Der Freitag: Nemo und Nonbinarität, Deutschland ist mal wieder überfordert
Verfasst: Do 16. Mai 2024, 13:05
Ab und zu schreibt Tadzio Müller richtig gute Sachen. Hier zum Beispiel über Nemo und die Sprache:
Die Erkenntnis mit dem Scheitern ist allerdings nicht neu, ebensowenig die Ansage, einfach den Namen zu verwenden. Das vermeidet zumindest die ganz offensichtliche sprachliche Vergeschlechtlichung
So ganz persönlich möchte ich anfügen: Ich merke, wenn sich wer Mühe gibt. Und allein das macht ein warmes Gefühl. Perfektion ist überhaupt nicht erforderlich, sondern Achtsamkeit und Wollen. Dann könnten wir alle sehr entspannt damit umgehen. Ich merke aber auch, wenn sich keine Mühe gegeben wird - bewusste Ignoranz - oder gar absichtlich misgendered wird - Feindlichkeit. Erst dann eskaliere ich normalerweise.
(https://www.freitag.de/autoren/tadzio-m ... berfordert via https://climatejustice.social/@muellert ... 6694845369)Plötzlich stand ein offen nichtbinärer Mensch mitten im medialen Rampenlicht.
Menschen, die bisher kaum praktische Erfahrung damit hatten, über oder gar mit nichtbinären Menschen zu sprechen, mussten Sätze formulieren, die ohne gegenderte Pronomen auskamen. ... Mein Ehemann und ich scheiterten daran, ich gleich mehrfach: Wir "misgenderten" Nemo und spürten sofort dieses ekelhafte Gefühl, das auftaucht, wenn wir etwas verkackt haben — wenn wir gescheitert sind.
Niemand setzt sich gerne mit seinem Scheitern auseinander. Als ich das erste Mal ein "er" benutzte, um Nemo zu beschreiben, empfand ich sofort ein Gefühl der Scham (als aufgeklärte, theorie- und diskursfeste, linksintellektuelle Politschwuchtel sollte ich doch verdammt noch mal in der Lage sein). Versuchte, dieses Gefühl aufzulösen, indem ich mich dafür gegenüber meinem Ehemann "entschuldigte", und misgenderte in der Entschuldigung für das misgendern Nemo gleich wieder.
Damn, did I feel stupid.
Da verstand ich die Aufregung über Nemos Erfolg beim ESC. Die Aufgeregten waren nicht sauer auf Nemo, nicht sauer darüber, dass ein nichtbinärer Mensch diesen queeren Superbowl gewonnen
hatte, nicht sauer, dass wir jetzt alle versuchen sollten, Nemo nicht zu misgendern. Sie waren sauer darüber, dass sie daran scheiterten, diese irgendwie doch gar nicht so schwierige Anfrage zu erfüllen. Deswegen fühlten sie sich dumm und unzulänglich, und das machte sie aggressiv. Nicht primär aus Hass auf Queers und Nichtbinäre, sondern aus dem Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit, aus dem wiederum ein Gefühl der Überforderung entsteht, das sich einreiht, in die allgemeine Transformationsüberforderung, die zurzeit auf dem reichen Norden lastet.
...
Und hier beweist sich Nemo ein weiteres Mal als Star: weil Nemo weiß, dass es im Deutschen eben etwas schwieriger ist, adäquate Sätze zu bauen, hilft Nemo uns: "Meine Pronomen sind they/them,
und es ist für mich auch völlig ok, wenn Ihr einfach nur Nemo benutzt, vor allem im Deutschen."
Danke Nemo, für Deine Nachsicht, und die Geduld, uns zu erklären, wie einfach es eigentlich ist, andere Menschen respektvoll zu behandeln. Und dank Dir problematisieren wir endlich das Misgendern, anstatt das Gendern.
Die Erkenntnis mit dem Scheitern ist allerdings nicht neu, ebensowenig die Ansage, einfach den Namen zu verwenden. Das vermeidet zumindest die ganz offensichtliche sprachliche Vergeschlechtlichung
So ganz persönlich möchte ich anfügen: Ich merke, wenn sich wer Mühe gibt. Und allein das macht ein warmes Gefühl. Perfektion ist überhaupt nicht erforderlich, sondern Achtsamkeit und Wollen. Dann könnten wir alle sehr entspannt damit umgehen. Ich merke aber auch, wenn sich keine Mühe gegeben wird - bewusste Ignoranz - oder gar absichtlich misgendered wird - Feindlichkeit. Erst dann eskaliere ich normalerweise.