Hallo!
Ein für mich ganz wichtiger Unterschied zwischen Deutschland, Europa und vielen anderen Ländern ist schlicht und ergreifend die Rechtssicherheit und wo diese gilt.
In praktisch der gesamten Euro Zone haben wir sehr harmonisierte Rechte, auch und gerade Menschen- und Persönlichkeitsrechte. Diese schützen uns in der Regel vor direkten staatlichen Übergriffen. Je formaler die Situation, desto höher ist im Prinzip auch der Schutz. An einer Grenzkontrolle würde ich mir in der gesamten EU und auch in den USA keinerlei Sorgen machen. In allen diesen Ländern wäre falsches Verhallten der Beamte stark sanktioniert, denn alle diese "westlichen" Länder haben ein sehr ähnlich gestricktes Antidiskriminierungsgesetz. Ein Verstoß führt für die Kollegen direkt in ein saftiges Dienstaufsichtsverfahren,
Problematisch wird es auch in diesen Ländern, wenn wir die Hierarchie hinab steigen. Nicht jedem sind diese Regelungen und der Sinn davon bekannt. Der letzte Dorfpolizist an den Rändern der EU hat davon nicht unbedingt etwas gehört oder verstanden. Hier könnte man dann doch schonmal falsch behandelt werden - doch das kommt leider auch in Deutschland vor und dies sogar auch in unserer ach so liberalen Hauptstadt. Doch auch dort gelten diese Gesetze und sind im Zweifelsfall einklagbar. Danach nützen sie einem zwar nicht mehr, aber man kommt wenigstens sicher aus der Sache wieder raus und der sich falsch verhaltendee Beamte bekommt eine Strafe.
Wovor ich allerdings richtig Angst habe, aber das auch nicht erst seitdem ich offen trans* lebe, sind Staaten, in denen es nicht immer rechtsstaatlich zugeht und in denen ich nicht immer Rechtssicherheit habe. Der Dorf-Sherrff irgendwo in Utah, Kansas oder sonstwo in USA kann ganz schön unerfreuliche Sachen mit einem anstellen, ohne das man auch nur den Hauch einer Chance hätte. Da verhält man sich lieber so konform wie nur irgend möglich - oder fährt noch besser gar nicht erst dahin. Gleiches kann einem entsprechend auch in vielen anderen Ländern passieren, in denen das Recht schonmal gerne verbogen wird, weil es irgendjemandem gerade so besser gefällt. Und das müssen gar nichtmal ausgezeichnete "Schurkenstaaten" sein. Das passiert in der Türkei wie in Russland, in Saudi wie in China. Es reicht einfach ein bisschen Pech und man ist dran, ohne eine berechenbare Chance, wieder da raus zu kommen. Und dabei spielt trans* wie gesagt keine besondere Rolle, es könnte aber wohl ein Auslöser sein.
Man kann ja über Europa und die EU sagen was man will, aber das ist schon ein verflixt guter Platz zum leben. Es gibt, glaube ich, keinen sichereren Staat oder Staatenbund, als die EU. Sicher in jeder Hinsicht, eben auch rechtssicher. Langsam erkenne ich, welch hohes Gut das ist und noch viel mehr, seitdem ich offen trans* leben *muss*. Ich konnte und kann es mir nicht aussuchen so zu sein, wie ich nunmal bin. Wie schrecklich wäre dann die Vorstellung, dass der Staat in dem ich lebe mir meine höchst persönliche Entfaltungsfreiheit einschränken würde. Nicht auszudenken. Doch bevor wir ins zu große Frohlocken verfallen, auch in Deutschland ist es noch nicht sooo lange her, dass wir auch hier ganz schreckliche Gesetze hatten - erst 1969 wurde der -§175a STGB novelliert und damit offene Homosexualität nicht mehr strafbar, die erste Fassung des TSG ist von 1980 und bis heute gibt es immernoch viele gesetzgeberische Baustellen. Es ist aber schon heute sehr viel besser, als an den meisten anderen Orten.
Eher praktisch betrachtet hatte ich gerade das Vergnügen, einen Inlandsflug von Köln nach Berlin mit Air Berlin zu haben. Da mein Ausweis noch männlich ist, war also das Ticket auch auf den männlichen Namen ausgestellt, ich aber mehr als eindeutig weiblich unterwegs. Die einzige Stelle, an der ich überhaupt den Ausweis vorzeigen musste, war beim Einchecken vom Gepäck. Und auch die waren völlig entspannt und haben nichteinmal mit der Wimper gezuckt. Keine Regung. Bei der SIcherheitskontrolle habe ich natürlich gepiept und wurde wie selbstverständlich nun von der Dame abgetastet. Auch hier kein Murren, zucken oder komischer Blick, alles völlig normal. Ein Flughafen wäre auch ein ganz schlechter Ort für eine Szene - das wissen auch die. Also wenn man denen keinen Anlass gibt, dann ist das alles völlig harmlos.
Eine bekannte Hackerin machte ihre erste größere Reise kurz nach dem Outing in die USA, nach Las Vegas. Und damals hatte sie noch kein sonderlich großartiges Passing, wie das eben bei vielen von uns am Anfang noch ist. Null Probleme, weder beim Abflug in England, noch bei der Ankunft in Vegas oder auf dem Rückflug.
Das ist der offizielle Teil, sozusagen. Doch wie sieht es mit der Bevölkerung aus? Recht haben und Recht bekommen können ja schon durchaus sehr divergieren?
Auch wenn ich ohne Probleme sofort so wie ich bin in die USA einreisen würde, wäre ich dann mit meinen Reisezielen im Land sehr vorsichtig. Denn unter der amtlich verordneten Ordnung ist die Zivilisationsdecke vielerorts erschreckend dünn! Selbst in angeblich so liberalen Städten wie New York fallen jedes Jahr wieder Trans* Menschen schlimmsten Gewalttaten zum Opfer. In einem Land, in dem eine Frau mit Jeans Hose schon als lesbisch gilt, verwundert mich das auch nicht sehr. Ich wäre also noch vorsichtiger, als ich es zuvor schon war, wohin ich ginge. Auf den Hauptstraßen wird man sicher sein. Doch wer auf etwas extravagantes Nachtleben steht, sollte sich gut auskennen.
Das ist natürlich auch in Deutschland nicht viel anders, jedoch für mein Empfinden weniger stark verbreitet. Was aber hier doch deutlich sicherer ist, dass wenn dann die Staatsmacht dazu kommt, dass man dann wieder halbwegs sicher sein kann. In den USA könnte man schnell selbst zum/r Täter/in werden und erstmal ein paar Tage im Knast verbringen. Über andere Länder wie Russland möchte ich mir akut gar keine Gedanken machen müssen - keine 10 Pferde würden mich dahin bekommen und das schon seit Jahren. Ein Freund von mir hat mal fast ein halbes Jahr im russischen Knast verbracht, weil er eine halbe Stunde zu spät an der Grenze war, sein Visum war um eine halbe Stunde abgelaufen! Das muss man sich mal vorstellen... Ich möchte mir nicht vorstellen, wie das wohl verlaufen wäre, wenn mir dies heute passieren würde.
Für Trans* Menschen die "stealth" leben, wird das kaum ein zusätzliches Problem sein. Sie haben die ganz normalen Probleme, die jeder andere Tourist auch hat.
Doch für sichtbare Trans* Menschen? Doch, ich denke schon, dass man sich darüber Gedanken machen sollte und lieber etwas vorsichtiger sein, als man es vorher schon war.
PS: Ja, ich mache mir da gerade auch so meine Gedanken, nicht nur in diesem Posting... dieses Jahre werden wir nicht mehr zum Urlaub kommen, zuviel Arbeit. Aber so im April nächstes Jahr wollen wir dann mal 2-3 Wochen ins Warme. Warm, Sonne, Meer, Strand, Badehose - ÄÄÄÄHHHHH - eben nicht Badehose, sondern Badanzug oder Bikini! Hier kann man ja noch mit Kleidung die Wirkung auf Dritte steuern. Doch mit nur noch ein paar Quadratzentimeter Stoff, wird das zur Herausforderung. Da habe ich dann also doch etwas Bedenken, dann verstärkt aufzufallen. Das wird noch spannend!
Liebe Grüße
nicole