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Lampenfieber

Verfasst: Di 21. Mai 2013, 21:53
von Nicoletta
Hallo in die Runde,

ich würde gerne mal Rückmeldungen bekommen, weil ich mich in eine Situation manövriert habe, bei der ich jetzt Muffensausen bekomme. Zum Jahreswechsel habe ich beschlossen, dass ich nicht länger Versteck spielen will und habe daher meine Homepage auf meinen weibliche Namen umgestellt, auch als Kontaktadresse nur eine E-Mail mit weiblichem Namen genannt, wobei aber aus meiner Biographie deutlich wird, wie ich dazu gekommen bin.

Bisher schien das niemand bemerkt zu haben (dauert halt seine Zeit). Vor zwei Wochen bekam ich dann erstmals eine E-Mail an meine weibliche Adresse, Anrede mit "Frau Dr. N." mit einer mich freuenden Beurteilung meiner Veröffentlichungen (als Mann veröffentlicht). Außerdem gab der Absender an, mit guten Freunden von uns, die ich noch gar nicht eingeweiht habe, befreundet zu sein und von ihnen auf meine Bücher aufmerksam gemacht worden zu sein. Ich habe dann ihm geantwortet, dass ich mich gefreut habe und ihm gerne ein Freiexemplar meiner letzten Publikation, die er noch nicht kannte, schenken würde. Letzten Freitag besuchte er mich dann im Dienst. Da er eine Frau erwartete, bin ich ihm möglichst entgegengekommen: zwar Damenhose, aber Bluse, lange Ohrgehänge, rot lackierte Fingernägel, Schmuck, alles nicht übertrieben, aber doch erkennbar. Darüber wurde kein Wort verloren, und wir haben uns gut unterhalten.

Heute nun bekam ich eine Einladung nach Berlin für den Juni, ich darf dort an der Humboldt-Universität einen Vortrag halten. Die Einladung erging an Frau Dr. N., obwohl dort meine Bücher, die unter dem männlichen Namen erschienen sind, bekannt sind. Jetzt bin ich in dem Dilemma. Ich habe mich selbst als Frau geoutet, hatte auch dazugeschrieben, dass ich im wissenschaftlichen Bereich, um keine Verwirrung zu stiften, wohl weiterhin also Mann würde auftreten müssen, aber nun das: eine Einladung an die Frau! Ich bin glücklich. Wenn ich das mache (und ich will eigentlich), dann wäre das meine erste mehrtägige Reise als Frau einschließlich öffentlichem Auftritt mit -- wahrscheinlich -- teilweise Publikum, das mich als Mann kennt. Das alles stört mich weniger, wohl aber meine Unsicherheit in der weiblichen Rolle. Ich habe keine Erfahrung mit Schminken, habe eigentlich keine Schuhe, die bequem genug sind, um es notfalls tagelang darin auszuhalten (hoher Spann, breite Füße), meine Kleidung ist freizeit- und wandertauglich, aber ich habe eigentlich nur ein vorzeigbares Kostüm (wadenlanger Rock und Blazer in Wiener Schnitt), weniger gut ein dünner knielanger Rock mit Blazer, und am schlimmsten: meine Haare. Frisch gewaschen geht das noch, ist aber doch arg gelichtet, aber zu einer Perücke habe ich mich noch nicht durchringen können.

Ihr seht meine Verwirrung. Ich will, aber scheue zurück. Ich könnte noch schnell etwas Passendes kaufen (wenn ich es bezahlbar finde), könnte mir eine professionelle Nagelpflege antun, aber die Haare. Und dann meine Frau. Ich habe ihr heute, da sie offenbar nicht gerade bei Laune ist, noch nichts erzählt. Sie ist zwar in letzter Zeit sehr verständnisvoll, aber das ist dann doch eine Kategorie mehr. Wenn Ihr Euch in mich hineinversetzen könnt, würde ich mich über Antworten freuen.

LG Nicoletta

Re: Lampenfieber

Verfasst: Mi 22. Mai 2013, 14:38
von Vincent
Hallo Nicoletta,

ja, ich kann mich sehr gut in Deine Lage versetzen — denke ich zumindest"¦
Auf der einen Seite der Wunsch es heraus zu lassen, nicht mehr Versteck zu spielen und auf dae anderen Seite die angst vor dem Neuen und auch davor mit Altem zu brechen und vor allem bei der eigenen Frau für Unbehagen oder was auch immer zu sorgen.

Wie du selbst schreibst hat Du dich in diese Situation manövriert und es vermutlich auch mehr oder weniger gewollt, als du deine Homepage gestaltet hat.
Du bist auch noch einen Schritt weiter gegangen und hast dienen Besuch als Frau empfangen.
An dieser Ställe hättest Du auch abspringen können vom fahrenden Zug. Du wirst auch weiterhin an jedem Punkt abspringen können, aber je schneller die Fahrt schon ist, desto härter wird die Landung.
Sich einer Öffentlichkeit zu stellen erfordert Mut und vor allem eine Sicherheit in dem was man tut und will, sich der Öffentlichkeit als Frau zu zeigen und später wieder zurück zu rudern braucht vermutlich noch mehr Mut.

Wenn ich Deinen Beitrag lese habe ich aber das Gefühl, dass du Dir in dem was du willst sicher bist, nur etwas Angst vor dem Neuen und der eigenen Courage bekommen hast. Alle diene genannten Probleme empfinde ich eher als vorgeschoben, sie sollten mit einer kleinen Shoppingtour zu beheben sein, um die du als Frau gelegentlich eh nicht herumkommst.

Was die Haare betrifft, bist du weit von einer Glatze entfernt und ich kenne durchaus biologische Frauen, die sich über dien Haarmenge noch freuen würden. Selbst könnte ich mir auch schwer vorstellen eine Perücke zu tragen, aber eine Lösung wäre es durchaus, alleine weil sie Dir vielleicht mehr Sicherheit geben könnte.

Die Sicherheit ist vermutlich das wesentliche Thema, die gewinnst Du nur in dem du tust was du willst, und nicht dadurch dass du es vor Dir her schiebst — egal worum es geht

Ich habe, vor einiger Zeit auch mal einen Vortrag zwar nicht als Frau, aber in einem Rock gekleidet, gehalten — lange darüber nachgedacht, verschoben, gehadert usw. aber es irgendwann gemacht — alles war toll. Seit dem habe ich in dieser Situation keine Hemmungen mehr mich mehr wunschgemäß zu kleiden.

MMn solltest du dir klar werden was du wirklich willst und je nach dem diese gute Gelegenheit nutzen auch wenn es eine Herausforderung darstellt, oder ganz schnell die Notbremse ziehen.

Re: Lampenfieber

Verfasst: Do 23. Mai 2013, 10:07
von Nicoletta
Danke für Eure Antworten, die mich in dem bestätigen, was ich mir auch überlegt habe. Der Vortrag ist fest zugesagt, alles abgestimmt, Hotelzimmer bestellt, jetzt nur noch die Fahrkarte. Ich erwarte keine Probleme in Berlin, wenn dann noch das Wetter mitspielt ... Was meine Ausstaffierung anbetrifft, so entsprechen die Ratschläge ohnehin meinem Stil. Wahrscheinlich nehme ich entweder ein schwarzes Kostüm (geht mit knielangem Rock oder Hose) oder ein etwas wärmeres mit Wiener Nähten, wadenlanger Rock. Mit den farblich passenden Pumps muss ich noch etwas üben (ich habe noch einen Monat), sonst bleiben ziemlich bequeme Hochfrontpumps, geschnürt, 7cm Absatz. Ich will noch eine passende Lderhandtasche kaufen, meine jetzige aus Imitat fand meine Frau nicht schön genug. Die Haare werde lassen, wie sie sind, frisch gewaschen mit Lockenshampoo haben sie auch genügend Volumen. Vielleicht gönne ich mir noch eine professionelle Maniküre, und auf Schminken werde ich weitgehend verzichten. Der Lidstrich ist mir noch nie zufriedenstellend gelungen, Mascara geht, aber beides kommt bei Brillenträgern ohnehin nicht recht zur Geltung. Ich werde mir lieber noch einmal wieder die Augenbrauen zupfen und die Wimpern färben lassen, das bringt mehr.

Das wäre es dann. Jetzt muss ich einen schönen Vortrag zaubern, und nach meiner Rückkehr werde ich berichten. Liebe Grüße,

Nicoletta

Re: Lampenfieber

Verfasst: Do 23. Mai 2013, 15:49
von Vincent
Nicoletta hat geschrieben: und nach meiner Rückkehr werde ich berichten
Ich wünsche Dir viel Erfolg, in jeder Beziehung ud bin schon gespannt auf deinen Bericht - Auch wie Du das mit deiner Frau klärst.

Re: Lampenfieber

Verfasst: Fr 24. Mai 2013, 23:11
von Nicoletta
Eigentlich wollte ich mich zum Thema vor meiner Fahrt gar nicht mehr melden, aber es geht rasant voran. Am Freitag habe ich zwei weitere Rückmeldungen von Bekannten bekommen, die über meine Homepage von meiner Entwicklung erfahren haben, heute habe ich drei weitere näher informiert, und von allen habe ich nur allerpositivste Rückmeldungen, Gratulationen zu meinem Mut, zu mir selbst zu stehen, und Zusicherungen, dass man schließlich über Genderproblematik Bescheid wisse und damit keine Probleme habe. Meine "Absprungchancen", von denen hier die Rede war, verringern sich dramatisch, wenn man es negativ sehen will, aber ich bin euphorisch. Ich habe das Gefühl, ich habe sogar neue Freunde gewonnen statt, wie meine Mutter geunkt hatte, alle zu verprellen. Ich fühle mich absolut gut und auf dem richtigen Weg, endlich zur Gänze in der Wahrheit zu leben. Das wollte ich hier unbedingt loswerden, denn manche hier machen sich unnötig Sorgen. Wenn ihr selbst sicher seid, dass ihr Frauen seid (nur die sind gemeint, Crossdresser ist eine andere Kategorie), dann lebt es so authentisch wie möglich, und wenn ihr authentisch seid, wird kaum jemand Anstoß an Euch nehmen, sondern Euch eher bewundern als ablehnen . In der Wahrheit zu leben -- das sollte für uns alle die Maxime sein. In diesem Sinne liebe Grüße an alle,

Nicoletta

Re: Lampenfieber

Verfasst: Mo 27. Mai 2013, 12:24
von Nicoletta
Und es geht weiter. Heute bin ich zum ersten Mal im Rock zum Dienst gegangen. Meine bisherigen Unternehmungen im Rock waren ja harmlos: Wanderungen in Wald und Feld, Durchqueren von Ortschaften, wo mich niemand kennt, allenfalls die Einkäufe in der Nähe zählen. Heute bin ich früh los, war um 8 Uhr bei einem Discounter, um günstig einen Koffer für meine Berlinreise zu erstehen. Während ich sonst eigentlich immer zu den 7 Minuten entfernten Straßenbahn gegangen bin, wo die Chancen, Bekannte zu treffen, geringer sind, bin ich heute zur Bushaltestelle zwei Minuten von Zuhause gegangen, komplett als Frau im Rock. Die meisten Wartenden an der Haltestelle kannte ich, wohnen in der Nachbarschaft gegenüber. Im Drogeriemarkt war ich eine der ersten drei Kundinnen bei Ladenöffnung, beim Discounter war auch noch nicht viel los, und die Kassierinnen kenne ich alle, aber da war ich auch sonst schon mal im Rock. Hinterher habe ich dann meinen Rentenantrag abgegeben, ca. 40 Leute jedweden Geschlechts vor mir, ich die einzige im Rock. Hat auch alles problemlos geklappt. Und jetzt sitze ich im Dienst und fühle mich wohl. Die Übung ist sicher angetan, mich auch auf der Zugfahrt nach Berlin und dort in der Öffentlichkeit und schließlich bei einem ernsthaften wissenschaftlichen Vortrag ungezwungen zu bewegen. Ich habe auch weitere Rückendeckung dadurch bekommen, dass ich mich am Wochenende allen guten Freunden gegenüber, die bisher noch nicht informiert waren, offenbart habe, und mit einer Ausnahme, von der noch keine Antwort vorliegt, habe sich alle sehr positiv geäußert, mich mit meinem weiblichen Namen angeredet und mir Glück gewünscht. Ich fühle mich wie neu geboren.

Nicoletta

Re: Lampenfieber

Verfasst: Mo 27. Mai 2013, 17:17
von Vincent
Hallo Nicoletta,
Du hast den größten Schritt erfolgreich gemacht!
Es freut mich für Dich, dass alles so reibungslos gelaufen ist, und das alle so positiv reagiert haben. Ich denke dass es wohl nicht für alle ganz überraschen kam, aber es beflügelt doch und stärkt Dir den Rücken für Berlin.
Ganz ehrlich denke ich nicht, dass du dir noch ernsthaft den Kopf zu zerbrechen brauchst - Fremde sind wesentlich zurückhaltender, desinteressierter oder was auch immer, als Bekannte oder Freunde.
Wenn der Große Schritt geklappt hat, ist der Rest nur noch ein Stein auf dem Weg zur Normalität für Dich.

Re: Lampenfieber

Verfasst: Fr 7. Jun 2013, 12:48
von Nicoletta
Hallo,

mein Ausflug vom 27. Mai hatte allerdings dann doch noch ein Nachspiel. Als ich nach Hause kam, hatte meine Frau schon arg viel getrunken (eine ganze Flasche Wodka zumindest, ob noch anderes, weiß ich nicht), und das führte dann doch zu unschönen Vorwürfen und aggressivem Verhalten sowie der Drohung, mich nun wirklich zu verlassen. Im Ärger rief sie noch meine Mutter an und klagte ihr ihr Leid. Die nächsten Tage war ich dann "brav", im Dienst nur in Damenjeans statt Rock, einen Rock trug ich nur einmal vorige Woche und dann gestern zu Wanderungen. Inzwischen hat meine Frau sich aber offenbar mit der Lage abgefunden. Die letzten Tage ging alles gut, und sie hat angeregt, ich solle meine Männerhemden, die ich ohnehin nicht mehr trage, entsorgen, auch Hosen und Jacken. Sie hat sogar während meiner Abwesenheit die Sachen bereits aus dem Schrank geräumt und meine weibliche Garderobe ordentlich aufgehängt. Jetzt sitze ich wieder im Dienst, bei der heutigen Hitze in einem noch neuen knielangen Leinenrock, Karobluse, die immerhin so dicht ist, dass der BH kaum auffällt, dazu Riemchensandalen mit kleinem Absatz, natürlich barfuß mit rot lackierten Fußnägeln. Meine Frau hat mich gesehen und begutachtet, als ich zum Dienst ging, und hatte keinerlei Einwände außer dem Rat, beim Hinsetzen aufzupassen, dass der Rock nicht hochrutsche, aber das mache ich ohnehin automatisch. Fremde haben ohnehin keine Probleme mit mir. An der Bushaltestelle schaute ein Frau etwas länger, aber warum soll sie nicht, Neugier ist doch menschlich. Ich hab sie einfach mit einen Kopfnicken und Lächeln gegrüßt. Ich werde ja auch oft (allerdings fast nur von unbekannten Frauen) angelächelt. Frauen haben viel mehr Blickkontakt miteinander, und das mache ich gerne mit.

Ein schönes Wochenende,

Nicoletta

Re: Lampenfieber

Verfasst: Fr 14. Jun 2013, 11:51
von Nicoletta
Wir sind eine Woche weiter, wieder sitze ich im Büro, natürlich komplett weiblich, ich habe die ganze Woche nichts anderes mehr getragen. Etliche Leute haben mich gesehen, Nachbarn, Bekannte, Kollegen, alles ohne Probleme. Am Mittwoch war ich zur Mittagszeit, als besonders viel los war, im Universitätshauptgebäude auf der Damentoilette. Auch das muss ich ohne Zögern als selbstverständlich können, und ging ja auch. Seit meine Frau mir einen schicken Haarschnitt verpasst hat und mir beigebracht hat, mit Fön und Rundbürste die Haare in Form zu bringen, fühle ich mich auch da sicherer. Es ist ein gutes Gefühl, jetzt passt alles zusammen, auch wenn ich sicher als Mann erkannt werde (ich bin ungeschminkt bis auf ein wenig Lippenstift und eine getönte Tagescreme, die Augenbrauen aber ordentlich gezupft -- eigentlich nicht gezupft, ich habe im Drogeriemarkt eine speziell vorgeformte Klebefolie erstanden, die leicht angedrückt wird und mit einem Ruck gegen die Wuchsrichtung alle unerwünschten Haare auf einmal entfernt, sehr empfehlenswert, ordentliche Augenbrauen in einer Minute), aber ich werde problemlos als die Frau akzeptiert, als die ich mich präsentiere. Eben habe ich noch ein Kostüm, das ich online bestellt hatte, abgeholt und im Laden anprobiert. Am wenigsten zufrieden bin ich heute noch mit meinen Pumps. Ist zwar meine Größe, auch bequem innerhalb der Wohnung, aber auf Kopfsteinpflaster doch mühsam, auch rutscht der Fuß links manchmal etwas raus. Ein anderes Paar sitzt fester, aber die sind so eng, dass ich die nicht den ganzen Tag über tragen könnte. Wahrscheinlich nehme ich doch die Riemchenpumps, die ich mehrere Tage lang ohne Probleme getragen habe, und wechsel nur für den Vortrag auf die schickeren Pumps mit dem 8cm-Absatz. Oder kennt jemand einen Trick, wie man das Herausrutschen aus dem Schuh verhindern kann? Ich könnte mir etwas vorstellen wie Anti-Rutsch-Pad, das man am Haken in den Schuh klebt. Bilde ich mir das ein, oder gibt es so etwas?

So, jetzt nur noch den Vortrag abschließen, dann kann Berlin mich begrüßen. Schönes Wochenende allerseits,

Nicoletta

Re: Lampenfieber

Verfasst: Fr 14. Jun 2013, 12:13
von FraukeTV
Hallo Nicoletta,
i.d.R. sind Hochschulen sehr tolerant, was Crossdressing angeht. Es hängt natürlich auch vom Fachbereich ab.
Drei Überlegungen möchte ich aber gerne ansprechen und einen Tipp für die Schuhe habe ich auch:
- Ich gehe davon aus, dass Du dich nicht in der Postdoc-Zeit befindest und du dich in trocknen Tüchern (Professur, andere sichere Stelle) befindest. Sollte das nicht der Fall sein, wird es glaube ich sehr schwer im Hochschulbereich Schritt zu fassen,
- Deine Veröffentlichungen laufen unter deinem männlichen Namen. Je nachdem wie viel du veröffentlicht hast, ist das bitter, da man ansonsten vermutet, dass es sich bei dem Mann um eine andere Person handelt und ihr nur den gleichen Nachnamen habt.
- einen Vortrag zu halten ist eine Sache. Je nach Thema fordert das schon recht viel Aufmerksamkeit. Wenn du ein dickes Fell hast und dir deine Emotionen keine Streiche spielen, wird das gut gehen. Wenn schief läuft, ist es doppelt schlimm, weil du nie genau wissen wirst, war es der Vortrag oder war es der Auftritt als Person oder beides zusammen.
Und nun der Tipp:
Es gibt von Scholl u.a. sog. Fersenstreifen aus Silikon. Ich finde die gut. Manchmal hilft auch ein Taschentuch vorne reinzustecken.
Viel Erfolg
LG
Frauke

Re: Lampenfieber

Verfasst: Fr 14. Jun 2013, 14:02
von Nicoletta
Hallo, Frauke,

danke für die guten Ratschläge und den Tipp mit dem Fersenkissen, werde ich versuchen.

Was die Toleranz im Hochschulbereich anbetrifft, so ist unser Institut inzwischen aufgelöst, ich habe hier nur noch meinen Arbeitsplatz, aber praktisch keine Kollegen. Nur von einem weiß ich, dass er zwar Bescheid weiß, es aber -- ganz wie meine Mutter, ähnlicher Jahrgang -- nicht wissen will. Den Einladenden in Berlin kenne ich von anderen Tagungen, da bin ich gespannt, wie er mir gegenübertreten wird. Der Kontakt läuft bisher über eine Mitarbeiterin von ihm, die mir versichert hat, sie hätten damit keine Probleme, von der Genderproblematik hätten alle schon gehört oder sogar darüber gearbeitet. Das wurde mir auch von mehreren Freunden gesagt. Ich rechne schon mit erhöhter Aufmerksamkeit beim Publikum, wird mich aber nicht irritieren. Fachlich bin ich sicher, und Auftreten als Frau habe ich ja schon ein bisschen geübt. Ansonsten stehe ich kurz vor der Rente (Dienst endet am 31.07.).

Mit den Publikationen unter "männlichem Pseudonym" werde ich leben müssen. Meinen Vornamen habe ich schon einmal geändert im Rahmen einer religiösen Umorientierung, was zur Folge hatte, dass im Internet davon die Rede war, eines meiner Bücher sei durch die Zusammenarbeit zweier Autoren entstanden. Noch eine Mitarbeiterin möchte ich weder meinem Verleger noch der Leserschaft zumuten. Da ich aber auch literarische Ambitionen habe, für die ich jetzt nach der Verrentung vielleicht auch Zeit finden werde, kann ich belletristische Werke ja immer noch unter meinem weiblichen Namen publizieren.

Viele Grüße,

Nicoletta

Re: Lampenfieber

Verfasst: Fr 14. Jun 2013, 16:31
von Inga
Hallo, Nicoletta,

Danken möchte ich dir, dass du deine Erfahrungen mit uns hier so teilst. Das ist sehr aufschlussreich.

Du schriebst
Nicoletta hat geschrieben:
.... Da ich aber auch literarische Ambitionen habe, für die ich jetzt nach der Verrentung vielleicht auch Zeit finden werde, kann ich belletristische Werke ja immer noch unter meinem weiblichen Namen publizieren.
Wenn ich mir vorstelle, dass früher Frauen oft noch unter männlichen Pseudonym veröffentlicht haben, um überhaupt fachlich akzeptiert zu werden, so haben sich die Zeiten ja doch etwas geändert.

Liebe Grüße
Inga

Re: Lampenfieber

Verfasst: Fr 21. Jun 2013, 12:53
von Nicoletta
Jetzt kommt doch wieder Lampenfieber, ein wenig jedenfalls. Nicht wegen des Vortrags, der steht, und er ist gut. Auch nicht wegen des Publikums, ich habe eigens zugestimmt, dass auch andere Institute zum Vortrag eingeladen werden, es gebe auch dort Leute, die mich (natürlich nicht als Frau) kennen (keine Ahnung, wer das sein kann, aber ich will kein halbherziges Outing, ich verstecke mich hier ja auch nicht mehr). Nun aber kam der einladende Professor, der mich auch nur als Mann kennt, auf die Idee, mit mir und der ganzen Gruppe hinterher zum Sommerfest der HU zu gehen. Noch eine Premiere, an unseren Bonner Sommerfesten habe ich noch nie teilgenommen. Dem Programm entnehme ich, dass es da eine Big Band und eine Salsa-Gruppe und eine Disco geben soll. Der Professor wird doch nicht mit mir tanzen wollen? posting.php?mode=reply&f=36&t=6385# Ich habe seit Jahrzehnten nicht getanzt, und Schuhe mit hohem Absatz noch nie, und mit einem Mann natürlich auch nicht. Wird sich aber ja wohl vermeiden lassen. Ich wünsche ich mir nur noch, dass der Zug nicht zuviel Verspätung hat und der vorhergesagte leichte Regen, der mich die ganze Zeit begleiten soll, es sich vielleicht noch anders überlegt. Zumindest wird es nicht zu heiß, so dass ich das schönere Outfit tragen kann, zu dem auch die bequemeren Schuhe passen. Ihr könnt Euch dann schon einmal auf meinen Bericht freuen. Ein schönes Wochenende und liebe GRüße,

Nicoletta

Re: Lampenfieber

Verfasst: So 30. Jun 2013, 17:31
von Nicoletta
Nun ist es gelaufen, und es war alles fast enttäuschend normal. Die dreitägige Berlinreise war für mich das erste öffentliche Auftreten über mehrere Tage hinweg, aber nach meinem vorherigen Üben war alles völlig unaufgeregt, es war einfach normal und kaum berichtenswert.

Für den Vortrag am Donnerstag hatte ich mir ein Kostüm mit wadenlangem Rock zugelegt, dazu wollte ich passende Pumps mit 8 cm Absatz und eine blassrosa langärmelige Bluse mit verdeckten Knöpfen tragen. Am Dienstag hatte ich mir noch die Augenbrauen zupfen, in Form bringen und färben lassen, ebenso die Wimpern, die aber schwarz (erspart die Mascara, die nur verlaufen kann). Meine Frau hatte mir noch beigebracht, wie ich mit Rundbürste und Fön mir eine akzeptable Lockenfrisur zaubern konnte. Zuhause hatte sie mir das noch schön gemacht mit Lockenwicklern, die ich aber nicht mitnehmen wollte. Für die Reise hatte ich einen ebenfalls wadenlangen Bahnenrock, in dem ich mich sehr wohlfühle, ist auch ein jugendlicherer Schnitt und steht mir, während das Kostüm von meiner Frau kritisiert wurde, ich sehe darin aus wie eine alte Frau. Zu dem Rock trug ich eine altrosa Baumwollbluse und Spangenpumps, 6 cm hoch mit etwas breiterem Absatz, dazu ein farblich passender Blazer. Die Ohrringe in Silber und Blassrosa passten zu beiden Outfits, außerdem hatte ich bernsteinfarbene Ohrringe passend zu einer weiteren Bluse mit rot-braunem Blumendesign.

Die Fahrt nach Berlin verlief, abgesehen von der längeren Fahrstrecke wegen der Hochwasserfolgen, völlig ereignislos, niemand nahm von mir Notiz, auch nicht bei der Fahrkartenkontrolle, zu der ich meinen Personalausweis vorlegen musste. Im Hotel angekommen sah ich, dass die Zimmerreservierung auf meinen männlichen Namen vorgenommen worden war, was insofern sinnvoll war, als ich ja auch dort meinen Ausweis vorlegen musste. Die Damen an der Rezeption waren sehr freundlich, ja liebenswürdig, und auch die nächsten Tage erntete ich freundliches Lächeln. Den Abend verbrachte ich bei Freunden in Friedenau, wo wir über alles Mögliche sprachen, meine Entwicklung, von der ich ihnen aber schon geschrieben hatte, kam nur unter anderem zur Sprache, als sie nachfragten, seit wann ich denn offiziell den weiblichen Namen führe (was bisher nicht der Fall ist). Für den Abend hatte ich nur die Reisebluse gegen die elegantere mit Blumendesign ausgewechselt. Wieder im Hotel, bekam ich noch Bierdurst, fragte jemanden im Hotel, wo er sein Bier herhabe, und wurde auf einen nahen Spätverkauf verwiesen. Auch hier gab es nirgendwo auch nur einen zweiten Blick.

Am Donnerstag hatte ich den ganzen Vormittag Zeit, um Berlin zu erkunden, dreieinhalb Stunden zu Fuß. Dabei merkte ich, dass das Berliner Kopfsteinpflaster für die guten Pumps katastrophal sein könnte, so dass ich auch am Nachmittag zum Vortrag die bequemeren mit breiterem Absatz anzog. Das Pflaster war auch so schon ermüdend genug. Danach kehrte ich ins Hotel zurück und beschloss, mir doch noch einmal die Haare zu waschen und zu stylen, zog die dafür eingeplante Bluse an, blieb angesichts der warmen Witterung doch bei dem Bahnenrock, in dem ich mich einfach pudelwohl fühlte, und den bequemeren Pumps. Es blieb noch Zeit für ein kleines Mittagessen in einem altdeutschen Restaurant Unter den Linden, bevor ich ins Institut ging. Dort wurde ich -- ohne Anrede -- von dem einladenden Professor, den ich aber auch von früher kannte, mit Hallo begrüßt. Er bot mir an, den Blazer abzulegen, auch er war ohne Jackett in einem rosa Hemd, so dass wir sogar gut zusammenpassten. Der Vortrag gehörte in eine Colloquiumsveranstaltung für Masterstudenten, auf deren Anregung hin ich eingeladen worden war, weil sie mit meinen Büchern gearbeitet hatten, und gerne den Verfasser kennen lernen wollten. Im Colloquium waren nur bis zu acht Studierende, zum Vortrag kamen dann zehn Studierende, dazu der Professor und eine ältere Dame aus einem anderen Institut. Da wir frühzeitig im Übungsraum waren, blieb Zeit, mit den Teilnehmern vor dem Vortrag ein paar Worte zu wechseln, es herrschte eine entspannt freundliche Atmosphäre. Niemand sprach mich namentlich an, nur eine Studentin fragte, ob sie mich Herr oder Frau T. nennen sollte, worauf ich sagte, dass Frau T. mir lieber sei. Im weiteren Verlauf sprach aber auch sie mich gar nicht an, nur einmal bezog sie sich auf mich mit dem Pronomen "er", was natürlich passieren kann. Der Professor aber stellte mich korrekt als Frau T. vor. Nach dem Vortrag und der anschließenden kurzen Diskussion gingen die Interessierten, der Professor, die ältere Studentin, die mich nach der Anrede gefragt hatte, und zwei weitere Studentinnen, von denen die eine jene war, mit der ich korrespondiert hatte, ausschließlich unter meinem weiblichen Namen, und eine weitere, die kaum etwas sagte, in die benachbarte Kneipe, wo wir noch anderthalb Stunden gemütlich beisammen saßen und Fachliches und Persönliches besprachen, ohne aber je auf die Genderproblematik einzugehen. Schließlich wurde ich aufgefordert, doch wieder mal zu einem Vortrag nach Berlin zu kommen, vielleicht in drei Jahren, also für die nächsten Studentengeneration. (Den ursprünglich geplanten Ausflug zum Sommerfest hatte ich abgelehnt, weil wegen des dort zu erwartenden Lärm bei drei Musikgruppen die Kommunikation bei meinem Gehör wahrscheinlich gescheitert wäre.) Anschließend war ich nochmals im Nikolaiviertel, wo ich allein zu Abend aß. Am Nachbartisch saß ein älterer Herr, ein -- wie ich dann erfuhr -- 70jähriger ehemaliger Arzt, der mich ansprach, weil ich wie ein "Intelligenzler" oder ein "Künstler" aussehe (wohl wegen der Haare und der Ohrringe, denn den Rock hatte er offensichtlich nicht wahrgenommen). Wir unterhielten uns nett, philosophierten über Gott und die Welt, und erst, als ich zur Bushaltestelle ging, bemerkte er meinen Rock und sprach mich darauf an ("Warum hast Du denn einen Rock an?"). Da ich schon gehen wollte, erklärte ich ihm nur kurz, dass ich eine Frau sei, nur genetisch männlich, ihm blieb aber keine Zeit mehr nachzufragen. Das war alles.

Fazit: Die anfängliche Aufregung, von der ich im ersten Beitrag gesprochen hatte, stellte sich gar nicht ein. Niemand interessierte sich für mein Äußeres, es schien für alle das Normalste von der Welt zu sein, und ich fühlte mich ebenso vollkommen und fast enttäuschend normal. Das Interessantere war eigentlich die Zeit vor der Reise, die zu der Weichenstellung geführt hat, so dass ich jetzt wirklich hundertprozentig als Frau lebe und das durchaus genieße, auch wenn es mir so normal vorkommt. Diese Wende mit der Aufgabe auch meiner männlichen Oberbekleidung und Schuhe (Wäsche hatte ich schon länger nicht mehr) ergab sich mit Hinblick auf die Berlinreise, ist aber ja vor der Reise erfolgt, und der öffentliche Auftritt im fachlichen Rahmen war absolut unauffällig, fast als ob den Unterschied niemand auch nur wahrgenommen hätte. Das mag enttäuschend sein für Euch, die Ihr hier mitlest, eigentlich auch für mich, obwohl ich nicht weiß, was ich eigentlich hätte erleben wollen, aber doch gut, dass ich so ohne Bedenken als Rentnerin, die ich in nun weniger als fünf Wochen sein werde, authentisch leben kann.

Liebe Grüße,

Nicoletta

Re: Lampenfieber

Verfasst: Mo 1. Jul 2013, 06:58
von Anni
Hallo Nicoletta )))(:
Nicoletta hat geschrieben: Das mag enttäuschend sein für Euch, die Ihr hier mitlest....
... für die wohl überall unter uns lebenden " Sensationslüsternden " wohl schon :mrgreen:

...jedoch finde ich , das gerade Dein Beitrag zeigt , das es inzwischen durchaus möglich ist , bei entsprechendem Selbstbewustsein und einer natürlichen Authentizität , sein wahres Ich normal im Alltag zu leben .

Das haste offensichtlich prima hingekriegt (smili)

Wobei - so ein paar kribbelige Momente hätten ja schon was für sich :lol:

DANKE für Deinen schönen Bericht (flo) - und sieh zu , das Du in den nächsten 4 Wochen hier noch ordentlich aktiv bist - denn ab 31.07 haste ja dann keine Zeit mehr :P

LG von frecher Anni