Ja, die Lücken sind wirklich massiv. Wer ein bisschen technisch interessiert ist, möchte vielleicht den ganzen Talk von Bianca Kastl & Co sehen; hier
https://media.ccc.de/v/38c3-konnte-bish ... zt-fr-alle
Zusammengefasst: Ohne viel Aufwand könnte quasi jede einigermassen fähige Person an die Inhalte aller ePAs kommen. "Institutionen" aus aller Welt, staatliche oder kommerzielle, natürlich sowieso. Die Sicherheitsmassnahmen, Authentifizierungen usw sind sowohl technisch wie über social hacking leicht zu überwinden.
Selbst ohne illegale Eingriffe haben alle "Berechtigten" nach dem Einstecken der Karte quasi 90 Tage lang Vollzugriff. Also von Diagnosen über Rezepte bis Bildern und Berichten. Bei "uns" bspw. auch von Psychotherapeutys und Endos. Es gibt auch keine wirklichen Abstufungen von Berechtigungen. Und damit können selbst alle MA in Apotheken alles sehen. Alles, was in der ePA steht.
Das alles sind Systemfehler, die bereits im Design stecken. Die können nicht einfach nachträglich gefixt werden. Insofern ist Lauterbachs Behauptung mindestens zu kurz gegriffen. Falls die ePA ab 15.2. oder auch ab April in den Testregionen an den Start geht, werden diese Lücken noch drin sein.
Die "Ausleitung" zu Forschungszwecken ist das nächste. Die Daten sind nicht anonymisiert, sondern sollten eigentlich pseudonymisiert sein. Sprich: Keine Klarnamen, keine Adressen. Aber bei der Datenfülle lässt sich eine pseudonymisierte ePA mit wenigen öffentlichen Daten wieder ziemlich genau einer Person zuordnen. Google, Meta, etc haben schon Interesse angemeldet, und die haben genug Daten für solche Zuordnungen.
Und dann ist da noch die noch gar nicht absehbare Nutzung, sobald eine "Lage" eintritt. Ganz aktuell: Oliver Huth, Landesvorsitzender NRW des Bund Deutscher Kriminalbeamter wünscht sich, dass die Polizei direkten Zugriff auf Gesundheitsdaten bekommen kann. Er meinte, "man könne durch einen Verhaltenskodex verhindern, dass die Daten innerhalb der gesamten Polizei kursieren". Nun, wir wissen, dass Polizeileute massiv ihre Zugriffsrechte missbrauchen, um die Daten Prominenter auszuforschen - oder sie an den sog. "NSU 2.0" zu geben, der daraufhin Drohfaxe mit rechtsradikalen Hassbotschaften verschickte.
Mit der ePA wären dann spontan alle Therapiegespräche, Indikationen, Verschreibungen, etc. verfügbar ohne dass wir etwas degegen tun könnten, denn die Daten wären ja schon da. Nicht nur illegal, sondern auch für jede noch so abstruse Rasterung. Gekniffen alle, die in der gesetzlichen KV sind, denn die Privaten müssen die ePA nicht anbieten - also gilt sie nicht für Verbeamtete. Polizei zB.
Und wir sollten auch nicht vergessen, dass bestimmte Informationen, die uns heute harmlos erscheinen, in Zukunft gefährlich werden könnten, wenn die Politik es so entscheidet. In den USA dürfen Behörden selbst auf Daten von Gesundheitsapps zugreifen. Perioden-Apps werden seit letztem Jahr gefährlich für Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch wollen/machen. Was ist dann erst alles mit Gyn-Daten möglich.
Bis auf so Menschen wie meine Mutter - 87 - sollten meiner Ansicht nach alle der ePA widersprechen. Egal ob die Lücken gefixt werden. Ein zentraler Gesundheitsdaten-Topf ist zwar theoretisch eine tolle Idee, Wechselwirkungen, Optimierungen, Vermeidung von Fehlbehandlungen, etc, aber unter den gegebenen Umständen, den Begehrlichkeiten staatlicher und illegaler Stellen, und des zukünftigen, zweckfremden Missbrauchs eine brandgefährliche Sache.
Oh, einen noch. Die EU plant so etwas ähnliches, aber EU-weit. Was auch bedeutet, dass Menschen, die für eine Behandlung im Ausland, die sie in ihrem Heimatland nicht machen können, nicht machen wollen oder ähnlichem, dann zuhause ggf Probleme bekommen. Ganz zuerst mal wieder: Abtreibungen in den Niederlanden für Menschen aus Polen, Ungarn, Italien, usw.
Wachsam bleiben!
Wer widersprechen möchte, sollte sich beeilen. Hilfreiche Infos und Links dazu:
https://netzpolitik.org/2024/entscheidu ... eber-sein/
und
https://www.kuketz-blog.de/opt-out-wide ... -einlegen/