Das Olympische Komitee hatte bei Khelifs Zulassung keinerlei Bedenken,
ihre Testosteron-Werte seien im Rahmen gewesen, heißt es dort. Und dieser eine Test von 2023, der Zweifel an ihrem biologischen Geschlecht weckte, wurde von der Internationalen Boxing Association (IBA) durchgeführt, einem Verband, dem laut
"Spiegel" Korruption, Führungsprobleme und Wettbewerbsverzerrung vorgeworfen werden. Eine Folge ist, dass er die olympischen Box-Wettkämpfe nicht mehr austragen darf. Das IOC nannte die Testergebnisse "willkürlich". W
as an den Zweifeln an Khelifs Geschlecht wirklich dran ist, lässt sich nicht nachprüfen, weil die IBA nicht transparent gemacht hat, was und wie überhaupt getestet worden ist.
In einem Faktencheck vom
"Volksverpetzer" heißt es, dass Khelif möglicherweise eine seltene genetische Disposition habe, die zu einem Y-Chromosom führe.
"Falls dies bei ihr zutreffen würde — es könnte allerdings auch etwas anderes sein — könnte das möglicherweise zu (manchmal?) erhöhten Testosteron-Werten führen. Ob das zu einem größeren biologischen Vorteil führen könnte und ob das den Wettbewerb "šunfair"˜ machen könnte, das können wir nicht beurteilen und kann auch gerne diskutiert werden. Khelif ist deshalb jedoch kein "šMann"˜ und auch nicht trans."
Bei der
"Neuen Osnabrücker Zeitung" ließen sie sich von solch schlichten Fakten aber nicht ausbremsen und fanden es eine gute Idee, zu der Causa jemanden anzufragen, der verlässlich Aufreger-Statements zu Trans-Themen liefert: die Altfeministin Alice Schwarzer. Die sagte dazu:
"Es ist natürlich grotesk, zu behaupten, ein als Mann geborener Mensch könne durch Hormone und Operationen einen Körper wie eine Frau haben. Was auch mit diesem tragischen Boxkampf bewiesen wurde."
Die Behauptung, Khelif sei "als Mann geboren" worden, ist eine glatte Lüge. In Schwarzers Zeitschrift
"Emma" stand diese Falschinformation noch expliziter, dort ist von Khelif als "Transfrau" die Rede, außerdem steht dort die Quatsch-Aussage, in Paris träten "erstmals zwei biologische Männer im Frauenboxen an".
Nun würde niemand auf die Idee kommen, die "Emma" als journalistische Quelle ernst zu nehmen. Leider gab es durchaus Redaktionen, die es sinnvoll fanden, Schwarzers Lügen-Statement zu zitieren. Es landete zum Beispiel ohne Richtigstellung in einem
"Welt"-Artikel — und wurde gestern still und heimlich wieder daraus entfernt. Bei der
"WAZ" steht Schwarzers Nonsens dagegen noch online. Und bei der
"Berliner Zeitung" brauchen sie Schwarzer gar nicht, um Khelif schon im Titel als ""˜trans"˜-Boxerin" zu bezeichnen.
Medienkritik kam sogar von höchster Sport-Stelle, nämlich von einem IOC-Sprecher, der in einer Pressekonferenz sagte:
"Es geht hier nicht, das sollte jedem klar sein, um eine Transgender-Frage. Ich weiß, dass Sie das wissen, aber ich denke, dass darüber falsch berichtet wurde."
Interessanterweise habe ich dieses Statement beim Kölner Boulevard-Blatt
"Express" entdeckt. Dessen Text zum Thema heißt "Geschlechts-Vorwürfe gegen Olympia-Boxerin: Großer Irrtum jetzt offiziell aufgeklärt" und erwähnt Schwarzer zwar, aber nur, um ihre Aussage anschließend mit Fakten zu widerlegen. Auch beim Lokalsender
Ulm-TV finde ich eine Agenturmeldung, die Schwarzers Behauptung mit Fakten einordnet.
Selbst die "Bild" überrascht mit Zwischentönen. Die Redaktion hatte zwar einerseits über eine ""˜männliche"˜ Boxerin" geschrieben. Andererseits warnte der Vize-Chefredakteur in einem Kommentar vor Falschmeldungen zum Thema und schrieb, Khelif verdiene "als Mensch Respekt und keinen Hass" (er schrieb auch noch sehr viel weniger einleuchtende Dinge, die ich hier nicht aufdröseln möchte).
Die Frage, ob der Kampf tatsächlich unfair war, ist weder eine für Feuilletons noch für Boulevard-Blätter. Um das zu beurteilen, fehlen, wie schon gesagt, wichtige Details. Umso wichtiger, dass die Fakten stimmen, die bekannt sind.
In Sachen Imane Khelif gibt es leider auch die Redaktionen, die nicht unter dem Verdacht stehen, gegen trans Menschen zu hetzen, und es vor lauter gutem Willen trotzdem falsch machen. Die WDR-Marke "Cosmo" zum Beispiel erwähnte Khelif in einem
Insta-Beitrag zum Thema "Kaum trans* Frauen bei Olympia" — mit richtigen Infos, aber eben in einem irreführenden Kontext.
Es ist vermutlich schon ein Erfolg, dass an diesem Boxkampf zumindest in den seriösen Medien nicht die ganz große Trans-Debatte aufgehängt wird, die rund um das Selbstbestimmungsgesetz ja schon genug ausgewalzt worden ist. Dass die Stichworte trans und gender verlässlich Aufmerksamkeit liefern, gerne mit ordentlich Gepöbel, ist
nicht neu und war auch
bei uns schon Thema.
Der aktuelle Fall wäre eigentlich ein guter Anlass, ein paar Missverständnisse aufzuklären. Und tatsächlich sind seit Donnerstag eine Reihe von Beiträgen erschienen, zum Beispiel beim
"Stern", die sich mit dem komplexen Zusammenspiel von Biologie und Geschlecht beschäftigen. Diejenigen, die gegen den angeblichen Gender-Gaga Stimmung machen, behaupten ja immer wieder gerne, es gebe nur zwei Geschlechter. Der Fall Khelif zeigt gerade: So einfach ist es nicht.
Ganz allgemein gesprochen: Eine Person mit XY-Chromosom kann durchaus eine Gebärmutter haben. Menschen können männliche und weibliche Geschlechtsorgane gleichzeitig haben. Frauen können überdurchschnittlich hohe Testosteron-Werte haben. Und natürlich gibt es auch Männer, deren Körper alle biologischen Merkmale einer Frau haben. Es ist also kompliziert. Komplizierter auf jeden Fall, als uns diejenigen weismachen wollen, die das Thema nur für ihre Hetz-Agenda brauchen.
Wie schön wäre es, faktenbasiert darüber diskutieren zu können, was geschlechtliche Vielfalt für sportliche Wettkämpfe bedeutet. Stattdessen wird diese Grundsatzdebatte anhand von zwei einzelnen Sportlerinnen geführt. Und das, obwohl wir über den Einzelfall Khelif gar nicht genug wissen, um irgendetwas daraus abzuleiten.
Ich weiß natürlich, wie das mit der medialen Aufmerksamkeit funktioniert: Der Box-Wettkampf ist eine dieser Geschichten, die von Olympia 2024 in Erinnerung bleiben werden. Wäre vor Monaten ein längeres Stück erschienen, dass sich mit den Zulassungsregeln fürs olympische Boxen fundiert auseinandersetzt, hätten es Teilzeit-Boxfans und Nicht-Olympiagucker wahrscheinlich gepflegt übersehen.
Und da ich mich dazu zähle: Womöglich gab es so ein Stück sogar. Falls ja, weisen Sie mich gerne darauf hin (
annika.schneider@uebermedien.de).