Die aus dem Kaninchenbau
Verfasst: Mo 14. Okt 2024, 15:30
Hallo Forum
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nachdem ich ja nun direkt mit meinen Kommentaren eingestiegen, und vielleicht auch an der ein oder anderen Stelle angeeckt bin, möchte ich mich kurz vorstellen. Meine Steuerunterlagen oder Gesundheitsdaten bekommt ihr aber nicht!
Der Name, den ich mir selbst geben durfte, lautet in voller Länge und Schönheit Alice Lena Sophie - aber auch nur, weil das Selbstbestimmungsgesetz fordert, dass die Anzahl der Vornamen gleich sein muss, und meine Eltern es damals halt echt total übertrieben haben. Ich wäre auch mit Alice vollkommen zufrieden gewesen.
Ich bin 47 Lenze jung, noch verheiratet (ändert sich hoffentlich bald) und Papa von vier wundervollen Jungs. Mein Tätigkeitsfeld als Laborleiterin liegt in Gießen. Damit kann man mich jetzt vermutlich erkennen, sofern man aus Marburg an der Lahn kommt. Und ja, für alle aus der Umgebung: ich finde persönliche Kontakte echt nett, ihr dürft euch gerne melden, wenn ihr denkt das passt
Müsst ihr aber auch nicht. Ich finde nur, es gibt für Transmenschen meines Alters in Marburg keine so richtig attraktiven Angebote um sich kennen zu lernen und Kontakte zu knüpfen.
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Das ich im falschen Körper stecke, weiß ich im Grunde genommen schon lange. So kurz vor dem 10 Geburtstag wurde mir zum ersten Mal richtig (und schmerzhaft) bewußt, dass sich mein Körper in eine Richtung entwickeln wird, die nicht meinem Selbstbild entspricht und mit der ich mich nicht wohl fühle. Aber das war in den 80ern, und ich hatte für meine Empfindung einfach keine Sprache. Ich konnte das nicht formulieren, wo ich doch selbst nicht richtig benennen konnte, warum ich fühle, was ich fühle. Wie soll ich das also jemandem erklären? Also habe ich gelernt, dass ich halt in diesem männlichen Körper stecke, von meiner Umgebung als Junge und junger Mann wahrgenommen werde, diese Rolle mit bestimmten Erwartungen verknüpft ist, und ich diese Erwartungen besser erfülle, sofern ich nicht ausgegrenzt und verletzt werden will. Man trainiert sich also bestimmte Verhaltensweisen an, ohne sie richtig zu verstehen oder zu leben. Aber es reicht. Das Passing war okay.
Fast forward einige Jahre: ich lerne eine Frau kennen, die mich im Grunde genau wegen meiner Andersartigkeit im Männlichen schätzt. Ich bin eben nicht der "Ich-diktiere-dir-dein-Leben-Typ", kein Macho mit blöden Sprüchen und Ansprüchen an ihren Körper. Wir heiraten, bekommen Kinder.
Schlußendlich gab es in 2022 ein Schlüsselerlebnis, das mich in der Folge in Foren wie dieses geführt hat. Unter Anderem die Frage, wie ich diese Penisbeule kaschieren kann, und dann sind da Crossdresser, Transvestiten, Drag Queens und die Menschen, die sich für die Tabula rasa entschieden haben. Naja, und irgendwo hat es dann geklickt. Da sitzte dann vorm Rechner und hast Tränen in den Augen, weil da jemand deine Lebensgeschichte aufgeschrieben hat. Und du weißt im ersten Moment gar nicht, wie Du damit umgehen sollst.
Ich hab dann erstmal weiter recherchiert, wollte meine Motivation hinter diesen Empfindungen verstehen: will ich einfach nur Frauenkleidung tragen? Erregt mich das? Möchte ich das Übertriebene, die Kunstform Travestie oder Drag? Oder sitzt da was tieferes? Wie beschreiben Crossdresser ihre Motivation? Wie Drags? Wie Transsexuelle? Wo finde ich mich wieder? Und nachdem ich mir klar war, dass ich am Frau-sein nichts per se erotisches finde, ich eher Alltag und Beziehung fantasiere und weniger Sex (der dazu gehört, aber eben nicht Hauptmotivator ist), bin ich zu meiner Frau und habe mich ihr gegenüber geoutet. Wenn man so tief in der Familienarbeit steckt, und dann aber nicht richtig funktionieren kann, weil die emotionale Belastung gerade zu groß ist (unausgeglichen, reizbar, unaufmerksam), dann muss man darüber sprechen.
Nuja. Nach dem inneren Coming-Out, dem Gespräch mit meiner Frau dann erstmal Suche nach therapeutischer Begleitung. Transidentität oder Mid-Life-Crissis? Wo geht die Reise denn hin? Traue ich mich, zu meiner Identität zu stehen oder ziehe ich doch zurück? Ok, ein Leben als Transfrau ist für mich nur vorstellbar, wenn ich auch in die HRT gehen kann. Endo-Termin, Klarheit, HRT. Also auch: ich muss mich outen, immerhin ist die Alltagserfahrung in meiner Klinik Grundvoraussetzung für den Einstieg in die HRT. Familie, Freunde - Arbeitsplatz. Und dann ging es halt auch schon los. Anfang Oktober hab ich mein 1-Jähriges gefeiert
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Ich lebe inzwischen in meiner eigenen Wohnung. Die Kinder sehe ich regelmäßig und unser Verhältnis ist gut. Ich vermisse den Alltag mit meinen Kindern wie nichts in meinem Leben, andererseits ging es mir persönlich nie besser. Die Erfahrung, endlich, nach all der Zeit, doch so sein und leben zu dürfen, wie es (grob) meinem Selbstverständnis entspricht ist mit Worten kaum zu beschreiben. Was es am ehesten trifft, wenn man schon Vergleiche ziehen will, dann: Es fühlt sich an, wie wenn man nach einer längeren Reise nach Hause kommt.
Wie immer gibt es noch so viel, was hier mit dazu, dazwischen und daneben geschrieben werden könnte, müsste, sollte. Aber die Vorstellung soll ja kurz sein, den Rest werde ich in den anderen Diskussionsfäden an der passenden Stelle einstreuen. Wenn ihr Fragen habt, ich denke es ist ok, diese hier zu stellen - oder per PN.
In diesem Sinne, ich freue mich auf lebhafte und offene Diskussionen und Gespräche!
Alice
nachdem ich ja nun direkt mit meinen Kommentaren eingestiegen, und vielleicht auch an der ein oder anderen Stelle angeeckt bin, möchte ich mich kurz vorstellen. Meine Steuerunterlagen oder Gesundheitsdaten bekommt ihr aber nicht!
Der Name, den ich mir selbst geben durfte, lautet in voller Länge und Schönheit Alice Lena Sophie - aber auch nur, weil das Selbstbestimmungsgesetz fordert, dass die Anzahl der Vornamen gleich sein muss, und meine Eltern es damals halt echt total übertrieben haben. Ich wäre auch mit Alice vollkommen zufrieden gewesen.
Ich bin 47 Lenze jung, noch verheiratet (ändert sich hoffentlich bald) und Papa von vier wundervollen Jungs. Mein Tätigkeitsfeld als Laborleiterin liegt in Gießen. Damit kann man mich jetzt vermutlich erkennen, sofern man aus Marburg an der Lahn kommt. Und ja, für alle aus der Umgebung: ich finde persönliche Kontakte echt nett, ihr dürft euch gerne melden, wenn ihr denkt das passt
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Das ich im falschen Körper stecke, weiß ich im Grunde genommen schon lange. So kurz vor dem 10 Geburtstag wurde mir zum ersten Mal richtig (und schmerzhaft) bewußt, dass sich mein Körper in eine Richtung entwickeln wird, die nicht meinem Selbstbild entspricht und mit der ich mich nicht wohl fühle. Aber das war in den 80ern, und ich hatte für meine Empfindung einfach keine Sprache. Ich konnte das nicht formulieren, wo ich doch selbst nicht richtig benennen konnte, warum ich fühle, was ich fühle. Wie soll ich das also jemandem erklären? Also habe ich gelernt, dass ich halt in diesem männlichen Körper stecke, von meiner Umgebung als Junge und junger Mann wahrgenommen werde, diese Rolle mit bestimmten Erwartungen verknüpft ist, und ich diese Erwartungen besser erfülle, sofern ich nicht ausgegrenzt und verletzt werden will. Man trainiert sich also bestimmte Verhaltensweisen an, ohne sie richtig zu verstehen oder zu leben. Aber es reicht. Das Passing war okay.
Fast forward einige Jahre: ich lerne eine Frau kennen, die mich im Grunde genau wegen meiner Andersartigkeit im Männlichen schätzt. Ich bin eben nicht der "Ich-diktiere-dir-dein-Leben-Typ", kein Macho mit blöden Sprüchen und Ansprüchen an ihren Körper. Wir heiraten, bekommen Kinder.
Schlußendlich gab es in 2022 ein Schlüsselerlebnis, das mich in der Folge in Foren wie dieses geführt hat. Unter Anderem die Frage, wie ich diese Penisbeule kaschieren kann, und dann sind da Crossdresser, Transvestiten, Drag Queens und die Menschen, die sich für die Tabula rasa entschieden haben. Naja, und irgendwo hat es dann geklickt. Da sitzte dann vorm Rechner und hast Tränen in den Augen, weil da jemand deine Lebensgeschichte aufgeschrieben hat. Und du weißt im ersten Moment gar nicht, wie Du damit umgehen sollst.
Ich hab dann erstmal weiter recherchiert, wollte meine Motivation hinter diesen Empfindungen verstehen: will ich einfach nur Frauenkleidung tragen? Erregt mich das? Möchte ich das Übertriebene, die Kunstform Travestie oder Drag? Oder sitzt da was tieferes? Wie beschreiben Crossdresser ihre Motivation? Wie Drags? Wie Transsexuelle? Wo finde ich mich wieder? Und nachdem ich mir klar war, dass ich am Frau-sein nichts per se erotisches finde, ich eher Alltag und Beziehung fantasiere und weniger Sex (der dazu gehört, aber eben nicht Hauptmotivator ist), bin ich zu meiner Frau und habe mich ihr gegenüber geoutet. Wenn man so tief in der Familienarbeit steckt, und dann aber nicht richtig funktionieren kann, weil die emotionale Belastung gerade zu groß ist (unausgeglichen, reizbar, unaufmerksam), dann muss man darüber sprechen.
Nuja. Nach dem inneren Coming-Out, dem Gespräch mit meiner Frau dann erstmal Suche nach therapeutischer Begleitung. Transidentität oder Mid-Life-Crissis? Wo geht die Reise denn hin? Traue ich mich, zu meiner Identität zu stehen oder ziehe ich doch zurück? Ok, ein Leben als Transfrau ist für mich nur vorstellbar, wenn ich auch in die HRT gehen kann. Endo-Termin, Klarheit, HRT. Also auch: ich muss mich outen, immerhin ist die Alltagserfahrung in meiner Klinik Grundvoraussetzung für den Einstieg in die HRT. Familie, Freunde - Arbeitsplatz. Und dann ging es halt auch schon los. Anfang Oktober hab ich mein 1-Jähriges gefeiert
Ich lebe inzwischen in meiner eigenen Wohnung. Die Kinder sehe ich regelmäßig und unser Verhältnis ist gut. Ich vermisse den Alltag mit meinen Kindern wie nichts in meinem Leben, andererseits ging es mir persönlich nie besser. Die Erfahrung, endlich, nach all der Zeit, doch so sein und leben zu dürfen, wie es (grob) meinem Selbstverständnis entspricht ist mit Worten kaum zu beschreiben. Was es am ehesten trifft, wenn man schon Vergleiche ziehen will, dann: Es fühlt sich an, wie wenn man nach einer längeren Reise nach Hause kommt.
Wie immer gibt es noch so viel, was hier mit dazu, dazwischen und daneben geschrieben werden könnte, müsste, sollte. Aber die Vorstellung soll ja kurz sein, den Rest werde ich in den anderen Diskussionsfäden an der passenden Stelle einstreuen. Wenn ihr Fragen habt, ich denke es ist ok, diese hier zu stellen - oder per PN.
In diesem Sinne, ich freue mich auf lebhafte und offene Diskussionen und Gespräche!
Alice