Ha, ein guter Punkt, Marielle! Wie du weißt, gehöre ich nicht zu denen, die die Vergangenheit ein für allemal abschließen wollen. Ich bin 53 Jahre alt und habe ein soziales, privates, berufliches Leben geführt. Und das führe ich jetzt fort. Für manche sieht es so aus, als sei ich ein neuer Mensch, den sie noch gar nicht kennen. Das sorgt für Irritationen, Misstrauen,aber auch für Empathie, Verständnis und Lerneffekte.Es ist der Versuch, die wunderbaren Möglichkeiten sichtbar zu machen, die die Anerkennung der eigenen Erfahrungen bietet.
Was bin ich für diese Menschen? Wie würden die mich nennen, einordnen? Damit schließt sich der Kreis zu unserem Thread hier. Die meisten können mit unseren Begrifflichkeiten nichts anfangen. Wozu auch? Wenn ich denen sage, ich bin eine Frau, können sie mir das glauben oder mit mir ins Gespräch kommen. Wenn sie das ablehnen, drehe ich mich um und gehe meiner Wege. Denn eines habe ich in den letzten zwei Jahren gelernt: Geschlecht ist immer wahr! Das gilt für die Aussage über mich genauso wie dafür, was mien Gegenüber von sich sagt. Und um mal eine Formulierung aus dem Umfeld zu zitieren: Es gibt ein Wissen um das Geschlecht, das jede Person besitzt, das ist mehr als ein Gefühl.
Ach ja, die wunderbaren Möglichkeiten ... Ja, ich habe Erfahrungen und Sichtweisen, die viele Menschen, die immer ihrem Geschlecht gemäß gelebt haben, nicht haben. Darauf bin ich nicht stolz, das macht mich nicht zu einem besseren Menschen, aber vielleicht hilft das dabei, ein relativ abgeklärter und toleranter, auch nachsichtiger Mensch zu sein. Allerdings: Ich bin sicher nicht die Einzige, die diesen Aspekt während der Transition aus den Augen verloren hat. Wir wollen ja nur vorwärts, weiter, nachdem wir uns endlich den Startschuss gegeben haben. In zwei, drei Jahren werde ich dies wohl als wertvoller empfinden. Insofern gebührt dir, Marielle, Dank dafür, dies noch mal in Erinnerung gbracht zu haben.
Zu einer Minderheit zu gehören ist ja nun nichts Neues für uns - das muss nicht schlecht sein. Aber im Ernst: Dieses Forum ist so heterogen besetzt, und hier stoßen sich so viele Interessen im Raum, dass mich das nicht wundert. Erfreulicherweise stoßen neue Menschen zu uns, aber für die geht es erst mal vielleicht vor allem darum, mit sich selbst ehrlich zu kommunizieren, bevor sie nach außen zeigen, wer oder was sie sind. Ich habe mit 49 Jahren zum ersten Mal in meinem Leben mit einem anderen Menschen ehrlich über mich gesprochen - ich sollte also ganz still sein, was das betrifft.Ich stelle mir des öfteren und soeben auch die Frage, warum sich eigentlich so wenige an diesem Thread beteiligen?
Kann es sein, dass das Kommunizieren nach außen auch hier im Forum ein echtes Minderheitenproblem darstellt?
Nichtsdestotrotz sollten es nicht nur immer die gleichen Menschen sein, die im Forum sich austauschen, sonst drehen wir uns zu sehr im Kreis.
Vivian