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Selbstbestimmungsgesetz Ich bin ein "X". Das ist schön. Und traurig zugleich | queer.de

Verfasst: Sa 16. Nov 2024, 16:18
von Anne-Mette
Der Geschlechtseintrag von Rayanne Tobias Ruland lautet seit dem 5. November "divers". Doch die Freude, im Ausweis endlich man selbst zu sein, hält sich in Grenzen. Ein Essay über die gemischten Gefühle nach dem Verwaltungsakt.

https://www.queer.de/detail.php?article_id=51664

Re: Selbstbestimmungsgesetz Ich bin ein "X". Das ist schön. Und traurig zugleich | queer.de

Verfasst: Sa 16. Nov 2024, 19:04
von Lana
Der Staat gestand mir offiziell zu, authentisch zu sein. Dafür bin ich den Abgeordneten aufrichtig dankbar.
Das ist schön, aber:
Ich bin nun amtlich beurkundet diskriminierungsfähig. Das ist der Schatten über meinem neuen Namen.[...]
Ich bin keine blonde arische Frau. Ich bin noch nicht einmal mehr ein alter weißer Mann. Ich bin ein "X".
Hmm, wie stark identifiziert man sich mit dem, was im Ausweis steht? Bin ich wirklich ein "M", nur weil das beim Standesamt so registriert wurde?
Meine Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt ist auch ohne Reisepass offensichtlich, und diejenigen Wildfremden, die mir Flüche hinterherrufen oder mich auf der Straße böse anfunkeln, tun dies auch ohne Blick in meinen Ausweis.
Vielleicht lebe ich in der falschen Gegend, aber hier in der ländlichen, erzkonservativ-katholischen Gegend, wo die CDU auch heute noch mit einer absoluten Mehrheit rechnen kann, passiert mir das alles nicht. Und ich bin da draußen wohl ähnlich unterwegs wie Ray.
Ich bin Ray, 54 Jahre alt, verheirateter Papa und ein femininer Mann wie Millionen andere vor und nach mir. Und für mich drückt eine spontane Umarmung mehr Menschlichkeit und Solidarität und Akzeptanz aus als alle offiziellen Stempel dieser Welt.
Das ist mir heute erst wieder passiert, mit der spontanen Umarmung. Eine Frau, die mir nach drei Minuten erzählt hat, dass ihre geschiedene Tochter nun mit einer Frau zusammen lebt, und drei Kinder aus der Ehe mit dabei. Sie hat sich in ihrem abgelegenen Kleinstädchen wirklich über einen bunten Vogel wie mich gefreut, obwohl ich heute eher gedeckte Farben trug. Und ich habe mich gefreut, dass auch ich hier so einfach und selbstverständlich Ich sein kann.
Gut, meine Antwort auf die Frage, ob ich nun Mann oder Frau sei, hat sie etwas verwirrt. Das hat ihre aufrichtige Herzlichkeit aber nicht geschmälert.

LGL

Re: Selbstbestimmungsgesetz Ich bin ein "X". Das ist schön. Und traurig zugleich | queer.de

Verfasst: Mo 18. Nov 2024, 10:49
von ExUserIn-2026-04-08
Lana hat geschrieben: Sa 16. Nov 2024, 19:04 Hmm, wie stark identifiziert man sich mit dem, was im Ausweis steht?
Ich denke, hier hat sich mit dem SBGG die Verantwortlichkeit verändert. Statt vorgeschrieben zu bekommen, was man amtlich zu sein hat, ist jetzt jede/r/x selber verantwortlich. Insofern würde ich von einer gesteigerten Identifikation ausgehen. Was die Anmerkung "amtlich beurtundet diskriminierungsfähig" betrifft, bin ich nicht mit einverstanden. Ein "X" ist per se keine Diskriminierung. Die beginnt erst, wenn sie zu Benachteiligungen oder Schmähungen führt. In anderen Staaten, auf die sich bezogen wird, gibt es die Diskriminierung, egal was im Pass steht.

Für mich ist der beste Satz:
Roosevelt sagte: "Der mutige Bürger wird sich selbst Freiheit zugestehen und stolz dafür sorgen, dass auch andere die Freiheit erhalten, die er selbst beansprucht." Vielleicht geht es am Ende genau darum.
Ich denke auch, dass es darum geht. Aber genau das schürt Ängste und Macht- und Privilegverlust. In dem Buch, das hier viewtopic.php?t=30021 beschrieben wird, werden die grundsätzlichen Konflikte deutlich.

Re: Selbstbestimmungsgesetz Ich bin ein "X". Das ist schön. Und traurig zugleich | queer.de

Verfasst: Mo 18. Nov 2024, 12:29
von Lavendellöwin
Vicky_Rose hat geschrieben: Mo 18. Nov 2024, 10:49 Was die Anmerkung "amtlich beurkundet diskriminierungsfähig" betrifft, bin ich nicht mit einverstanden. Ein "X" ist per se keine Diskriminierung. Die beginnt erst, wenn sie zu Benachteiligungen oder Schmähungen führt.
hey...

den Satz fand ich tatsächlich auch sehr, sehr unschön..ich verstehe auch nicht wirklich wie die Person darauf kam.
Und man muss halt schon mal wieder sagen, das nicht unbedingt was irgendwo steht zu Diskriminierung führt, sondern eher wie man auftritt.
Vicky_Rose hat geschrieben: Mo 18. Nov 2024, 10:49 Statt vorgeschrieben zu bekommen, was man amtlich zu sein hat, ist jetzt jede/r/x selber verantwortlich.
Nein. Das war auch vorher schon so. Es ist im Vorgang nur leichter umsetzbar, das ist alles.
Auch wo es dafür noch keine Gesetze gab, war es so würde ich sagen...
Vielleicht hab ich aber auch immer nur Glück gehabt mit den Menschen bei denen ich war.

Ich war bei den Gutachtergesprächen in Hose und ungeschminkt-das ist halt auch nicht das
was Frau ausmacht. Was Frau ausmacht ist auf einer anderen Ebene..aber gut, ich weiss, das ich bei manchen
hier damit völlig auf Granit beisse...

habt es gut, Marie (flo)

Re: Selbstbestimmungsgesetz Ich bin ein "X". Das ist schön. Und traurig zugleich | queer.de

Verfasst: Mo 18. Nov 2024, 12:55
von Susi T
Aber sie hat doch erklärt und Beispiele dafür gegeben was sie mit Diskriminierungsfähig meint.
Wenn du ein X im Pass stehen hast kannst du z.b. nicht mehr überall in die Welt hinreisen. Das ist bewusstes Outing und verstecken so einfach nicht mehr möglich. Natürlich gilt das nur für bestimmte Situationen und ist im Alltag meist irrelevant. Aber ich kann mir schon gut vorstellen das einem solches erst so richtig Bewusst wird, wenn es so abgeschlossen ist. Vorher entscheidetest immer Du selbst wem du was erzähltst, nun gibt es Situationen wo das nicht mehr geht.

Re: Selbstbestimmungsgesetz Ich bin ein "X". Das ist schön. Und traurig zugleich | queer.de

Verfasst: Mo 18. Nov 2024, 13:18
von Shoshana
Hmm. Hatte vor kurzem mit einem jungen trans Mann über seine SBGG Pläne gesprochen. Die klare Aussage war: " Hab keine Lust auf Diskriminierung, also M."
Er hat in seinem Leben schon ausreichend Ausgrenzung und Diskriminierung erfahren und kann da sehr gut drauf verzichten. Mit M im Ausweis gibt es keine dummen Fragen und keinen Erklärungsbedarf, insbes. da bei ihm alle Dokumente ab Abitur dann auch entsprechend ausgestellt sind. Ein X müßte bei Bewerbungen, "¦ immer wieder erklärt werden.

Re: Selbstbestimmungsgesetz Ich bin ein "X". Das ist schön. Und traurig zugleich | queer.de

Verfasst: Mo 18. Nov 2024, 14:04
von Nicole Fritz
Shoshana hat geschrieben: Mo 18. Nov 2024, 13:18 " Hab keine Lust auf Diskriminierung, also M."
Wenn der jetzt männlich genug aussieht, funktioniert es wohl. Bei mir wäre es gleichgültig, ob ich es beim M. im Ausweis belasse oder dort W. eintragen lasse (also dann so eine "Frau" mit P..., die Zutritt zu allen geschützten Bereichen für Frauen hat ??). 'Divers' und 'Klaus-Nicole' würde wohl passen, aber was soll mir das jetzt bringen? Also erspare ich mir den Gang zur Behörde.

Ausreichend als Frau erkennbar würde es sicherlich mit dem W. funktionieren. Aber soll ich dafür meinen Körper mit künstlichen Hormonen belasten, die Stimme um trainieren und den Bart entfernen lassen? Die GOAP könnte ich ja wie einige Bekannte "aus gesundheitlichen Gründen" ständig vor mir her schieben. Ich habe aber absolut keine Lust auf den ganzen Stress und die Risiken und Nebenwirkungen, die mit einem solchen "Versteckspiel" verbunden sind.

LG Klaus-Nicole

Re: Selbstbestimmungsgesetz Ich bin ein "X". Das ist schön. Und traurig zugleich | queer.de

Verfasst: Mo 18. Nov 2024, 14:25
von ExUserIn-2026-04-08
Nicole Fritz hat geschrieben: Mo 18. Nov 2024, 14:04 Aber soll ich dafür meinen Körper mit künstlichen Hormonen belasten, die Stimme um trainieren und den Bart entfernen lassen?
Das ist für das "w" im Perso auch nicht erforderlich. Es ist "nur" ein Verwaltungsakt für die Behörden ...

Re: Selbstbestimmungsgesetz Ich bin ein "X". Das ist schön. Und traurig zugleich | queer.de

Verfasst: Mo 18. Nov 2024, 14:50
von Lavendellöwin
Tira hat geschrieben: Mo 18. Nov 2024, 12:55 Wenn du ein X im Pass stehen hast kannst du z.b. nicht mehr überall in die Welt hinreisen.
Hey...

stimmt, das ist wohl richtig. Aber darüber sollte man doch vorher klar sein, wenn man es so wählt.

Ausserdem ist da ja die "Hintertür"

Das Passgesetz in der Fassung der Bekanntmachung vom 30. Oktober 2023 (BGBl. 2023 I Nr. 291), das durch
Artikel 3 Absatz 1 des Gesetzes vom 22. März 2024 (BGBl. 2024 I Nr. 104) geändert worden ist, wird wie folgt
geändert:

1. -§ 4 Absatz 1 Satz 4 bis 6 wird durch die folgenden Sätze ersetzt:
"Ist dort das Geschlecht nicht mit "weiblich" oder "männlich" angegeben, wird im Pass das Geschlecht mit "X"
bezeichnet. Auf Antrag ist in den Fällen des Satzes 4 ein Pass mit der Angabe "männlich" oder "weiblich"
auszustellen, wenn durch Vorlage einer ärztlichen Bescheinigung nachgewiesen wird, dass eine Variante der
Geschlechtsentwicklung vorliegt. Die Nachweispflicht gilt nicht, wenn der Passbewerber

1. über keine ärztliche Bescheinigung einer erfolgten medizinischen Behandlung verfügt und das Vorliegen der
Variante der Geschlechtsentwicklung wegen der Behandlung nicht mehr oder nur durch eine unzumutbare
Untersuchung nachgewiesen werden kann und

2. das Vorliegen der Voraussetzungen von Nummer 1 an Eides statt versichert.

Das nach Satz 5 einzutragende Geschlecht richtet sich nach der letzten Angabe des Geschlechts im
Melderegister, welches auf "männlich" oder "weiblich" lautete. Bestand eine solche Angabe zu keinem
Zeitpunkt, so kann der Passbewerber einmalig das im Pass einzutragende Geschlecht wählen; bis zur
Eintragung eines Geschlechts im Melderegister im Sinne von Satz 7 bleibt das gewählte Geschlecht für die
Ausstellung künftiger Pässe maßgeblich.
Shoshana hat geschrieben: Mo 18. Nov 2024, 13:18 Hatte vor kurzem mit einem jungen trans Mann über seine SBGG Pläne gesprochen. Die klare Aussage war: " Hab keine Lust auf Diskriminierung, also M."
Hmmm, wenn er ein trans Mann ist, ist doch mit dem m alles gut. Er muss ja nicht divers oder keinen Eintrag wählen.

Soweit ich weiss liegen d und x in den "weiblichen" Rentenversicherungsnummern, das wäre in seinem Fall schon doof.

Ich hatte es eine zeitlang so, das ich bei der Krankenkasse bereits weiblich geführt wurde und aber noch die männliche
RV Nummer hatte, das hat aber weder die Personalabteilung noch die Firma interessiert die extern die Lohnabrechnungen erstellt hat.
Durch den Abgleich mit der Krankenkasse wurde aber Geschlecht und Name in meinen Sinne durchsyncronisiert.
Übergangweise war das so sicher okay..wobei ich nicht weiss ob das wirklich noch so umsetzbar wäre

Habt es gut, Marie (flo)

Re: Selbstbestimmungsgesetz Ich bin ein "X". Das ist schön. Und traurig zugleich | queer.de

Verfasst: Mo 18. Nov 2024, 14:55
von Lavendellöwin
Vicky_Rose hat geschrieben: Mo 18. Nov 2024, 14:25 Das ist für das "w" im Perso auch nicht erforderlich.
Pass, nicht Perso, da steht kein Geschlecht, nur der Name, nach wie vor