Da der Artikel inzwischen hinter Paywall liegt, hier die archivierte Version:
http://archive.today/PaIss
Ein paar Zitate von den vier Expertys im Artikel; meine persönliche Auswahl als "tl;dr"
(Zum verlinkten Artikel von Pew Research gehört auch ein
ausführlicher über die Beiträge von trans und nichtbinären Teilnehmys)
Es wird also immer Menschen geben, die sich als cis-männlich oder cis-weiblich verstehen, genauso wie es immer Menschen geben wird, die sich im Transspektrum erleben. Mittlerweile gibt es auch deutlich mehr junge Menschen, die sich keinem sozialen Geschlecht zuordnen wollen oder können, sie sind also nichtbinär oder nichtbinär more masculin oder nichtbinär more feminin. Die persönliche Geschlechtsidentität hat sich bereits vervielfältigt.
Derzeit tut sich viel in unserer Gesellschaft. Schätzungen zufolge befinden sich weltweit zwischen 0,5 und 1,5 Prozent der Menschen im Transspektrum. Das ist in den letzten Jahren mehr geworden. Ich werde oft gefragt, ob das ein Hype oder eine Modeerscheinung ist, und das ist es definitiv nicht. Transidente Menschen gibt es, seit wir Menschen erforschen können. In unserer christlich-abendländischen Kultur hatten wir aber eine strenge Binarität, sprich eine Zweiteilung der Geschlechter, daher wurden Personen im Transspektrum tabuisiert, stigmatisiert und pathologisiert.
Die Zuordnung zu einem Geschlecht bringt nämlich auch einen historischen Rucksack mit, den Frauen und auch Männer tragen müssen. In den 70er-Jahren haben Mütter noch eine Unterschrift vom Vater benötigt, um mit ihren Kindern über die Grenze fahren zu dürfen. Der Partner musste auch zustimmen, wenn eine Frau arbeiten wollte. Diese Gesetze gibt es nicht mehr, und generell wird dieser Rucksack kleiner und leichter. Ich sehe eine Hoffnung, dass die Notwendigkeit einer Zuordnung zu einem Geschlecht geringer wird.
Die sozialen Folgen von biologischer Mutterschaft wirken allerdings immer noch als Hemmschuhe.
Es gab 2019 einen Tweet mit der Frage, was Transpersonen machen würden, wenn es einen Tag lang keine Cispersonen gäbe. Der Großteil der Antworten war total banal. Die Menschen antworteten, dass sie einkaufen oder schwimmen gehen würden. Das zeigt, dass sie ihren Körper einfach zeigen und sich darin wohl fühlen wollen, ohne diese ständigen Blicke, die versuchen herauszufinden, was du bist und wo du zugehörig bist. Für mich ist es auch ein Problem, wenn ich auf eine öffentliche Toilette gehen muss. Ich stehe oft minutenlang davor und beobachte, wie viele Personen gerade drin sind, ob ich reingehen kann und sicher bin. Ich habe mir angewöhnt, wenig zu trinken, um nicht auf öffentliche Toiletten gehen zu müssen. Es sind die einfachen Dinge, die schlicht zum Alltag gehören. Cispersonen müssen sich häufig keine Gedanken machen, wie sie gelesen und wahrgenommen werden.
Erst wenn wir die Unterschiedlichkeiten der Körper erkennen, sie aber nicht als prägend wahrnehmen — wie es uns vom Patriarchat aufgedrückt wird —, können uns Geschlechter egal sein.
Mehr Freiheit in Bezug auf Geschlecht lässt sich demnach nicht ein für alle Mal regeln und steuern, sondern ist etwas, was sich entwickelt.
Manchmal kommt der Vorwurf, es sei alles eine einzige 'Gleichmacherei'. Aber ich bin der Meinung, dass es eben nicht darum geht, gleichzumachen. Es geht darum, mehr Geschlechtervielfalt zu ermöglichen, also weniger gleichzumachen. Natürlich kann diese Freiheit auch Angst machen, weil vieles weniger vorgegeben ist. Denn solche Richtlinien, wie wir uns zu verhalten haben, wenn wir einem bestimmten Geschlecht zugeordnet werden, geben ja auch Sicherheit.