TS - berufliche Outing Strategie?
TS - berufliche Outing Strategie? - # 5

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ab08
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Re: TS „ berufliche Outing Strategie?

Post 61 im Thema

Beitrag von ab08 »

@Anne-Mette mit Deinem Hinweis hast Du völlig Recht!
nicole.f hat geschrieben:...Menschen, die aber einen völligen Wechsel der Rolle in Erwägung ziehen, kann ich nur dringend raten, überlegt Euch das sehr gut!...
Danke, liebe Nicole, für Deine Warnungen, die ich ausdrücklich unterstreiche!! (ap)

Übrigens auch wenn es vielleicht "von Außen' anders aussieht... (Vieles kann ich eben zumindest momentan hier nicht schreiben.) - Natürlich passiert auch bei mir immer wieder was.
Wie manche Betriebe, Personen, die einen Betriebsrat gründen wollen, Schwierigkeiten machen, gibt es eben auch in anderen Bereichen Möglichkeiten, Betroffenen, den Alltag mehr oder weniger angenehm zu gestalten... Andererseits seh ich mich als Aktivistin, bin organisiert, da betrachtet frau/man Ungerechtigkeiten auch als Munition, um Ziele zu erreichen. Natürlich kommt auch oft unerwartete Unterstützung... Aber hilfreich und nötig ist doch eine gewisse psychische und physische Stabilität, denn frau/man muss einiges aushalten...

Liebe Grüße
Andrea(ab)
Zuletzt geändert von ab08 am Fr 16. Jan 2015, 20:12, insgesamt 3-mal geändert.
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Elfy Adorabella
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Re: TS „ berufliche Outing Strategie?

Post 62 im Thema

Beitrag von Elfy Adorabella »

Hallo Nicole,
danke für deinen Beitrag (smili) , dieser hat mich doch nochmals zum Nachdenken bewegt, mir deutlich gemacht dass es doch ein großer Schritt ist. Du hast es sehr treffend gesagt, dass die Angst oder Bedenken dazu helfen die Sinne zu Schärfen, mich ins Grübeln bringen und helfen mich auf meinem Weg nicht zu 'verlaufen' sondern das Wichtige zu sehen.
Ich bin zudem gerade am Anfang meiner Karriere, was es vielleicht etwas einfacher macht, etwas zu planen und Dinge im voraus zu überdenken bevor es passiert. So will ich bei meinem zukünftigen Arbeitgeber, wenn ich dann mal nen Job finde, von vornherein mit offenen Karten spielen sodass dieser gleich weiß was auf ihn zu kommt - mal sehen ob es so klappt wie ich es mit denke. Von daher sind solche Erfahrungsberichte wie der von Vivian sehr wertvoll für uns "Jüngeren", aber auch für andere, einfach um mögliche Szenarien zu bedenken.
Marielle
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Re: TS „ berufliche Outing Strategie?

Post 63 im Thema

Beitrag von Marielle »

Hallo Vivian, Nicole, Guten Abend zusammen,

dein Beitrag, Nicole, und Vivians ehrliche, offene Beschreibung ihrer Situation, gehört für mich zum Besten, was das Internet zu diesem Thema hergibt. Zusammen passt es zu dem, was man 'draussen' von den Menschen erzählt bekommt und mit ihnen erlebt; und auch zu dem, was man mit sich selbst erlebt. Es ist wohl ein Teil der ausführlichen Beschreibung dessen, was der ehemalige Kollege Vivians über sich selbst in dem CuW-Artikel schon so wunderbar, offen und ehrlich, schrieb: "Bekommt der Spießer in mir jetzt die große Flatter? Dabei dachte ich, ich sei tolerant."

Ich stimme dir zwar erstmal nicht ganz zu, wenn du sagst, "dass es doch eher an den anderen, als an uns selbst oder den Begleitumständen liegt", weil wir es sind, die die Anforderungen an die anderen Menschen verursachen bzw. auslösen*. Damit haben wir m.E. auch eine Aufgabe, eine Verantwortung, die wir nicht, wie es so häufig geschieht, einfach mit der Forderung nach Toleranz erledigen können, sondern für die auch wir Anstrengungen unternehmen müssen. Aber das hast du auch umfassend beschrieben, was deinen Beitrag, zusammen mit dem von Vivian, so positiv hervorhebt. Klasse!

liebe Grüße

Marielle


*) jedenfalls aus deren Sicht und Erfahrungshintergrund betrachtet
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Bianca D.
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Re: TS „ berufliche Outing Strategie?

Post 64 im Thema

Beitrag von Bianca D. »

Moin Nicole,

manchmal sind viele Worte einfach nicht genug. Drum fasse ich mich kurz und sage dir: Danke für deinen letzten Beitrag! Auf FB würde ich dafür den "Gefällt mir" drücken,hier gibt es den Applaus Smilie (ap) (yes) .
Mögen alle,die angesprochen sind,diese Zeilen beherzigen!

LG Bianca
Ick wees nüscht,kann nüscht,hab aba jede Menge Potenzial
Inga
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Re: TS „ berufliche Outing Strategie?

Post 65 im Thema

Beitrag von Inga »

Liebe Vivian,

o je, was ist denn dir passiert? Das ist übel. Und mir geht es so, wie Änne-Mtte schrieb: Danke dir, dass du so offen auch von den schwiwerigen Seiten hier schreibst. Das gehört zum Forum dazu. Ich hoffe, du hast dich in den letzten Tagen von dem im wahrsten Sinne des Wortes Niederschlag deiner ehemaligen Bürokollegen etwas erholen können. Und vielleicht konntest du zu dem Scherbenhaufen auch schon ein Stück Distanz aufbauen.

Was ich noch so merkwürdig finde, dass dies genau ums Jahresende passierte. Hat das vielleicht auch damit zu tun, dass die Geschäfte nicht mehr so gut laufen, der Ertrag von 2014 im Jahresabschluss geringer war als erwartet - ja und dann wird als erstes die Frau des Ladens herauskatapultiert (heraus gemobbt ist ja noch zu harmlos) Lass es mich so sagen, du erlebst etwas, wovon nicht nur viele TS erzählen, sondern auch, wovon viele Frauen erzählen: Abserviert werden in der Männergesellschaft.

Nun aber wünsche ich dir, dass du wieder Grund unter den Füßen findest, neu anzufangen. Und insgeheim hoffe ich, vielleicht liest hier jemand von dir, der deine qualitäten (er)kennt und nach deiner Mitarbeit anfragt. Ein bisschen mag ich an Wunder glauben.

Ich drücke dir jedenfalls ganz gründlich den Daumen, dass es weiter geht!- und dass es dir gut geht.

Liebe Grüße
Inga
Vivian Cologne
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Re: TS „ berufliche Outing Strategie?

Post 66 im Thema

Beitrag von Vivian Cologne »

Es ist gut und wichtig, dass sich dieser Thread so weiterentwickelt. Oft findet die Entscheidung "Mach ich's oder mach ich' nicht" im stillen Kämmerlein statt. Wir horchen auf die innere Stimme in uns, wägen ab und entscheiden.

Und diese Entscheidung nimmt uns keiner ab. Ein guter Therapeut stellt die richtigen Fragen, die guten Freunde hören uns stundenlang zu und sind oft ratloser als wir, in SHGs oder Foren prasseln so viele unterschiedliche Stimmen auf uns ein.

Als ich im Frühjahr schwankte, ob ich den Weg gehe, habe ich versucht, vernünftig zu entscheiden. Ich habe überlegt, was ich aufgebe, was ich gewinne. Alles jeweils als Projektion in die Zukunft, denn wie Nicole schreibt, oft kommt es anders, als man denkt. Mein Ex-Geschäftspartner hat im Frühjahr bemerkt, dass ich wohl auf dem Sprung sei, und mir empfohlen, dann auch zu springen. Boshaft könnte ich jetzt sagen, das habe ich nun davon. Aber im Grunde hatte er recht. Er kennt mich seit 30 Jahren und weiß, dass ich immer gezögert und gezaudert habe. Mir war bewusst, dass die Entscheidung für den Trans-Weg die weitreichendste und wichtigste meines Lebens sein würde. Richtungweisend für die nächsten Jahrzehnte. Und zwar im beruflichen, privaten, sexuellen, psychischen Bereich.

Ich hatte es im Grunde leichter mit der Entscheidung als viele hier. Ich hatte wenig zu verlieren, keine Familie mit Kindern, keine Ehefrau, kein Häuschen, kein Dienstwagen, keine Festanstellung. Ich bin nur für mich verantwortlich und arrangiere mich jetzt mit den Folgen meiner Entscheidung. Die ich übrigens keine Minute bereut habe!

Hätte sie auch ansders ausfallen können. Ich musste mich erst monatelang in der privaten weiblichen Rolle erproben, um sicher zu sein, dass ich transident bin und mein Leben ändern möchte. Vor zwei Jahren hätte ich das vehement abgestritten. Erst in der Retrospektive wird mir klar, wie viel in meinem Leben schiefgegangen ist, weil ich den Weg nicht viel früher eingeschlagen habe. Aber viele von uns macht das Aufschieben krank, bringt sie an den Rand ihres Lebenswillens oder darüber hinaus.

Was können wir tun? Es tut gut, die eigenen Erfahrungen zu teilen. Ich wäre in den letzten Wochen abgesofffen, wenn ich meine Verunsicherung nicht mit euch, meinen Freunden, meiner Mutter hätte teilen können. Natürlich hatte ich die Warnungen hier aus dem Forum im Kopf, die Unsicheren nicht zu verschrecken. Aber die Transition ist tatsächlich nicht der rote Teppich ins neue Leben, sondern aufreibend, riskant, zeitraubend, teuer. Und doch ist dieser holprige Weg gepflastert mit so schönen Erlebnissen, Begegnungen und Gesprächen, wie ich sie noch nie in meinem Leben hatte. Und am Ende des Weges? Kommen wir wirklich mal an? Und gibt es dann als Belohnung den großen goldenen Oscar? Im wahrsten Sinne des Wortes für "lifetime achievement"?

Lasst uns weiter darüber diskutieren! Über Risiken und Wagnisse. Für mich ist das weiterhin die aufregendste Zeit meines Lebens, im Guten wie im Schlechten. Ende offen!

Vivian
geraldine
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Re: TS „ berufliche Outing Strategie?

Post 67 im Thema

Beitrag von geraldine »

Hallo,
mein Weg geht etwas anders.
Es ist halt meiner.
Jeder sollte das selbst entscheiden.
Ich habe mir meine eigenen Philosovie erarbeitet.
Menschen mit einer Besonderheit haben immer etwas ganz Individuelles, heben sich von der "grauen Masse" anderer Menschen ab und finden dann umso besser zu sich selbst, wenn es ihnen gelingt, sich selber anzunehmen. Dies alles geschieht allerdings nicht in einem luftleeren Raum, weil wir auch als Individuum in vielen sozialen Verknüpfungen stecken. So gilt es, eine individuelle Besonderheit mit anderen lieben Menschen — die es einem Wert sind - abzustimmen und stets auf der gemeinsamen (!) Suche zu sein, wie Besonderheiten für alle direkt Beteiligten annehmbar sind. Danach richtet sich der GRAD der individuellen Lebensausrichtung.
Auf dies Weise ist es mir möglich ich selbst zusein.
L G Geraldine
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Re: TS „ berufliche Outing Strategie?

Post 68 im Thema

Beitrag von Anni »

Hallo Vivian )))(:
Vivian Cologne hat geschrieben:

Ich bin nur für mich verantwortlich und arrangiere mich jetzt mit den Folgen meiner Entscheidung. Die ich übrigens keine Minute bereut habe!

Vivian
DAS ist das Fundament , auf dem neu gebaut werden kann :!:

Endlich mal Eine , die zu Dem steht , wozu sie sich entschieden hat und nicht immer die Schuld und den Grund allen Übels bei Anderen sucht (ap)

Vivian - komme kaum dazu zu Arbeiten , weil ich beide Hände dazu brauche , Dir die Daumen zu drücken :wink:

LG von frecher Anni
Der einzige Mensch, der sich vernünftig benimmt, ist mein Schneider. Er nimmt jedesmal neu Maß, wenn er mich trifft, während alle anderen immer die alten Maßstäbe anlegen in der Meinung, sie paßten auch heute noch. George Bernard Shaw
Magdalena
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Re: TS „ berufliche Outing Strategie?

Post 69 im Thema

Beitrag von Magdalena »

Hallo Vivian!

Es freut mich zu lesen, dass Du Deinen nun vorgezeichneten Weg mutig weitergehst. Wie du schreibs hattes du wenig zu verlieren. Materiel vieleicht, Aber du hättes Deine Glaubwürdigkeit verlieren können. So bist Du Ehrlich zu Dir selbst, auch wenn es schwer fällt. Und ich lese aus Deinen Zeilen heraus, Du bist Dir sicher. Ich kann Dir auf dem Weg nur viele schöne Erlebnise wünschen,die Negativen gehören zwar auch mit dazu, sollen aber nur eine Nebenrolle in Deinem Leben einehmen. Und den goßen goldenen Oskar hast Du sicher verdient. Jedenfalls würde ich ihn Dir überreichen, wenn ich könnte

LG Magdalena
Lebe jeden Tag.
nicole.f
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Re: TS „ berufliche Outing Strategie?

Post 70 im Thema

Beitrag von nicole.f »

Fast habe ich ein schlechtes Gewissen, so schwarz vom Leder gezogen zu haben. Die Unsicheren werden vielleicht noch verunsicherter und die, die bereits in einer Krise stecken, verlieren womöglich noch die letzte Hoffnung. Das war nicht meine Intention.

Ich gebe Rosi in vielem Recht, was sie schreibt. Natürlich sollte es nicht so sein, dass man seine eigene Identität verleugnen muss. In einer idealen Welt gäbe es auch keine Notwendigkeit dazu. Doch leider leben wir nicht in einer idealen Welt und nur durch unseren Willen, können wir sie auch nicht dazu machen. Auch wenn ich mir völlig sicher bin, dass ich der beste Astronaut sein könnte, den die Welt je gesehen hat, heißt das leider noch lange nicht, dass dieses Ziel für mich realistisch ist. Das hängt von vielen Faktoren ab, die wir nicht oder nur zu sehr kleinem Teil beeinflussen können. Das müssen wir einfach mit einbeziehen, ob es uns nun gefällt oder nicht und auch unabhängig davon, ob das nun sinnvoll oder gar gerecht ist.

Ich wünsche mir auch, dass die "Rolle" keine Rolle mehr spielt und das man das Leben in der anderen Rolle ohne folgen einfach auch mal, wie selbst verständlich, ausprobieren können sollte. Denn vieles stellt man einfach auch erst in vollem Umfang fest, wenn man es dann tatsächlich angeht. Doch so funktioniert unsere Umwelt nicht. Nicht alle sind so nachsichtig und so voller Akzeptanz, um dies ohne Folgen mitzumachen. Das ist ja auch letzten Endes genau der Grund, warum wir Angst vor diesem Schritt haben. Wir wissen das eigentlich ganz genau. Wir wissen, dass wir z.B. ein Outing nie wieder aus den Köpfen der Anderen heraus bekommen werden.

Ich möchte meine Mahnung auch nur als Warnung verstanden wissen, nicht etwa als ein "Tut das bloß nicht!". Das wäre in der Tat völlig falsch. Wenn es sich klar abzeichnet, dass ein weiteres Leben in der alten Rolle und mit allen sonstigen Eigenschaften, die die Biologie einem mit der Geburt mitgegeben hat, nicht mehr möglich erscheint und der Rollenwechsel mit den Anpassungsmöglichkeiten die einem zur Verfügung stehen die einzige Möglichkeit ist, weiterhin ein gutes Leben führen zu können, spätestens dann ist der Punkt erreicht, an dem man es auf jeden Fall machen muss. Auch wenn Grundbedürfnisse, wie ein persönliches Glücklichsein oder Ausgeglichenheit, nicht mehr anders erreicht werden können, auch dann ist es sicherlich das Richtige. Doch wer noch wankt, wer in der alten Rolle doch auch irgendwie zurecht kommt und auch glücklich ist, der/die sollte sich dann einen Wechsel sehr sehr gut überlegen. Und ich sage auch nur, sehr gut überlegen, nicht aber, dass es das Falsche wäre. In einer idealen Welt würde ich jedem raten, es zu probieren. Aber nicht in der jetzigen.

An einer Stelle möchte ich Rosi ein wenig widersprechen oder zumindest präzisieren, was ich meinte. Ich schrieb, jede_r sollte sich vor Beginn der Transition Sicherungsnetze aufbauen. Das kann natürlich nicht jede_r in gleichem Maße, völlig klar. Nicht jede_r kann finanzielle Rücklagen für ein unabhängiges Leben für zwei oder gar drei Jahre mal eben ansparen, sich dafür Urlaub nehmen etc. Aber ich denke doch, jede_r hat Möglichkeiten, einige Dinge vorausschauend zu planen, dass es im Fall der Fälle kein Fall ins bodenlose wird. Das ist nur das, was ich meinte. Vorausschauend denken und planen, denn eine Transition belastet viele Budgets, das Zeit-Budget, das finanzielle Budget, das Energie-Budget. Etwas Planung und vorausschauendes Handeln hilft, viele Folgen mindestens abzumildern. Auch hilft es ganz sicher, z.B. gute Freunde vorher einzuweihen und sich ihrer Unterstützung, für den Fall der Fälle, zu versichern. Oder in der Familie, je nachdem.

Ich kenne noch nicht so super viele Trans* Menschen, die wirklich die Rolle gewechselt haben. Doch ein paar Dutzend sind es schon. Darunter sind nur sehr sehr wenige, die keinen Tiefschlag während oder nach Ihrer Transition erlebt haben. Auch sind einige darunter, denen man deutlich anmerken kann, dass sie sich das alles anders vorgestellt hatten und die nun mit der enttäuschten Erwartung nur sehr schwer zurecht kommen. Diese Enttäuschung und damit verbunden kaum noch wieder gut zu machende Traurigkeit, habe ich aber bei noch niemandem festgestellt, der/die vorher an dem Punkt war, den ich zuvor beschrieb. Den Punkt, an dem das alte Leben nicht mehr geht, an dem das Verleugnen nicht mehr geht und an dem kein persönliches Glück mehr gefunden werden kann. Diese Menschen sind es dann, die Tiefschläge und Zurückweisung verkraften können und sich dadurch nicht selbst in Frage stellen.

Ich habe leider Menschen erlebt, die dachten, als Frau wäre das leben für sie viel leichter, als als Mann. Die dachten, dass sie die Frau ihrer Träume selbst sein und werden könnten. Die dachten, dass wenn Sie erst ganz und gar Frau sind, sie auf einmal von allen geliebt und bewundert würden. Das sie auf einmal der glänzende Mittelpunkt jeder Party und die strahlende Persönlichkeit wären, der die Herzen nur so entgegen fliegen. Man merkt ihnen an, dass sie jeder angleichenden Maßnahme und Möglichkeit nur so entgegen fiebern - die ersten Hormone, Epilation, geschlechtsangleichende OP, Brustaufbau, Adamsapfelkorrektur, womöglich Gesichtskorrekturen etc. etc. Doch wenn sie dann auf einmal realisieren, dass sie sich immer weiter auf das Ende dieser sehr endlichen Fahnenstange unaufhaltsam zu bewegen, sich aber immernoch nicht ihre Wunschvorstellungen erfüllt haben, dann beginnt die Suche nach Schuldigen, ohne jemals bei sich selbst zu schauen und zu hinterfragen, ob vielleicht die Motivation doch nicht ganz richtig und die Erwartungshaltung doch vielleicht etwas überzogen war? Doch dann ist es viel zu spät, um noch gegenzusteuern. Kaum noch jemand traut sich dann zuzugeben, dass es doch ein Fehler war. Anstatt dessen verfällt man in Schuldzuweisungen.

Ich möchte lediglich warnend die Hand heben. Prüfe Dich gut und dann prüfe Dich nocheinmal, was Dich dazu antreibt, dies in Erwägung zu ziehen. Was sind die Hoffnungen und Ziele und sind diese wirklich, bei aller gebotenen Ehrlichkeit zu Dir selbst, erreichbar? Und wenn sie es nicht sind, welche Konsequenz hätte dies für Dich? Kannst Du mit diesen Konsequenzen gut leben?

Doch allen Unkenrufen, die ich hier von mir gebe, zum Trotz, ist bzw. war man an diesem Punkt, an dem es anders nicht mehr weiter ging, aus welchen Gründen auch immer, und hat das Gröbste überstanden, dann ist es, wie Vivian auch schon schrieb, eine ganz wunderbare und großartige Sache. Es verändert so viel, viel mehr, als man sich dies zu Anfang vorstellen kann. Nicht viele, aber ein paar Trans*-Menschen habe ich nun bereits von den Anfängen der Selbstzweifel bis zum Platzen des Knotens und ihrer Befreiung begleiten und mit erleben dürfen. Für alle war der Zeitpunkt, an dem der Knoten wirklich platzte und es auf einmal wirklich völlig klar wurde, was nun anstehen muss, einer der großartigsten und befreiendsten Momente in ihrem Leben. Endlich hört die ständige Grübelei auf, die in den Wochen und Monaten zuvor mehr und mehr Lebensenergie aufgesaugt hat. Die Unentschlossenheit endet und damit löst sich auch eine Art Lähmung, die einen zunehmend gefangen nahm. Befreiung.

Für mich waren die Wochen und Monate danach die wohl großartigsten und wundervollsten Monate meines bisherigen Lebens. Etwas, das mein ganzes Leben lang den Blick auf mich selbst versperrt hat, lüftet sich wie ein Schleier. Ich sah klarer als je zuvor, was mein Wesen eigentlich war und konnte mich endlich dementsprechend verhalten, ohne gefühlte Zwänge und ohne das Gefühl mich zurücknehmen zu müssen, um irgendwelche externen Erwartungen nicht zu enttäuschen. Denn dies war das Gefühl, dass mich seit ich denken kann stets begleitet hat und für mich zu einer Normalität geworden war. Jetzt aber merkte ich, wie sich "normal" wirklich anfühlt, wie nun alles passte und ich endlich nicht mehr ständig aufpassen musste, mich nicht falsch zu verhalten. Es ist unglaublich entspannend. Das wirkt sich natürlich auf ganz vielfältige Art und Weise aus. Der Alltag wurde entspannter, der Druck entsprechen zu müssen war raus und ich konnte mich auf das wirklich Wesentliche konzentrieren. Diese Entspannung nimmt auch das Umfeld positiv wahr. Es stellt sich eine gewisse Normalität und Natürlichkeit ein, die man zuvor eben nicht hatte und auch gar nicht kannte.

Zuvor hatte ich ein großes Problem mit wirklich tiefen Emotionen. Ich meine damit soetwas wie echte Trauer, tiefe Liebe oder einfach nur wahres Glück. Selbstverständlich war ich zuvor auch einmal traurig, lachte oder hatte glückliche Augenblicke. Doch eine wahre Freundschaft, echte Liebe, tiefe Trauerarbeit und eben Glück, gab es nicht. Es war sehr oberflächlich. Warum das so war, ich weiß es nicht. Doch seitdem ich endlich ich selbst sein kann, hat sich das alles radikal gewendet. Selbst kleine emotionale Auslöser können mich tief berühren. Trauer geht tiefer, doch damit wird sie erst richtig verarbeitbar. Freundschaften gehen tiefer und erst jetzt erkenne ich meine wahren Freunde und fühle mich ihnen auch gleichzeitig viel inniger verbunden als jemals zuvor. Liebe ist kein seltsames Abstraktum mehr, sondern ein wirklich konkret erlebbares Gefühl. Und Glück, ja, erst heute weiß ich, was es bedeutet, wahrlich glücklich zu sein. Zuvor definierte ich mein Glück über meine Umwelt - Wohnung, Haus, Auto, Bankkonto, Firma läuft gut, mit der Frau läuft es gut, also musste ich wohl glücklich sein. Hätte man mir eines davon genommen, hätte es mein persönliches Glück geschmälert. Heute bin ich aus mir selbst heraus glücklich und alles drumherum ist eher zweitrangig geworden; zumindest was mein persönliches Glück betrifft, denn ich wäre immernoch glücklich, wenn mein Bankkonto leer und das Auto kaputt wäre. Diese neue Gefühlswelt ist etwas ganz großartiges und etwas im wahrsten Sinne wunderbares. Es ist wie ein neues Wunderland und hat mich stark verändert. Es hat ganz massiv die Gewichtung der Lebensziele verändert. Wo vorher die rational materiellen Dinge im Vordergrund standen, stehen jetzt Emotionen und einfach Menschlichkeit. Denn ich denke das ist es, was den Menschen eigentlich auszeichnet, eine tiefe Emotionalität.

Gerade kürzlich erst habe ich einem anderen Trans*-Menschen geschrieben, dessen Knoten gerade geplatzt war und der sich damit gerade eben erst gefunden hatte, um nun seinen Weg zu beginnen, wie ich ihn schon fast um diese erste Zeit beneide. Diese großartige und wundervolle Entdeckungsreise zu sich selbst, sich selbst zu befreien und sich selbst nun in seiner ganzen Fülle, Schönheit und Pracht zu entdecken. Für mich war es eine wunderbare Zeit, ein wunderbares Jahr und ja, ich denke, es war mindestens eines der besten Jahre meines Lebens. Es ist erfüllend und bereitet mir unglaubliche Freude mitzuerleben, wie sich andere auf ihre ganz persönliche Reise zu sich selbst machen.

Genau das ist auch der Grund, warum ich nach wie vor und hoffentlich noch lange Zeit hier im Forum ab und an etwas schreiben werde und warum ich mich in der Selbsthilfe, Beratung und anderen Gruppierungen engagieren möchte. Damit sich immer mehr von uns befreien können. Damit ihr Weg einfacher wird und damit sie Unterstützung, Hilfe und Zuspruch bekommen. Damit es eines schönen Tages etwas Normales wird, dass ein Mensch sich abseits der vermeintlich biologisch vorgegebenen Geschlechternormen frei entfalten kann.

Liebe Grüße
nicole

PS: Bitte entschuldigt, schon wieder so viel geschrieben...
Ich bin trans* - und das ist gut so!
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Blog: http://www.dpin.de/nf/category/trans/
Bianca D.
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Re: TS „ berufliche Outing Strategie?

Post 71 im Thema

Beitrag von Bianca D. »

nicole.f hat geschrieben:Fast habe ich ein schlechtes Gewissen, so schwarz vom Leder gezogen zu haben.
Moin Nicole,

nee,mußt du nicht haben.Das Leben ist leider kein Ponyhof,warum es also beschönigen? Deine Worte erinnern mich an die mahnenden Worte meiner SHG-Leiterin,die so wie du, nur zur Umsicht mahnt.Und leider viel zu oft wird im Zusammenspiel von Hormonen,Glücksgefühlen usw. alles rosarot gesehen,wie bei frisch Verliebten halt,und gut gemeinte Worte werden in den Wind geschlagen.Das böse Erwachen kommt,nicht zwangsläufig,aber wenn es dann passiert,steht man oft vor einem Scherbenhaufen.

LG Bianca
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triona
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Re: TS „ berufliche Outing Strategie?

Post 72 im Thema

Beitrag von triona »

Beispiele dafür gibt es leider zahlreiche.

liebe grüße
triona
ReaGirl

Re: TS „ berufliche Outing Strategie?

Post 73 im Thema

Beitrag von ReaGirl »

Ach nicole wozu entschuldigen für den langen Text. Ich habe ihn gerne gelesen und fand ihn wirklich sehr gut weil er es einfach wunderbar auf den Punkt bringt :)
Saskia.shewulf
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Re: TS „ berufliche Outing Strategie?

Post 74 im Thema

Beitrag von Saskia.shewulf »

Hallo Vivian,

danke für diesen Thread (ki) ich drücke Dir auch fest die Daumen. Bedanken möchte ich mich bei allen die hier nivauvoll
schreiben ohne auf einander ein zu prügeln.So habe ich das Forum kennen und lieben gelernt . ))):s

Rosi mit dieser Einstellung bin ich ganz bei Dir!!! Aber auch Nicoles Rat ist sicher ganz richtig,kurz gesagt wer auf der Suche ist soll
es sich nicht zu leicht machen .

Nun ja es wurde m.E. alles gesagt und ich würde alles nur wiederholen.Auf jeden Fall ist das hier ein Anreiz für mich mein Tagebuch
auch weiter zu führen.

LG Saskia (flo) (flo) (flo)
Wer keinen Mut zum träumen hat
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Marielle
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Re: TS „ berufliche Outing Strategie?

Post 75 im Thema

Beitrag von Marielle »

Guten Abend zusammen, Hallo Rosi,

die Feststellung " Es wird immer eine Kunst sein, Anderen, Alternativen und Möglichkeiten,
Perspektiven und Gefahren, wertungsfrei zu vermitteln. Genau darin liegt aber die wirkliche Herausforderung der "Beratung".
beschreibt die Schwierigkeit und die Aufgabe sehr gut und richtig. Nur ist das m.E. weder im Internet noch in allen SHG, bei Stammtischen u.ä. gelebte Praxis.

Da wie dort sind häufig (ich vermute sogar überwiegend) 'Instantdiagnosen' sowie Verhaltensanforderungen und andere 'gruppenbildende Maßnahmen' schnell bei der Hand, die alles Mögliche zum Ziel haben mögen, aber sicher keine wertungsfreie Beratung. Mir kommt es manchmal sogar so vor, als würden einige Transmenschen versuchen, sich durch Schicksalsteilung zu vermehren. Sorry, aber so habe ich das oft wahrgenommen. Eine "Entmündigung" (wenn man das überhaupt so nennen will) liegt nach meiner Ansicht viel mehr in den üblichen, oft durchaus klischeehaften, Anforderungen an 'korrekte' Transsexualität. Sich der daraus entstehenden (Gruppen-)Dynamik zu entziehen bedarf einiger Anstrengungen (ich weiss, wovon ich rede) und führt eher zur äusseren Aberkennung der Eigendiagnose, als zu 'wertfreier Beurteilung'.

Von da her finde ich es richtig und achtenswert, wenn in diesem Thread, angestossen durch Vivians Beitrag, eine Art 'Gegendarstellung' zu all dem entsteht, die (dankenswerter Weise) von Menschen geschrieben wird, denen die Diagnose kaum abzuerkennen ist. Und es hat auch m.E. nichts mit "erhobenem Finger" zu tun, wenn zur Abwechselung mal der Misthaufen des Ponyhofes vorgestellt wird, anstatt Parolen vom Typ 'Du wirst sehen, es wird nichts passieren, ausser das alles toll wird' auszugeben. Die letzte dieser Art hier im Forum ist übrigens grade zwei Wochen alt.

habt es gut

Marielle
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