Guten Tag Rosi_, Hallo zusammen,
Tatsächlich brauchen wir nicht davon ausgehen, dass wir gesellschaftlich mit völlig uninformierten Menschen zu tun haben. Es ist der erste Fehler zu glauben, man müsse die Sachverhalte möglichst vereinfacht und allgemein darstellen.
Ein kleines bisschen weiter oben waren es für dich noch "
weite Teile der Gesellschaft (die) uns als "anders" (gestört, abartig ...) betrachten.". Auf einer dermassen instabilen Beurteilungsgrundlage willst du sinnvolle Kommunikationskonzepte entwerfen? Es wäre sicherlich besser, erstmal zu klären, wie die anzusprechende Zielgruppe beschaffen ist; sonst wird das nix.
Der zweite Irrtum ist es, möglichst unter einem diffusen einheitlichen Verständnis von "Vielfalt" einen Toleranzteppich erzeugen zu wollen, unter den alles "Andere" fallen kann. So etwas kann letztlich nur dem Ansatz folgen:"Es ist mir egal was der Andere macht".
Nee nee, Rosi, das ist kein Irrtum. Es ist der einzig nachhaltige Ansatz. Man muss nur das, aufgrund eines offensichtlichen Interesses eingefügte, Adjektiv "diffus" und den diskreditierenden Duktus *, ausgedrückt durch den Begriff "
Toleranzteppich", weglassen, um das zu erkennen. So ganz nebenbei wird dann auch das eigentliche Ziel deines Vortrages deutlich.
Du streitest eben nicht für eine umfassende, so breit wie ein Teppich ausgelegte Toleranz, die sich an den Grundsätzen des menschlichen Miteinanders orientiert, sondern für einen Minoritätsstatus, der wenig mit eigener Toleranz, aber viel mit Ansprüchen an Andere, an die Gesellschaft, zu tun hat. Sicher: Man muss Forderungen formulieren und dafür streiten, damit sie gesamtgesellschaftlich umzusetzen sind; so funktioniert das nun mal. Aber versuch' nicht dauernd der Community das als Toleranz zu verkaufen, was der, ziemlich egozentrische, Anspruch einer Teilgruppe ist. Einer Teilgruppe, die viele Forderungen definiert hat, sich aber weigert, die individuellen Gewissheiten anderer Menschen, innerhalb und auch ausserhalb der Community, anzuerkennen.
Nur wenn wir dies nicht tun, uns nicht mitteilen, sind wir nach außen ein schwammiger Brei aus lauter Spinnern, wobei der Eine, eine größere Macke hat, als der Andere — einfach weil sich diese zu tolerierende Vielfalt, aufgrund der undefinierten Unterschiede, offensichtlich laufend in sich widerspricht.
Jaja. Klingt gut, basiert aber auf einer sachwidrigen Behauptung: Vielfältige Individualität widerspricht sich nicht in sich, wenn man nicht versucht sie zu normieren

Abgesehen davon willst du nicht die zu tolerierende Vielfalt erklären, sondern eine Teilgruppe separieren. Da liegt das Problem, von dem du so wenig elegant ablenken willst.
Erinnerst du dich daran, dass du Menschen wie mich vor nicht allzulanger Zeit als '
Freaks, die deinetwegen auch einen Penis auf der Stirn tragen dürfen' bezeichnet hast? Daran, dass du andere '
abgestumpft' genannt hast? Daran, das du anderen pauschal unterstellt hast, uns als '
abartig' anzusehen? Sollen wir darauf, hinsichtlich Toleranz, Anerkennung und Erklärlichkeit individueller Identität und Persönlichkeit, nochmal eingehen?
.... wird es keine gemeinsame Community geben.
So sieht es dann, leider, wohl aus. Es wird zwei Strömungen geben. Die eine, die sich für breite gesellschaftliche Toleranz und das Wohlergehen aller einsetzt, die tatsächlich nach Kommunikation und den besten Wegen und Begriffen dazu strebt, und die andere, deren Selbstverständnis-Äusserungen weiterhin mit
'Wir fordern...' beginnen und darüber auch nicht hinauskommen. Nur in ersterer wird es keine Frage der Ausprägung der Selbstgewissheit sein, ob man dazugehört oder nicht.
Man wird sich irgendwann entscheiden müssen, ob man zu einer dieser Strömungen gehören möchte, zu welcher man dann gehören möchte, oder ob man lieber gar keine Stellung bezieht. Letzteres hat natürlich den Vorteil, weiter darüber jammern zu können, wie schlecht doch alles ist.
Habt es gut
Marielle
(die nicht wirklich darüber verwundert ist, wie wenig Menschen hier um den besten Weg streiten, es aber doch bedauert)
*) Hattest du nicht neulich noch über die bösen, bösen Herrschaftstechniken in der Sprache referiert?
