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Republik.ch: Das Recht auf Abbruch wankt

Verfasst: Sa 22. Aug 2026, 22:59
von Jaddy
https://www.republik.ch/2026/08/21/das- ... ruch-wankt
https://archive.ph/ZKDmm
Mehr als dreissig Jahre nachdem in Deutschland Schwangerschafts­abbrüche unter gewissen Bedingungen entkriminalisiert sind, steht dieses scheinbar erkämpfte Recht wieder infrage. Im Zuge eines politischen Rechts­rucks geraten gesellschaftliche Fortschritte in Bedrängnis. Das süd­deutsche Bundes­land Bayern zeigt dabei exemplarisch, wie konservative Parteien Positionen der extremen Rechten aufnehmen – und wie Feministinnen versuchen, dagegen anzukämpfen.
Wie verbreitet solche Erfahrungen sind, zeigt eine 2025 veröffentlichte Studie zu Schwangerschafts­abbrüchen in Deutschland, die sogenannte Elsa-Studie. Bayern war hier bundesweit das Schlusslicht in Bezug auf die Anzahl an Einrichtungen pro Frau im Alter zwischen 15 und 49 Jahren, die Schwangerschafts­abbrüche anbieten. Während es in Ländern wie Mecklenburg-Vorpommern eine Stelle pro rund 6000 Frauen gab, lag die Quote in Bayern bei einer Praxis pro 31’000. In der Oberpfalz rund um Regensburg gibt es sogar nur eine Praxis pro 113’000 Frauen.

Doch statt die Situation zu verbessern, verschlechterten das bayerische Gesundheits­ministerium und das Abgeordneten­haus sie 2024 und 2025 noch: Die neuen Regeln verbieten Telemedizin für medikamentöse Abbrüche, die Praxen müssen rund um die Uhr erreichbar sein oder mit einem Kranken­haus kooperieren.

In Regensburg allerdings lehnen die katholischen Träger der Kranken­häuser solche Vereinbarungen ab. Alkofer schüttelt den Kopf: «Solche Regelungen sind reine Schikane.»

Das bayerische Gesundheits­ministerium hingegen sieht darin kein Problem. Es gebe derzeit keinen Versorgungs­mangel, schreibt es auf Anfrage, da der Gesetz­geber lediglich verlange, dass für den Gang zu einer entsprechenden Praxis nicht mehr als ein Tag beansprucht werden dürfe. Dies sei sogar im Interesse der Frauen, «da sie einen gewissen Abstand und damit mehr Anonymität vorziehen», lässt sich das Ministerium zitieren.

Es war die Elsa-Studie, die erstmals bundesweit darauf aufmerksam machte, wie schwierig der Zugang zu Schwangerschafts­abbrüchen ist. Der ehemalige Gesundheits­minister Jens Spahn (CDU) hatte sie 2019 in Auftrag gegeben, um die «seelischen Folgen» eines Abbruchs untersuchen zu lassen. Das Ergebnis fiel anders aus: Die Wissenschaftlerinnen stellten fest, dass fehlende Zugänglichkeit, Zugangs­barrieren und Stigmatisierung die grössten Probleme für ungewollt Schwangere sind.
Spätestens seit 2024, als mit der Ampel aus SPD, Grünen und FDP die letzte progressiv ausgerichtete Regierungs­koalition scheiterte, dominieren zunehmend rechte und rechts­extreme Argumente die öffentliche Debatte.

So kam 2025 die Wahl der Rechts­wissenschaftlerin Frauke Brosius-Gersdorf zur Verfassungs­richterin im Deutschen Bundestag nicht zustande. Dass sie forderte, Schwangerschafts­abbrüche zu entkriminalisieren, war für viele Abgeordnete ein Grund, sie abzulehnen. Insbesondere die AfD und konservative Kreise der CDU wetterten gegen sie.

Für die Politik­wissenschaftlerin Laila Riedmiller ist dies Teil eines rechten Diskurses, der in den letzten Jahren Brüche mit dem gesellschaftlichen Konsens normalisiert hat. Die AfD habe über Jahre «auf eine Verschiebung des Sagbaren hingewirkt», sagt sie.

Riedmiller ist über die Erosion des liberalen Konsenses der 1950er-Jahre besorgt. Selbst für die CSU sei es lange möglich gewesen, Schwangerschafts­abbrüche in einem gewissen Rahmen zuzulassen, ohne ihre konservative Grund­haltung aufzugeben. Doch nun versuchten AfD und Teile der CDU/CSU, das Recht auf Abbrüche enger zu definieren – erlaubt sein sollen sie nur noch etwa nach einer Vergewaltigung oder wenn die Gesundheit der Mutter gefährdet ist. Es bestünden zudem genaue Vorstellungen, «wer Kinder haben und wer lieber weniger Kinder gebären soll», sagt Riedmiller.

Gefördert werde die Rolle der «weissen Ehefrau», die je nach Radikalität der Position mal arbeite und Kinder bekomme, mal nur fürs Gebären zuständig sei. Queere oder muslimische Familien hingegen würden als Bedrohung für die Gesellschaft betrachtet.

Aus Angst vor der AfD gehe die CDU/CSU nicht entschieden genug gegen solche Tendenzen innerhalb der Partei vor und lasse sich dabei von den Rechts­extremen vor sich hertreiben, sagt Riedmiller. Dabei befürworten 80 Prozent der Bevölkerung eine Legalisierung von Schwangerschafts­abbrüchen, wie 2024 eine Umfrage ergab, die das Bundesfrauen­ministerium in Auftrag gegeben hatte.
In der Mensa der Universität Regensburg sitzen vier Studentinnen, die Teil der «Medical Students for Choice» in Regensburg sind, und kritisieren, dass sie Schwangerschafts­abbrüche nur rechtlich und ethisch lernen, nicht aber praktisch. Dies widerspricht der aktuellen Approbations­ordnung für Ärzte, die vorschreibt, dass «medizinische, rechtliche und ethische Aspekte des Schwangerschafts­abbruchs» gelernt werden müssen.

Dass dies in Regensburg nicht geschieht, hat einen einfachen Grund: Der Lehrstuhl für Gynäkologie wird von der erklärten Abtreibungs­gegnerin Angela Köninger besetzt, und die beiden auf Frauen­heilkunde und Geburtshilfe spezialisierten Kranken­häuser haben katholische Träger. «In der Vorlesung werden Schwangerschafts­abbrüche nur rechtlich und ethisch behandelt, praktisch können wir sie nicht lernen», sagt eine Studentin. Die Gruppe glaubt, dass neben moralischen Vorstellungen auch ein fehlendes Bewusstsein über die Bedeutung von Schwangerschafts­abbrüchen dazu führt, dass deren Lehre wenig Beachtung erhält.
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Als Professorin und Vorstands­mitglied der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe war Köninger 2024 besonders aktiv, um Bundestags­abgeordnete davon zu überzeugen, den Paragrafen 218 beizubehalten, der Schwangerschafts­abbrüche generell verbietet. Sie rief persönlich die Abgeordneten an und warnte in einem offenen Brief vor einer Aufhebung des Paragrafen.