Ich wusste es bereits als Kind
Verfasst: Do 20. Jun 2013, 03:32
Hallo zusammen,
eigentlich wollte ich eine Antwort schreiben auf cpg"™s Beitrag "Transsexuelle wissen oft früh Bescheid." Dann habe ich gemerkt, dass die Sache doch umfangreicher wird.
Bereits im Kindergarten spürte ich, dass ich anders bin, als die Jungs um mich. Ich spielte eigentlich lieber mit den Mädchen und den Puppen.
Ich war damals überzeugt, dass ich, einmal erwachsen geworden, sowieso eine Frau sein werde. Wenn ich diese Überzeugung äußerte, reagierten meine Eltern etwas komisch. Sie sagten nichts dazu und ignorierten meine Aussage einfach. Meine Oma beruhigte mich: "Da brauchst keine Angst hab"™n. Du bist a richtiger Bua und wirst einmal ein starker Mann."
Im Alter von etwa 7 Jahren begann ich zu verstehen, dass es für mich keine Wahlmöglichkeit gab und ich mich irgendwann zu einem Mann entwickeln würde. Der kleine Unterschied zwischen den Beinen war ja offensichtlich. Krampfhaft versuchte ich immer wieder beim Einschlafen, mich wenigstens als Mädchen oder Frau zu träumen. Es gelang fast nie. Manchmal war ich richtig verzweifelt.
Wir, meine Eltern und meine Schwester, wohnten in einem freistehenden Einfamilienhaus. Meine Schwester ist knapp 2 Jahre jünger als ich.
Im Nachbarhaus wohnte auch ein Mädchen in unserem Alter. Auch wenn wir uns manchmal zankten, so waren wir doch eine verschworene Dreiergemeinschaft und besonders in den Sommermonaten fast täglich zusammen. Mein liebstes Spiel war "Vater, Mutter, Kind".
Ich war dabei immer die Mutter und meine Schwester der Vater. Wir tauschten natürlich die Klamotten. Meine Schwester spielte gerne die Rolle des Vaters, weil sie dann, wie sie sagte, bestimmen konnte. Ich verstand es, den Beginn des Spieles so zu lenken, dass die Initiative zum Kleidertausch von meiner Schwester auszugehen schien und sie verteidigte das auch ganz vehement vor den Eltern, denen das nicht richtig zu gefallen schien.
Unser Nachbarmädchen war gerne das Kind und versuchte dabei möglichst unartig zu sein. Ihr großes Vorbild war Pippi Langstrumpf.
Die Vorwürfe von Mutter und besonders von Oma, was ich denn für ein Lapp wäre, dass ich mich von meiner jüngeren Schwester so herumkommandieren lasse, ließ ich mir gerne gefallen.
In der Grundschule waren die Klassen nach Geschlechtern getrennt , ich fühlte mich nicht wirklich wohl unter den vielen Buben und hatte auch kaum Freunde.
Damals in den Sechzigerjahren, war es noch nicht üblich, dass Männer lange Haare trugen. Den Besuch beim Friseur zögerte ich immer hinaus bis es nicht mehr ging. Haare schneiden war jedes mal ein Drama mit Tränen. Vor allem weil man mir auch noch sagte, dass ich mit langen Haaren wie ein Mädchen aussehen würde. Genau das wollte ich doch. Was als Drohung gemeint war, bewirkte das Gegenteil.
Irgendwann, ich war damals etwa elf Jahre alt, fand ich in einer Illustrierten, die bei meiner Großmutter in der Küche herumlag, einen Artikel über eine Geschlechtsumwandlung. Ein Mann, der sich in Casablanca operieren ließ und jetzt eine Frau war. Ich war wie elektrisiert. Ich wusste sofort, so bin ich auch.
Ich getraute mich nicht mit meinen Eltern darüber zu sprechen. Aus Unterhaltungen zwischen den Erwachsenen, die ich zufällig mitbekommen hatte, kannte ich deren Einstellung und Ansichten über Homosexualität oder andere Sexuelle "Abartigkeiten".
Allein schon sexueller Kontakt vor oder außerhalb einer Ehe wurde als äußerst verwerflich eingestuft.
Homosexualität war nach damaliger Sichtweise nicht angeboren, sondern entstand durch Verführung, oder eigene unmoralische und verwerfliche Handlungsweisen. Junge Männer werden schwul, wenn sie geldgierig sind und sich von älteren zahlungskräftigen Perversen verführen lassen. Pervers waren auch Männer in Frauenkleidung. So in etwa hatte ich das mitbekommen.
Mein Eltenhaus war sehr katholisch. Der sonntägliche Kirchenbesuch war Pflicht. Ein gläubiger Christ kennt seine Pflichten und weiß was Sünde ist. Im Religionsunterreich hatte ich mitbekommen, dass man bereits in Gedanken schwer sündigen kann. Was waren also meine Wünsche und Gedanken? Nichts anderes als schwere Sünde.
Im Religionsunterricht wurden wir vorbereitet zur ersten Kommunion. Dazu gehörte auch die Beichte und zur Beichte gehörte der Beichtspiegel.
Unter Punkt 6, Schamhaftigkeit und Keuschheit, fielen sicher auch meine Gedanken, Wünsche und Vorstellungen. Aber das zu beichten habe ich mich erst recht nicht getraut.
Ich habe zu Gott gebetet, er möge mich von meinen abartigen Wünschen befreien. Das hat er aber nicht getan, der Schlingel.
Damals wurde der Grundstock gelegt für einen langen beschwerlichen Kampf gegen mich selbst.
Um Missverständnisse zu vermeiden, meinen Eltern mache ich keinen Vorwurf. Beide sind 1930 geboren. Sie sind zu Zeiten des Nationalsozialismus zur Schule gegangen und durften zudem die krude, katholisch- religiöse Erziehung der damaligen Zeit genießen. Ihre Ansichten und Einstellungen haben sich im Lauf der Jahre kolossal verändert.
Meine Ausbildung zur Musikerin wäre ohne ihre großartige Unterstützung nicht möglich gewesen.
Dass es heute Ärzte gibt, die das nötige Wissen, die entsprechende Einfühlsamkeit und vor allem den Mut haben, eine bestehende Transidentität bereits bei Kindern zu diagnostizieren find ich fantastisch.
LG Nicola
eigentlich wollte ich eine Antwort schreiben auf cpg"™s Beitrag "Transsexuelle wissen oft früh Bescheid." Dann habe ich gemerkt, dass die Sache doch umfangreicher wird.
Bereits im Kindergarten spürte ich, dass ich anders bin, als die Jungs um mich. Ich spielte eigentlich lieber mit den Mädchen und den Puppen.
Ich war damals überzeugt, dass ich, einmal erwachsen geworden, sowieso eine Frau sein werde. Wenn ich diese Überzeugung äußerte, reagierten meine Eltern etwas komisch. Sie sagten nichts dazu und ignorierten meine Aussage einfach. Meine Oma beruhigte mich: "Da brauchst keine Angst hab"™n. Du bist a richtiger Bua und wirst einmal ein starker Mann."
Im Alter von etwa 7 Jahren begann ich zu verstehen, dass es für mich keine Wahlmöglichkeit gab und ich mich irgendwann zu einem Mann entwickeln würde. Der kleine Unterschied zwischen den Beinen war ja offensichtlich. Krampfhaft versuchte ich immer wieder beim Einschlafen, mich wenigstens als Mädchen oder Frau zu träumen. Es gelang fast nie. Manchmal war ich richtig verzweifelt.
Wir, meine Eltern und meine Schwester, wohnten in einem freistehenden Einfamilienhaus. Meine Schwester ist knapp 2 Jahre jünger als ich.
Im Nachbarhaus wohnte auch ein Mädchen in unserem Alter. Auch wenn wir uns manchmal zankten, so waren wir doch eine verschworene Dreiergemeinschaft und besonders in den Sommermonaten fast täglich zusammen. Mein liebstes Spiel war "Vater, Mutter, Kind".
Ich war dabei immer die Mutter und meine Schwester der Vater. Wir tauschten natürlich die Klamotten. Meine Schwester spielte gerne die Rolle des Vaters, weil sie dann, wie sie sagte, bestimmen konnte. Ich verstand es, den Beginn des Spieles so zu lenken, dass die Initiative zum Kleidertausch von meiner Schwester auszugehen schien und sie verteidigte das auch ganz vehement vor den Eltern, denen das nicht richtig zu gefallen schien.
Unser Nachbarmädchen war gerne das Kind und versuchte dabei möglichst unartig zu sein. Ihr großes Vorbild war Pippi Langstrumpf.
Die Vorwürfe von Mutter und besonders von Oma, was ich denn für ein Lapp wäre, dass ich mich von meiner jüngeren Schwester so herumkommandieren lasse, ließ ich mir gerne gefallen.
In der Grundschule waren die Klassen nach Geschlechtern getrennt , ich fühlte mich nicht wirklich wohl unter den vielen Buben und hatte auch kaum Freunde.
Damals in den Sechzigerjahren, war es noch nicht üblich, dass Männer lange Haare trugen. Den Besuch beim Friseur zögerte ich immer hinaus bis es nicht mehr ging. Haare schneiden war jedes mal ein Drama mit Tränen. Vor allem weil man mir auch noch sagte, dass ich mit langen Haaren wie ein Mädchen aussehen würde. Genau das wollte ich doch. Was als Drohung gemeint war, bewirkte das Gegenteil.
Irgendwann, ich war damals etwa elf Jahre alt, fand ich in einer Illustrierten, die bei meiner Großmutter in der Küche herumlag, einen Artikel über eine Geschlechtsumwandlung. Ein Mann, der sich in Casablanca operieren ließ und jetzt eine Frau war. Ich war wie elektrisiert. Ich wusste sofort, so bin ich auch.
Ich getraute mich nicht mit meinen Eltern darüber zu sprechen. Aus Unterhaltungen zwischen den Erwachsenen, die ich zufällig mitbekommen hatte, kannte ich deren Einstellung und Ansichten über Homosexualität oder andere Sexuelle "Abartigkeiten".
Allein schon sexueller Kontakt vor oder außerhalb einer Ehe wurde als äußerst verwerflich eingestuft.
Homosexualität war nach damaliger Sichtweise nicht angeboren, sondern entstand durch Verführung, oder eigene unmoralische und verwerfliche Handlungsweisen. Junge Männer werden schwul, wenn sie geldgierig sind und sich von älteren zahlungskräftigen Perversen verführen lassen. Pervers waren auch Männer in Frauenkleidung. So in etwa hatte ich das mitbekommen.
Mein Eltenhaus war sehr katholisch. Der sonntägliche Kirchenbesuch war Pflicht. Ein gläubiger Christ kennt seine Pflichten und weiß was Sünde ist. Im Religionsunterreich hatte ich mitbekommen, dass man bereits in Gedanken schwer sündigen kann. Was waren also meine Wünsche und Gedanken? Nichts anderes als schwere Sünde.
Im Religionsunterricht wurden wir vorbereitet zur ersten Kommunion. Dazu gehörte auch die Beichte und zur Beichte gehörte der Beichtspiegel.
Unter Punkt 6, Schamhaftigkeit und Keuschheit, fielen sicher auch meine Gedanken, Wünsche und Vorstellungen. Aber das zu beichten habe ich mich erst recht nicht getraut.
Ich habe zu Gott gebetet, er möge mich von meinen abartigen Wünschen befreien. Das hat er aber nicht getan, der Schlingel.
Damals wurde der Grundstock gelegt für einen langen beschwerlichen Kampf gegen mich selbst.
Um Missverständnisse zu vermeiden, meinen Eltern mache ich keinen Vorwurf. Beide sind 1930 geboren. Sie sind zu Zeiten des Nationalsozialismus zur Schule gegangen und durften zudem die krude, katholisch- religiöse Erziehung der damaligen Zeit genießen. Ihre Ansichten und Einstellungen haben sich im Lauf der Jahre kolossal verändert.
Meine Ausbildung zur Musikerin wäre ohne ihre großartige Unterstützung nicht möglich gewesen.
Dass es heute Ärzte gibt, die das nötige Wissen, die entsprechende Einfühlsamkeit und vor allem den Mut haben, eine bestehende Transidentität bereits bei Kindern zu diagnostizieren find ich fantastisch.
LG Nicola