Lina hat geschrieben:
...
Super, dass du das getan hast. Da gibt es ja so viele Idioten, die total af solche Rechtspopulisten abfahren. Da können die (vielleicht?) sehen, was sie sich selbst damit antun.
Übrigens glaube ich, dass die AfD damit einen großen Beitrag leisten, sich selbst abzuschießen. Sie werden damit zwar noch mehr von den Ultra-Rechten zu sich ziehen, dafür eine Menge der einigermaßen moderat denkenden wegscheuchen. Dann ist es nur eine Frage der Zeit bis innerparteilich das Chaos los geht, so wie es z.B. auch bei den Republikanern passiert ist.
Ich denke ich weiß, was Du meinst, doch ich würde das nicht unterschätzen. Es sind nicht nur die ultra-Rechten, die damit angesprochen werden. Die zugrundeliegende Mechanik solcher Propaganda ist ja nichts Neues und leider zeigt sich immer wieder, dass dieses Heile-Welt-Utopie-Versprechen funktioniert. Denn nichts anderes ist es doch.
Das ganze besteht aus drei Teilen:
1. Anprangerung eines Missstandes, hier Familie, dessen Ursache nicht offensichtlich ist.
2. Herauspicken einer Minderheit oder Randgruppe, die schwach genug ist, um sich nicht adäquat gegen einen Volksmop wehren zu können.
3. Dieser Minderheit, weitgehend ohne rationale Argumente, die Schuld zu geben.
Das Ganze funktioniert besonders gut, wenn es gerade eine Volkskrise gibt - Wirtschaftskrise oder dergleichen. Es ist viel leichter, bei Otto Normalverbraucher eine dumpfe unbegründete Angst zu schüren, als ihn mit Argumenten zu überzeugen. Was könnte da besser funktionieren als ein Heilversprechen mit einer Heile-Welt-Utopie und gleichzeitiger Präsentation eines Schuldigen, der kaum in der Lage ist, sich zu verteidigen?
Wir haben gerade eine, wenn auch noch schwache, solche Krisensituation und dessen ist sich der AfD wohl bewusst. Wir haben eine wirtschaftlich sehr schwierige Lage. Viele Menschen, und gerade Familien, sind durch die Gesetzesreformen der letzten Jahre in arge Schieflage geraten - Kurzarbeit, Zeitverträge, Mini-Jobs etc. Und gerade eben Familien, die unter dem Druck stehen, den Familienverbund wirtschaftlich und menschlich zusammenhalten zu müssen, geraten so unter zusätzlichen Druck. Sie geraten in pure Exitenzanngst, dies alles eben nicht mehr leisten zu können und das sich die Familie entfremdet und zu zerbrechen droht, nur weil der wirtschaftliche Erhalt den überwiegende Teil ihrer Energie bindet.
Und nun kommt eine Partei daher, die sich Wirtschaft und gerade die Stärkung der Deutschen Wirtschaft (auf Kosten anderer) zum Ziel gesetzt hat, und beginnt damit, Missstände in den Familien anzusprechen? Der Zusammenhang ist ja mehr als deutlich.
Diese Demagogie [1] wird ganz gezielt eingesetzt, wohl wissend, dass der vermeintlich Schuldige gar nicht der Schuldige ist. Aber das hinterfragt eben kaum jemand. Die Heile-Welt-Utopie ist stärker als die Ratio. Das das funktoniert haben wir leider über die Geschichte der Menschheit immer wieder gesehen - nicht zuletzt auch in unserer Deutschen jüngeren Geschichte. Und es sind gerade die Rechten, die diese Mechanik besonders gut behrrschen.
Ich glaube daher ganz und gar nicht, dass es nur die Ultra-Rechten sind, die die AfD damit erreicht. Es sind ganz normale Bürger, unterer Mittelstand mit nur eher durchschnittlicher Bildung, die dies nicht sofort durchschauen, denen Hintergrundwissen fehlt, um dies wirklich hinterfragen zu können und die auch gar keine Motivation haben, soetwas zu hinterfragen. Es ist sehr bequem, den "Schuldigen" auf solch einem Silbertablett serviert zu bekommen.
Wie schnell so etwas geht, habe ich selbst schon oft erfahren. Ich war eine Zeit lang politisch aktiv und habe gegen solche Windmühlen angekämpft. Fällt eine solche populistisch demogogische Aussage in einen noch unbesetzten Bereich, dann wird sie sehr schnell übernommen und ist dann nur mit größter Mühe wieder zu revidieren. Daher sind solche Demagogien auch so gefährlich! Man kommt später kaum noch dagegen an und je irrationaler der konstruierte Zusammenhang, deto schwieriger wird es.
Aus besagter politischer Arbeit weiss ich nun leider auch, dass wir aufpassen müssen, was wir als das Gros/Mehrheit der Bevölkerung ansehen. Das klingt vielleicht ein wenig überheblich, soll es aber keinesfalls sein! Es ist einfach Fakt und völlig wertfrei - es ist nunmal so. Fakt ist, das Gros unserer Bevölkerung ist lange nicht mehr, und war es vermutlich nie, das Bildungsbürgertum, welches wir gerne hätten. Wir, die wir hier sind, uns Gedanken machen, diese formulieren und darüber reflektieren können, sind eine Minderheit. Die Mehrheit ist deutlich einfacher gestrickt - wie gesagt, nicht böse gemeint, ist aber einfach so. Von solchen Menschen kann man nicht erwarten, dass sie solche Aussagen, wie die gerade des AfD, kritisch reflektieren können. Sie tun es nicht und können es in der Regel auch gar nicht, nicht zuletzt auch, weil ihnen der Erfahrungshorizont fehlt - wer von denen kennt denn schon Angehörige dieser Minderheiten / Randgruppen gut genug, um es für sich zu widerlegen? Und genau das ist das "praktische" an den Randgruppen - sie sind zwar bekannt, aber nur sehr oberflächlich, und kaum jemand weiss es besser. Vielleicht wird es im Falle des AfD nicht dazu reichen, mehr Stimmen zu bekommen, weil der Rest der Partei auch noch für viele fragwürdig genug ist, um sie nicht zu wählen. Aber es reicht, um mal wieder ein bisschen mehr Homophobie geschürt zu haben, diesmal mit den Familien als potentiellen Opfern. Und dies leider eben nicht nur bei den ultra-Rechten.
Um den Bogen jetzt auch mal zu uns zu schlagen - wir sind auch eine Minderheit, eine Randgruppe. Und wir sind noch leichter angreifbar als die Homosexuellen, die es in den letzten Jahrzehnten geschafft haben, hinreichend Öffentlichkeit für sich zu schaffen. Wir Trans* Menschen bringen das westliche Sozialgefüge noch stärker ins Wanken, als es Homosexuelle täten. Wir zweifeln die Geschlechter im Grundsatz an! Wir sägen damit nicht nur an den Grundfesten unserer Gesellschaft, sondern auch an Glaubensgrundsätzen. Früher oder später werden daher auch wir in die Schusslinie geraten - im Kleinen im Dorf, der Stadt oder im Verein. Aber auch im Großen, je nachdem wie weit wir es in die Öffentlichkeit und das öffentliche Beewusstsein schaffen. Die Gefahr, die darin besteht ist, dass es dafür eigentlich nur zwei Auswege gibt: Klein bei geben und sich verstecken oder erhobenen Hauptes dagegen anzugehen. Ich für meinen Teil gehöre eindeutig zu den Letzteren. Kämpfe gegen vermeintliche Windmühlen sind mir nichts Neues. Es ist zäh, kraftraubend, frustrierend aber notwendig. Ich möchte nie wieder in einer Gesellschaft leben müssen, die von dumpfer Demogogie beherrscht wird und deswegen irrational und übertrieben wie ein verletztes Kind um sich schlägt. Das hatten wir schon und das Resultat war verherend.
Liebe Grüße
nicole
[1]
http://de.wikipedia.org/wiki/Demagogie