipationserfahrung so gut umsetzen können, dass sie sich selbst nicht als transmännlich erkennen oder bezeichnen?

Hab es gut

Marielle
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