Lana hat geschrieben: So 21. Apr 2024, 23:55
Gibt es überhaupt noch "typische Männerkleidung", wenn Frauen sie selbstverständlich und ohne Probleme tragen?
Gute Frage! Meine klare Antwort: nein.
Es hat wohl mit der asymmetrischen Art zu tun, wie wir das Geschlecht anderer Menschen abchecken, schon in den allerersten Sekundenbruchteilen eines Kontakts. Dieser vermutlich angeborene, "fest verdrahtete" Mechanismus (er funktioniert so blitzschnell, dass er schwerlich "erlernt" sein kann) läuft asymmetrisch ab: wir scannen dabei unser Gegenüber ausschließlich auf
männliche Körpermerkmale (Größe, Stimme, Bart, Adamsapfel usw.). Finden wir die, dann identifizieren wir die Person als Mann. Finden wir sie nicht, dann sehen wir die Person als Frau oder Kind. Frau/Kind ist da sozusagen "default"; und nur, wenn dieses blitzschnelle Scannen beim Erstkontakt irgendwas körperlich Männliches zutage bringt, kippt unsere Wahrnehmung - dann aber radikal und im Endergebnis äußerst stabil - nach "männlich".
Weibliche Körpermerkmale spielen bei diesem Erkennungsmechanismus so gut wie keine Rolle: eine Person mit männlichem Kopf und tiefer Stimme identifizieren wir höchst zuverlässig und stabil als "Mann", selbst wenn er vom Hals abwärts eine noch so glaubhafte 90/60/90 Figur hat und komplett weibliche Kleidung trägt. Im letzteren Fall sehen wir dann eben einen "verkleideten" Mann - aber nie eine "Frau mit seltsamem Kopf"! Brüste, Hüften etc. bleiben bei der primären Geschlechtserkennung schlicht wirkungslos; erst in der
bewußten Wahrnehmung spielen sie eine Rolle; aber dann steckt die betrachtete Person meist schon fest in der Geschlechtsschublade. Nur wenn dieser erste Scan - bei zwar vorhandenen, aber schwachen, männlichen Merkmalen, wie sie auch manche Cis-Frauen haben - ausnahmsweise ein unklares Ergebnis geliefert hat, geben weibliche Merkmale den letzten Ausschlag.
Diese einseitige Dominanz männlicher Merkmale bei der Geschlechtserkennung hat gravierende Folgen für unser Kleidungsverhalten. Die Identifikation von Männern im Alltag ist ja so gut wie immer schon vom weiblichen "Default" ins Männliche gekippt und in diesem Endzustand äußerst stabil; wie stabil, das wissen gerade wir MzF-Transsexuelle aus leidiger Erfahrung. Ein "Zurückkippen" in die Default-Identifikation als Frau sieht unsere Natur leider nicht vor. Frauen (insbesondere solche mit etwas ausgeprägteren, "männlichen" Sekundärmerkmalen) sind dagegen im Alltag durchaus gefährdet, in der Wahrnehmung der Mitmenschen irrtümlich ins Männliche zu kippen.
Männer haben es aus obigen Gründen schlicht nicht nötig, ihre Männlichkeit zu symbolisieren: sie werden auch gänzlich ohne Symbole höchst zuverlässig als Männer erkannt und identifiziert. Frauen können dagegen fallweise durchaus ein Problem mit der weiblichen Identifikation haben, sobald sie ihren Körper mit
irgendwelcher Kleidung verhüllen. Deshalb ist es für sie -
nur für sie! - wichtig, mit ihrer Kleidung die geschlechtliche Signalwirkung ihres darunter nicht mehr sichtbaren Körpers zu ersetzen: Kleidung als Weiblichkeits-
Symbol. Und deshalb gibt es auch so gut wie keine expliziten Männlichkeitssymbole bei unserer Kleidung - allenfalls die Krawatte könnte man als ein solches bezeichnen, das war's dann aber auch schon. Der komplette Rest "männlicher" Kleidung ist eben KEIN explizites Männlichkeitssymbol, sondern nur Kleidung, die ausnahmsweise(!)
keine weibliche Symbolbedeutung hat. Im Grunde gilt
jegliche Kleidung (und auch jeglicher Schmuck) zunächst mal als "weiblich", und nur ein sehr begrenztes Reservoir daraus hat diese Bedeutung als "Weiblichkeitssymbol"
nicht - und darf deshalb
auch von Männern getragen werden, die ja nun auch was zum Anziehen brauchen. Dieses Reservoir "männlicher" Kleidung ist (in Schnitt, Farben, Mustern, Stoffen) so strikt eingeschränkt, dass man schon fast von einer Männer-Uniform sprechen kann.
Eine Frau kann buchstäblich
alles tragen: auch "Männerkleidung", weil die ja eben
keine männliche, sondern nur
ausnahmsweise überhaupt keine geschlechtliche
Signalwirkung hat. Ein Mann dagegen kollidiert sofort mit seiner geschlechtlichen Identifikation, sobald er mit Kleidung/Schmuck/Accessoires (und sogar mit vielerlei Verhaltensweisen) den eng umgrenzten Bereich verlässt, der
nicht explizit weiblich konnotiert ist: der leidige "Tunten"-Effekt, wenn irgendwas Äußerliches als widersprüchlich zur primär männlichen Geschlechtswahrnehmung empfunden wird. Frauen können dagegen einen solchen Tunten-Effekt gar nicht erzeugen, selbst wenn sie es wollten: es gibt schlicht so gut wie nichts, was explizit
männliche Signalwirkung hat - und die unendliche Vielzahl
weiblicher Symbole kollidiert bei ihnen ja nicht mit der Identität.
Daher der grundlegende Unterschied zwischen MzF und FzM beim Rollenwechsel: MzF können zwar spielend "Weiblichkeit"
demonstrieren: genau genommen ist das sogar leichter zu tun als zu vermeiden. Aber weil wir unsere bei der Geschlechtserkennung dominanten, männlichen Körpermerkmale nicht loswerden und auch nur sehr schwer verbergen können, wird dieses Signal dann als "tuntig" fehlinterpretiert; die primäre Geschlechtserkennung bleibt dabei meist hartnäckig "männlich". FzM
könnten dagegen ihre Geschlechtswahrnehmung durchaus mit Männlichkeitssymbolen umdrehen - wenn es denn solche gäbe. Es gibt aber keine... Für einen effektiven Rollenwechsel sind FzM auf die körperliche Veränderung durch Androgene angewiesen; und dann wiederum ist der Wechsel in der Wahrnehmung total und unumkehrbar. FzM können mit der Geschlechtsrolle nicht spielen und experimentieren, wie wir MzF das in vielen Fällen zeitlebens und mit Genuss tun. Für FzM gibt's da aus strukturellen Gründen nur "Ganz oder Garnicht"; weibliche Transvestiten gibt es nicht.