Elvira hat geschrieben: Mi 2. Apr 2025, 09:50
Besonders deutlich wird das bei den Praxen im ländlichen Raum! Da wollen sie nämlich nicht hin! Also gibt es eine unzureichende ärztliche Versorgung.
Schuld ist selbstverständlich der Gesetzgeber.
Warum hat man denn die Regelung aufgegeben, daß Ärzte die eine Niederlassung wollen, erst 10 Jahre auf dem Land arbeiten müssen? Das war doch ganz vernünftig.
Der Artikel bezieht sich ja auf Führungspositionen im Klinikbereich. Also ganz anderes Thema. Was die niedergelassenen mit eigener Praxis angeht: Ich kann alle verstehen, die sich das nicht antun wollen. Insbesondere die allgemeinmedizinischen aka Hausärztys und insbesondere ausserhalb von finanzstarken (privat zahlenden) Gegenden. Das ganze ist nämlich ein erhebliches finanzielles Risiko und Rezept für Selbstausbeutung. Wer sich die Gebührenordnung Ärzte anschaut und dann die Kosten für eine Praxis und die zu erwartenden Einnahmen, macht statt einer selbstständigen Praxis auf dem Land lieber einen Handwerksbetrieb auf.
Die Vergütung eines niedergelassenen Hausarztes setzt neben den hier nicht im Detail behandelten Vergütungen durch Privatversicherte vorwiegend aus den jeweiligen Zahlungen der gesetzlichen Kassen zusammen. Laut KBV Honorarbericht verdienten Allgemeinmediziner und Internisten pro Behandlungsfall (also Patient pro Quartal) zwischen 55,51 Euro (Hamburg) und 70,46 Euro (Thüringen). Die gesamten Honorarumsätze pro Quartal betragen zwischen 45.213 Euro (Hamburg) und 70.457 Euro (Sachsen-Anhalt).
Wichtig: die Vergütung stellt nicht das Gehalt, sondern den Umsatz des Hausarztes dar. Davon müssen noch Kosten für Praxismiete, Nebenkosten, Personal und Ausstattung der Praxis finanziert werden.
(https://www.praktischarzt.de/arzt/hausarzt-gehalt/)
... und eigene Versicherungen (Berufshaftpflicht!, Unfall, Krankheit, ...), Rentenvorsorge, Steuern, usw. Urlaube müssen davon auch bezahlt werden. Für Arzty ist das einkommensfreie Zeit, bei der die Kosten für Personal und Praxis weiterlaufen.
Die Umsätze geteilt durch den pro Person Durchschnitt sagen, dass ein Mediziny ca 1000 Leute pro Quartal durchschleusen muss, um auf den Schnitt zu kommen. Das sind Leute, nicht Besuche. Umgerechnet 40 Minuten pro Person und Quartal. Wenn Leute zwei mal kommen (Kontrolle? Nachsorge?) halbiert sich das auch. Von dem Geld muss auf die eine oder andere Weise auch die Pflege der Akte, die Abrechnung mit der KV usw bezahlt werden. Entweder macht Arzty das selbst oder bezahlt MFA dafür. Erheblich mehr Aufwand, als ein Handwerky hätte. Aber um das auch gleich abzufangen: Jede Bürokratie hat eine Ursache. Für jede Regelung gab es mindestens mal einen Grund; einen Anlass, irgendeine schlechte Sache zu vermeiden. Einfach nur auf "zuviel" zu schimpfen wird der Komplexität nicht gerecht.
Diese Umsätze können auch nicht gesteigert werden, weil sie über Fallpauschalen und Budgets gedeckelt sind (noch). Längere Gespräche, genauere Abklärung, ausführliche Diagnostik werden von den KV nicht bezahlt. Wenn zu viele Patientys kommen - hallo Erkältungswelle - arbeitet Arzty nach ausgeschöpften Budgets dann ohne Bezahlung pro Nase.
Dass Praxiskonzerne wie Amedes, die mit angestellten Ärztys und gemeinsam genutzten Ressourcen (Labore, IT, ...) arbeiten, keine Landpraxen eröffnen, ist daher wohl klar. Eine Verpflichtung zu einer Landpraxis wer weiss wo, um zB Schulden abzuarbeiten o.ä. würde ich mir nicht antun wollen. Zehn Jahre? Wer kann heutzutage so weit planen?
Dennoch, diese Förder+Pflichtprogramme gibt es weiter:
https://www.praktischarzt.de/magazin/la ... programme/
Und um mal auf das Thema des Artikels zu kommen: Wie lässt sich so ein Job und Risiko mit einer jungen Familie vereinbaren?
Ich sehe hier also vor allem ein Problem der Einnahmeseite und dass die meisten Kosten nicht vom "gierigen Staat" verursacht werden, der natürlich nicht "selbstverständlich schuld" ist (weil er zB keine Berufsverpflichtungen regeln darf usw).
Auf der anderen Seite sehe ich den Staat, insbsondere kommunal schon in der Pflicht, eine ärztliche Versorgung auch auf dem Land sicherzustellen. Also wie bei den oben verlinkten Förderprogrammen zum Beispiel. Ich kann mir aber auch Programme vorstellen, die wie bei Gewerbegebieten, Einkaufspassagen und Gründungszentren zB auch eine kommunale Gesellschaft gründet, die Praxen einrichtet und Ärztys plus Personal einstellt, wenn das so gewinnorientierte Ketten wie Amedes nicht profitabel genug ist. Dem entgegen steht eigentlich meistens die "konservative" Ideologie, dass der Staat nicht marktteilnehmend sein soll und das Problem, so eine Gesellschaft rechtskonform zu finanzieren. Das eine lässt sich über Wahlen lösen, das andere zB durch gute Landespolitik (Gesundheit ist Ländersache), die ihre Kommunen beratend unterstützt.
An dem ganzen Thema Gesundheit auf dem Land bin ich gerade sehr dran, weil hier im Nordwesten gerade die trans Versorgung quasi Null ist. Weder Therapieplätze noch Endokrinologie. Nicht mal einigermassen qualifizierte Ärztys, die eine gut funktionierende HET einfach mit Rezepten forsetzen könnten.